Versuche über den Chandos-Brief

Zwei Träume und eine Radio-Show

erster Traum: Riesenslalom

Live bei uns im Ersten eine Slalomfahrt durch die Sprachphilosophie. Das Aristoteles(1)-Tor nach dem Start gleich anspruchsvoll. Dann ein längeres Gleitstück am Hardenberg(2) vorbei zum Mauthner(3)-Tor, an das sich die Chandos-Bacon Kombination anschließt. Die Kunst, so der Fernsehexperte, sei es, den Schwung frühzeitig zu beenden, um das nächste Tor im richtigen Winkel anzufahren.
Nach einem leichten Bergaufstück mit verlangsamter Geschwindigkeit zur äußerst komplizierten de-Saussure(4)-Passage. Zwei Tore quer zur Falllinie des Hangs. Zunächst Langue/Parole(5), dann Signifikat/Signifikant(6). Achtung, den Linksschwung zu Walter Benjamin(7) nicht verpassen um sich irgendwie durch das Barthes(8)-Tor ins Ziel zu retten. Bestzeit, aber: disqualifiziert. Am Wittgenstein(9)-Tor einfach vorbeigerauscht.

Radio-Show

Und schon ist der erste Anrufer in der Leitung. Sehr schön! Was halten Sie von der Sprachskepsis, die Hugo von Hofmannsthal im Chandos-Brief formuliert hat? Nichts? Mit dieser ganzen Skepsis können Sie nichts anfangen? Halbvoll? Ach, jetzt verstehe ich. Das Glas ist halbvoll und nicht halbleer. Positives Denken!
Und als nächste unsere Hörerin Frau K. aus W. Sie verstehen die Frage nicht? Chandos-Brief, den sollte man doch kennen. Ach, schon. Acht engbedruckte
DIN A 4 Seiten verquastes Zeug? Die Frage sei falsch gestellt? Keine Sprachkritik? Hofmannsthal mache den Fehler, Zeichen und Bezeichnetes nicht voneinander zu unterscheiden? Hat seinen Aristoteles wohl nicht richtig verstanden? Der Brief sei Ausdruck einer Schaffenskrise? Ja, Frau K., das verstehe ich. Aber bevor wir weiter reden, spielen wir etwas Musik. Richard Strauß. Die Ouvertüre zum Rosenkavalier.
Die Augen des Moderators wandern zum Bildschirm. Datenbank Literarisches Wissen. Hofmannsthal, junges Genie, Stefan George, Homoerotik, l’art-pour-l’art.
Frau K.? Das Interessante an dem Brief sei das, was nicht drin steht? Das verstehe ich jetzt nicht. Ihrer Meinung nach hatte von Hofmannsthal die Antwort schon gefunden, wollte das aber nicht wahrhaben? Nein, die Reitergeschichte kenne ich nicht. Mal schaun.
Wieder der Blick zum Bildschirm.
Frau K? Gesammelte Werke. Erschienen 1924. Herausgegeben von Hofmannsthal persönlich. Dort findet sich keine Reitergeschichte.

Zweiter Traum: Fremdenverkehr

Salzburg. Mozartkugeln. Seit einigen Jahren der FC Red Bull. Zuckerbrause. Zuckerguss. Und Jedermann. Mit langem E. Jeeeeeeeeeeedermann. Der Brief markiert Hofmannsthals Verwandlung vom poetischen Wunderknaben zum Mysterienspieler. Die Mär vom reichen Lüstling, der auf dem Sterbebett zum wahren Glauben zurückfindet. Jedermann. Was als Kunst begonnen haben mag, verendet als Touristenattraktion.
Jedermann-Package. Inklusivleistungen: 3 Nächtigungen im Doppelzimmer „deluxe“. Reichhaltiges Frühstücksbuffet oder „Frühstück am Zimmer“. 1×4-gängiges Abendmenü in unserem eleganten Restaurant “Wintergarten”. Jedermann-Festspielprogramm. Sündige Schokolade und Sekt am Zimmer. 1 Festspielkarte für den „Jedermann“. 1 Karte für das Orchesterkonzert. Freie Benützung unseres kleinen Vitalbereichs mit Sauna, Dampfbad, Fitness- und Ruheraum. Unser besonderer Service: kostenloser, individueller Shuttledienst zur Aufführung und retour! Ab 550 € pro Person.
Die Umwegrentabilität von Kultursubventionen. Oder: Was wäre das Salzburger Land ohne Hofmannsthal? Zuckerbrause und Schnürlregen. Sündige Schokolade. Benutzen Sie unseren Kondomautomaten. Jetzt neu mit travel-pussy.

__________________________________________________________

(1) Aristoteles (384-322 v.Chr.), griechischer Philosoph. „Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen dieselben sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen dieselben; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind.“

(2) Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (aka Novalis) (1772-1801), Schriftsteller und Bergbauingenieur. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/Sind Schlüssel aller Kreaturen/Wenn die, so singen oder küssen,/Mehr als die Tiefgelehrten wissen,/Wenn sich die Welt ins freye Leben/Und in die Welt wird zurück begeben,/Wenn dann sich wieder Licht und Schatten/Zu ächter Klarheit werden gatten,/Und man in Mährchen und Gedichten/Erkennt die wahren Weltgeschichten,/Dann fliegt vor Einem geheimen Wort/Das ganze verkehrte Wesen fort“

(3) Fritz Mauthner (1849-1923), österreichischer Schriftsteller und Philosoph. Hofmannsthal soll dessen Sprachkritik gekannt haben, als er den Chandos-Brief verfasste. Hier wird Mauthner nur erwähnt, um die umfassende Bildung des Autors darzustellen.

(4) Ferdinand de Saussure (1857-1913) Schweizer Sprachwissenschaftler, Begründer der modernen Linguistik.

(5) zentrales Begriffspaar bei de Saussure. Langue meint Sprache als ein abstraktes System von Regeln, während dS unter Parole das Sprechen, also den konkreten Akt des Sprachbenutzers versteht.

(6) weiteres Begriffspaar aus dem Cours de Linguistique générale de Saussures. Die neuere de-Saussure-Forschung stellt dar, dass dS diese Unterscheidung zugunsten der Begriffe Sème, Aposème und Parasème aufgegeben hatte. Aber ein Slalomtor besteht nur aus zwei Stangen.

(7) Walter Bendix Schoenflies Benjamin (1892-1940), Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph. „Was ‚sagt‘ denn eine Dichtung? Was teilt sie mit? Sehr wenig dem, der sie versteht. Ihr Wesentliches ist nicht Mitteilung, nicht Aussage“ (WB, Gesammelte Schriften Band IV S. 9, hrsg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M. 1977 ff )

(8) Roland Barthes (1915-1980), französischer Philosoph, Mitbegründer des Poststrukturalismus. „Man denke an einen Rosenstrauß: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die ‚verleidenschaftlichten‘ Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. Sowenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erfüllt, es ist ein Sinn.“ (Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1964, S. 90f)

(9) Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889-1951), österreichisch-britischer Philosoph. „Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ (LvW, Vorwort zu Tractatus Logico-Philosophicus, 1921) „Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘ (Allerdings nicht im Sinne Mauthners).“ ebd. Punkt 4.0031.