Der Innenminister und das N-Wort

Ich bin mit dem Wort Neger aufgewachsen, als ich Kind war, gehörte es zu den normalen Wörtern der deutschen Sprache. Wir aßen selbstverständlich Negerküsse und manch einer hielt dies für einen Fortschritt gegenüber der alternativen Bezeichnung Mohrenkopf.

Inzwischen, die Welt und damit die Sprache ändert sich, liegt das N-Wort auf der imaginären Gut-Böse-Skala der deutschen Sprache zwischen Négritude (gut) und Nigger (böse) relativ nahe dem US-amerikanischen Nigger. Ich benutze es nur noch ironisch, bin aber weit davon entfernt, vom Suhrkamp Verlag zu fordern, bei der nächsten Auflage des Steppenwolfs Hesses Neger durch ein unverfänglicheres Wort zu ersetzen. Continue reading

Ansonsten warten wir auf den Winter

(Prosa aus einfachen Sätzen)

Der Winter war wieder viel zu warm. Im Januar beobachteten wir Wespen. Manche sprachen schon vom Ende einer Jahreszeit. Alles verschwindet. Nur das Loch im Himmel vergr”ößert sich. Und im Frühling gab es viel zu viele Insekten. Im Sommer war es abwechselnd zu warm und zu nass. Am Regen interessiert wieder mehr der Säuregehalt. Die Becquerel der vergangenen Jahre sind schon wieder vergessen.

Früher stritten wir noch über Widerstand. šÜber strukturelle Gewalt und dann doch nicht geworfene Steine. Heute interessiert uns das Wachsen der Gurken. Die Bohnen kö”nnten noch etwas Regen gebrauchen. Die Zwiebeln müssten es trockener haben. Ernsthaft diskutieren wir die Vorteile des Mulchens. Wir schwö”ren auf Rindenmulch, wir nehmen Stroh, wir versuchen es mit abgemähtem Gras. Wenn das alles so weitergeht, werden wir unseren Tabak selbst anbauen. Wir drehen unsere Zigaretten selbst. Oder wir haben das Rauchen sowieso aufgegeben. Das beste Gras wächst in unzugänglichen, längst aufgegebenen Weinbergecken. Und auch den Schnaps kö”nnte man selber brennen. So bauen wir Barrikaden in den eigenen Gärten und führen Rückzugsgefechte gegen Universitäten und Arbeitsämter. Im Herbst wundern wir uns über den viel zu kurzen Sommer. Und während wir auf den Winter warten, sammeln wir ŽÄpfel auf Streuobstwiesen. Continue reading

Schichtwechsel

Das Leben ist Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Jeder Tag ist eine Keule. Dein Kopf ist ein leerer Stuhl. Das Leben beginnt abends an der Theke. Die Sprüche sind zotig. Wenn wir schon alt werden, dann nicht mit Anstand.

Wir funktionieren uns zu Tode. Die Schicht dauert acht Stunden. Siebeneinhalb davon wer­den bezahlt. 120.000 Produkte pro Schicht sind schon spitze, 100.000 immer noch gut. Wir arbeiten nicht im Akkord, wir werden nicht nach Stückzahlen entlohnt. Aber wenn einer auf Dauer die Leistung nicht bringt. 100.000 Produkte sind fünfeinhalb Tonnen. Fünftausendfünfhundert Kilogramm aus dem Handgelenk gehoben. Jeden Tag. 100.000 Produkte sind knapp dreieinhalbtausend Beutel, dreieinhalbtausend Mal am Tag die gleiche Abfolge von gut antrainierten Bewegungsabläu­fen. Die Woche hat fünf Tage, das Jahr hat zweiundfünfzig Wochen. Mit kostenlosem Kaffee halten sie dich wach. Die letzte Lohnerhöhung liegt zwei Jahre zurück. Die Zigarettenpausen sind die Zeit, die wir der Maschine stehlen. Kaum einer, der hier nicht raucht. Die Zigaretten­ strukturieren unseren Tag. Nach spätestens anderthalb Stunden die nächste. Wer am Montag ans Wochenende denkt, hat schon verloren. Man muss sich Ziele setzen, die erreichbar sind.

Unsere Gedanken drehen sich um die Maschine. Wir glauben immer noch, wir würden sie beherrschen. Das Arbeitsklima ist gut. Als Schichtarbeiter verbringst du mehr Zeit mit deinen Kollegen als mit deiner Familie. In der Halle ist es zugig, staubig und laut. Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Bis zur Rente will es hier keiner machen. Bis zur Rente machen es alle. Rente ist früher als du denkst. Wenn beim Gabelstapler die Leistung nachlässt, wird die Batterie ausgewech­selt.

Schichtwechsel. Sechs Uhr, vierzehn Uhr, zweiundzwanzig Uhr. Die Fabrik spült Menschenmassen hinaus. Die Maschinen brauchen neue Nahrung. Frischfleisch, fit gemacht in heimi­scher Wiederaufbereitungsanlage. Ficken. Fußball. Fernsehen. Der Landarzt, Praxis Bülowbogen, die fliegenden Ärzte, das Buschkrankenhaus. Und in der Schwarzwald­klinik fragt Erika Berger: Geld oder Liebe? Alles oder Nichts? Dein Großer Preis ist ein sicherer Arbeitsplatz. Seit drei Monaten Kurzarbeit. 50%. Im letzten Monat fehlten vierhundert Piepen.

