Archiv für den Monat: Oktober 2016

4 (MögLichkeiten)

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Schilder nicht übersehen halte den Atem an die
Luft strömt zernetzt auch das Teilen du könntest in
Kategorien fallen wie nichts geht mehr oder weniger
Schluchten durch Echo der Warnrufe einfach zu orten wie


solltest du Schweigen betreten den Raum der sich
ausdehnen will wenn du abhängst und fieberst noch
siehst du denkst du deutlich die Grenzen dann
setzt ein Sterben der Sinne den Aufbau: Stufen


Weise warst du bist du sitzt an Kanten der
Nummern sechs auch sieben vergehen dir vor dem
Hoffen dem Hören und sehend taste dich durch
Öffnungen greife fester die echten


Zitterstifte ihr Bild von Schrift da wachsen
Stapel pressen letzter Tage Pläne pausen
durch und schon der Wunsch nach Funkenflug und
Stichen drehte sich die Walze doch


Wimpelwörter Ausreißer die Helden spielen und sich
tragen wehen lassen blieben sie hängen könnte das Segeln
dein Tuch ihrer Rettung dienen sie deuteten ihm die Flecke als
Muster würde zu Stoff oder du


Schenktest manchen ein Sickern in Wände sie trockneten
ließen nichts Gravierendes wissen wollten nichts sein als
Teile verdächtig genug dem Klang entlang verschlungen
tanzend vielleicht geliebt

 

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Abgefahren – 4

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Sie schreitet aus. Ist schnell. Die wenigen Entgegenkommenden weichen ihr aus. Ein Zimmer. Sie wird ein Hotelzimmer nehmen. Es wäre unsinnig, überlegt sie, noch heute Nacht zu ihrer Wohnung zurückzukehren. Ihre Schritte teilen das Wort in Viertel: Ab ge fah ren. Ab ge fah ren. Das Wort, eine Spielerei auf einem wertlosen Zettel, der zerknitterten Eintrittskarte, die sie in ihrer Hosentasche ertastet. Sie hat dieser Inszenierung entkommen wollen, dem Gefühl nachgegeben, sie müsse auf dem schnellsten Weg einen Ort finden, an dem sie in Ruhe überlegen könnte, was hinter dieser ganzen Geschichte steckt. Und jetzt.
In die Straße einbiegen, in der sie bald auf eine U-Bahn Station treffen wird; auf deren mehrspuriger, in der Mitte geteilter Fahrbahn die Fahrzeuge an ihr vorbeirauschen; Busse, Taxis, silberfarbene Limousinen, rote und blaue Kleinwagen; vor ihr das breite Trottoir, die Sicht bis zur nächsten Ecke, das diffuse, die Ferne verhüllende Leuchten der Lichtbäusche um Laternenköpfe über ihr; der eigene, bucklige Schatten tanzt um Lola, streckt sich, schrumpft, schrumpelt, verblasst. Springt aus dem nächsten Pfahl und schlägt erneut der Länge nach hin; immer wieder Aufleuchten von Bremslichtern, Ablenkung, das Blinken abbiegender Fahrzeuge, Heimkehrer darin oder Ausschwärmende, Gesichter; Ampeln, blaue Gebotsschilder.

Lola bahnt sich durch Bewegungen und Zeichen der nächtlichen Stadt einen Weg entlang der möglichen Kamerafahrt eines Films, der nie gedreht würde, die Musik dazu spielt im Kopf, ihre Schritte geben den Rhythmus vor, Fenster um Fenster, Haustüren, Schaufenster, manche für die Nacht vergittert, andere in spärliches Licht getaucht: Schuhwerk, Handtaschen oder Hüte und Mützen auf Plexiglas oder Gestänge. Puppen in Hochzeitskleidern. Glitzernde Abendkleider. Abgefahren. Und jetzt. Nein, kein Zimmer, keine Wände. Lola spürt die Nacht. Sie ist wach.
Ihr Gang wandelt sich zum Schlendern, Eile ist unnötig, weiß Lola – Eile ändert nichts.
Auf der Höhe der nächsten Bushaltestelle angekommen, zögert sie. Niemand wartet dort, sie könnte eine Pause einlegen oder den nächsten Bus nehmen, sie könnte die Nacht in Bussen verbringen, schon sitzt sie, streift den Rucksack ab.

