Kategorie-Archiv: Verfahren

Abgefahren – 10

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»Ich werde dich hier eines Morgens zurücklassen, ab da könntest du auch ein Satz sein, ein paar Wörter, die ich irgendwo hingeschrieben hätte, die stehen bleiben – bis mir der Zettel wieder in die Hände gerät, oder ich irgendeine Datei öffne.« Gernot sitzt auf dem Bettrand, noch ist es nicht hell genug, um Einzelheiten sehen oder ihn erkennen zu können, wäre da nicht der Klang seines Sprechens.

»Im Moment würde ich lieber noch liegen bleiben«, sagt Lola. Denkt, wie Stimmen im Flüsterton einander ähneln, verwechselbar werden können – nachts. »Ich könnte also noch eine Weile hier wohnen? Auch, wenn du wieder fortgehst?«

Er öffnet schon die Tür, Lola kneift die Augen zu, als er das Licht im Bad einschaltet.
»Was wird aus der Wohnung? Und überhaupt – «, er hebt die Stimme an, oder es ist die größere Resonanz: » – der ganze Rest. Lola?«

»Hm?«

»Bist du nicht schon viel zu lange … fort?«

Ausgerechnet. »Bin ich das?«

»Aus einem Leben zu verschwinden, einfach so …?«

Lola nimmt sich Zeit für die Antwort, vielleicht wartet er sie gar nicht ab.

»Leben. Findet doch nur statt, wo ich gerade bin. Wirklich bin.« Sie öffnet die Augen erst, als sie das Plätschern des Duschwassers hört. Später schreckt Lola aus einem halbdunklen Traum auf, und ihr Herz schlägt schnell und hart. Das Treppenhaus? Sie begreift erst, dass ihre Flucht aus dem Haus ohne Dach dank der Musik gelungen ist, als ein weiteres Stück beginnt. Nebenan dreht er auf bis es dröhnt. Gernot ist nicht fort. Heute nicht.

Irgendwann in der Nacht hat er nachgefragt, fällt Lola ein, und dass sie die Geschichte von ihrem Spaziergang erzählt hat; vom Blick hinauf zum Fenster, vom Abendessen im Wirtshaus und ihrer Begegnung mit der Verrückten. Davon, wie sie aus dem Theater geflüchtet und es ihr nach alldem nur folgerichtig erschienen war, mit ihm die Stadt zu verlassen.

Vielleicht war es das Flüstern, denkt sie jetzt, während ihr Herz sich trotz der unbekannten, lauten Musik beruhigt. Sie hat ihm nicht beantworten können, warum sie nicht bis zum Ende des Stücks im Theater hätte bleiben wollen. Ihm nicht sagen, auch nicht zuflüstern, ins Dunkle hinein, wie sie in diesen Minuten nur gewünscht habe, jemand sollte aufbrechen, sie suchen oder besuchen kommen, nicht im Spiel oder als Schauspieler.

Wie die Gedanken an den Verlust ihrer Wohnungsschlüssel es ihr unmöglich gemacht hätten, weiter zuzuhören, dabei zuzuschauen, wie einer plante, aufzubrechen, mit einem Ziel oder Absichten im Kopf, weil nichts von alldem existierte, und wenn doch, dann nur auf Papier und dank oder wegen des Rezitierens par cœur vor dem Hintergrund einer dramatischen Inszenierung.

Jetzt ist heller Tag. Vielleicht – Lola versucht, zu klären, wie sich Möglichkeit und Wunsch unterscheiden – werden sie heute Notiz voneinander nehmen?

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Abgefahren – 9

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»Jedes mal, wenn du wieder auftauchst, traue ich meinen Augen nicht.«

Ihm ist nicht anzusehen, ob er hört, was sie sagt. Lola kämmt noch ihr nasses Haar mit den Fingern, betritt jetzt die Küche. Er beschäftigt sich weiterhin damit, jedes einzelne Teil seiner Ausrüstung an einen bestimmten Platz in der Kammer zu räumen, sie weiß, er wird seinen Rucksack und die Jackentaschen bis aufs letzte Stück leeren, wird sich anschließend, falls nötig, dem Schuhwerk widmen. Als er jetzt kleine Säcke und Dosen, schließlich ein Brot zutage fördert und sich ohne einen Blick in Lolas Richtung in der Küche umherbewegt und danach in den Flur verschwindet, verfolgt sie, nur von Geräuschen geleitet, sein weiteres Tun – ein oder zwei mal räuspert er sich, sie hört die Truhe knarren, er hat sich gesetzt, folgert sie, bürstet die Wanderstiefel.

Als es ganz still wird, kommt eine Furcht gekrochen und sofort setzt Lola sich in Bewegung, um sie klein zu halten, vom Nacken fernhalten und greifen zu können. Wenn es ihr nicht rechtzeitig entwischt, wird sie das Gefühl zu einem leblosen Knäuel zerquetschen, der in einer Faust Platz fände, den sie zusammenpressen und in die Hosentasche schieben könnte, dort vergessen.

Der Flur ist leer, niemand sitzt auf der Truhe. Erst als sie daran vorbeigehuscht und schon an der halb geöffneten Stubentür angekommen ist, bemerkt sie seine Stiefel, die er neben ihre gestellt hat. Sieht Gernot durch das Zimmer gehen. Er scheint so wirklich, auch wenn nicht eine Diele unter seinem Gewicht ächzen müsste. Lola schaut ihm zu, lauscht.

