Archiv für den Monat: November 2016

du nimmst gestalt an

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verkleidet stehst du bleibst im rahmen
singe ich dich ab vom blatt jage vor mir
her was ich nicht fangen kann bevor die
müden hände einem schoß zurück

kann er noch lachen wäre eine frage die
der nie gebauten brücke gleich den lauf
des flusses auch nicht quert wenn diese
eine karte schon geschichte sich der wut

des sammlers wert erweisen wird sie alte
welt an eine kellerwand zu pinnen oberhalb
von fässern die in ihren dauben weiter
den geschmack von seegang bergen

bleibst mir bild und sehen kann ich
wenn es dunkelt und das land sich
weitet bis zum hafenbecken dort wo
schwarzes glitzert und kein lotse wacht

 

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Abgefahren – 5

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»Dich schickt ein Himmel, könnte man sagen.« Lola streckt die Beine so gut es geht. Der Wagen, bereits auf der linken Spur, rollt beinah geräuschlos, ist schon Teil des Fließens.
»Überirdisch war das weniger – ich bin nochmal um den Block gefahren. Hab meinen Augen nicht so recht getraut.«
»Dass du überhaupt hier … ausgerechnet. So weit weg.«
Er schaut geradeaus. Fährt aufmerksam.
»Weit weg. Kommt drauf an, von was oder wem.«
»Ich konnte mir dich nie an einem anderen Ort vorstellen.«
Er lacht. » … als in einem Auto?«
»Ich meinte, wenn ich an dich gedacht habe, dann warst du eben in Freiburg oder in Verdun oder … aber das hier ist nicht dein Wagen?«
»Der andere war auch nicht meiner.«
»Manchmal habe ich bedauert, dass du nicht mehr auftauchst. Und jetzt? Gerade heute Nacht.«
»Du wunderst dich.«
»Ich finde es wunderbar.«

Draußen verschwimmen Häuserzeilen, Bäume, Masten, Plakate zu Bildbrei, wie in einer Kapsel treiben wir, denkt Lola und sie schließt die Augen, wenn er langsamer fährt, will im Undeutlichen schwimmen; dann schaut sie immer nur ganz kurz durchs Seitenfenster, sodass jedes einzelne Bild das vorige überlagert, es löscht; bis es die Kapsel in einen Sog zieht, sie unter Brücken taucht, durch kurze Tunnel schießt, die Reiseziele und Pfeile und Lichtschienen bündeln, und nach jedem der blauschwarzen Fluchtpunkte, verengten Pupillen, durch die sie innerhalb eines weiteren Augenblicks entsandt werden, fächern sich Möglichkeiten auf und alle Entscheidungen sind schon getroffen, Lola spürt nichts mehr von der Schwere des vergangenen Tages und jetzt schweben sie, tief unter ihnen winden sich Stücke von Girlanden aus winzigen, orange flackernden Lampions, bald glimmen nur noch einzelne Lichtpunkte – sie lassen Tal und Brücke hinter sich und nach einem weiteren Ausscheren in eine ansteigende Schleife spürt Lola Beschleunigung, Musik setzt ein, Herzschlagzeug dringt durch die Sitzpolsterung in ihre Schenkel; ein Blick auf seine Hand, die wieder auf dem Lenkrad ruht, das dunkle Land ringsum, in Abständen Scheinwerferlicht, das sein Profil deutlicher zeichnet, Licht, das anschwillt und zerplatzt; Lola träumt rote Leuchtfische, die ausschwärmen, ihre versunkene Stadt für eine Nacht verlassen.

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