Später – sie hat jedem Bus nachgeschaut, der die Haltestelle wieder verlassen hat – bemerkt sie, wie kalt ihr geworden ist und dem nächsten Bus entsteigen Leute, eilen davon. Noch immer bewegt sich Lola nicht, wird auf die Taxis aufmerksam, die nun öfter aufzutauchen scheinen, spielt mit dem Gedanken, sich zurückbringen zu lassen, sie könnte jemand herausklingeln, sich die Haustür öffnen lassen und den Morgen vor ihrer Wohnungstür sitzend abwarten. Ein weiterer Bus hält, die hintere Doppeltür öffnet sich.
»Vorsicht!«, ertönt es ins Zischen der Druckluft, zwei steigen aus, sich an den Händen haltend. Eine, auf hohen Absätzen balancierend, hakt sich bei der Anderen unter, sobald der Bus losfährt, beide lachen leise, entfernen sich. Noch später nähert sich ein dunkler Hund, schnüffelt am Rucksack, an Lolas Stiefeln – ein scharfer Pfiff, das Tier horcht auf, rennt davon.

Die Tür. Sie wird versuchen, das Schloss zu knacken, es wird ihr gelingen, in die Wohnung zu gelangen, sie sieht sich dabei zu, wie sie mit Hilfe der Werkzeuge, die sie der Liste der am Morgen zu erledigenden Einkäufe hinzufügt, eindringen wird, sich dem stellen, was auch immer die Verrückte oder sonst wer dort angerichtet haben könnte. Schließlich steht sie auf, will den Rucksack schultern, um den Rückweg zu Fuß anzutreten. Ein Wagen fährt ganz langsam, wie im Ausrollen heran, hält einige Meter weiter. Als die Warnblinkanlage einsetzt, jemand aussteigt und zu ihr her sieht, hält sie inne, lässt die Last sinken.

»Kommst du?«
Der Fahrer. Lola greift erneut nach dem Rucksack, aber er kommt ihr entgegen, nimmt ihn an sich. »Wo willst du denn hin, mit so schwerem Gepäck?«
»Es ist nicht mein Gepäck.«
»Aha.« Er verstaut den Rucksack auf der Rückbank, öffnet ihr die Beifahrertür. »Steig ein.«

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Abgefahren – 3

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Während André, der Bühnenmensch, auf den Stapel zugeht, ein Buch zur Hand nimmt und es aufschlägt, beginnt ein Wort, sich in Lolas Kopf zu wiederholen, sich einzunisten. Ausgesperrt. Ausgesperrt – und nicht den Schimmer einer Idee, wie es dazu hat kommen können. Die Frau, diese Verrückte, war mit Lolas Schlüsselbund einfach verschwunden, und sie selbst nach draußen vor das Gasthaus geeilt, den fremden Rucksack in den Armen, ihn wie ein Kleinkind an die Brust gedrückt haltend.

