Archiv für den Monat: November 2015

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Die Stadt atmet, denke ich und verwerfe diesen Gedanken sofort, denn zu ihr passt die Vorstellung eines Organismus nicht – auch wenn sie vortäuscht, ein komplexes Zusammenspiel ihrer Teile, Bezirke und deren spezifischen Funktionen zugeordneten Zellen innerhalb ihres hingestreckten Körpers zu meistern, diesem Hochrelief in der Waagrechten, überzogen, durchkreuzt, zerfurcht von Brücken, Straßen und Gassen; befleckt, verwundet, vernarbt, verwachsen und bemoost von Baustellen, Kreuzungen, Aufschüttungen, Parks und Spielplätzen. Was oder wieviel von diesem, wenn nicht lebendigen, so doch belebten Körper mithilfe einer Karte sichtbar gemacht werden kann, interessiert mich heute nicht.

Ich habe den Plan entfaltet und auf dem Boden ausgebreitet – es ist ja genug Platz. Auf Händen und Knien bewege ich mich darüber weg, spüre das harte Holz des Parkettbodens und bin doch weit über der Stadt. Ein Netz aus kaum sichtbaren Linien liegt über meinem Entwurf. Diese Linien bilden Quadrate, denen ich weder Ziffern noch Buchstaben zuordnen will, noch nicht. Ich suche oder erzwinge Abstraktion, habe Maßstabstreue vernachlässigt. Mein Stadtplan, der einem Spielteppich ähnelt, wie er jetzt hier liegt, dabei existiert kein Spielzeug, das winzig genug dafür wäre. Mir soll dieser erste Plan nur dazu dienen, Wege auszukundschaften, die ich von hier aus gehen könnte.

Aufstehen. Ich stehe auf, strecke mich vorsichtig, bewege mich um den Plan herum auf den Tisch zu. Schiebe das Tablett mit dem Teegeschirr beiseite, beginne mit einer Skizze. Ich bin hier. Irgendwo mitten in der Stadt.

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Wenn es etwas Beruhigendes gehabt hätte, wenigstens. Zum Beispiel: Bei niemandem das Gefühl zu hinterlassen, wertvolle Zeit verschwendet zu haben.

Warum aber grub ich? Wofür trug ich Halden ab, für wen wehte und verteilte sich Staub, schwebte, legte sich als feine Schicht ab, auf der neue Spuren hätten sichtbar werden können? Wozu die Versuche, ein Loch aufzufüllen und dabei weitere Löcher entstehen zu sehen?

Worin lagen Zweck oder Nutzen, Wege zu bauen, die niemand betrat; Orte zu schaffen, an die keiner mir folgen konnte? (Wenn also feststand, dass einer Geschichte kein Ende zukäme, wie sollte ich sie FESTSCHREIBEN können?)

Solche Gedanken beschäftigten mich zu Beginn dieses Sommers, und ich würde Abrillon verlassen, für einige Wochen hinter mir lassen.

Damit wäre auch die Möglichkeit oder die Gefahr gemieden, dem Fahrer zu begegnen, wieder einzusteigen, von ihm durch Nächte, von der Nacht unkenntlich gemachte Landstriche gefahren, begleitet zu werden, mich seinen Fragen oder seinem Schweigen auszusetzen. Vielleicht gar – wie einmal geschehen – ausgesetzt zu werden und dennoch rechtzeitig, noch vor Tagesanbruch und bevor meine Abwesenheit bemerkt würde, wieder in Abrillon am Haus anlangen zu müssen, das mich aufnehmen, mich und meine Nachtgedanken verschlucken, verdauen, zersetzen sollte.

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Bei allem nach außen hin gewahrten Funktionieren und meinen Anstrengungen, der Familie GERECHT zu werden, bewegte ich mich selbst mit geheim gehaltenen Gedanken, auch Hoffnungen und Ängsten, am Rand einer inneren Verwahrlosung. Wenn ich nicht achtgab, konnte die Grenze rasch überschritten sein.