Gernot, wie er vor dem Rucksack stehen bleibt, der jetzt schlaff an einem Stuhlbein lehnt, halb auf den Holzboden gerutscht wie ein Betrunkener, der dort eingeschlafen ist, wo man ihn hingesetzt hat. Den hat sie am Vormittag aus der dunklen Kammer geholt, wo er seit der Ankunft verstaut gewesen war; hat ihn endlich geöffnet und seinen Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet, dann geordnet; es ist kaum noch etwas vom Holz der Tischplatte zu sehen.

Gernot, wie er beide Arme hebt, sie wieder sinken lässt, als wären die Hände zu schwer.

»Wenn du dich weit genug von einem Ort entfernst, dann kann es passieren, dass du nicht wieder zurückfindest. Falls aber doch, wird sich der Ort verändert haben; so, wie du nicht derselbe Mensch geblieben sein kannst.« Er spricht langsam, als müsse er sich des Wortlauts oder einer Reihenfolge versichern.

»Hast du dich verirrt?« Unsinn. Die Vorstellung passt nicht. – »Du kennst dich doch aus in der Gegend.« Lola hat die Stubentür geschlossen, steht mit dem Rücken zur Wand.

»Du erinnerst dich auch nicht – das hast du mir doch bestätigt, als wir ankamen? – Heute war ich auf Abwegen, oder … vielleicht hab ich mir mehr zugetraut als sonst. Ein wenig zu viel.«

»Was ich hier sehe, auch die Umgebung … doch, alles ähnelt durchaus dem, was ich aus deinem Erzählen kannte. Vielleicht ist dir nicht bewusst, wie wenig du erzählt hast – zumindest mir.« Jetzt. Jetzt kommt eine Reaktion aus ihm, reißt ein Schleier, der Lola vor solchen Blicken geschützt haben musste, wie ihr im selben Moment klar wird.

»Es war schon zu spät für Einzelheiten, als wir uns getroffen haben.«

»Du hast mich damals angesprochen. Das ergibt keinen Sinn für mich … es war zu spät. – Meinst du das hier?« Lola zeigt auf den Tisch. »Der Ort, an den du zurückgekehrt bist, ist nicht mehr derselbe? Ich werd alles wieder einpacken, das dauert nicht lange.«

Gernot tritt dicht an den Tisch und Lola hört das Klickern des Schlüsselbunds, als er ihn aufnimmt und wieder zurücklegt.

Sie hat selbst keine Erklärung, hat die zweite Hälfte des Tages über erfolglos nach einer gesucht, auch dann noch, als sie schließlich alles liegengelassen und sich mit einem der Bücher auf die Stufen hinterm Haus gesetzt hat, und erst recht beim Kartoffelschälen am Abend.

»Es sind die Schlüssel zu meiner Wohnung. Auch alles andere stammt von dort.«

»Du hast gesagt, dass es nicht deine Sachen …«

»Wegen des Rucksacks. Er gehört mir nicht.«

»Und wie …? « Gernot dreht sich zu ihr um.

» … die Sachen in den Rucksack da kamen? Ist mir auch nicht klar. Jedenfalls sind sie hier.«

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Abgefahren – 8

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Sie wundert sich nicht, als an einem Vormittag – dem vierten? – der Türknauf ihrem Drehen nachgibt und die Tür zum Abhang hinter dem Haus sich ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel hat im Schloss gesteckt, so, wie er es angekündigt hat für den Fall, dass er ihn wiederfände – er selbst habe den Grund nicht betreten, hat Gernot gestern Abend gesagt, seit er mit dem Ausbessern der Trockenmauer fertig geworden sei und sich den dringenden Arbeiten im Haus zugewandt habe.

Heute, wie schon am Tag zuvor, hat er das Haus verlassen, bevor sie erwacht ist. Einer der aus einseitig bedrucktem Papier zurechtgeschnittenen Zettel hat auf dem Tablett neben der Thermoskanne gelegen: Bin gegen Abend zurück.

Jetzt steht sie offen, die Tür, gibt den Blick auf steinerne Treppenstufen frei, die steil nach unten auf das Grundstück führen. Dort trifft die letzte auf eine von Moosen, Gräsern und Flechten bedeckte Fläche, als habe der Garten begonnen, die Treppe zu verschlucken; als verberge das krautbärtige, ansonsten unkenntlich gewordene Gesicht eines verwesenden Riesen etwas darunter Gelegenes, einen inneren Ort. Geheime Räume, die einstmals über diese Stufen erreichbar gewesen sein könnten und nun unter Erde und überwachsenem Geröll versiegelt und begraben lägen.

Es gibt keine Notwendigkeit für Erklärungen, im Nachhinein, warum und auf welche Weise ein Gedanke zum nächsten führt und wie es sein kann, dass sich ein Nachdenken verästelt und an feinen Zweigen Knospen bildet, aus denen Blüten platzen werden.

Jede für sich zart und durchscheinend, wie es Ahnungen eben sind – und käme da nicht der nächste Windstoß, bliebe Lola noch länger an den Türrahmen gelehnt stehen, ohne überhaupt zu bemerken, wie bald sie weit entfernt vom Stamm der klaren Gedanken wäre, und haltlos.

Lola schenkt sich Kaffee ein, setzt sich auf eine der oberen Stufen.
Sein Lachen – daran denkt sie jetzt, fröstelnd vom Alleinsein oder vom Kältereiz, den der Stein leitet. Sie bewegt die Zehen in den Socken, seinen, die ihren Füssen zu groß sind.

Dampf schlängelt aus der Tasse.

»Gernot.«
»Stimmt was nicht, mit dem Namen?«
»Das müsste ich dich fragen. Immerhin hast du lange damit hinterm Berg gehalten.«
»Vielleicht finde ich dort morgen einen anderen?« Sein Lachen – ein hüpfendes, das sie losgetreten hat, ein paar Steine aus einer Geröllhalde – kurz darauf ist es wieder still gewesen.