Der Koffer wird unnötig schwer. Die schwarze Mutter steht am äußersten Bühnenrand. Wozu brauchst du Bücher. Es ist keine weite Reise. André schüttelt den Kopf.
Wer weiß. Pläne ändern sich.
Lies Zeitung. Du fällst noch aus der Zeit, wenn du weiter bei deinen alten Büchern bleibst.
Lass mich in Frieden.
Klopfen. André, kommst du.
Ellas Stimme, laut. Unsicher.
Weg von hier, sagt sich Lola. Sie will nicht wissen, wohin einer wie André fährt, worauf er abfährt, ob er wegbleibt, was er wagt. Oder doch? Das Schlafzimmer beginnt, sich fortzubewegen, von rechts schiebt sich schwer der Raum vom Anfang des Stücks ins Blickfeld der Zuschauer, Lola späht über einen wie im Mondlicht abschüssig vor ihr liegenden Acker voller Kohlköpfe, nichts passt, denkt sie, draußen die Stadt, meine Stadt, ausgesperrt.
Könnte es sein, sie solle, im Schutz der Dunkelheit des Zuschauerraums stillhaltend, ausharrend: den Lauf der Dinge nachvollziehen, überprüfen, sich einem Ausloten aussetzen und – muss sie, darf sie die Tarnung als Zuschauerin hinnehmen, sitzenbleiben und zusehen, soll sie nach der Pause weiter hier sitzen – weil jemand, den sie nicht kennt, den sie vielleicht kennt, es so gewollt, so eingerichtet hat, sie dirigiert? Wird sie nicht vielmehr aufstehen müssen, das Theater vor dem Ende des Stücks verlassen müssen und sich die Chance einräumen, den Verdacht der Vorhersagbarkeit ihres Handelns zu entkräften – aus der Rolle zu schlüpfen?

Warum sollten Sie Ihren Plan ändern. Sagt Iser, der graue Iser, auf der Bühne. Lola hat einen Teil des Schlagabtauschs verpasst, ertappt sich beim Erstaunen über die Aufstellung der Figuren im nun hell erleuchteten Segment. Wer spricht zu wem, um wessen Plan dreht sich alles – Lola wird erneut aufmerksam, wundert sich nicht darüber, lässt sich einweben; so ist es immer, es hat mit Da-Sein zu tun, mit Stoffen, sie kennt sich, wenigstens jetzt.

Alles sei ganz einfach: Jeder der Anwesenden, sagt Iser, werde den Abend wie ursprünglich geplant verbringen, schließlich sei es noch früh genug.
Hätte ich geahnt, dass der Hausherr in Reisevorbereitungen steckt.
André. Für Freunde der Dame des Hauses: André.
Prost. Iser hebt sein Glas. Gute Reise, André. Karl, wir sollten unsere unfreiwilligen Gastgeber allein.
Warum so eilig. André bewegt sich auf die Frau im Abendkleid zu.

Lola ist schon auf den Beinen. Bevor das nächste Wort fällt, drückt sie die Tür auf, durch die sie vor weniger als einer halben Stunde hereingelangt ist. Eilt die Treppen hinab, steuert den Tresen der Garderobe an, schiebt der Frau dahinter, die sich schon erhoben hat, das metallene Plättchen mit der 49 zu.
»Furchtbar.«
»Wie bitte?«
»Das Stück.« Schnell, ein Lächeln. »Furchtbar langweilig.«
Die Frau zuckt mit den Schultern und dreht sich um, holt Lolas Jacke und den Rucksack vom Haken. Drei Männer trinken Kaffee um den niedrigen Tisch einer der Sitzgruppen, die wie Inseln oder Flösse über den polierten, wässrig schimmernden Boden der Halle verteilt ankern.
Einer der drei ist der Platzanweiser von vorhin, schaut herüber.

»Bitte.« Erst die Jacke, dann der Rucksack. »Schönen Abend noch.«
Lolas Kehle ist trocken. Sie nickt.

Draußen empfängt sie ein kühler Wind und lässt ihr Haar auffliegen, streicht wie zum Gruß über ihren Nacken. Lola schließt die Jacke. Bald nach den Schaukästen des kleinen Theaters, aus denen Plakate Abgefahren, Abgefahren spotten, biegt sie ab, geht der nächsten Kreuzung entgegen, dort wird sie auf eine Hauptverkehrsader stoßen.

