Archiv für den Monat: Juni 2018

Rückkehr ist ein Abstelltraum

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Rollladen rattert schon wieder ein Tag
am Ende sage ich mir wenigstens regnet’s
gegen mein Haus der Wolkenwand die Wut ab
zu fassen wäre kaum ein Glück so leicht
wie das gedörrte hinter mir im Schrank

unterm Stapel drücken sich Knisterlaute
weiter vorm Angriff auf die Stille mein
Erbe verwalte ich nachts steht die Tür
haargenau um den Spalt offen zuzugeben
Rückkehr ist ein Abstelltraum fehlte jetzt

gerade noch gelingt der rote Morgen
betet jeder Schmerz ein junger Vogel
runter und mir dämmert ich muss eingeknickt
sein Sprechgesang stopft den Geschmack
von Rache hinter meine Zunge leckt am Silber

Benommen noch das Haar zerzaust zum ersten
Kaffee in Versen gedacht beim zweiten begriffen
wie Klänge sich weigern einmal verzerrt die schwersten
der Träume in seichte zu fälschen Noldes Schiffen
ein Ufer zu lügen Stege Bohlen bersten
zu lassen wie Brandung Wogen über Riffen
Dem Schaum des dritten mag das Bild gelingen
Soll der dem trocknen Satz ein Rund entringen

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Abgefahren – 9

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»Jedes mal, wenn du wieder auftauchst, traue ich meinen Augen nicht.«

Ihm ist nicht anzusehen, ob er hört, was sie sagt. Lola kämmt noch ihr nasses Haar mit den Fingern, betritt jetzt die Küche. Er beschäftigt sich weiterhin damit, jedes einzelne Teil seiner Ausrüstung an einen bestimmten Platz in der Kammer zu räumen, sie weiß, er wird seinen Rucksack und die Jackentaschen bis aufs letzte Stück leeren, wird sich anschließend, falls nötig, dem Schuhwerk widmen. Als er jetzt kleine Säcke und Dosen, schließlich ein Brot zutage fördert und sich ohne einen Blick in Lolas Richtung in der Küche umherbewegt und danach in den Flur verschwindet, verfolgt sie, nur von Geräuschen geleitet, sein weiteres Tun – ein oder zwei mal räuspert er sich, sie hört die Truhe knarren, er hat sich gesetzt, folgert sie, bürstet die Wanderstiefel.

Als es ganz still wird, kommt eine Furcht gekrochen und sofort setzt Lola sich in Bewegung, um sie klein zu halten, vom Nacken fernhalten und greifen zu können. Wenn es ihr nicht rechtzeitig entwischt, wird sie das Gefühl zu einem leblosen Knäuel zerquetschen, der in einer Faust Platz fände, den sie zusammenpressen und in die Hosentasche schieben könnte, dort vergessen.

Der Flur ist leer, niemand sitzt auf der Truhe. Erst als sie daran vorbeigehuscht und schon an der halb geöffneten Stubentür angekommen ist, bemerkt sie seine Stiefel, die er neben ihre gestellt hat. Sieht Gernot durch das Zimmer gehen. Er scheint so wirklich, auch wenn nicht eine Diele unter seinem Gewicht ächzen müsste. Lola schaut ihm zu, lauscht.

Gernot, wie er vor dem Rucksack stehen bleibt, der jetzt schlaff an einem Stuhlbein lehnt, halb auf den Holzboden gerutscht wie ein Betrunkener, der dort eingeschlafen ist, wo man ihn hingesetzt hat. Den hat sie am Vormittag aus der dunklen Kammer geholt, wo er seit der Ankunft verstaut gewesen war; hat ihn endlich geöffnet und seinen Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet, dann geordnet; es ist kaum noch etwas vom Holz der Tischplatte zu sehen.

Gernot, wie er beide Arme hebt, sie wieder sinken lässt, als wären die Hände zu schwer.

»Wenn du dich weit genug von einem Ort entfernst, dann kann es passieren, dass du nicht wieder zurückfindest. Falls aber doch, wird sich der Ort verändert haben; so, wie du nicht derselbe Mensch geblieben sein kannst.« Er spricht langsam, als müsse er sich des Wortlauts oder einer Reihenfolge versichern.

»Hast du dich verirrt?« Unsinn. Die Vorstellung passt nicht. – »Du kennst dich doch aus in der Gegend.« Lola hat die Stubentür geschlossen, steht mit dem Rücken zur Wand.

»Du erinnerst dich auch nicht – das hast du mir doch bestätigt, als wir ankamen? – Heute war ich auf Abwegen, oder … vielleicht hab ich mir mehr zugetraut als sonst. Ein wenig zu viel.«

»Was ich hier sehe, auch die Umgebung … doch, alles ähnelt durchaus dem, was ich aus deinem Erzählen kannte. Vielleicht ist dir nicht bewusst, wie wenig du erzählt hast – zumindest mir.« Jetzt. Jetzt kommt eine Reaktion aus ihm, reißt ein Schleier, der Lola vor solchen Blicken geschützt haben musste, wie ihr im selben Moment klar wird.

