Archiv für den Monat: März 2017

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Eine Ausflugsfahrt zum Meer, hämmernde Rhythmen im vollbesetzten Wagen, die Vorfreude auf das Open-Air-Fest in wenigen Wochen fuhr mit, für drei von uns.

Steinige Strände wieder betreten, unterhalb von Riesenwänden der Steilküste; beobachten, wie das Meer sich langsam zurückzieht, den Sand und die von Muscheln und kleinen Krebsen bewohnten Felsen freigibt, endlich den Grund unter den nackten Füßen spüren. Später den Kleinsten aus den Augen verlieren, aufkommende Panik und erneutes, systematisches Absuchen der abwechselnd matten und glitzernden Weite des nassen Sands; seinen Namen rufen. Im flachen Wasser, weiter draußen jenseits der Wulst des Meeressaums, zwischen anderen: endlich. Umrisse des kleinen Körpers, die ihm eigenen, typischen Bewegungsabläufe, die Badehose – wiedererkennen, aufatmen, beobachten, mich nähern … und erinnern.

An die Sommer vor vielen Jahren, an ganz ähnliche Bilder; daran, wie Licht und Wolkenschatten mitspielten, als ich das Spielen und die Ernsthaftigkeit darin dank meiner Kinder wiederentdeckte; wie sie nach selbstvergessenem Sammeln und Formen und Graben zum fordernden, aktiven Miteinander, Gegeneinander wechselten. Szenen, die ich aufnehmen konnte, in die ich manchmal nur hineinhörte, wenn ich die Augen schloss: das Rauschen, die deutlich-feinen Stimmen der Kinder und wie sie mich aufforderten zu schauen, mitzuspielen. Staunen. Die Wärme und ein Wehen über allem, schließlich Kühle eines Abends und Aufbruch. Später noch die weiche Haut, müde Augen, vielleicht das Vorlesen.

Heute? Es fehlte der Glanz. Ich begriff, was geschieht, wenn die Zuversicht von Ernüchterung abgelöst, aufgelöst worden ist: sie zersetzt selbst Erwartungen oder Plänen das Schimmern, alles Gegenwärtige wirkt schon blass oder matt. Jener Schimmer – der wie von einem leichten Gewebe herrührt, das die Freude übers Land gebreitet hätte; der einen Horizont zwar unschärfer, gar ungewisser, dennoch nie unerreichbar erscheinen lässt – war verschwunden.

Im stetigen, kühlenden Wind spürte ich die Kraft der Sonne nicht auf meiner Haut, wusste aber, wie tief sie dringen, mir Stirn und Arme versengen konnte.
Über dem Gestern und dem Jetzt schien derselbe Himmel. Sein Leuchten aus einer Tiefe, von weit her – wieder gingen Blicke verloren, manche aber verfingen sich in Details, dem Segelflug einer Möwe oder der Abbruchkante einer Felswand. Ein immer öfter verscheuchtes, unerwünschtes Sehnen wehte mit der Brise heran, aber ich wehrte mich, griff in mein auffliegendes Haar, bändigte, zwang es mit geübten Händen in einen Knoten: lieber begann ich erneut, in den tausenden glatt- und rundgeschliffenen Steinen nach Formen Ausschau zu halten. Die uralten Figuren faszinierten mich, wie
GEMACHT oder bearbeitet manche doch aussahen – wie perfekte Miniaturen, Henry-Moore-Skulpturen in einer Zwergenwelt.

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Abgefahren – 7

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Er sagt nichts. Stellt keine Frage. Sitzt, ihr gegenüber, auf einem Stuhl und rührt in seinem Kaffee. Lola schreckt wie aus kurzem Schlaf auf – die letzten Minuten sind ihr entgangen, dabei muss sie sich auf die Bank gesetzt und ihm dabei zugesehen haben, wie er den Kaffee einschenkt.

