Abgefahren – 9

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»Jedes mal, wenn du wieder auftauchst, traue ich meinen Augen nicht.«

Ihm ist nicht anzusehen, ob er hört, was sie sagt. Lola kämmt noch ihr nasses Haar mit den Fingern, betritt jetzt die Küche. Er beschäftigt sich weiterhin damit, jedes einzelne Teil seiner Ausrüstung an einen bestimmten Platz in der Kammer zu räumen, sie weiß, er wird seinen Rucksack und die Jackentaschen bis aufs letzte Stück leeren, wird sich anschließend, falls nötig, dem Schuhwerk widmen. Als er jetzt kleine Säcke und Dosen, schließlich ein Brot zutage fördert und sich ohne einen Blick in Lolas Richtung in der Küche umherbewegt und danach in den Flur verschwindet, verfolgt sie, nur von Geräuschen geleitet, sein weiteres Tun – ein oder zwei mal räuspert er sich, sie hört die Truhe knarren, er hat sich gesetzt, folgert sie, bürstet die Wanderstiefel.

Als es ganz still wird, kommt eine Furcht gekrochen und sofort setzt Lola sich in Bewegung, um sie klein zu halten, vom Nacken fernhalten und greifen zu können. Wenn es ihr nicht rechtzeitig entwischt, wird sie das Gefühl zu einem leblosen Knäuel zerquetschen, der in einer Faust Platz fände, den sie zusammenpressen und in die Hosentasche schieben könnte, dort vergessen.

Der Flur ist leer, niemand sitzt auf der Truhe. Erst als sie daran vorbeigehuscht und schon an der halb geöffneten Stubentür angekommen ist, bemerkt sie seine Stiefel, die er neben ihre gestellt hat. Sieht Gernot durch das Zimmer gehen. Er scheint so wirklich, auch wenn nicht eine Diele unter seinem Gewicht ächzen müsste. Lola schaut ihm zu, lauscht.

Gernot, wie er vor dem Rucksack stehen bleibt, der jetzt schlaff an einem Stuhlbein lehnt, halb auf den Holzboden gerutscht wie ein Betrunkener, der dort eingeschlafen ist, wo man ihn hingesetzt hat. Den hat sie am Vormittag aus der dunklen Kammer geholt, wo er seit der Ankunft verstaut gewesen war; hat ihn endlich geöffnet und seinen Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet, dann geordnet; es ist kaum noch etwas vom Holz der Tischplatte zu sehen.

Gernot, wie er beide Arme hebt, sie wieder sinken lässt, als wären die Hände zu schwer.

»Wenn du dich weit genug von einem Ort entfernst, dann kann es passieren, dass du nicht wieder zurückfindest. Falls aber doch, wird sich der Ort verändert haben; so, wie du nicht derselbe Mensch geblieben sein kannst.« Er spricht langsam, als müsse er sich des Wortlauts oder einer Reihenfolge versichern.

»Hast du dich verirrt?« Unsinn. Die Vorstellung passt nicht. – »Du kennst dich doch aus in der Gegend.« Lola hat die Stubentür geschlossen, steht mit dem Rücken zur Wand.

»Du erinnerst dich auch nicht – das hast du mir doch bestätigt, als wir ankamen? – Heute war ich auf Abwegen, oder … vielleicht hab ich mir mehr zugetraut als sonst. Ein wenig zu viel.«

»Was ich hier sehe, auch die Umgebung … doch, alles ähnelt durchaus dem, was ich aus deinem Erzählen kannte. Vielleicht ist dir nicht bewusst, wie wenig du erzählt hast – zumindest mir.« Jetzt. Jetzt kommt eine Reaktion aus ihm, reißt ein Schleier, der Lola vor solchen Blicken geschützt haben musste, wie ihr im selben Moment klar wird.

»Es war schon zu spät für Einzelheiten, als wir uns getroffen haben.«

»Du hast mich damals angesprochen. Das ergibt keinen Sinn für mich … es war zu spät. – Meinst du das hier?« Lola zeigt auf den Tisch. »Der Ort, an den du zurückgekehrt bist, ist nicht mehr derselbe? Ich werd alles wieder einpacken, das dauert nicht lange.«

Gernot tritt dicht an den Tisch und Lola hört das Klickern des Schlüsselbunds, als er ihn aufnimmt und wieder zurücklegt.

Sie hat selbst keine Erklärung, hat die zweite Hälfte des Tages über erfolglos nach einer gesucht, auch dann noch, als sie schließlich alles liegengelassen und sich mit einem der Bücher auf die Stufen hinterm Haus gesetzt hat, und erst recht beim Kartoffelschälen am Abend.

»Es sind die Schlüssel zu meiner Wohnung. Auch alles andere stammt von dort.«

»Du hast gesagt, dass es nicht deine Sachen …«

»Wegen des Rucksacks. Er gehört mir nicht.«

»Und wie …? « Gernot dreht sich zu ihr um.

» … die Sachen in den Rucksack da kamen? Ist mir auch nicht klar. Jedenfalls sind sie hier.«

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