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Abgefahren – 2

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Hunger. Ella tanzt ein paar Schritte, nähert sich André, der gerade die Musik abgedreht hat. Es ist ganz still. Die Schauspielerin legt von hinten die Arme um André, umschlingt ihn. Im Saal hustet jemand. Lola schreckt auf, merkt, dass sie schläfrig geworden ist.
Du reibst dich an mir.
André dreht sich um, Ella löst sich von ihm, durchquert das Zimmer bis zum Bühnenrand.
An wem sollte ich mich sonst reiben. Sie geht, schlendert. Am Rand entlang.
Und morgen wirst du fort sein.

Lola setzt sich zurecht. Unruhe in den Beinen. Von der Bühne ertönt eine Türglocke. Erwartest du jemand? Fragt André. Verschwindet von der Bühne, aus dem Zimmer; kurz darauf erscheint sein Schattenriss hinter einem der Fenster. Ella streicht ihren Rock glatt. Soll fahrig wirken.
Geräusche. Murmeln. Zwei Männer, einer weißhaarig, und eine Frau in einem langen Abendkleid erscheinen, Ella dreht sich um. Bleibt stehen, zeigt dem Publikum den Rücken. Alles Theater, sagt sich Lola, André schneidet Grimassen, wie zur Bestätigung, als er hinter den drei Besuchern die Bühne wieder betritt, Ella lacht punktgenau während des folgenden Frage- und Antwortspiels, das sich abspult, perfekt einstudiert, denkt Lola, mit dem absehbaren, mit gebührendem Sprachwitz, der Erörterung von Gründen für das geplante, überraschende Auftauchen der Besucher, Lola wird eingewickelt, lässt es geschehen, Stoff, Anprobe, Drapieren, Projizieren und doch bleibt der Abstand, das Abweichen; Ahnung, Wiedererkennen, rasch verworfene Vergleiche, neue Fragen; Unverständnis, Zweifel gegenüber der eigenen, ihr zugewiesenen Rolle – ihrer Rolle dort draußen, vor den gläsernen Eingangstüren in der Front des Theaterhauses; draußen in den Straßen. Wo die Nacht längst begonnen hat, echte Nacht, in die Lola hinausdenkt, während Ella unter einem Vorwand aus dem Raum hinter die rechte Seite des Segments verschwindet und der jüngere, hagere Besucher: Karl – hilfst du mir tragen – ihr folgt. Dem Verlauf des Geschehens entlang trennt Lola die Stimmen voneinander, ordnet Klang entsprechenden Stimmungen zu, meint, die Rollen der Tatkräftigen von denen der Mitläufer unterscheiden, die der potentiellen Opfer nachskizzieren zu können, dann: Geräusche aus dem Bühnenuntergrund, gedämpft. Das Fensterzimmer beginnt eine Drehbewegung nach links, die Figuren – ein fiebernder André, der Weißhaarige und die Abendkleidträgerin – erstarren in ihrer jeweiligen Haltung und verschwinden gemeinsam im Dunkel, während von rechts ein weiteres Kuchendrittel hergleitet, erkennbar: die Küche; noch stehen der hagere Mann und Ella wie Statuen. Sie, einem bulligen Kühlschrank zugewandt, er, einen Arm in ihre Richtung erhoben, beide haltlos im Raum.

Das war keine gute Idee. Ella wendet sich Karl zu.
Eine der besten, seit ich dich.
Du hast getrunken.
Mut.
Macht aus Feiglingen keine Helden, das Trinken.
Ella greift nach einem Tablett, beginnt, es mit Gläsern zu bestücken, sammelt dies und jenes, öffnet und schließt zwischen abgezählten Schritten Schranktüren, immer wieder die Kühlschranktür. Karl folgt, steht im Weg, tritt zurück, weicht aus, folgt wieder.
Er wird denken, Iser hätte Marie im Auge und ich sei eifersüchtig.
Wozu das Ganze.

