Archiv für den Monat: Februar 2016

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Wenn ich lande, angekommen bin, verlasse ich so schnell wie möglich das Flughafengebäude. Es ist zu gefährlich, unter den vielen Gesichtern bekannte suchen zu wollen. Während ich mich in einem Bus oder Zug transportieren, anschließend in U-Bahnwaggons ins Stadtkörpergefühl aus abwechselndem Beschleunigen und Abbremsen zurückholen lasse, überlege ich, ob oder was ich einkaufen sollte, worauf ich Appetit bekommen könnte in der Zeit meines Aufenthalts. Ich koche nie, der Herd dient nur zum Erhitzen des Wassers für Tee oder Kaffee.

Rückkehr. Sie besteht aus mehreren Etappen, doch ich bin nicht immer aufmerksam, das letzte Stück des Wegs gleicht einem Schlafwandeln. Gleich nachdem sich von der dichten Menge derer, die mit mir aus dem U-Bahnhof in diesen Teil der Stadt drängen, lauter Einzelwesen ablösen, sich verteilen, jedes einem Ziel zusteuernd, werde ich langsamer. Stelle mir vor, wie widerstrebend manche ihre Richtung einhalten, dabei streifen mich Lichter, Farben, Zeilen – alles sickert um und durch meine schwimmenden Augen, ich liebe, was sich in mir ausbreitet, Erwartung, Unruhe. Denn bald bin ich da.

Manchmal – so wie gestern – gehe ich durchs Vorderhaus, ohne nach rechts zum Treppenaufgang abzubiegen, ich gehe geradeaus weiter, öffne die Tür zum Hof und halte Ausschau nach Veränderungen, die während der Zeit meiner Abwesenheit stattgefunden haben könnten. Selbst tagsüber herrscht hier Zwielicht, meist spannt sich jedoch schon der schwarze Himmel über dem quadratischen Hinterhof, selten habe ich es einrichten können, noch vor Einbruch der Nacht anzukommen. Ich bin lange fort gewesen, aber auch gestern leuchtete hinter bleichen Vorhängen Lampenlicht aus einem Zimmer, das zu einer der Wohnungen im Erdgeschoss des Nachbarhauses gehört. Das zugehörige Fenster besitzt zwei Kreuze, und wären die Vorhänge nicht zugezogen gewesen, hätte ich einen Teil der Einrichtung, vielleicht Menschen sehen können.

Jetzt beginne ich eine zweite Zeichnung, skizziere drei Teile des Fenster-Triptychons und in jedem die Umrisse einer Figur. Es ist so still hier, ich wünsche mir Musik. Ich will nicht vergeblich lauschen müssen, nicht auf das Geräusch warten, das ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür verursachte, wenn sie ungeduldig geöffnet würde.

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Aus dem Giebelfenster meines Schlafzimmers der Blick nach Westen auf den Abendwald, seine schon zur dunklen Masse verschmolzenen Baumkronen: ein riesiges, mattes Märchentier, in seinem Fell geheimes Wimmeln. Darüber Orange, noch grell, und Rottöne, in wehenden Wolkenstoffbahnen ihr letzter, hitziger Wettstreit, ich bestaunte das Spiel  so lange, bis sie es aufgaben und wie erschöpft im Sog eines schweren Violett verschwanden. Ich blieb noch am Fenster, dachte den Bildern nach und daran, wie unmöglich und unnötig es war, sie festzuhalten.

Später, gegen Mitternacht, WIR als Teil einer Menschenmenge, wie sie überall in Frankreich an diesem Abend zusammenfanden. Der Himmel wurde zur schwarzen Leinwand; aus der trieben Feuerknospen, platzten auf und Blüten regneten zu Glitterstaub, welkten im Rausch; Rauchspuren wie weißglühende Risswunden: das Flackern des 14. Juli. Am Rand des Gedränges der Sommernachtfeier stand ich, meine Ausreißergedanken zurück zum vergangenen Winter und damit an den Beginn des Jahres verfolgend: Schüsse, todbringende; Bildergeschichten aus Paris – nur eine Autostunde von hier entfernt – und wie alles sich hatte einreihen, sich hatte fügen müssen in eine rasche, so selektive Geschichtsschreibung. Mein Abrillon, meine Fremde, mein Befremden. Meine Unbeholfenheit im Umgang mit einer unausgesprochenen Forderung nach Kommunion, vielleicht der leise Widerstand gegen den verordneten Gemeinsinn.

