IST 8 | Yaşa!

Lu. ist betrunken. Eigentlich sind wir das alle, die sich auf in die Stadt machen, mal mit Zigarette im Mundwinkel, mal mit Wegbier in der Hand. Aber Lu. ist es, der die Stimme erhebt. Der seine Faust in den dunstigen Himmel streckt und singt: „Yaşa, Mustafa Kemal Paşa, yaşa!“ – Lang lebe Atatürk. Er singt es mit einer Inbrunst, die zugleich ironisch und ernst klingt. Nicht übersteuert, wie aus den Lautsprechern der Hayır-Wägen. Nicht als Stimme eines Chors, wie in Youtube-Videos. Er brüllt es in die engen Gassen, als sei es das Wichtigste, was es momentan zu sagen gäbe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite jauchzt eine Gruppe junger Frauen auf. Jubelt. Und während Lu. seinen Gesang unterbricht, um sich eine Zigarette anzuzünden, tragen sie ihn weiter, diesen Satz, fünf helle, alkoholinduzierte Echos, die sich am Rande des Hügels verlieren. Wohin sie gehen, weiß man nie. Vielleicht in einen Club. Vielleicht nach Hause. Oder in ein Wahllokal.

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IST 7 | Manzara

In einer Millionenstadt einen Menschen zu sehen, an den man gerade denkt, ist eigentlich ein riesiges Geschenk. Kein besonders schön verpacktes vielleicht, wenn man weiß, dass man diesen Menschen das letzte Mal sieht. Aber was weiß man schon, vermutlich ist auch das nur ein Konstrukt, das wir uns einbilden, um eine persönliche Geschichte so ästhetisch wie möglich abzuschließen. Ich sitze mit An. auf der Terrasse eines Cafés in Beşiktaş, als ihr roter Lockenschopf aus einem Klamottenladen lugt. Wippendes Haar, selbstsicherer Gang, der rote Eastpack-Rucksack, der sie mir so sympathisch gemacht hat, ohne den sie sich, wie sie einst sagte, schutzlos fühlt, mit dem sie stets auf Reisen geht. Und heute in Beşiktaş, zwei Tage nach unserem letzten Gespräch, in dem die Worte zwischen uns aushärteten wie Zement, sehe ich sie. Trinke einen Schluck Türk Kahvesi, dessen zähflüssiger Satz mir die Zunge mehlig macht. Und dann dreht sie sich um, als hätte sie meinen Blick bemerkt. Nein, als hätte sie meinen ganzen Gedanken gehört, als hätte ich ihr hinterhergeschrien. Mustert die Straße, schaut nach einem bekannten Gesicht. Ganz kurz schweift ihr Blick sogar die Terrasse, auf der wir sitzen. Dann wendet sie sich wieder nach vorne und geht weiter. Roter Rucksack, rotes Haar, bis sie um eine Straßenecke biegt und für immer verschwunden ist. Vermutlich.
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IST 6 | Sevmek

Abends türmen sich die Mülltüten vor den Hauseingängen. Man nimmt die Überreste des Tages, verknotet sie fest und schließt sie aus. Überlässt sie den Hunden und Katzen. Man zieht die Gardinen zu, schaltet die Nachttischlampe an und dämmert in den Schlaf, den nächsten Tag. Früh morgens, oft vor dem ersten Adhān, holt die Müllabfuhr alles ab. Oder besser: fast alles. Zwar sind die Mülltüten dann weg, aber meist weht der Wind noch Plastikverpackungen durch die Gassen, die von den Tieren verschleppt oder einem unachtsamen Müllmann übersehen worden sind. Für diese Überreste der Überreste gibt es eigens einen Angestellten, der mit einem Besen, einer Kehrschaufel und dem Sonnenaufgang die Straßen abläuft. Er fegt Müll auf seine Kehrschaufel, läuft bis zum Ende der Straße und schüttet ihn in die Blechmülltonne vor dem Fußballstadion. Geht den ganzen Weg zurück und fegt erneut Müll auf seine Kehrschaufel, läuft zum Fußballstadion, wieder zurück, und alles wieder von vorne. Weil diese Schaufel ziemlich klein ist, und die Menge an übrigem Müll ganz schön groß, ist er oft bis zum Mittag mit Fegen beschäftigt. Sobald ich von der Schule heimkomme, ist also alles sauber.
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IST 5 | Kırmızı