Ja, wozu. Lola rutscht tiefer in ihren Sitz, beginnt, auf die Pause zu warten, in der sie das Theater verlassen könnte.
Ich wollte ihn sehen, dich mit ihm sehen, ich wollte wissen. Karl muss Ella das Tablett abnehmen. Klirren.
Komm schon, versteh doch.
Pass auf, wo du hinläufst. Du hast mich überrumpelt. Wusstest, dass ich niemals einverstanden gewesen.
Wir bleiben nicht lange.
Das will ich hoffen.
Du freust dich nicht, mich zu sehen.
Karl. Du verstehst nicht. Komm jetzt. Sie warten schon zu lange.

Das Bühnenkarussell dreht sich wieder. Es dreht sich weiter. Alles dreht sich weiter, denkt Lola, draußen dreht sich die Stadt unter der Nacht einem Morgen entgegen; wo wird sie hingehen, wie wird sie diese Nacht verbringen. Diese Spielfiguren auf der Bühne – und jetzt schließt sich der Kreis, sie sieht das letzte, bis dahin noch unbekannte Drittel auftauchen, als blättere jemand eine Seite in einem Bildband um – alles, was die Figuren tun oder unterlassen, was diese Gaukler dort unten vorgeben zu tun, welche Schritte sie ihr vormachen – all dies Bebilderte, Geschriebene, Gespielte stellt sich ihr in den Weg, sie hat keinen Schlüssel, ihre Schlüssel wurden ihr entwendet. Schwindel. Auf der Bühne ist ein Bett zu sehen, ein offenstehender Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. Und André, über einen auf dem großen Bett liegenden, aufgeklappten Koffer gebeugt.

Einen Moment lang bleibt das Bild still, ist der Schauspieler ein Teil der Komposition des Bühnenbilds und dem Betrachter bleibt noch Zeit, bevor er erneut zum Zuschauer wird. Eine kurze Zeitspanne, in der sich Lola einen Überblick verschafft, die wenigen weiteren Details wahrnimmt – die dürre Stehlampe neben dem Tisch und wie sie sich über Bücher darauf beugt, sie mittels ihres gelblichen Scheins zu einer Skulptur hochstapelt; zwei blasse Monde auf den Laken, von Leseleuchten über dem Kopfende des Bettes geworfen – bevor die Figur in Bewegung gerät, sich langsam aufrichtet, sich vom Bett abwendet, auf den Tisch zugeht.
Lola und ihr Erschrecken. Der Stapel. In ihrer Wohnung, aufgeschichtet an der Wand in seinem Arbeitszimmer. Sie hat ihn sich vornehmen wollen, hat sich doch für morgen vorgenommen, jedes einzelne Buch in die Hand zu nehmen, darin zu lesen. Herzklopfen.

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Abgefahren – 1

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Sie steht im Foyer und schwitzt. Noch ein paar Minuten bis zum Beginn der Aufführung. Lola sieht sich um, während sie den Inhalt der Brieftasche auf ihre Hosentaschen verteilt, dann geht sie auf die Garderobe zu. Immer schwerer ist der fremde Rucksack geworden, sie hat sich durchfragen müssen, um überhaupt her zu finden, weder kennt sie sich im Viertel aus, noch ist sie in irgendeinem Theater gewesen, seit sie die nähere Umgebung ihrer Wohnung nur noch selten verlässt; aber jetzt trennt sie sich von Rucksack und Jacke, nimmt die Nummer entgegen, registriert: 49, noch eine Treppe hinauf und schon reißt ein in einen dunklen Anzug Gekleideter einen Teil ihrer Eintrittskarte ab.
›…GEFAHREN‹ ist vom Namen des Stücks noch zu sehen, Lola sucht und findet ihren Platz, die Sitzreihe bis dorthin ist leer geblieben, sie setzt sich, die Saalbeleuchtung erlischt augenblicklich, als hätte man nur noch auf sie gewartet und Lola schließt die Augen. Erschöpfung, sie denkt das Wort, bekommt Durst dabei, alle unbeachtet gebliebene Müdigkeit sinkt vom Nacken in die Rückenmuskulatur, strömt durch Becken und Schenkel, sackt in die Waden und ihre Füße.
Der Kopf bleibt leer und leicht. Immerhin, sagt sie sich, als es auf der Bühne hell wird – hinter der Bühne eigentlich, Licht sickert durch milchglasige, in hohe Wände geschnittene Fenster in den Raum. Den Schauspieler, der abseits in dem großen, kuchenstückförmigen Bühnenzimmer steht, nimmt sie erst wahr, als er zu sprechen beginnt. Dunkel, scharf und leise dringt die Stimme herauf, Lola glaubt an einen Monolog, bis der Mann laut und wutentbrannt nach einer Antwort verlangt und danach, sie möge doch endlich ihr Licht einschalten. Ob sie denn nicht bemerkt habe, wie dunkel es sei?

