Abgefahren – 8

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Sie wundert sich nicht, als an einem Vormittag – dem vierten? – der Türknauf ihrem Drehen nachgibt und die Tür zum Abhang hinter dem Haus sich ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel hat im Schloss gesteckt, so, wie er es angekündigt hat für den Fall, dass er ihn wiederfände – er selbst habe den Grund nicht betreten, hat Gernot gestern Abend gesagt, seit er mit dem Ausbessern der Trockenmauer fertig geworden sei und sich den dringenden Arbeiten im Haus zugewandt habe.

Heute, wie schon am Tag zuvor, hat er das Haus verlassen, bevor sie erwacht ist. Einer der aus einseitig bedrucktem Papier zurechtgeschnittenen Zettel hat auf dem Tablett neben der Thermoskanne gelegen: Bin gegen Abend zurück.

Jetzt steht sie offen, die Tür, gibt den Blick auf steinerne Treppenstufen frei, die steil nach unten auf das Grundstück führen. Dort trifft die letzte auf eine von Moosen, Gräsern und Flechten bedeckte Fläche, als habe der Garten begonnen, die Treppe zu verschlucken; als verberge das krautbärtige, ansonsten unkenntlich gewordene Gesicht eines verwesenden Riesen etwas darunter Gelegenes, einen inneren Ort. Geheime Räume, die einstmals über diese Stufen erreichbar gewesen sein könnten und nun unter Erde und überwachsenem Geröll versiegelt und begraben lägen.

Es gibt keine Notwendigkeit für Erklärungen, im Nachhinein, warum und auf welche Weise ein Gedanke zum nächsten führt und wie es sein kann, dass sich ein Nachdenken verästelt und an feinen Zweigen Knospen bildet, aus denen Blüten platzen werden.

Jede für sich zart und durchscheinend, wie es Ahnungen eben sind – und käme da nicht der nächste Windstoß, bliebe Lola noch länger an den Türrahmen gelehnt stehen, ohne überhaupt zu bemerken, wie bald sie weit entfernt vom Stamm der klaren Gedanken wäre, und haltlos.

Lola schenkt sich Kaffee ein, setzt sich auf eine der oberen Stufen.
Sein Lachen – daran denkt sie jetzt, fröstelnd vom Alleinsein oder vom Kältereiz, den der Stein leitet. Sie bewegt die Zehen in den Socken, seinen, die ihren Füssen zu groß sind.

Dampf schlängelt aus der Tasse.

»Gernot.«
»Stimmt was nicht, mit dem Namen?«
»Das müsste ich dich fragen. Immerhin hast du lange damit hinterm Berg gehalten.«
»Vielleicht finde ich dort morgen einen anderen?« Sein Lachen – ein hüpfendes, das sie losgetreten hat, ein paar Steine aus einer Geröllhalde – kurz darauf ist es wieder still gewesen.

Welcher Art Zufall es zuzuschreiben bleibt, dass sie hier einem weiteren Abend oder Morgen entgegen tagträumt und nicht in einer halbleeren Stadtwohnung, umgeben von unfertigen Plänen, begonnenen Zeichnungen und zurückgelassenen oder vergessenen oder ungelesenen Büchern, darüber wird sie später nachdenken, wenn die Zeit bis zu Gernots Rückkehr sich dehnen und eine Art von Unsicherheit ranken würde; wenn das Dunkel aus dem Tal herauf kommen, irgendwann von der Nacht selbst nicht mehr zu unterscheiden sein könnte.

In kleinen Schlucken trinkt sie, beobachtet nacheinander jede der Gestalten, die sie unter die Bäume oder dahinter in die Wiese vor der Mauer projiziert. Keine sieht danach aus, als fehle es ihr an etwas und es formt sich in Lola kein Ruf, keine Anrede. Ihr genügt, sie zu sehen, ihren Gesten abzulesen, wie sie erzählen; sich vorzudenken, was ihnen zugefügt wurde, ihnen widerfahren ist.

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