Welcher Art Zufall es zuzuschreiben bleibt, dass sie hier einem weiteren Abend oder Morgen entgegen tagträumt und nicht in einer halbleeren Stadtwohnung, umgeben von unfertigen Plänen, begonnenen Zeichnungen und zurückgelassenen oder vergessenen oder ungelesenen Büchern, darüber wird sie später nachdenken, wenn die Zeit bis zu Gernots Rückkehr sich dehnen und eine Art von Unsicherheit ranken würde; wenn das Dunkel aus dem Tal herauf kommen, irgendwann von der Nacht selbst nicht mehr zu unterscheiden sein könnte.

In kleinen Schlucken trinkt sie, beobachtet nacheinander jede der Gestalten, die sie unter die Bäume oder dahinter in die Wiese vor der Mauer projiziert. Keine sieht danach aus, als fehle es ihr an etwas und es formt sich in Lola kein Ruf, keine Anrede. Ihr genügt, sie zu sehen, ihren Gesten abzulesen, wie sie erzählen; sich vorzudenken, was ihnen zugefügt wurde, ihnen widerfahren ist.

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24

 

Eine Ausflugsfahrt zum Meer, hämmernde Rhythmen im vollbesetzten Wagen, die Vorfreude auf das Open-Air-Fest in wenigen Wochen fuhr mit, für drei von uns.

Steinige Strände wieder betreten, unterhalb von Riesenwänden der Steilküste; beobachten, wie das Meer sich langsam zurückzieht, den Sand und die von Muscheln und kleinen Krebsen bewohnten Felsen freigibt, endlich den Grund unter den nackten Füßen spüren. Später den Kleinsten aus den Augen verlieren, aufkommende Panik und erneutes, systematisches Absuchen der abwechselnd matten und glitzernden Weite des nassen Sands; seinen Namen rufen. Im flachen Wasser, weiter draußen jenseits der Wulst des Meeressaums, zwischen anderen: endlich. Umrisse des kleinen Körpers, die ihm eigenen, typischen Bewegungsabläufe, die Badehose – wiedererkennen, aufatmen, beobachten, mich nähern … und erinnern.

An die Sommer vor vielen Jahren, an ganz ähnliche Bilder; daran, wie Licht und Wolkenschatten mitspielten, als ich das Spielen und die Ernsthaftigkeit darin dank meiner Kinder wiederentdeckte; wie sie nach selbstvergessenem Sammeln und Formen und Graben zum fordernden, aktiven Miteinander, Gegeneinander wechselten. Szenen, die ich aufnehmen konnte, in die ich manchmal nur hineinhörte, wenn ich die Augen schloss: das Rauschen, die deutlich-feinen Stimmen der Kinder und wie sie mich aufforderten zu schauen, mitzuspielen. Staunen. Die Wärme und ein Wehen über allem, schließlich Kühle eines Abends und Aufbruch. Später noch die weiche Haut, müde Augen, vielleicht das Vorlesen.

Heute? Es fehlte der Glanz. Ich begriff, was geschieht, wenn die Zuversicht von Ernüchterung abgelöst, aufgelöst worden ist: sie zersetzt selbst Erwartungen oder Plänen das Schimmern, alles Gegenwärtige wirkt schon blass oder matt. Jener Schimmer – der wie von einem leichten Gewebe herrührt, das die Freude übers Land gebreitet hätte; der einen Horizont zwar unschärfer, gar ungewisser, dennoch nie unerreichbar erscheinen lässt – war verschwunden.

Im stetigen, kühlenden Wind spürte ich die Kraft der Sonne nicht auf meiner Haut, wusste aber, wie tief sie dringen, mir Stirn und Arme versengen konnte.
Über dem Gestern und dem Jetzt schien derselbe Himmel. Sein Leuchten aus einer Tiefe, von weit her – wieder gingen Blicke verloren, manche aber verfingen sich in Details, dem Segelflug einer Möwe oder der Abbruchkante einer Felswand. Ein immer öfter verscheuchtes, unerwünschtes Sehnen wehte mit der Brise heran, aber ich wehrte mich, griff in mein auffliegendes Haar, bändigte, zwang es mit geübten Händen in einen Knoten: lieber begann ich erneut, in den tausenden glatt- und rundgeschliffenen Steinen nach Formen Ausschau zu halten. Die uralten Figuren faszinierten mich, wie
GEMACHT oder bearbeitet manche doch aussahen – wie perfekte Miniaturen, Henry-Moore-Skulpturen in einer Zwergenwelt.

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Abgefahren – 7

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Er sagt nichts. Stellt keine Frage. Sitzt, ihr gegenüber, auf einem Stuhl und rührt in seinem Kaffee. Lola schreckt wie aus kurzem Schlaf auf – die letzten Minuten sind ihr entgangen, dabei muss sie sich auf die Bank gesetzt und ihm dabei zugesehen haben, wie er den Kaffee einschenkt.