»Wo sind wir?«
Er schaut auf. Sieht sich um, als müsse er, um die Frage beantworten zu können, sich zuvor orientieren oder im Raum einen Gegenstand ausmachen, woran eine Erklärung zu knüpfen wäre.
»Wir sind …«, beginnt er und stockt. Streicht sich über den kahlgeschorenen Kopf. »Es ist so was wie ein Zuhause.« Mit beiden Händen rückt er seine Tasse näher zu sich, schaut hinein. »Ein Ort, den ich mir zuerst ausgedacht, und dann … jedenfalls: ich habe ihn mir verdient.«
»Du wohnst hier?«
»Manchmal. Nie sehr lange. Wenn ich Pause habe – dann komme ich her und lüfte ordentlich durch.«
»Und jetzt … machst du gerade Pause?«
»Ich hatte es vor, ja.« Er trinkt, stellt die Tasse vorsichtig aufs Tablett. »Ich werde jetzt den Wagen zurückbringen, das wird eine Weile dauern. Das Bett drüben – es ist frisch bezogen.«

Mehrmals ist sie von der Stube durch den Flur in die Küche und von dort durch ein Bad ins Schlafzimmer und wieder in die Stube gegangen. Erst jetzt fügt sich der Grundriss des Stockwerks zu einem Viereck, als sie, erneut in der Küche angekommen, eine letzte Tür öffnet: zu einem Vorratsraum, der, ans Bad grenzend, zwischen Schlafzimmer und Küche liegt, nur von hier aus betreten werden kann.
Lolas Schatten liegt teils auf dem Boden der fensterlosen Kammer, teils über der Regalwand, er klettert dort über Kartons, aufgereihte Konserven und Bücher. Erinnerst du dich?
Lola schließt die Tür, dreht sich um, tatsächlich: Tageslicht. Durch zwei kleine Fenster und den oberen, verglasten Teil einer Tür dringt es herein und sie kann weit im Westen die felsigen Spitzen mächtiger Berge leuchten sehen. Es gibt keinen Plan, hier gibt es nur die Gegenwart, sagt sie sich, Räume, drinnen und draußen, und sie dreht am Knauf der Tür, die, so scheint es, ins Leere führt. Führen könnte, wäre sie nicht abgeschlossen – doch jetzt erkennt Lola weiter unten, hinter einzelnen Bäumen auf steil abfallendem Gelände, eine steinerne Mauer; dahinter liegt noch im Dunst, was sich vielleicht als Dächer von einzelnen, sich an den Hang schmiegenden Häusern entpuppen wird. Apfelbäume scheinen es zu sein, die dort warten, sechs oder sieben, von der hohen, knorrigen Sorte. Ihre dünnsten Äste, manche davon ganz ohne Blätter, einige in die Zweige ihrer Nachbarbäume fingernd, wippen und zittern; der Eindruck von Unschärfe in diesem Landschaftsbild hinter Glas, gerahmt vom dunkel gebeizten Holz der Tür, verstärkt sich weiter. Nur die zahlreichen Vögel, im Aufsteigen flatternd oder aus dem Himmel wie Geschosse gegenseitig ihre Flugbahnen kreuzend, versichern Lola erneut der Gegenwart und ihrer Wirklichkeit.

Auch aus dem Schlafzimmer kann sie den heraufziehenden Schwaden des weißen Morgennebels zusehen, bald steht das Haus in Wolken; ihre Müdigkeit tauscht sie gegen Vorfreude: Einschlafen in einem fremden Bett, Träumen vielleicht und Vergessen. Aber war es nicht das wiederholte Verschwinden, ein sich einander Aufwiegen von Erinnerung und Ernüchterung gewesen, wogegen sie sich gestern hatte wehren wollen? Sollte sie nicht wach bleiben und auf die Rückkehr ihres Gastgebers warten? Wie müde er sein musste, nach dieser Nacht. Wie weit war der Weg von dorther, wo der Besitzer des Wagens wohnte?

Ein Frösteln zuerst, als sie klammen Stoff auf der nackten Haut spürt, doch das Wolkenbett wärmt sich rasch an ihr. Sie nimmt sich vor aufzuwachen, sobald der Fahrer zurückkäme. Sie wird ihn nach seinem Namen fragen. Und danach, ob nicht auch er sie verwechselt hat.

Letzte Wachgedanken tanzen; ein Satz beginnt sich zu formen, ein Bild taucht auf. Sie will beides festhalten, weiß, es hat mit einem Versprechen zu tun, das jemand passiert ist, einem Irrtum – aber noch bevor sie den Gedanken eine Richtung geben, zu Formulierendes einordnen oder sich Details des Bildes einprägen könnte, löst sich alles in Verlust auf.
Sie hört den Fahrer nicht, als er zurückkommt; und der liegt ruhig atmend, nachdem er neben ihr eingeschlafen ist.

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