IST 7 | Manzara

In einer Millionenstadt einen Menschen zu sehen, an den man gerade denkt, ist eigentlich ein riesiges Geschenk. Kein besonders schön verpacktes vielleicht, wenn man weiß, dass man diesen Menschen das letzte Mal sieht. Aber was weiß man schon, vermutlich ist auch das nur ein Konstrukt, das wir uns einbilden, um eine persönliche Geschichte so ästhetisch wie möglich abzuschließen. Ich sitze mit An. auf der Terrasse eines Cafés in Beşiktaş, als ihr roter Lockenschopf aus einem Klamottenladen lugt. Wippendes Haar, selbstsicherer Gang, der rote Eastpack-Rucksack, der sie mir so sympathisch gemacht hat, ohne den sie sich, wie sie einst sagte, schutzlos fühlt, mit dem sie stets auf Reisen geht. Und heute in Beşiktaş, zwei Tage nach unserem letzten Gespräch, in dem die Worte zwischen uns aushärteten wie Zement, sehe ich sie. Trinke einen Schluck Türk Kahvesi, dessen zähflüssiger Satz mir die Zunge mehlig macht. Und dann dreht sie sich um, als hätte sie meinen Blick bemerkt. Nein, als hätte sie meinen ganzen Gedanken gehört, als hätte ich ihr hinterhergeschrien. Mustert die Straße, schaut nach einem bekannten Gesicht. Ganz kurz schweift ihr Blick sogar die Terrasse, auf der wir sitzen. Dann wendet sie sich wieder nach vorne und geht weiter. Roter Rucksack, rotes Haar, bis sie um eine Straßenecke biegt und für immer verschwunden ist. Vermutlich.

Soll ich ihr doch noch mal schreiben? Evet oder Hayır, Hayır oder Evet? Im Fernsehen werden gerade die Stimmen ausgezählt. Grafiken schießen aus dem Boden, animierte Prozentverteilungen. Zwei Moderatoren geben sich gegenseitig das Wort in die Hand, im Newsticker wird eingeblendet: „Die Türkei vereint sich unter dem Ja.“ Und alle paar Minuten ändert sich das Ergebnis. „Das wird nichts mit euch“, sagt Sa., zu einer Zeit, in der der Fernseher noch schweigt. In der ich alles verstehe, was sie sagt. In der ihre Pupillen groß wie Teller sind und wir deutsche Musik hören, hinter zugezogenen Gardinen und vergessenem Schlaf. „Das wird nichts mit euch“, und ich verstehe sie. Jetzt muss Sa. lachen, weil ich türkische Namen falsch ausspreche. „Du musst die zweite Silbe dehnen. Haz-aal. Als würde dir etwas bitteres die Kehle herablaufen.“ Und ich verstehe sie. Auch, wenn ich es nicht kann. Oder nicht will. Es muss nicht immer bitter die Kehle herablaufen. Oder?
Manzara, der Blick, die Ansicht. Auf der Dachterrasse ist es warm, es läuft Musik und die Bierdosen häufen sich auf dem Tisch. Die Stadt sieht heute seltsam klar aus, wenn man auf das Goldene Horn blickt. Kein Dunst, kein Glitzern, nein. Scharf gestochene Konturen. Jedes Haus tritt deutlich hervor, als hätte es sich für etwas entschieden. Lu. lacht, weil Sa. sich schon wieder in Rage geredet hat und mit dem Fluchen nicht mehr aufhört. Mu. singt leise mit. Und die Dinge fühlen sich leicht an, so unfassbar leicht, wie sie es sonst nur im Sommer tun, wenn man nachts durch die Straßen schlendert. Duft von frisch gemähtem Gras. Meer aus Satellitenschüsseln. Da. erzählt Dinge auf türkisch, die anderen übersetzen für mich. Aber es ist schwer, hinzuhören. Irgendwie flackert alles. Die Zeit, der Blick, der Ort. Ich bin schon wieder halb daheim. Oder woanders. Wie nimmt man Abschied von Menschen, die einem immer im Kopf bleiben werden? Vielleicht muss man das gar nicht. Es gab viele solcher Tage. Die Fenster offen, der Schrottsammler ruft durch die Straßen. Kinder schreien vergnügt, die Nachbarin putzt ihren Balkon. Duftender Kaffee. Gestern ist etwas mit uns passiert, zumindest sagen das die Nachrichten. Aber gestern war eigentlich ein sehr normaler Tag. Ich habe mir Chips gekauft und sie gegessen. Ein Sandwich gemacht. Einen kleinen Spaziergang. Gut – die Polizei war nicht auf der Istiklal, was ein wenig seltsam war. Aber sonst? Eine Auszählung. Es war ungewöhnlich heiß, tagsüber. Der Schnapsladen hatte geschlossen. Und es war Ostersonntag. Achja, am Abend lief noch laute Musik. Scheinwerfer, die in den Himmel strahlten. Eine politische Rede, jubelnde Menschen. Und in Beşiktaş hörte man Töpfe klappern. Aber heute ist heute, alles längst schon vergessen. Ein bisschen Sorgen mache ich mir wegen morgen, da muss ich einkaufen gehen, und es soll regnen. Und ich habe keinen Regenschirm. Nichts, was mich vor dem schützt, was von oben niederprasselt. Ich werde ihr nicht mehr schreiben.

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