»Wo sind wir?«
Er schaut auf. Sieht sich um, als müsse er, um die Frage beantworten zu können, sich zuvor orientieren oder im Raum einen Gegenstand ausmachen, woran eine Erklärung zu knüpfen wäre.
»Wir sind …«, beginnt er und stockt. Streicht sich über den kahlgeschorenen Kopf. »Es ist so was wie ein Zuhause.« Mit beiden Händen rückt er seine Tasse näher zu sich, schaut hinein. »Ein Ort, den ich mir zuerst ausgedacht, und dann … jedenfalls: ich habe ihn mir verdient.«
»Du wohnst hier?«
»Manchmal. Nie sehr lange. Wenn ich Pause habe – dann komme ich her und lüfte ordentlich durch.«
»Und jetzt … machst du gerade Pause?«
»Ich hatte es vor, ja.« Er trinkt, stellt die Tasse vorsichtig aufs Tablett. »Ich werde jetzt den Wagen zurückbringen, das wird eine Weile dauern. Das Bett drüben – es ist frisch bezogen.«

Mehrmals ist sie von der Stube durch den Flur in die Küche und von dort durch ein Bad ins Schlafzimmer und wieder in die Stube gegangen. Erst jetzt fügt sich der Grundriss des Stockwerks zu einem Viereck, als sie, erneut in der Küche angekommen, eine letzte Tür öffnet: zu einem Vorratsraum, der, ans Bad grenzend, zwischen Schlafzimmer und Küche liegt, nur von hier aus betreten werden kann.
Lolas Schatten liegt teils auf dem Boden der fensterlosen Kammer, teils über der Regalwand, er klettert dort über Kartons, aufgereihte Konserven und Bücher. Erinnerst du dich?
Lola schließt die Tür, dreht sich um, tatsächlich: Tageslicht. Durch zwei kleine Fenster und den oberen, verglasten Teil einer Tür dringt es herein und sie kann weit im Westen die felsigen Spitzen mächtiger Berge leuchten sehen. Es gibt keinen Plan, hier gibt es nur die Gegenwart, sagt sie sich, Räume, drinnen und draußen, und sie dreht am Knauf der Tür, die, so scheint es, ins Leere führt. Führen könnte, wäre sie nicht abgeschlossen – doch jetzt erkennt Lola weiter unten, hinter einzelnen Bäumen auf steil abfallendem Gelände, eine steinerne Mauer; dahinter liegt noch im Dunst, was sich vielleicht als Dächer von einzelnen, sich an den Hang schmiegenden Häusern entpuppen wird. Apfelbäume scheinen es zu sein, die dort warten, sechs oder sieben, von der hohen, knorrigen Sorte. Ihre dünnsten Äste, manche davon ganz ohne Blätter, einige in die Zweige ihrer Nachbarbäume fingernd, wippen und zittern; der Eindruck von Unschärfe in diesem Landschaftsbild hinter Glas, gerahmt vom dunkel gebeizten Holz der Tür, verstärkt sich weiter. Nur die zahlreichen Vögel, im Aufsteigen flatternd oder aus dem Himmel wie Geschosse gegenseitig ihre Flugbahnen kreuzend, versichern Lola erneut der Gegenwart und ihrer Wirklichkeit.

Auch aus dem Schlafzimmer kann sie den heraufziehenden Schwaden des weißen Morgennebels zusehen, bald steht das Haus in Wolken; ihre Müdigkeit tauscht sie gegen Vorfreude: Einschlafen in einem fremden Bett, Träumen vielleicht und Vergessen. Aber war es nicht das wiederholte Verschwinden, ein sich einander Aufwiegen von Erinnerung und Ernüchterung gewesen, wogegen sie sich gestern hatte wehren wollen? Sollte sie nicht wach bleiben und auf die Rückkehr ihres Gastgebers warten? Wie müde er sein musste, nach dieser Nacht. Wie weit war der Weg von dorther, wo der Besitzer des Wagens wohnte?

Ein Frösteln zuerst, als sie klammen Stoff auf der nackten Haut spürt, doch das Wolkenbett wärmt sich rasch an ihr. Sie nimmt sich vor aufzuwachen, sobald der Fahrer zurückkäme. Sie wird ihn nach seinem Namen fragen. Und danach, ob nicht auch er sie verwechselt hat.

Letzte Wachgedanken tanzen; ein Satz beginnt sich zu formen, ein Bild taucht auf. Sie will beides festhalten, weiß, es hat mit einem Versprechen zu tun, das jemand passiert ist, einem Irrtum – aber noch bevor sie den Gedanken eine Richtung geben, zu Formulierendes einordnen oder sich Details des Bildes einprägen könnte, löst sich alles in Verlust auf.
Sie hört den Fahrer nicht, als er zurückkommt; und der liegt ruhig atmend, nachdem er neben ihr eingeschlafen ist.

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Abgefahren – 6

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Sie hat nicht gefragt, wohin die Nachtfahrt geht. Auch dann nicht, als er an einem Rasthof gehalten und vollgetankt hat. Trotz des Bechers Kaffee und einer Zigarette während der kurzen Pause ist sie bald wieder eingeschlafen; später wird sie mehrmals von Bewegungen des eigenen Körpers geweckt, der Widerstand leistet, entgegen hält, wenn der Wagen aus Kurven heraus beschleunigt. Sie haben die Autobahn längst verlassen, wird Lola klar, als das fortgesetzte Schwappen eines weiteren Traums vorbei ist. Die Straßen sind schmal – beim Durchqueren von Waldstücken scheint ihr, eine dunkle Macht öffnete Tunnel zwischen Bäumen, deren Stämme weichen müssen, im letzten Moment gezwungen werden, Einfahrten freizugeben. Tore, die sich hinter ihnen verschließen; Einfahrten zu Tunneln, die wie brüchige Schläuche einer Last augenblicklich nachgeben, vom Wald zerdrückt, ihm einverleibt werden – sobald der Wagen sie passiert, sich hart auf den Fersen seines streunenden Scheinwerferlichts ein weiteres Stück hindurch geschlängelt hat.

