Schichtwechsel

Das Leben ist Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Jeder Tag ist eine Keule. Dein Kopf ist ein leerer Stuhl. Das Leben beginnt abends an der Theke. Die Sprüche sind zotig. Wenn wir schon alt werden, dann nicht mit Anstand.

Wir funktionieren uns zu Tode. Die Schicht dauert acht Stunden. Siebeneinhalb davon wer­den bezahlt. 120.000 Produkte pro Schicht sind schon spitze, 100.000 immer noch gut. Wir arbeiten nicht im Akkord, wir werden nicht nach Stückzahlen entlohnt. Aber wenn einer auf Dauer die Leistung nicht bringt. 100.000 Produkte sind fünfeinhalb Tonnen. Fünftausendfünfhundert Kilogramm aus dem Handgelenk gehoben. Jeden Tag. 100.000 Produkte sind knapp dreieinhalbtausend Beutel, dreieinhalbtausend Mal am Tag die gleiche Abfolge von gut antrainierten Bewegungsabläu­fen. Die Woche hat fünf Tage, das Jahr hat zweiundfünfzig Wochen. Mit kostenlosem Kaffee halten sie dich wach. Die letzte Lohnerhöhung liegt zwei Jahre zurück. Die Zigarettenpausen sind die Zeit, die wir der Maschine stehlen. Kaum einer, der hier nicht raucht. Die Zigaretten­ strukturieren unseren Tag. Nach spätestens anderthalb Stunden die nächste. Wer am Montag ans Wochenende denkt, hat schon verloren. Man muss sich Ziele setzen, die erreichbar sind.

Unsere Gedanken drehen sich um die Maschine. Wir glauben immer noch, wir würden sie beherrschen. Das Arbeitsklima ist gut. Als Schichtarbeiter verbringst du mehr Zeit mit deinen Kollegen als mit deiner Familie. In der Halle ist es zugig, staubig und laut. Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Bis zur Rente will es hier keiner machen. Bis zur Rente machen es alle. Rente ist früher als du denkst. Wenn beim Gabelstapler die Leistung nachlässt, wird die Batterie ausgewech­selt.

Schichtwechsel. Sechs Uhr, vierzehn Uhr, zweiundzwanzig Uhr. Die Fabrik spült Menschenmassen hinaus. Die Maschinen brauchen neue Nahrung. Frischfleisch, fit gemacht in heimi­scher Wiederaufbereitungsanlage. Ficken. Fußball. Fernsehen. Der Landarzt, Praxis Bülowbogen, die fliegenden Ärzte, das Buschkrankenhaus. Und in der Schwarzwald­klinik fragt Erika Berger: Geld oder Liebe? Alles oder Nichts? Dein Großer Preis ist ein sicherer Arbeitsplatz. Seit drei Monaten Kurzarbeit. 50%. Im letzten Monat fehlten vierhundert Piepen.

Der Tag beginnt nach Feierabend. Wenn du nach Hause kommst, bist du erst mal kaputt. Wenn du nach Hause kommst, warten Kinder, wartet die Wäsche, wartet Geschirr. Unser Leben ist eine Windmühle. Wir sind ständig in Bewegung und kommen nie vom Fleck. Wir lesen Auto, Motor und Sport und Schöner Wohnen.

Der Jägerzaun trennt den säuberlich gestutzten Rasen des Vorgartens von der Straße, vom Nachbargrundstück. Das Leben endet montags um sechs. Das Leben beginnt freitags oder samstags. Der Rasen wird gemäht, das Auto gewaschen. Das Glück versteckt sich unter Motorhauben. Eine Einbauküche kommt schnell über fuffzehn Mille. Und ist doch nur aus Pressspan. Es gibt eine Art von Einfachheit, die sich nicht jeder leisten kann. Der Minister redet vom Sparen. Der Gürtel wird enger geschnallt. Der Gürtel pfeift schon längst aus dem letzten Loch. Das Haus ist neu gebaut. Die Kinder sind frisch geboren. Der Minister redet von Schwarzarbeit. Die Zigaretten werden teurer. Der Bierpreis steigt.

Zeigt her eure Hände. Es fehlen Fingerkuppen, Fingerglieder, ein Unterarm. Auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit muss noch viel getan werden. Sagt der GmbH-Geschäftsführer. Sagt der Betriebsratsvorsitzende. Der Krankenstand ist viel zu hoch. Sagt der GmbH-Geschäfts­führer. Wir halten unsere Knochen hin. Es ist November und die Wirtschaft befindet sich in einer Krise. Das Leben beginnt montags um sechs und endet freitags um zehn.

Zum Aufladen, Auftanken nach Hause geschickt die Nachtschicht. Es ist kurz vor sieben. Sieh zu, wie du Schlaf kriegst, wohne nicht an einer Hauptverkehrsstraße, hab keine schreienden Kinder. Die Sonn‘ ist aufgegangen, die güldnen Sternlein prangen. Gut Nacht und träum süß.

In meinen Träumen war ich schon immer subversiv. Zur Frühschicht erscheine ich pünkt­lich. Ich bin noch nie zu spät gekommen, auch montags nicht.

 

 

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4 Gedanken zu „Schichtwechsel

  1. Das finde ich richtig gut und eindringlich.

    (Und ich hatte mal jahrelang einen Nebenjob waehrend des Studiums in dem Verlag, wo sie AutoMotorundSport und sonstige Zeitschriften fabrizieren. Deswegen wurde mir auch ganz komisch beim Lesen.)

  2. Erstklassiger Text! Sprache, Tempo, Rhythmus, das passt zusammen und zum Inhalt. Die ersten drei Sätze haben einen Haken und dann wird man widerstandslos und fasziniert durch den Text gezogen. Ist man ans Ende gelangt, muss man erst einmal durchatmen. Und möchte trotzdem gleich nochmal durch.

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