Manchmal schoben sich morgens Wolken über den Horizont, von Westen her, wenn es über der Bretagne wieder regnete, einige Male musste ihnen unser Blau weichen, ich war dann gezwungen, meine Zeichnungen und Notizen ins Haus zu retten, der Wind trieb feinen Regen unter den Sonnenschirm. Effi kündigte ihren Besuch an und ich nahm mir vor, mich am Tag ihrer Ankunft in Rouen umzusehen, einer Stadt, die ich noch nicht kannte.

 

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Mein Wunsch, der Versuch: Leichtigkeit in den Sommer mitzubringen, mich treiben zu lassen wie eine dieser zuckrigen Wolken im weiten Blau des Himmels über der Normandie.

Als wie stabil erweist sich ein Gebilde aus halb aufrecht ineinander verkeilten Trümmerteilen, wenn sie lange geruht haben, nachdem das Rutschen gegeneinander, das Reiben aneinander ihnen zu einem Gleichgewicht verholfen hatte? Einem sinnlosen Gleichgewicht, aber von Efeu und Moos eroberte Ruinen stören nicht in einer Landschaft, wenn die Entfernung des Betrachters nur groß genug ist. Beim Näherkommen könnte das Ganze, das der Blick skizzieren, umreißen, schließlich verklären kann, als Erinnerung übersetzt werden. Tragfähig, begehbar: romantisch nutzlos.

Versuche des Formulierens können die Formen eines Wir in sich zusammenstürzen lassen, so weit war ich nie gekommen und wusste noch gar nicht: ich würde vor solchen Trümmern Halt machen, sie nicht zuordnen können, nicht zu mir, ich sollte lange nichts wiedererkennen.

Das Fachwerkhaus mit seinen parallel und eng zueinander angeordneten Standhölzern lag in einen von Büschen und Weidezäunen eingegrenzten Garten geschmiegt, lag ruhig und wie bereit, uns und unsere Ferienlaunen mit Fassung zu tragen. Wir richteten uns ein.

Meinen Korb voller mitgebrachter Bücher hätte es nicht gebraucht, stellte ich fest: Es gab ein in eine Mauernische gezimmertes Regal, in dem sich ein Sammelsurium von Büchern fand, zwischen zerlesene Thriller gedrängt standen Gallimard-Bände wie zur Dekoration, manche der vergilbten Ausgaben waren nie zur Gänze aufgeschnitten worden. Bald stieß ich auf eine Originalausgabe von Barthes‘ „Fragments d’un discours amoureux“. Ich las täglich darin, bis ich das Buch besitzen wollte: mit all seiner destillierten Weisheit und diesem Scharfsinn, die ich mir zufügte in ihrer nackten Brutalität. Am Ende verzichtete ich doch darauf, das Buch einfach einzupacken, es wie eine Beute in meinen Korb zu legen und versprach mir stattdessen, ein Exemplar dieser Ausgabe zu finden.

Zwischen den Mahlzeiten, die wir für die Meute der Heranwachsenden vorbereiteten und den wenigen Stunden, die mir allein gehörten, teilte und verteilte ich meine Zeit und Aufmerksamkeit so gut ich konnte.