»Wir sind da.« Er stellt den Motor ab. »Erinnerst du dich?«
»Noch nicht«, sagt Lola und sie sehen sich an, schauen einander in undeutliche Gesichter. »Es ist ja noch dunkel.«

Derselbe Fremde, der vertraute; seine Stimme – ist sie es, die sie so vermisst hat?

Sie steigen aus. Ihre Schritte verursachen kein Geräusch. Es ist das letzte Gebäude einer Reihe Wohnhäuser und Scheunen, vor dessen Tür der Fahrer jetzt stehenbleibt. Während er aufschließt, sieht sich Lola um: ein großer Hof oder der Rand eines Dorfes, aufwärts sind sie gefahren, die letzten Kilometer – und wäre es schon hell, müsste sie weiter als bis zu den dunklen Riesen sehen können. Aus ihren Kronen dringt ein Tuscheln herüber, dabei spürt sie den Wind nicht, vielleicht halten die Bäume ihn auf.

»Komm erst mal herein. Deine Sachen hole ich gleich.«
»Es sind nicht …«
»Stimmt ja.« Er lacht.
»Ich mache uns Kaffee«, sagt er und schaltet nacheinander das Flurlicht und die Beleuchtung eines großen, aber niedrigen Raums ein. »Die Stube. Das Schlafzimmer ist nebenan.«

Er nimmt Lola die Jacke ab, deutet auf eine gepolsterte Eckbank und verschwindet durch die Tür zum Flur. Metallische Geräusche dringen zu ihr, sie ist stehengeblieben, die Helligkeit im Raum passt nicht zu ihrer Müdigkeit, die nur den Körper beschwert, nicht aber im Kopf ankommt. Wie im Theater, denkt Lola. Hat die Vorstellung wirklich erst am Abend zuvor stattgefunden? Sie hört, wie die Haustür erneut geöffnet wird, kühle Luft dringt herein. Dann steht er vor ihr, stellt den Rucksack ab.
»Ich bin gleich soweit«, sagt er und greift die große Einkaufstasche fester, die er mit hereingebracht hat. »Das reicht fürs Erste – auch für zwei.«
Als er mit einem Tablett wiederkommt, schaut Lola noch immer unschlüssig auf den Rucksack.

»Wer weiß, wie lange es diesmal dauert, bis ich in die Stadt zurückkehre und in diese Wohnung gelange.«
Ihr fällt ein, dass er nichts weiß, nichts von ihrer Wohnung wissen kann. ›Dabei wollte ich nur hinunter, hinaus – eine Zeitlang durch die Straßen gehen‹, würde sie sagen, wenn er sie ansähe. Fragte er, was weiter passiert sei, oder warum sie nach Mitternacht noch dort gewartet hat, könnte sie antworten: ›Ich wollte Leuten zusehen, Leute hören. Ich bin dann in einem Restaurant gelandet, weil ich dachte, ich sollte etwas essen. Und dann … stand ich ohne Schlüssel da. Mit einem fremden Rucksack und einer Theaterkarte.‹

An dieser Stelle könnte sie auf den Rucksack deuten, vielleicht die zerknautschte Eintrittskarte aus ihrer Hosentasche hervorkramen und auf den Tisch legen, sie glattstreichen.

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Abgefahren – 5

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»Dich schickt ein Himmel, könnte man sagen.« Lola streckt die Beine so gut es geht. Der Wagen, bereits auf der linken Spur, rollt beinah geräuschlos, ist schon Teil des Fließens.
»Überirdisch war das weniger – ich bin nochmal um den Block gefahren. Hab meinen Augen nicht so recht getraut.«
»Dass du überhaupt hier … ausgerechnet. So weit weg.«
Er schaut geradeaus. Fährt aufmerksam.
»Weit weg. Kommt drauf an, von was oder wem.«
»Ich konnte mir dich nie an einem anderen Ort vorstellen.«
Er lacht. » … als in einem Auto?«
»Ich meinte, wenn ich an dich gedacht habe, dann warst du eben in Freiburg oder in Verdun oder … aber das hier ist nicht dein Wagen?«
»Der andere war auch nicht meiner.«
»Manchmal habe ich bedauert, dass du nicht mehr auftauchst. Und jetzt? Gerade heute Nacht.«
»Du wunderst dich.«
»Ich finde es wunderbar.«

Draußen verschwimmen Häuserzeilen, Bäume, Masten, Plakate zu Bildbrei, wie in einer Kapsel treiben wir, denkt Lola und sie schließt die Augen, wenn er langsamer fährt, will im Undeutlichen schwimmen; dann schaut sie immer nur ganz kurz durchs Seitenfenster, sodass jedes einzelne Bild das vorige überlagert, es löscht; bis es die Kapsel in einen Sog zieht, sie unter Brücken taucht, durch kurze Tunnel schießt, die Reiseziele und Pfeile und Lichtschienen bündeln, und nach jedem der blauschwarzen Fluchtpunkte, verengten Pupillen, durch die sie innerhalb eines weiteren Augenblicks entsandt werden, fächern sich Möglichkeiten auf und alle Entscheidungen sind schon getroffen, Lola spürt nichts mehr von der Schwere des vergangenen Tages und jetzt schweben sie, tief unter ihnen winden sich Stücke von Girlanden aus winzigen, orange flackernden Lampions, bald glimmen nur noch einzelne Lichtpunkte – sie lassen Tal und Brücke hinter sich und nach einem weiteren Ausscheren in eine ansteigende Schleife spürt Lola Beschleunigung, Musik setzt ein, Herzschlagzeug dringt durch die Sitzpolsterung in ihre Schenkel; ein Blick auf seine Hand, die wieder auf dem Lenkrad ruht, das dunkle Land ringsum, in Abständen Scheinwerferlicht, das sein Profil deutlicher zeichnet, Licht, das anschwillt und zerplatzt; Lola träumt rote Leuchtfische, die ausschwärmen, ihre versunkene Stadt für eine Nacht verlassen.

