Archiv für den Monat: April 2016

23

Von dort, wo der Mann jetzt die Hand betrachtet, mit ihr spielt, dringt nurmehr ein Murmeln zu mir. Er rutscht auf dem Stuhl hin und her, setzt sich zurecht, trinkt einen Schluck; ihr Haar glänzt, plötzlich beugt er sich vor, wieder Murmeln, ein Lächeln? Sie nickt. Er richtet sich auf, le torse bombé, grinst Na also, leert sein Glas.

Ich schiebe meinen Teller von mir, genug für heute, auch der Wein will nicht passen, ich bin durstig. Als ich bezahlt habe, ist ihr Tisch wieder frei. Ich möchte hinaus in die Dunkelheit, vorher aber gehe ich durch den Tunnel, der  in eine Sackgasse mündet: altertümliche Sanitäreinrichtungen, gelbes Licht, mehrere Spiegel und ein abgestandener Geruch nach Jahrzehnten.

Ein Rucksack lehnt im Vorraum der Damentoiletten, zwei Kabinen sind es, aus einer tönt die Spülung, ich betrete die zweite.
Sie wäscht sich noch die Hände, als ich wieder herauskomme, im Spiegel fange ich einen Blick auf, bevor sie mich anspricht.
Ich hatte dich gewarnt.
Statt einer Erwiderung taste ich nach dem Seifenspender, mir fällt nichts Angemessenes ein. Sie schüttelt den Kopf. Vorsicht sieht anders aus. Es war kein Problem, dir zu folgen. An den Klang der Stimme werde ich mich nicht erinnern, denke ich noch und dass alles an ihr farblos ist, als sie sich mir zuwendet, meine Jacke mit nassen Händen packt. Ich will zurückweichen, sie lässt mich nicht, zerrt an der Jacke, wir schwanken.

Hast du die Fahrkarte, fragt sie, nachdem sie endlich losgelassen hat; sie bückt sich nach dem Rucksack und ich hoffe, der Spuk findet ein Ende, sie muss verrückt sein, sage ich mir, und  jetzt funkelt es grün aus ihrem geröteten Gesicht. Sie ist noch nicht fertig mit mir.

Die Fahrkarte, wiederholt sie. Mir wird übel, als ich ihre Hände erkenne, sie fingert an den Verschlüssen ihres Rucksacks, den sie in eins der Waschbecken gewuchtet hat:  Venenwürmer unter papierener Haut, darauf  blasse Sprengsel, Kaffeeflecke?  Querrillen wie  Narben vielfacher Schnitte über jedem Fingergelenk.

Ich war oben, sie liegt nicht mehr dort. Gib mir die Schlüssel.
Ich will mich umdrehen, will endlich weg von hier, aber sie lässt mich nicht, packt erneut meine Jacke, zerrt und schüttelt, jetzt greift sie in die Tasche, zieht meinen Schlüsselbund heraus.

Die brauchst du nicht mehr. Verschwinde.

22

Ist dir eigentlich klar, wie schwer es ist, mit dir zu reden?

Du hast doch gar nicht damit begonnen, denke ich und wundere mich über den Zorn in seiner Stimme.
Das glatte Haar der Frau, der die Frage gilt, fällt bis an die Lehne herab, wie changierender Stoff verrät es eine nur angedeutete, verneinende Bewegung ihres Kopfes. Wollene Schultern, Oberarme, Ellbogen: halten still, ihre Hände müssen im Schoss liegen.

Was meinst du?

Ich mache keinen Versuch, nicht hinzuhören. Ich betaste den Umschlag in der Innentasche, bevor ich die Jacke ausziehe, sie neben mich auf die gepolsterte Sitzbank lege; meine Bewegungen erregen keine Aufmerksamkeit am Nebentisch, das Gespräch, das so schwer sei geführt zu werden, geht weiter.

Ich meine: es ist anstrengend. Ich meine, ich weiß nicht, was du von mir erwartest. Wie soll ich es dir recht machen, du sagst ja nicht, was ich tun kann!

Man serviert mir das bestellte Abendessen, darüber vergehen Momente, in denen ich ihre Antwort versäume, falls sie überhaupt spricht. Ich nippe an meinem Wein, beginne zu essen. Weitere Gäste kommen, kaum ein Tisch ist noch frei, der Mann schaut sich um, dann greift er nach ihrer Hand. Ich schneide Fleisch auf meinem Teller, sehe unscharf, wie der Mann die Frauenhand aus ihrem Schoss hebt, die Nacht beginnt, denke ich oder kaue meine Gedanken, das Schlucken fällt schwer.

Ich lenke mich ab, lenke meinen Blick auf die Filmplakate an den Wänden – natürlich, Bogart und Bergman …  mir rutscht der Blick ab, so abgegriffen, wie sie dort hängen, da macht mich der Eingang zu einer Art Tunnel neugieriger. Ein Schild, Toiletten, zusätzlich mit einem gefiederten Pfeil versehen. Jetzt vermisse ich Musik, die Stimmen und Geräusche im Gasthaus verdrängen könnte und esse weiter, aber es schmeckt mir nicht.