Sie hat so lange mit ihrem Haar gespielt, dass jetzt der Nacken frei liegt. Nimmt einen Schluck Apfeltee und lächelt zu Boden. Dann zuckt sie mit den Schultern, fängt an zu lachen und fixiert mich mit ihrer schüchternen Neugier. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich es mag, wie die roten Locken um ihren Kopf tanzen. Aber ich weiß nicht, wie. Ich würde sie auch gerne umarmen, weil sie so viel zerbrechlicher wirkt als sie aussieht, und weil ich gar nicht mehr das Gefühl habe, dass dort ein fremder Mensch vor mir sitzt. Stattdessen nehme auch ich einen Schluck aus der Tasse und denke darüber nach, wie unheimlich groß dieser Tisch geworden ist, der zwischen uns steht. Als wir uns vor ein paar Stunden dort niederließen, erschien er mir seine Größe noch angemessen, schließlich kannten wir uns kaum. Jetzt wünschte ich, der Tisch könnte sich der steigenden Nähe anpassen und so lange schrumpfen, bis sich unsere Knie berühren. Aber vermutlich ist dieser Tisch das einzige in Istanbul, das sich nicht verändert.
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IST 4 | Çocuklar

Auch die Grippe hier kennt keine Gradienten. Morgens noch hältst du Unterricht, schaust anderen beim Unterrichten zu – lächelst, rufst dem Wachmann iyi günler zu und ziehst die Magnetkarte über den Sensor, damit die Schranke dich nach draußen lässt. Vielleicht auf die İstiklal Caddesi, die Unabhängigkeitsstraße, auf einen Ort voller Baustellen, musizierender Indianer und Polizisten. Wo Seifenblasen über dem Asphalt noch etwas bedeuten, oder entließ dich die Schranke ins offene Meer? Auf eine Fähre, die gerade noch so unter der Galatabrücke hindurch passt, und einige Minuten später bist du auf einem anderen Kontinent. Viel anders ist es in Kadiköy nicht, außer dass man am Strand entlang laufen kann und der Döner nur halb so günstig ist. Zumindest nicht viel anders, wenn man sich daran gewöhnt hat, dass sich in Istanbul sofort alles ändern kann, von der einen Seite auf die andere in Nullkommanichts. Womöglich warst du nie in Asien, sondern nur in der Büyük Mecidiye Moschee, die gerade noch so unter die Brücke der Märtyrer des 15. Juli passt, die vor dem Putschversuch noch Bosporus-Brücke hieß. Du ziehst dir also die Schuhe aus und legst sie in das Holzschränkchen. Gehst vorsichtig über den weichen Teppichboden ins Innere. An der Wand lehnt ein Mann und liest, wie unschwer am Cover zu erkennen ist, irgendeinen Thriller. Und plötzlich, vom einen Atemzug auf den anderen, spürst du es im Hals. Liegst im Bett, trinkst Wasser und versinkst in der Wohnung. Alle Vorhänge zugezogen, verbringst du den Tag inmitten pinker Wände, trocknender Wäsche und kaltem, elektrischem Licht. Durch die dünne Hauswand hörst du Kinder schreien, hin und wieder ruft ein Schrottsammler etwas, das du nicht verstehst. Du erinnerst dich, wie sich Geräusche aufwiegen können in dieser Gasse. Wie du dich mit Su. unterhältst und plötzlich der Adhān wie eine Flutwelle durch die Straße schwappt, bis zum Rand und weiter. Aber zum Schreiben braucht man Licht.

