Kategorie-Archiv: Lose Prosa

Kurzprosa

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Das Überleben der Stimmbänder

 

Je suis mon oreille
Il se tend vers
cette profondeur
Un drôle de cadeau
Quelle idée de se
débarrasser dʼune cruche
Je vois. Au fond
brille du noir
Je ne la remplirai pas

 

Du hast ihn ausgespült und kopfüber abtropfen lassen, du reibst ihn ab und dann drehst du das Tuch hinein, bis er innen ganz trocken ist. Er glänzt, dein Krug, und trägt ein gutes Stück zu deiner Zufriedenheit bei – vielleicht denkst du, sie könnte eine Weile bei dir wohnen bleiben – und gleich wirst du ihn in einem Schrank verstauen.

Wer weiß, wo du wohnst. Im wievielten Stockwerk die Wohnung liegt. Gibt es einen Fahrstuhl, und wie sieht der Schrank aus, der entweder in der Küche hängt oder in dem Raum steht, wo der Hund liegen und den Kopf heben könnte, wenn du jetzt mit dem Krug in der Hand hereinkommst?

Vielleicht besitzt du keinen Krug. Möglicherweise war es ein Aschenbecher, den du gereinigt hast, den du wieder auf den Balkon hinaustragen wirst. Du bist Nichtraucher? Es könnte sein, dass der Aschenbecher für Besucher bereitstehen soll, die später am Abend noch absagen werden. Auf dem Weg zum Schreibtisch oder ins Badezimmer kommst du an der Stelle vorbei, wo an der Wand ein Platz für das Foto wäre, das dich mit dem Hund zeigt und du bleibst stehen. Man ruft dich, gleich beginnt der Film oder die Reportage oder das Fußballspiel.

Dir fällt auf, dass du heute keine Rückenschmerzen hattest. Morgen könntest du einen Rahmen besorgen, das Foto ausdrucken lassen, denkst du, als dir einfällt, dass Feiertag sein wird. Es war eine gute Idee, das Fernsehgerät abzuschaffen, da seid ihr euch einig. Nach dem Abendessen wird eingefroren, was übrig blieb. Du suchst ihr das Buch heraus, aus dem sie vorlesen wird. Sie schenkt den Rest aus der Flasche gleichmäßig in die beiden Weingläser. Du lächelst, das Rot des Traubensafts im dritten, kleinen Glas ist dasselbe.

In der Nacht gehst du den Weg durch den Garten bis zum Ende des Grundstücks, freust dich, im Herbst die Büsche gepflanzt zu haben, in einigen Jahren wird der Zaun nicht mehr zu sehen sein. Nach dem langen Wochenende – dem vorläufig letzten, an dem du frei nehmen konntest – werdet ihr in die Stadt zurückfahren. Du beachtest den Himmel nicht, obwohl nirgends so viele Sterne zu sehen wären, wie hier draußen auf dem Land. Du atmest tief ein und aus.

 

 

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’14

 

zone rouge

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’14

 

Es saß ein dunkles Tier (und durchaus wohlgesinnt) nicht weit, und auf demselben kühlen Grund, den ja auch ich so deutlich durch die Sohlen meiner nackten Füße spüren konnte. Sein Atmen (Hecheln?), vielleicht dazu das Zittern seiner Pfoten (Tatzen?) bewegten sacht sich zu mir her – wie feuchte Luft es kann, die lang schon vor dem Regen von ihm kündet.

Klang und Echo, Töne und ihr Schwingen, vieles davon war bereits verschluckt von dieser Nacht. Schwach hingen Schemen im Gestrüpp um uns wie Schwaden, gaukelten Gesichter, Schädel, Masken längst Gefallener; schlingernder Bilder bittendes Wollen: Bewegt euch! Zeigt euch berührt! traf die Ruhe mitten in ihr Herz, und so verließ sie mich – ich blieb allein mit diesem Tier.

Vom Horizont her, den ich nie für echt gehalten, der sich am Tag so fern im Hitzedunst verlor, dem ich also nicht trauen durfte … jetzt! Da stiegen Lichter! Blitze fielen, Feuerstreifen schlugen quer und Funken schweiften. Flüsterfunken: Urenkel jener, die vor hundert Jahren und seither, Horden ihrer Kinder kaum ein Pulverfass verfehlen ließen. Das Schweifen sah ich, hörte ich das Flüstern?

Duckt euch, Fassaden, eure Häuser sind entkernt! Zone rouge taufte man und würde wieder so genannt: Landschaft, der aus Gräben, Kellern, Kratern die Schösslinge der Bäume sprießen, die von Blut und Gift sich nähren müssen.

Das Tier war jetzt ganz nah, in seinem Blick glühte des Stiebens Widerschein und ich sah meine Sorge dort gespiegelt, ahnte dennoch, dass der neue Morgen bald ein weiteres Vergessen, ungerechten Schlaf uns brächte.

 

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