Archiv für den Monat: März 2016

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Während des Zeichnens brechen Gedanken ein. Die ich gestern abgezweigt, ausgesperrt habe, fordern Aufmerksamkeit, zerren mich fort von denen, die um die Skizze kreisen. Meine Tätigkeit wird zu einer automatischen, langsamen.

Ich sehe ihn auch in dem kleinen Sessel im zweiten Schlafzimmer sitzen, nackt. Genau wie auf dem Bild, das ich nicht aufgenommen habe und deshalb so gut kenne.

Winzige Daunen wirbeln, schweben mir im Schlafzimmer vor wie Silben, die vielleicht – würden sie richtig zusammengesetzt – gelöschte Wörter auf Fetzen eines Briefes oder Paragraphen aus geheimen Gesetzesentwürfen ergäben, die ich nicht lesen, nicht studieren durfte, die nie in meine falschen Hände geraten sollten.

Das Bett steht noch dort, es ist ja ein Gästezimmer.

Manchmal denke ich darüber nach, wer mich eines Tages besuchen kommen, dieses Zimmer eine Zeit lang bewohnen könnte, sobald ich aber die Tür wieder schließe, vergesse ich, weiterzudenken. Auch das fällt mir erst wieder ein, wenn ich das Zimmer erneut betrete; ich werde dann aber abgelenkt durch den nackten Mann im Sessel.
Wie entspannt er dort sitzt, selbstverständlich, als sei er mit der Umgebung, dem Zimmer, mit dem Blick aus dem Fenster vertraut; ganz bei sich ist er, bemerkt mich nicht und ich erinnere mich an den Wunsch, der mich einmal erschreckt hat, in einem Museum. Und weiß im selben Moment: Das stimmt so nicht, der Wunsch selbst ist nicht die Ursache des Erschreckens gewesen, vielmehr die Erkenntnis, ihn nicht teilen oder mitteilen zu können, ohne eine Erklärung für den Zustand zu schulden, in dem solche Wünsche ihren Ursprung haben. Wie vorsichtig sollte ich werden, wie rasch müsste Verschwiegenes mehr und mehr Raum einnehmen?