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Abgefahren – 4

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Sie schreitet aus. Ist schnell. Die wenigen Entgegenkommenden weichen ihr aus. Ein Zimmer. Sie wird ein Hotelzimmer nehmen. Es wäre unsinnig, überlegt sie, noch heute Nacht zu ihrer Wohnung zurückzukehren. Ihre Schritte teilen das Wort in Viertel: Ab ge fah ren. Ab ge fah ren. Das Wort, eine Spielerei auf einem wertlosen Zettel, der zerknitterten Eintrittskarte, die sie in ihrer Hosentasche ertastet. Sie hat dieser Inszenierung entkommen wollen, dem Gefühl nachgegeben, sie müsse auf dem schnellsten Weg einen Ort finden, an dem sie in Ruhe überlegen könnte, was hinter dieser ganzen Geschichte steckt. Und jetzt.
In die Straße einbiegen, in der sie bald auf eine U-Bahn Station treffen wird; auf deren mehrspuriger, in der Mitte geteilter Fahrbahn die Fahrzeuge an ihr vorbeirauschen; Busse, Taxis, silberfarbene Limousinen, rote und blaue Kleinwagen; vor ihr das breite Trottoir, die Sicht bis zur nächsten Ecke, das diffuse, die Ferne verhüllende Leuchten der Lichtbäusche um Laternenköpfe über ihr; der eigene, bucklige Schatten tanzt um Lola, streckt sich, schrumpft, schrumpelt, verblasst. Springt aus dem nächsten Pfahl und schlägt erneut der Länge nach hin; immer wieder Aufleuchten von Bremslichtern, Ablenkung, das Blinken abbiegender Fahrzeuge, Heimkehrer darin oder Ausschwärmende, Gesichter; Ampeln, blaue Gebotsschilder.

Lola bahnt sich durch Bewegungen und Zeichen der nächtlichen Stadt einen Weg entlang der möglichen Kamerafahrt eines Films, der nie gedreht würde, die Musik dazu spielt im Kopf, ihre Schritte geben den Rhythmus vor, Fenster um Fenster, Haustüren, Schaufenster, manche für die Nacht vergittert, andere in spärliches Licht getaucht: Schuhwerk, Handtaschen oder Hüte und Mützen auf Plexiglas oder Gestänge. Puppen in Hochzeitskleidern. Glitzernde Abendkleider. Abgefahren. Und jetzt. Nein, kein Zimmer, keine Wände. Lola spürt die Nacht. Sie ist wach.
Ihr Gang wandelt sich zum Schlendern, Eile ist unnötig, weiß Lola – Eile ändert nichts.
Auf der Höhe der nächsten Bushaltestelle angekommen, zögert sie. Niemand wartet dort, sie könnte eine Pause einlegen oder den nächsten Bus nehmen, sie könnte die Nacht in Bussen verbringen, schon sitzt sie, streift den Rucksack ab.

Später – sie hat jedem Bus nachgeschaut, der die Haltestelle wieder verlassen hat – bemerkt sie, wie kalt ihr geworden ist und dem nächsten Bus entsteigen Leute, eilen davon. Noch immer bewegt sich Lola nicht, wird auf die Taxis aufmerksam, die nun öfter aufzutauchen scheinen, spielt mit dem Gedanken, sich zurückbringen zu lassen, sie könnte jemand herausklingeln, sich die Haustür öffnen lassen und den Morgen vor ihrer Wohnungstür sitzend abwarten. Ein weiterer Bus hält, die hintere Doppeltür öffnet sich.
»Vorsicht!«, ertönt es ins Zischen der Druckluft, zwei steigen aus, sich an den Händen haltend. Eine, auf hohen Absätzen balancierend, hakt sich bei der Anderen unter, sobald der Bus losfährt, beide lachen leise, entfernen sich. Noch später nähert sich ein dunkler Hund, schnüffelt am Rucksack, an Lolas Stiefeln – ein scharfer Pfiff, das Tier horcht auf, rennt davon.

Die Tür. Sie wird versuchen, das Schloss zu knacken, es wird ihr gelingen, in die Wohnung zu gelangen, sie sieht sich dabei zu, wie sie mit Hilfe der Werkzeuge, die sie der Liste der am Morgen zu erledigenden Einkäufe hinzufügt, eindringen wird, sich dem stellen, was auch immer die Verrückte oder sonst wer dort angerichtet haben könnte. Schließlich steht sie auf, will den Rucksack schultern, um den Rückweg zu Fuß anzutreten. Ein Wagen fährt ganz langsam, wie im Ausrollen heran, hält einige Meter weiter. Als die Warnblinkanlage einsetzt, jemand aussteigt und zu ihr her sieht, hält sie inne, lässt die Last sinken.

»Kommst du?«
Der Fahrer. Lola greift erneut nach dem Rucksack, aber er kommt ihr entgegen, nimmt ihn an sich. »Wo willst du denn hin, mit so schwerem Gepäck?«
»Es ist nicht mein Gepäck.«
»Aha.« Er verstaut den Rucksack auf der Rückbank, öffnet ihr die Beifahrertür. »Steig ein.«

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Abgefahren – 3

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Während André, der Bühnenmensch, auf den Stapel zugeht, ein Buch zur Hand nimmt und es aufschlägt, beginnt ein Wort, sich in Lolas Kopf zu wiederholen, sich einzunisten. Ausgesperrt. Ausgesperrt – und nicht den Schimmer einer Idee, wie es dazu hat kommen können. Die Frau, diese Verrückte, war mit Lolas Schlüsselbund einfach verschwunden, und sie selbst nach draußen vor das Gasthaus geeilt, den fremden Rucksack in den Armen, ihn wie ein Kleinkind an die Brust gedrückt haltend.