Grenzen überhaupt. Sich eingrenzen, zurückziehen, entziehen auch.

Der Fahrer hatte es getan. Bevor wir einander noch kennenlernen konnten. Er wäre niemand, gegen den man sich entscheiden müsste, er ließe Nähe nur im Klang und Nachklingen zu und ich fragte nicht weiter, meine Müdigkeit war ja nicht gewichen, sie war in diesen Wochen, in die sein Auftauchen und die gestohlenen Nächte fielen, zu einem Dämmern geworden, einem gnädigen Halbdunkel, das mich schützte, mir beim Loslassen half oder dabei, das Abreißen letzter Fäden nicht sehen, noch immer nicht WAHRnehmen zu müssen.

In einer der Nächte in Abrillon saß ich – wie gewöhnlich – am Rand der obersten Treppestufe vor dem Haus; sie bietet gerade so viel Platz, dass die Vorderbeine des Klappsessels, auf dem das Babyfell liegt, nicht abrutschen.

Gegen drei Uhr morgens kam einer spaziert, zwei kleine Hunde an der Leine führend. Nichts, kein Innehalten, kein Zögern ließen erkennen, ob er mich bemerkt hätte. Die Hunde schienen mit Schnüffeln und Schritthalten beschäftigt.

Ich saß und suchte. Nach der Geschichte, die sich verbarg, mir in so vielen Nächten seit diesem Frühjahr vor Jahren auflauerte.

Es gab kein Ende für sie, so viel stand inzwischen fest. Aber stimmte es denn, dass wir nichts mitnahmen – dieses Mitnehmen konnte ja darin bestehen, etwas NICHT zurückzulassen?

Hier. In irgendeinem Jetzt. Irgendjemandes Jetzt.

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Und? Vorausschauend zu sein oder den Überblick zu behalten – dies gehörte zu den Fähigkeiten, auf die ich mich täglich verlassen können musste. Aber wie schwer es fiel, diese Rolle einzunehmen, wie schwer es mir schon immer gefallen war, erkannte ich jetzt, da meine Existenz wieder auf sie reduziert wurde, ich aufhörte zu warten. Auf den Fremden, der mich einige wenige Nächte lang in seinem Wagen mitgenommen, dessen Fragen ich beantwortet hatte, ohne zu wissen, wohin mich oder uns diese Fahrten bringen sollten, ob es überhaupt je darum ging, irgendwo anzukommen. Er blieb verschwunden.

Aber? Ist es nicht dieses alltägliche Fließen, das mich in Bewegung und am Leben hält? Von den bloßen Befindlichkeiten, der Beschäftigung mit mir selbst ablenkt; mich vor absurder Kasteiung durch Zustandsbeschreibungen eines Innenlebens bewahrt, das längst keinem äußeren, echten Erleben mehr entspricht?

Sie trieb, Inspiration, ließ sich treiben, sich die unzureichende Zufuhr einteilend, sodass sie nicht vollends unterging, aber sie ermüdete und irgendwann musste es ihr gleichgültig werden, ob sie ertrinken oder irgendwo flussabwärts doch noch in die Nähe des Ufers gelangen würde, die ordnende Hand zu fassen bekäme, die ihr eine ebenso müde Freiheit entgegenstreckte. Vielleicht war es ja die ältliche Disziplin, die – in einen abgelegten, für sie viel zu weiten Mantel ihrer Verwandten gehüllt – am Ufer auf und ab ging, wartend und ohne große Hoffnung Ausschau haltend.

Es gelang mir zeitweise, sie zu vergessen. Ihr Überlebenskampf fand fernab statt, übertraf in seiner Abstraktheit noch die der Existenz der Kämpfenden selbst. Ich vergaß sie und vermisste sie zugleich. Wie den Klang der Stimme, die zu einem längst verstummten Flüstern gehört oder die Wärme, den Druck einer Umarmung an einem vergangenen, letzten Morgen.