Der Tag beginnt nach Feierabend. Wenn du nach Hause kommst, bist du erst mal kaputt. Wenn du nach Hause kommst, warten Kinder, wartet die Wäsche, wartet Geschirr. Unser Leben ist eine Windmühle. Wir sind ständig in Bewegung und kommen nie vom Fleck. Wir lesen Auto, Motor und Sport und Schöner Wohnen.

Der Jägerzaun trennt den säuberlich gestutzten Rasen des Vorgartens von der Straße, vom Nachbargrundstück. Das Leben endet montags um sechs. Das Leben beginnt freitags oder samstags. Der Rasen wird gemäht, das Auto gewaschen. Das Glück versteckt sich unter Motorhauben. Eine Einbauküche kommt schnell über fuffzehn Mille. Und ist doch nur aus Pressspan. Es gibt eine Art von Einfachheit, die sich nicht jeder leisten kann. Der Minister redet vom Sparen. Der Gürtel wird enger geschnallt. Der Gürtel pfeift schon längst aus dem letzten Loch. Das Haus ist neu gebaut. Die Kinder sind frisch geboren. Der Minister redet von Schwarzarbeit. Die Zigaretten werden teurer. Der Bierpreis steigt.

Zeigt her eure Hände. Es fehlen Fingerkuppen, Fingerglieder, ein Unterarm. Auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit muss noch viel getan werden. Sagt der GmbH-Geschäftsführer. Sagt der Betriebsratsvorsitzende. Der Krankenstand ist viel zu hoch. Sagt der GmbH-Geschäfts­führer. Wir halten unsere Knochen hin. Es ist November und die Wirtschaft befindet sich in einer Krise. Das Leben beginnt montags um sechs und endet freitags um zehn.

Zum Aufladen, Auftanken nach Hause geschickt die Nachtschicht. Es ist kurz vor sieben. Sieh zu, wie du Schlaf kriegst, wohne nicht an einer Hauptverkehrsstraße, hab keine schreienden Kinder. Die Sonn‘ ist aufgegangen, die güldnen Sternlein prangen. Gut Nacht und träum süß.

In meinen Träumen war ich schon immer subversiv. Zur Frühschicht erscheine ich pünkt­lich. Ich bin noch nie zu spät gekommen, auch montags nicht.

 

 

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Song der Pandora

Aus Erde und Wasser ward ich erschaffen vom herrlichen Künstler Hephaistos.
Athene lehrte mich Weisheit und die Kunst des Webens. Von Aphrodite
Erhielt ich die Anmut und holdseligen Liebreiz. Die Chariten legten güldnes
Geschmeide um mich. Dann kränzten die Horen mein Haupt mit Blumen.

Der Chor der guten Deutschen:
An allem sind die Griechen schuld!
Die Griechen sind an allem schuld!

Der Bote der Götter schenkte mir den betörenden Liebreiz
Und gab meinen Worten sanft einnehmende Kraft. So ward ich erschaffen
Auf den Befehl des höchsten der Götter, des Weltenbeherrschers Zeus.
Zu Epimetheus führte mich Hermes. Doch Epimetheus
Dachte nicht mehr an das Wort des Prometheus, nie ein Geschenk doch
Anzunehmen von Zeus dem Olympier. So schnell schon hatte ihn
Mein Antlitz verzaubert. Vom Munde herab lief ihm Geifer.
Und sein geiler Blick vermaß meine Schenkel.

Solo des Epimetheus:
Dein braunes Haar ist wunderbar!
Dein Straps am Strumpf ist Wahnsinn!
Süßes Kind, sag geschwind
Wer bist denn du?

Nicht nur zum Spiele zierte ich mich, wie vom Göttervater befohlen.
Denn als Geschenk zu unserer Hochzeit gaben die Götter mir mit
Einen Krug. Einen Krug voll gefüllt mit Krankheit und Leid.
Alles Üble was die Olympier sich erdachten, das füllten sie
In den Krug. Sie hießen mich ihn bald zu öffnen, noch bevor dieser Narr
Meine Unschuld befleckt.

Solo des Epimetheus:
Dein Widerstand hat Fuß und Hand!
Dein Hackenschuh ist scharf wie du!
Süßes Kind sag geschwind
Wer bist denn du?

Einst waren auf Erden die Stämme der Menschheit
Dem Leiden entrückt und entflohn der Arbeit,
Aber dann befreit‘ ich, wie von Zeus mir befohlen,
Alle Krankheit, alle Schmerzen und Sorgen aus meinem Gefäß.
Denn es ist keinem vergönnt, zu entfliehn Zeus‘ waltendem Willen.
Doch zur rechten Zeit, bevor das Leid sich ins Unermessliche steigert‘
Erbarmte ich mich und fest verschloss ich den Deckel.
Das größte der Übel, das süßeste Gift,
Die Hoffnung
Behielt ich zurück.

Der Chor der guten Deutschen:
An allem sind die Griechen schuld!
Die Griechen sind an allem schuld!

(Motive und Zitate aus: Hesiod: Werke und Tage; Nina Hagen: Auf’m Bahnhof Zoo)

für c.

aus deinem schwarzen loch
kann ich dich nicht holen.
aber ich habe einen eimer

farbe dabei. wir könnten es
kanariengelb anstreichen. wie
der sonnenschein im frühling.

oder wir pinseln eine grüne
wiese einen blauen himmel
mit weißen schäfchen

wolken damit die sonne dich
nicht blendet. und dann malst
du dir einen heißluftballon

mit genügend sandsäcken
an bord. du steigst ein und
fährst langsam davon.