Der Koffer wird unnötig schwer. Die schwarze Mutter steht am äußersten Bühnenrand. Wozu brauchst du Bücher. Es ist keine weite Reise. André schüttelt den Kopf.
Wer weiß. Pläne ändern sich.
Lies Zeitung. Du fällst noch aus der Zeit, wenn du weiter bei deinen alten Büchern bleibst.
Lass mich in Frieden.
Klopfen. André, kommst du.
Ellas Stimme, laut. Unsicher.
Weg von hier, sagt sich Lola. Sie will nicht wissen, wohin einer wie André fährt, worauf er abfährt, ob er wegbleibt, was er wagt. Oder doch? Das Schlafzimmer beginnt, sich fortzubewegen, von rechts schiebt sich schwer der Raum vom Anfang des Stücks ins Blickfeld der Zuschauer, Lola späht über einen wie im Mondlicht abschüssig vor ihr liegenden Acker voller Kohlköpfe, nichts passt, denkt sie, draußen die Stadt, meine Stadt, ausgesperrt.
Könnte es sein, sie solle, im Schutz der Dunkelheit des Zuschauerraums stillhaltend, ausharrend: den Lauf der Dinge nachvollziehen, überprüfen, sich einem Ausloten aussetzen und – muss sie, darf sie die Tarnung als Zuschauerin hinnehmen, sitzenbleiben und zusehen, soll sie nach der Pause weiter hier sitzen – weil jemand, den sie nicht kennt, den sie vielleicht kennt, es so gewollt, so eingerichtet hat, sie dirigiert? Wird sie nicht vielmehr aufstehen müssen, das Theater vor dem Ende des Stücks verlassen müssen und sich die Chance einräumen, den Verdacht der Vorhersagbarkeit ihres Handelns zu entkräften – aus der Rolle zu schlüpfen?

Warum sollten Sie Ihren Plan ändern. Sagt Iser, der graue Iser, auf der Bühne. Lola hat einen Teil des Schlagabtauschs verpasst, ertappt sich beim Erstaunen über die Aufstellung der Figuren im nun hell erleuchteten Segment. Wer spricht zu wem, um wessen Plan dreht sich alles – Lola wird erneut aufmerksam, wundert sich nicht darüber, lässt sich einweben; so ist es immer, es hat mit Da-Sein zu tun, mit Stoffen, sie kennt sich, wenigstens jetzt.

Alles sei ganz einfach: Jeder der Anwesenden, sagt Iser, werde den Abend wie ursprünglich geplant verbringen, schließlich sei es noch früh genug.
Hätte ich geahnt, dass der Hausherr in Reisevorbereitungen steckt.
André. Für Freunde der Dame des Hauses: André.
Prost. Iser hebt sein Glas. Gute Reise, André. Karl, wir sollten unsere unfreiwilligen Gastgeber allein.
Warum so eilig. André bewegt sich auf die Frau im Abendkleid zu.

Lola ist schon auf den Beinen. Bevor das nächste Wort fällt, drückt sie die Tür auf, durch die sie vor weniger als einer halben Stunde hereingelangt ist. Eilt die Treppen hinab, steuert den Tresen der Garderobe an, schiebt der Frau dahinter, die sich schon erhoben hat, das metallene Plättchen mit der 49 zu.
»Furchtbar.«
»Wie bitte?«
»Das Stück.« Schnell, ein Lächeln. »Furchtbar langweilig.«
Die Frau zuckt mit den Schultern und dreht sich um, holt Lolas Jacke und den Rucksack vom Haken. Drei Männer trinken Kaffee um den niedrigen Tisch einer der Sitzgruppen, die wie Inseln oder Flösse über den polierten, wässrig schimmernden Boden der Halle verteilt ankern.
Einer der drei ist der Platzanweiser von vorhin, schaut herüber.

»Bitte.« Erst die Jacke, dann der Rucksack. »Schönen Abend noch.«
Lolas Kehle ist trocken. Sie nickt.

Draußen empfängt sie ein kühler Wind und lässt ihr Haar auffliegen, streicht wie zum Gruß über ihren Nacken. Lola schließt die Jacke. Bald nach den Schaukästen des kleinen Theaters, aus denen Plakate Abgefahren, Abgefahren spotten, biegt sie ab, geht der nächsten Kreuzung entgegen, dort wird sie auf eine Hauptverkehrsader stoßen.

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Abgefahren – 2

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Hunger. Ella tanzt ein paar Schritte, nähert sich André, der gerade die Musik abgedreht hat. Es ist ganz still. Die Schauspielerin legt von hinten die Arme um André, umschlingt ihn. Im Saal hustet jemand. Lola schreckt auf, merkt, dass sie schläfrig geworden ist.
Du reibst dich an mir.
André dreht sich um, Ella löst sich von ihm, durchquert das Zimmer bis zum Bühnenrand.
An wem sollte ich mich sonst reiben. Sie geht, schlendert. Am Rand entlang.
Und morgen wirst du fort sein.

