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verkleinerung

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verkleinerung
stunden-weise, morgens
pensée matinale
(modèle réduit)

pendant ce temps juste en passant
elles ont piqué puis emporté quelques-unes
des rares cerises de lumière de mon petit
matin avant d’avoir gagné une bonne
longueur d’avance sur mes couleurs

du hingegen bleibst und klebst
fest in einen schlaf gewickelt scharf
bewacht (in solchen kuhlen kauerten
fellbewehrte tiere schon als schrift von krallen
rührte und wer lesen konnte
spürte sie dort auf)

je vois (ou est-ce que
je comprends tout
simplement depuis
ma chère obscurité
en tâtonnant?)

le pont

(se portant bien, du moins c’est ce qu’on raconte)
pourtant il semble tellement
loin de toute senteur (aucun vert n’y colle plus)

du siehst wie träumende sehen
wunderst dich nicht und schwebst
land unter
dir gilt der ruf
an dem du würgst
erwachst dann witterst du

possible que ce soient mes mains
– coupées du reste de ce corps
coupées d’un monde connu des langues –
qui ne sauraient distinguer
la forme d’une esquisse de son poids

es lohnt kein wiedersuchen mehr
weil du liebst wie du liegst
das nest und den bewohner gibst mir
dämmert nicht (wie dir) der tag
mich schlägt er
zerrt ins blau die letzten splitter lichts
aus fernen sonnen

en approchant ce pont trop pâle – un B couché
alors? – j’outre-passe un étrange voile de virgules
et en humant leur danse je crois
flairer le dessein de ce jour : muer mon
ciel ma terre en rivages boueux

schrumpft sie ein (und dich
und alle bahnen die ich flog) in das modell
worin pigmente einer strömung widerstehen (mir)
bleibt es vertagt
mit ihr zu rechnen
schon zu vieler unbekannten (farben) wegen

l’image se répète: l’espoir n’est qu’un
pinceau qui trempe dans une pâleur bleue
tendance gris clair et je me perds
(le temps d’une saute d’humeur)
à cause d’une chanson prétendue rose
qui vient à moi du fond de la vallée

cette brume d’en bas elle se prend (vrai-
ment) pour une transgression marine

 

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Kurzprosa

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Das Überleben der Stimmbänder

 

Je suis mon oreille
Il se tend vers
cette profondeur
Un drôle de cadeau
Quelle idée de se
débarrasser dʼune cruche
Je vois. Au fond
brille du noir
Je ne la remplirai pas

 

Du hast ihn ausgespült und kopfüber abtropfen lassen, du reibst ihn ab und dann drehst du das Tuch hinein, bis er innen ganz trocken ist. Er glänzt, dein Krug, und trägt ein gutes Stück zu deiner Zufriedenheit bei – vielleicht denkst du, sie könnte eine Weile bei dir wohnen bleiben – und gleich wirst du ihn in einem Schrank verstauen.

Wer weiß, wo du wohnst. Im wievielten Stockwerk die Wohnung liegt. Gibt es einen Fahrstuhl, und wie sieht der Schrank aus, der entweder in der Küche hängt oder in dem Raum steht, wo der Hund liegen und den Kopf heben könnte, wenn du jetzt mit dem Krug in der Hand hereinkommst?

Vielleicht besitzt du keinen Krug. Möglicherweise war es ein Aschenbecher, den du gereinigt hast, den du wieder auf den Balkon hinaustragen wirst. Du bist Nichtraucher? Es könnte sein, dass der Aschenbecher für Besucher bereitstehen soll, die später am Abend noch absagen werden. Auf dem Weg zum Schreibtisch oder ins Badezimmer kommst du an der Stelle vorbei, wo an der Wand ein Platz für das Foto wäre, das dich mit dem Hund zeigt und du bleibst stehen. Man ruft dich, gleich beginnt der Film oder die Reportage oder das Fußballspiel.

Dir fällt auf, dass du heute keine Rückenschmerzen hattest. Morgen könntest du einen Rahmen besorgen, das Foto ausdrucken lassen, denkst du, als dir einfällt, dass Feiertag sein wird. Es war eine gute Idee, das Fernsehgerät abzuschaffen, da seid ihr euch einig. Nach dem Abendessen wird eingefroren, was übrig blieb. Du suchst ihr das Buch heraus, aus dem sie vorlesen wird. Sie schenkt den Rest aus der Flasche gleichmäßig in die beiden Weingläser. Du lächelst, das Rot des Traubensafts im dritten, kleinen Glas ist dasselbe.

