Archiv für den Monat: Februar 2017

Abgefahren – 6

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Sie hat nicht gefragt, wohin die Nachtfahrt geht. Auch dann nicht, als er an einem Rasthof gehalten und vollgetankt hat. Trotz des Bechers Kaffee und einer Zigarette während der kurzen Pause ist sie bald wieder eingeschlafen; später wird sie mehrmals von Bewegungen des eigenen Körpers geweckt, der Widerstand leistet, entgegen hält, wenn der Wagen aus Kurven heraus beschleunigt. Sie haben die Autobahn längst verlassen, wird Lola klar, als das fortgesetzte Schwappen eines weiteren Traums vorbei ist. Die Straßen sind schmal – beim Durchqueren von Waldstücken scheint ihr, eine dunkle Macht öffnete Tunnel zwischen Bäumen, deren Stämme weichen müssen, im letzten Moment gezwungen werden, Einfahrten freizugeben. Tore, die sich hinter ihnen verschließen; Einfahrten zu Tunneln, die wie brüchige Schläuche einer Last augenblicklich nachgeben, vom Wald zerdrückt, ihm einverleibt werden – sobald der Wagen sie passiert, sich hart auf den Fersen seines streunenden Scheinwerferlichts ein weiteres Stück hindurch geschlängelt hat.

»Wir sind da.« Er stellt den Motor ab. »Erinnerst du dich?«
»Noch nicht«, sagt Lola und sie sehen sich an, schauen einander in undeutliche Gesichter. »Es ist ja noch dunkel.«

Derselbe Fremde, der vertraute; seine Stimme – ist sie es, die sie so vermisst hat?

Sie steigen aus. Ihre Schritte verursachen kein Geräusch. Es ist das letzte Gebäude einer Reihe Wohnhäuser und Scheunen, vor dessen Tür der Fahrer jetzt stehenbleibt. Während er aufschließt, sieht sich Lola um: ein großer Hof oder der Rand eines Dorfes, aufwärts sind sie gefahren, die letzten Kilometer – und wäre es schon hell, müsste sie weiter als bis zu den dunklen Riesen sehen können. Aus ihren Kronen dringt ein Tuscheln herüber, dabei spürt sie den Wind nicht, vielleicht halten die Bäume ihn auf.

»Komm erst mal herein. Deine Sachen hole ich gleich.«
»Es sind nicht …«
»Stimmt ja.« Er lacht.
»Ich mache uns Kaffee«, sagt er und schaltet nacheinander das Flurlicht und die Beleuchtung eines großen, aber niedrigen Raums ein. »Die Stube. Das Schlafzimmer ist nebenan.«

Er nimmt Lola die Jacke ab, deutet auf eine gepolsterte Eckbank und verschwindet durch die Tür zum Flur. Metallische Geräusche dringen zu ihr, sie ist stehengeblieben, die Helligkeit im Raum passt nicht zu ihrer Müdigkeit, die nur den Körper beschwert, nicht aber im Kopf ankommt. Wie im Theater, denkt Lola. Hat die Vorstellung wirklich erst am Abend zuvor stattgefunden? Sie hört, wie die Haustür erneut geöffnet wird, kühle Luft dringt herein. Dann steht er vor ihr, stellt den Rucksack ab.
»Ich bin gleich soweit«, sagt er und greift die große Einkaufstasche fester, die er mit hereingebracht hat. »Das reicht fürs Erste – auch für zwei.«
Als er mit einem Tablett wiederkommt, schaut Lola noch immer unschlüssig auf den Rucksack.

»Wer weiß, wie lange es diesmal dauert, bis ich in die Stadt zurückkehre und in diese Wohnung gelange.«
Ihr fällt ein, dass er nichts weiß, nichts von ihrer Wohnung wissen kann. ›Dabei wollte ich nur hinunter, hinaus – eine Zeitlang durch die Straßen gehen‹, würde sie sagen, wenn er sie ansähe. Fragte er, was weiter passiert sei, oder warum sie nach Mitternacht noch dort gewartet hat, könnte sie antworten: ›Ich wollte Leuten zusehen, Leute hören. Ich bin dann in einem Restaurant gelandet, weil ich dachte, ich sollte etwas essen. Und dann … stand ich ohne Schlüssel da. Mit einem fremden Rucksack und einer Theaterkarte.‹

An dieser Stelle könnte sie auf den Rucksack deuten, vielleicht die zerknautschte Eintrittskarte aus ihrer Hosentasche hervorkramen und auf den Tisch legen, sie glattstreichen.

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sumpfgebiet, winter

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nicht alles schleimt was langsam in bewegung
rät nicht immer kriecht was aufwärts kommen
will wer weicht stößt krieger vor den kopf wenn


ich mich also ausgeschlagen gebe?
mit schatten vielleicht schein irgend-
einem weiteren verbrauchten

wort das mir erst zugeschnitten werden
muss ich darin eingewickelt trocknen
wegbereitet beiläufig zertreten ab-

gewogen für gefechte ausgesprochen
ungeeignet heißt es im befund nicht mal
geschichten ranken lässt man

hört das knacken nicht
zu fein ist hart gefrorenes knapp unter
oberflächen aderndes gezweig und … schnee?

du hast dick aufgetragen schmelze dürfte
einiges bewegen in der gegend wird
verräterisches schmatzen zu vernehmen sein

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