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IST 3 | O zaman

Ein Flugzeug gleitet über mir hinweg und schrumpft im Klingen des Windspiels dem Horizont entgegen. Die Sonne ist fast untergegangen, im Hintergrund flattert Wäsche kaum hörbar. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, von dieser Dachterrasse herabzublicken – auf Istanbul herabzublicken, Istanbul zu sehen, ohne es wirklich zu sehen. Nur Dächer, hervorstehende Balkone, auf denen vereinzelt Menschen ihre Arbeit mit einer Ruhe erledigen, die mich entspannt. Nur entfernte Minarette, das glitzernde Wasser, Brücken – aber das ist nicht Istanbul, das ist eine Postkarte von Istanbul. Ein Vogelschwarm bricht kreischend hinter Häuserkuppen hervor und bedeckt den Himmel – einen Moment sieht es so aus, als sei das weiter schrumpfende Flugzeug, das im schwindenden Licht nur noch ein schwarzer Schatten ist, Teil der Formation. Dann hat alles wieder seine Ordnung. Was auch immer das für eine sein mag.

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IST 2 | Tamam

Ein Zimmer inmitten von Beşiktaş – je nachdem, welcher Zeitzone man glauben möchte, 5 oder 7 Uhr morgens. Rote Wände, die über weiße, gesimsartige Zierleisten in die Decke übergehen. Ein orientalisch verzierter Beistelltisch, auf dem eine Flasche Rum und mehrere Gläser stehen. Die Zimmerpalme bewegt sich im Wind, der gemeinsam mit dem Adhān durch das offene Fenster strömt. Man könnte fast sagen, der Raum habe etwas makelloses, wäre da nicht der Riss über der Tür, der das Gemäuer bloßlegt und sich V-förmig bis zum Boden fortsetzt, die Wand entzweit.
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IST 1 | Kalabalık

Ich sitze am offenen Fenster, lutsche an einem Kaktuseis herum und denke über die Zukunft nach: In genau zwei Wochen werde ich auf einer Dachterrasse mitten in Istanbul sitzen und aufs goldene Horn herausblicken.
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24.12.16, spuren

 „Was zu Dir gehört, wird zu Dir kommen.“
– Yogi Tee

//24.12.16: Auch, was nicht zu mir kommt, gehört zu mir. Die Blenden von außen nach innen, die Übertragung vom Fenster ins Textfenster. Die Wollmäuse, die sich an die Ikea-Möbel drängen, zu Formen verdichtete Spuren. Und was ist das Leben sonst, als eine Ansammlung von Hinterlassenschaften. Und was ist die Gegenwart sonst, als ein Zustand, der nie wieder eintreten wird. Und was ist die eigene Lebensgeschichte sonst als eine Wollmaus, die man sich gegenwärtig zusammenklaubt, um zu sagen: Das bin ich –

Es ist schwer, völlig spurlos zu sein, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Einen Moment zu erreichen, der sich aus sich selbst speist, der wächst und wächst und wächst wie ein brennendes Stück Quecksilberthiocyanat. Jetzt sitze ich in Deutschland und denke an das Eintreten eines solchen Moments, der sich vielleicht in Istanbul entfalten könnte – versäume den jetzigen Moment, indem ich an einen Moment denke, in dem ich den Moment nicht versäume. Aber wird er jemals eintreten? Vermutlich nicht, wenn ich diese innere Zeitverschiebung zu Ende denke –

Und was bleibt? Menschen, die durch ihr Leben laufen, dahinter: Staubwolken.

29.09.16, zeitdidaktik

//29.09.16, ich sitze im Fachdidaktik-Seminar. Der Dozent redet über Unterrichtsbeobachtung, während ich auf das Handout starre, das eine Schlange mit weit aufgerissenem Mund zeigt, die im Begriff ist, einen Vogel zu fressen, der komplett ahnungslos in eine andere Richtung starrt. Darüber der T-Shirt-fähige Spruch: „Wer nicht weiß wo er hinschauen soll, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nichts sieht!“

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