In der Nacht gehst du den Weg durch den Garten bis zum Ende des Grundstücks, freust dich, im Herbst die Büsche gepflanzt zu haben, in einigen Jahren wird der Zaun nicht mehr zu sehen sein. Nach dem langen Wochenende – dem vorläufig letzten, an dem du frei nehmen konntest – werdet ihr in die Stadt zurückfahren. Du beachtest den Himmel nicht, obwohl nirgends so viele Sterne zu sehen wären, wie hier draußen auf dem Land. Du atmest tief ein und aus.

 

 

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die mauer will dicħ


 

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et si tu l’avais inventé
das zerriebene, zwischen
de toute pièce, un héros
schreibenden fingern
en lettres, qui se balade de
figuren, tropisches
ligne en ligne
schlängeln, an wände

quelqu’un capable d’entrer
geschmiert in räumen
dans nos mondes imaginaires, qui
stimmen erdichtet
devient vrai, si véritable
verwünscht das höhnende
pendant toute la lecture
echo, türen: gerahmtes mauer-

même quand on quitte les lignes
werk. du bleibst
pour une heure ou un an
unter gegenwart starr
de repos – il reste là,
wartest bis worte
il attend, entre les pages
abfallen, frisst

il t’attendra
verputz, lebst weil du
pour toujours, si jamais tu
liest, atmest heldenstaub
refuses de voir
bis du einschläfst
de lire
das tanzen endet
ton propre livre
die mauer will dich
jusqu’au bout

(2014)

d’outre fȽammes • aus dem jenseitigen Ƚodern


d’outre flammes
aus dem jenseitigen lodern

 

une voix emmenante d’un corps 
perdu de vue außer sichtweite dem lodern
entronnen
gussform entsteht aus umgebender hände weigerung
depuis ce creux façonné
par un refus
je n’oublie pas
 ich vergesse 
dit-elle mais elle se
souvient de

nicht sagt sie erinnert sich
ce qu’elle voulait garder entre
was wollten ihre hände fest was
ses mains ou dans
sollte sich im kopf
sa tête
halten

enfouies sous une couche de 
sédiments des années et de

abgelagerte jahre seiten um seiten
miettes d’histoires (des pages et des pages)
et enfin

aschenmantel geschichten
sous le manteau des cendres
d’une ville qui n’était que
façades
 

aus einer filmstadt
même l’intérieur des maisons –
tout en façade
 

bauten innen heraus geputzt mit fassaden

un théâtre de danse  lügen wallten wälzten
les valses des mensonges trugen festliche verkleidungen
portaient les costumes d’un jour de fête
une voix qui murmure 

das murmeln einer stimme

advienne que pourra
komme was mag
elle n’oubliera jamais nie wird sie
diese stimme (er)kennt sie nicht
sie kennt sie nicht mehr cette voix ne la (re)connaît pas
elle ne la connaît plus

une voix qui flotte qui ne vient
d’aucun homme, ce doit-être le vent
qui chantonne

souviens-toi
n’étions-nous pas
distance

2013

maintenant

.

jetzt ist kein halten hier ist keine hand
kein du bist nur ein kopf senken luft holen
aus
blenden endlich in unseren wänden gelerntes
anwenden nur nicht zurück wehen wollen jetzt

[Wie ich so ging und mein Schatten mir voraus eilte und vom Blau und Sonne erzählte und um ihn heller Weg. Wie ich dir entgegen kam, deine Ungeduld sich mit meiner traf, noch bevor wir uns wieder sahen. Immer war Staunen unser Begleiter, wenn es dann soweit war. Wir, einander atmend; unsere Freude – wie sie uns umschlang und wir in Ruhepausen alte Spuren neu zu lesen lernten.]

abwendig auf blätter starren und den grund den grund
suchen im moder im brackwasser schwimmt sternenlos
nacht – siehst du? wo moos leuchtete

schweigen farben erfroren und steine
sind steine wieder ohne schatten furchen gesichter
jetzt
bildet sich weg um weg träge zurück

[Wie ich so ging und noch warm von uns war, und wie sie mich einholten, dem farblosen Dunkel der Nächte den Flüsterton verhängten: Die Scherenschnitte von morgen, nichts würden sie dulden neben sich, das wusste ich schon; als Gitter umgeben mich schneidende Schatten, gaukeln mir Zeichen, lebenslang.]

pfade im blickdicht die niemand erforscht
denn jetzt ist kein hier ist
kein halten nur
aus
lachen und lärm gestrigen meißelns legt sich

stille bricht hinter haltung hervor
jetzt

(2013)