Über den Hund, der mir gleich am ersten Abend einen Besuch abstattete, würde Effi sich freuen, dachte ich, und als ich dem Schwarz-Weiß-Tier, das wie ein zu klein geratener Kampfhund aussah und zudem ein Halsband mit einem klobigen GPS trug, in der Dämmerung den Weg zur Landstraße hinunter und weiter durch den angrenzenden Ortsteil folgte, zwischen Häusern entlangging, die von dichten Hecken oder hohen Zäunen abgeschottet lagen, spürte ich das Ziehen und Zerren einer unsichtbaren Leine wieder. Ich konnte gar nicht anders, als den großen braunen Hund zu vermissen, der mir nicht gehört, nie zu mir gehört hatte.

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sezier dich nicht was bliebe denn
schreie trocknen ein auch wenn sie
gestern so weit spritzten von den
rotorbättern bis in die kulissen
einer filmstadt eingeflogen muss es
mehr gewesen sein als das besondere
allein so nah an kugellagern seiner
knochen sehnen alles nur geliehenes
aus einem werkzeug kasten spielend
lernen wie auch wunden nur als teil
der rolle gelten geh wer schrieb sie
dir denn auf den leib wer zielte ab
oh schreckschuss mach dich doch nicht
echolich verlier dich nicht bleib
ganz und halt dich fern vom steinmetz
wenn er durchdreht seine scheibe
trennt verschmier dich nicht nimm
haltung an gerinne sei ein fest und
lass ihn feiern wie du fällst

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Die Kerne der Stadt und ihre Grenzen geben sich verschlossen; Übergänge, Verbindungen, Straßen, Boulevards, Parkanlagen – meine Karte, ihre Legende lassen mich die Spuren mancher Streifzüge lesen; Cafés, Kneipen, Clubs und die Spielerhöhlen ohne Tageslicht sind Wegmarken, die mir helfen, mich zurechtzufinden.
Figuren, vorerst Statisten in traumartigen Sequenzen, bewegen sich entlang ihrer Straßen, sitzen auf Bänken oder stehen vor Schaufenstern, Imbissbuden, an Fußgängerampeln. Allein, paarweise, in Gruppen.

Manche dieser Figuren scheinen lebendiger, elastischer als die meisten. Sie sind es, die in Gesichter schauen, die auffallen, bei genauer Beobachtung, wie kleine Wirbel in einem fließenden Gewässer.

Ich will nicht mehr fort, stelle ich fest – immer dann, wenn ich zu lange hier bin.

Der letzte Sommer hatte lange begonnen, sich mit allen vorangegangenen zu einem, zu DEM Sommer zu ballen; es erginge mir, überlegte ich, mit dem nächsten nicht anders, wäre der erst hinter uns.

Welcher von ihnen – von all meinen Sommern – den Geschmack dieser Jahreszeit bestimmen, mit seinem besonderen Duft alle anderen übertrumpfen könnte? Diese Frage hatte an Bedeutung verloren. Was es festzuhalten gälte und was besser zurückzulassen wäre, sollte nicht wichtig sein, ich wollte jedes Grübeln darüber fliehen, nahm mir vor, mich in der Welt aufzuhalten, die ich mit den Kindern teilte; mich dem zu widmen, was vor Jahren als der Versuch begonnen hatte, einem Wir anzugehören; Pflichten zu Wünschen zu biegen. Ahnte ich wirklich nicht, wie leicht es mich einholen konnte?

Wie schon nach anderen solcher Fluchtversuche fand ich mich bald am selben Ausgangspunkt wieder, erkannte aber diesmal, wie ich der Faszination, die vom Spiel mit den Gedanken ausging, nur zu gern erlag; ein Spiel der Berührungen und Auseinandersetzungen, Wörter, Sätze. Dem ich seiner sichtbaren Spuren wegen aus dem Weg hätte gehen müssen – weil ich keine Erklärung schulden, nichts Inniges teilen oder mitteilen durfte, wollte ich das Gesicht (die Beherrschung?) wahren und meiner Vorstellung von Verantwortung gerecht werden.

Sommertage weitab von Abrillon. Lange Tage, die so viel Licht schenkten. Verschwenderisch ging ich damit um, dem Wissen zum Trotz, wie rasch auch diese Zeit vorüber wäre.