Schon lange habe sie das festgestellt, es sei überhaupt immer Nacht, wenn sie auftauche, das müsse er doch wissen, er, der sie rufe, ihre Ruhe störe, sie herbeizitiere in seinen schlaflosen Nächten, und das Licht? Darum müsse er sich schon selbst kümmern, sagt sie und im selben Moment leuchtet ein blasser Fleck, ein Gesicht am äußeren, rechten Rand der Bühne auf, Lola sieht die ganz in Schwarz gekleidete, schmale Frau die Arme heben und wieder senken. Mutter. Ein Stöhnen kommt mit dem Wort aus dem Schauspieler, der gleichzeitig in Bewegung kommt, das Zimmer, die Bühne durchquert, bis er bei der Frau ankommt und die Hände ausstreckt, wie um sie anfassen, sie bei den Schultern packen zu wollen, was er im letzten Moment unterlässt.

Lola spürt Ungeduld aufsteigen, eine Unruhe, die sie dem Stück anlastet, von dem sie nichts weiß, das sie nicht ausgewählt hat. Wie schleppend es sich anlässt, sie will neugierig werden, Bunt sehen, jetzt bewegt der Mann sich auf ein Regal unter einem der Fenster zu, sucht, hantiert, bedient ein Gerät: Musik ertönt, plötzlich, schnell anschwellend, zu laut, Vivaldi, denkt Lola, oder etwas in der Art, schon stellt er leiser. Beginnt, zu sprechen. Er erzählt, Mutter unterbricht, nennt ihn beim Namen, wiederholt, was er gesagt, zu ihr herüber gerufen hat, setzt etwas hinzu, was er, André, dann aufnimmt, abwandelt, widerlegt. Es geht um eine Frau, in den nächsten Atemzügen um eine zweite, man begreift schnell, dass keine gut genug ist für André, Mutter spricht es An-dreh aus. Stimmwechsel. Eine weitere Frau steht unvermittelt auf der Bühne, hast du mich erschreckt, warum kommst du immer so angeschlichen, Ella.

Die Mutter ist erloschen, mit Ella schaltet sich grelles Licht ein, das ganze Zimmer ist jetzt deutlich zu sehen.
Was kann ich dafür, die Musik ist so laut, du willst also wirklich abfahren.
Ja, mit dem Frühzug.
Hast du alles.
Alles. Was ist ›alles‹. André lacht. Ein kunstvolles Lachen, denkt Lola, der Mann spielt Lachen.
Wirst du am Wochenende zurück sein.
Wozu brauchst du mich samstags, deine Freundinnen.
Wir wollten doch am Sonntag, die Ausstellung, hast du vergessen.
Als ob ich je etwas vergessen könnte, so oft, wie du davon.
Du wirfst mir vor, was ich mir angewöhnen musste, für dich.
Wo du gerade von Gewohnheit sprichst, sollen wir hier bleiben, heute Abend, ich mache uns etwas zu Essen.
Ich bin schon umgezogen, hast du nicht gesehen.
Du siehst gut aus. Lass uns also gehen, du hast Hunger.

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