21

Vorsicht!
Viel zu laut kommt mir der Ausruf vor, als bestünde irgendeine Gefahr, dabei ist mir die Frau schon ausgewichen. Sie eilt weiter, sieht mein Lächeln nicht mehr. Es ist mein erstes heute, stelle ich fest und behalte es noch ein wenig im Gesicht. Einige Meter weiter bleibe ich stehen, werfe wie gewohnt einen Blick hinauf zum Bogenfenster, meinem symmetrischen Mosaik, die oberen Scheiben spiegeln säumende Farben eines Himmels.

Wenn ich jetzt weitergehe, der Straße folgend, später manche Treppe hinab und breite, manchmal enge Gassen wieder hinauf, den belebteren Vierteln entgegen, wo sich Restaurants mit Gästen zu füllen beginnen, wo in Foyers von Theatern und Kinos bald Menschen auf den Beginn von Vorstellungen und Vorführungen warten werden, vorfreudige Frauen, Männer – wenn ich jetzt weitergehe, werde ich müde genug zurückkehren, um der Stille dort oben erneut begegnen zu können. Ich zögere, denn schon beginne ich zu vergessen, was es gewesen ist, welchem Drang oder welcher Angst ich nachgegeben habe, warum ich hinaus wollte, warum ich mich nicht zufriedengebe mit den halb leeren Räumen, mit dem Tisch, dem Stuhl. Und gegen das Vergessen wehre ich mich, ja, ich beginne mich zu wehren! Weitergehen. Gedanken beim Gehen sich sammeln lassen. Oder jene sammeln, die immer wiederkehren, sich hartnäckig geben und dabei formbar bleiben.

Viel zu einfach mache ich es mir: Mit dem Vergessen entkomme ich jeder Schuld. Keinem meiner Versäumnisse muss ich mich stellen, meide die Anstrengung, zum Ende zu kommen, Geschichten oder Zeichnungen zu beenden;  weiche so der Möglichkeit aus, ich könnte mich  über neu zu entdeckende Freiheiten freuen.

Wie er da saß, sitzt, eine Idee von einem Mann. Ich muss sie nicht vergessen.

Ich bin stehengeblieben, weiß nicht, wo ich hingeraten bin.

 

20

Brieftasche und Schlüssel …  die Jacke abtastend, finde ich alles am Platz. Schon das Schnüren der Stiefel mühsam, dennoch: Schwarz malen um den Blick, darauf verzichte ich nicht, werte es als Gewohnheit und verschiebe auf ein nächstes Mal, mich über den eigenen Trotz zu wundern.
Vor dem Verlassen der Wohnung kehre ich in die Küche zurück und ziehe den Umschlag unter dem Schlüsselbund hervor. Im Treppenhaus auf der obersten Stufe stehend, stopfe ich ihn in die Innentasche.

Aus einer der beiden Wohnungen einen Stock tiefer dringt Telefongeläut und weil ich es so deutlich höre, bleibe ich ein paar Stufen weiter unten stehen und werfe einen Blick zurück. Die Tür ist nur angelehnt, aber nichts rührt sich. Das Läuten verstummt erst, als ich auf dem ersten Stock ankomme. Duft von Gebratenem,  jemand wird zum Essen rufen; ich spüre die Kühle der Treppenhausluft im Gesicht. Im ewig düsteren Erdgeschoss angelangt schreite ich aus, die Tür zum Hinterhof im Rücken; neben den neun Briefkästen glimmt das Knopfauge des Lichtschalters, doch es lohnt nicht mehr und die Klinke der schweren Haustür fände ich im Schlaf.
Draußen empfängt mich das Summen der Stadt, das nie verstummt, sich verstärkt, sobald ich um die Ecke biege.

 

19

Ich sehe ihn also dort sitzen, auch jetzt. Dabei weiß ich gar nicht, wie ich hergekommen bin, es muss auf dem Weg zum Lichtschalter passiert sein; aufgestanden bin ich während der Arbeit an der dreiteiligen Skizze, auf der sich Teekanne und Tasse als Köpfe ins diffuse Licht rücken wollen – denn wenn die Sonne hinter den Häusern gegenüber verschwunden ist, erkenne ich nicht mehr, woran ich denke, kann nicht mehr zeichnen – aber dann bin ich  einfach weitergegangen, am Lichtschalter vorbei in den dämmrigen Flur, die Tür zum Gästezimmer habe ich geöffnet, die Klinke wärmt sich in meiner Hand, ich halte weiter an ihr fest.
Würde ich den Raum betreten und versuchen, mich der Projektion zu nähern, den Blickwinkel zu ändern, verschwände dann das Bild? Die Furcht vor diesem Verlöschen ist noch zu groß, also werde ich mich abwenden. Während ich mir noch vornehme, einen neuen Versuch zu beginnen, dieses stille Bild in einer Zeichnung festzuhalten, gerät etwas darin in Bewegung: Er schaut mich jetzt an. Ernst und ohne ein Leuchten im Blick. Schmal sein Gesicht, aber ich sehe nichts scharf. Müdigkeit oder Resignation? Ich habe mich im Verdacht, innerhalb der ehemals vertrauten Konturen nur den eigenen Gesichtsausdruck zu spiegeln. Circulez, il n’y a rien à voir. Ich weiß es ja, da sitzt niemand.

Allein zu sein – nie habe ich genug davon bekommen können. Jetzt wiegt die Stille kommender Nächte wie ein feuchter, zu schwerer Mantel auf meinen Schultern. Noch ist Abend. Ich werde hinuntergehen, hinaus.