»Es war schon zu spät für Einzelheiten, als wir uns getroffen haben.«

»Du hast mich damals angesprochen. Das ergibt keinen Sinn für mich … es war zu spät. – Meinst du das hier?« Lola zeigt auf den Tisch. »Der Ort, an den du zurückgekehrt bist, ist nicht mehr derselbe? Ich werd alles wieder einpacken, das dauert nicht lange.«

Gernot tritt dicht an den Tisch und Lola hört das Klickern des Schlüsselbunds, als er ihn aufnimmt und wieder zurücklegt.

Sie hat selbst keine Erklärung, hat die zweite Hälfte des Tages über erfolglos nach einer gesucht, auch dann noch, als sie schließlich alles liegengelassen und sich mit einem der Bücher auf die Stufen hinterm Haus gesetzt hat, und erst recht beim Kartoffelschälen am Abend.

»Es sind die Schlüssel zu meiner Wohnung. Auch alles andere stammt von dort.«

»Du hast gesagt, dass es nicht deine Sachen …«

»Wegen des Rucksacks. Er gehört mir nicht.«

»Und wie …? « Gernot dreht sich zu ihr um.

» … die Sachen in den Rucksack da kamen? Ist mir auch nicht klar. Jedenfalls sind sie hier.«

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Abgefahren – 8

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Sie wundert sich nicht, als an einem Vormittag – dem vierten? – der Türknauf ihrem Drehen nachgibt und die Tür zum Abhang hinter dem Haus sich ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel hat im Schloss gesteckt, so, wie er es angekündigt hat für den Fall, dass er ihn wiederfände – er selbst habe den Grund nicht betreten, hat Gernot gestern Abend gesagt, seit er mit dem Ausbessern der Trockenmauer fertig geworden sei und sich den dringenden Arbeiten im Haus zugewandt habe.

Heute, wie schon am Tag zuvor, hat er das Haus verlassen, bevor sie erwacht ist. Einer der aus einseitig bedrucktem Papier zurechtgeschnittenen Zettel hat auf dem Tablett neben der Thermoskanne gelegen: Bin gegen Abend zurück.

Jetzt steht sie offen, die Tür, gibt den Blick auf steinerne Treppenstufen frei, die steil nach unten auf das Grundstück führen. Dort trifft die letzte auf eine von Moosen, Gräsern und Flechten bedeckte Fläche, als habe der Garten begonnen, die Treppe zu verschlucken; als verberge das krautbärtige, ansonsten unkenntlich gewordene Gesicht eines verwesenden Riesen etwas darunter Gelegenes, einen inneren Ort. Geheime Räume, die einstmals über diese Stufen erreichbar gewesen sein könnten und nun unter Erde und überwachsenem Geröll versiegelt und begraben lägen.

Es gibt keine Notwendigkeit für Erklärungen, im Nachhinein, warum und auf welche Weise ein Gedanke zum nächsten führt und wie es sein kann, dass sich ein Nachdenken verästelt und an feinen Zweigen Knospen bildet, aus denen Blüten platzen werden.

Jede für sich zart und durchscheinend, wie es Ahnungen eben sind – und käme da nicht der nächste Windstoß, bliebe Lola noch länger an den Türrahmen gelehnt stehen, ohne überhaupt zu bemerken, wie bald sie weit entfernt vom Stamm der klaren Gedanken wäre, und haltlos.

Lola schenkt sich Kaffee ein, setzt sich auf eine der oberen Stufen.
Sein Lachen – daran denkt sie jetzt, fröstelnd vom Alleinsein oder vom Kältereiz, den der Stein leitet. Sie bewegt die Zehen in den Socken, seinen, die ihren Füssen zu groß sind.

Dampf schlängelt aus der Tasse.

»Gernot.«
»Stimmt was nicht, mit dem Namen?«
»Das müsste ich dich fragen. Immerhin hast du lange damit hinterm Berg gehalten.«
»Vielleicht finde ich dort morgen einen anderen?« Sein Lachen – ein hüpfendes, das sie losgetreten hat, ein paar Steine aus einer Geröllhalde – kurz darauf ist es wieder still gewesen.

Welcher Art Zufall es zuzuschreiben bleibt, dass sie hier einem weiteren Abend oder Morgen entgegen tagträumt und nicht in einer halbleeren Stadtwohnung, umgeben von unfertigen Plänen, begonnenen Zeichnungen und zurückgelassenen oder vergessenen oder ungelesenen Büchern, darüber wird sie später nachdenken, wenn die Zeit bis zu Gernots Rückkehr sich dehnen und eine Art von Unsicherheit ranken würde; wenn das Dunkel aus dem Tal herauf kommen, irgendwann von der Nacht selbst nicht mehr zu unterscheiden sein könnte.

In kleinen Schlucken trinkt sie, beobachtet nacheinander jede der Gestalten, die sie unter die Bäume oder dahinter in die Wiese vor der Mauer projiziert. Keine sieht danach aus, als fehle es ihr an etwas und es formt sich in Lola kein Ruf, keine Anrede. Ihr genügt, sie zu sehen, ihren Gesten abzulesen, wie sie erzählen; sich vorzudenken, was ihnen zugefügt wurde, ihnen widerfahren ist.

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