Archiv für den Monat: Januar 2016

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Verfall findet statt – das weiß ich. Aber er wird aufgehalten, verdrängt, taucht anderswo wieder auf, wird erneut bekämpft. Das Lärmen der Baustellen allenthalben, die Mannschaften der Abklopfer, Bohrhammerträger, Aufreißer finden sich an jedem Morgen der Arbeitswoche an hunderten Orten ein, den – wie es mir vorkommt: im Geheimen erstellten – ausgeklügelten Planungen folgend, die so unüberschaubar erscheinen, wie es die unzähligen, im Dämmergrau liegenden Einstiegsmöglichkeiten in die Gebirge meiner Alpträume sind.

Sie als die Stadt erkennend, möchte ich, anders als in der Erinnerung, manchmal wegschauen (man könnte sich schämen für sie, will nicht zu ihr gehören, nur Durchreisender, allenfalls Besucher sein).
Eine Riesin: Sie lässt mich lediglich Vermutungen anstellen, ob ihre Siedlungen, schief zusammengewachsene Gliedmaßen nach falsch eingerichteten Brüchen, ihrerseits den Vergleich mit einem geschundenen Körper nahelegen, ihr stockt kein Blut in den Adern, dennoch – wie verkehrt vieles läuft, sich staut? Sie ist zu groß, zu alt, als dass ich fehlendes Wissen aufholen könnte; keines der Bilder, die ich in Entwürfen andeutete, zeugten je von erlesenem Geschmack. Doch das bleibt gleichgültig: Mir genügt es, bei jedem Aufenthalt einen Teil ihres Wesens zu erspüren und ich spiele nur mit den zwischen der Geschichte Europas und der seiner Fürstenhäuser ausgewürfelten Namen ihrer Bezirke, von denen ich die klangvollsten für meinen Plan übernehme.

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Wie schön sie mir vorkommt, solange ich von ihr getrennt bin (begehrenswert in meiner Erinnerung; dort trieben Wünsche Knospen wie der, eines Tages oder für einen Tag zu ihren Favoriten zu zählen oder an einem ihrer Theater als Gastspielende auftreten zu dürfen) – wie weit es ist, bis zu ihr. Ich sehe sie leuchten, wie nach einem Sommerregen, wenn das Sonnenlicht ihre Straßen mit Glanz überzieht, im Park jenseits der Brücke alles frisch und in kräftigen Farbtönen summt; ich sehe sie leuchten und lasse mich trügen, denn meiner Ermattung wird nichts standhalten.
Selbst die Parcours-Künstlerin, die ich in Träumen manchmal war, ist zur vorsichtigen Spaziergängerin geworden, die das Glitzern des Pflasters fürchtet, wenn der Herbst sich verabschiedet.

So schön, wie sie sich in mir zu erhalten versucht, so entstellt erkenne ich sie bald nach meiner Ankunft wieder, kantig, ja verhärmt – gerade in diesem Viertel, wo an manchem Mietshaus noch der Putz von der Fassade blättert. Nie sieht man ihn abfallen, selten trete ich auf ein Stück davon, hinterlasse körnigen Staub, den der nächste Regen fortspülen wird. Derart langsam vergrößern sich die kahlen Stellen (verändern ihre Form, werden vorübergehend zu Motiven, verlieren erneut ihre Konturen): ich nenne diesen Prozess Erosion.