Lola setzt sich zurecht. Unruhe in den Beinen. Von der Bühne ertönt eine Türglocke. Erwartest du jemand? Fragt André. Verschwindet von der Bühne, aus dem Zimmer; kurz darauf erscheint sein Schattenriss hinter einem der Fenster. Ella streicht ihren Rock glatt. Soll fahrig wirken.
Geräusche. Murmeln. Zwei Männer, einer weißhaarig, und eine Frau in einem langen Abendkleid erscheinen, Ella dreht sich um. Bleibt stehen, zeigt dem Publikum den Rücken. Alles Theater, sagt sich Lola, André schneidet Grimassen, wie zur Bestätigung, als er hinter den drei Besuchern die Bühne wieder betritt, Ella lacht punktgenau während des folgenden Frage- und Antwortspiels, das sich abspult, perfekt einstudiert, denkt Lola, mit dem absehbaren, mit gebührendem Sprachwitz, der Erörterung von Gründen für das geplante, überraschende Auftauchen der Besucher, Lola wird eingewickelt, lässt es geschehen, Stoff, Anprobe, Drapieren, Projizieren und doch bleibt der Abstand, das Abweichen; Ahnung, Wiedererkennen, rasch verworfene Vergleiche, neue Fragen; Unverständnis, Zweifel gegenüber der eigenen, ihr zugewiesenen Rolle – ihrer Rolle dort draußen, vor den gläsernen Eingangstüren in der Front des Theaterhauses; draußen in den Straßen. Wo die Nacht längst begonnen hat, echte Nacht, in die Lola hinausdenkt, während Ella unter einem Vorwand aus dem Raum hinter die rechte Seite des Segments verschwindet und der jüngere, hagere Besucher: Karl – hilfst du mir tragen – ihr folgt. Dem Verlauf des Geschehens entlang trennt Lola die Stimmen voneinander, ordnet Klang entsprechenden Stimmungen zu, meint, die Rollen der Tatkräftigen von denen der Mitläufer unterscheiden, die der potentiellen Opfer nachskizzieren zu können, dann: Geräusche aus dem Bühnenuntergrund, gedämpft. Das Fensterzimmer beginnt eine Drehbewegung nach links, die Figuren – ein fiebernder André, der Weißhaarige und die Abendkleidträgerin – erstarren in ihrer jeweiligen Haltung und verschwinden gemeinsam im Dunkel, während von rechts ein weiteres Kuchendrittel hergleitet, erkennbar: die Küche; noch stehen der hagere Mann und Ella wie Statuen. Sie, einem bulligen Kühlschrank zugewandt, er, einen Arm in ihre Richtung erhoben, beide haltlos im Raum.

Das war keine gute Idee. Ella wendet sich Karl zu.
Eine der besten, seit ich dich.
Du hast getrunken.
Mut.
Macht aus Feiglingen keine Helden, das Trinken.
Ella greift nach einem Tablett, beginnt, es mit Gläsern zu bestücken, sammelt dies und jenes, öffnet und schließt zwischen abgezählten Schritten Schranktüren, immer wieder die Kühlschranktür. Karl folgt, steht im Weg, tritt zurück, weicht aus, folgt wieder.
Er wird denken, Iser hätte Marie im Auge und ich sei eifersüchtig.
Wozu das Ganze.

Ja, wozu. Lola rutscht tiefer in ihren Sitz, beginnt, auf die Pause zu warten, in der sie das Theater verlassen könnte.
Ich wollte ihn sehen, dich mit ihm sehen, ich wollte wissen. Karl muss Ella das Tablett abnehmen. Klirren.
Komm schon, versteh doch.
Pass auf, wo du hinläufst. Du hast mich überrumpelt. Wusstest, dass ich niemals einverstanden gewesen.
Wir bleiben nicht lange.
Das will ich hoffen.
Du freust dich nicht, mich zu sehen.
Karl. Du verstehst nicht. Komm jetzt. Sie warten schon zu lange.

Das Bühnenkarussell dreht sich wieder. Es dreht sich weiter. Alles dreht sich weiter, denkt Lola, draußen dreht sich die Stadt unter der Nacht einem Morgen entgegen; wo wird sie hingehen, wie wird sie diese Nacht verbringen. Diese Spielfiguren auf der Bühne – und jetzt schließt sich der Kreis, sie sieht das letzte, bis dahin noch unbekannte Drittel auftauchen, als blättere jemand eine Seite in einem Bildband um – alles, was die Figuren tun oder unterlassen, was diese Gaukler dort unten vorgeben zu tun, welche Schritte sie ihr vormachen – all dies Bebilderte, Geschriebene, Gespielte stellt sich ihr in den Weg, sie hat keinen Schlüssel, ihre Schlüssel wurden ihr entwendet. Schwindel. Auf der Bühne ist ein Bett zu sehen, ein offenstehender Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. Und André, über einen auf dem großen Bett liegenden, aufgeklappten Koffer gebeugt.

Einen Moment lang bleibt das Bild still, ist der Schauspieler ein Teil der Komposition des Bühnenbilds und dem Betrachter bleibt noch Zeit, bevor er erneut zum Zuschauer wird. Eine kurze Zeitspanne, in der sich Lola einen Überblick verschafft, die wenigen weiteren Details wahrnimmt – die dürre Stehlampe neben dem Tisch und wie sie sich über Bücher darauf beugt, sie mittels ihres gelblichen Scheins zu einer Skulptur hochstapelt; zwei blasse Monde auf den Laken, von Leseleuchten über dem Kopfende des Bettes geworfen – bevor die Figur in Bewegung gerät, sich langsam aufrichtet, sich vom Bett abwendet, auf den Tisch zugeht.
Lola und ihr Erschrecken. Der Stapel. In ihrer Wohnung, aufgeschichtet an der Wand in seinem Arbeitszimmer. Sie hat ihn sich vornehmen wollen, hat sich doch für morgen vorgenommen, jedes einzelne Buch in die Hand zu nehmen, darin zu lesen. Herzklopfen.

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