Archiv für den Monat: Oktober 2015

fahrt / schieflage

ich weiß ja nicht mal wo ich bin und
draußen fliegt d-land in fetzen vorüber bildbrei
mein haar in salven fahrtwind stiehlt mir lange züge
meiner zigarette presst mir atem zu betankt mich
luft! ein schloss ein turm und ampelspiel
in leeren straßen windgekehrte reste

was wenn jeder blick ein erster und ein letzter
wäre wenn mich nie mehr einer hier her bringt wohin
zurück wie komm ich an und wozu sollte ich da ist doch
die musik in dosen die nicht rosten werden und

dann liege ich drei sitze ganz für mich allein ab-
teil geschlossne lider und die sonne hinter masten bäumen:
schattenspiele rhythmisch vorhang knattern alles für ein
endogenes video und pixelblitzen pumpt mir um den blinden fleck
entgegen (den ich als schwarzes loch wie einen tunnel kommen
sehe einfahrt dunkel feuer dunkel kranz und feuer frei!)
schotter schwellen eisen alles schallt und stampft von unten
meiner halben träume vibrationen lullen mir die
hohlen knochen ein ich bin ich bin ich werde resonanz
mein körper haus am hang dort liegt es liebt es leer

(09/2014)

Danke an Marten Mühlenstein für Aufnahme und Produktion der Audioversion.

7

Noch ist es nicht soweit. Es ist noch nicht Gestern, die Reise wird aufgeschoben, ich werde gebraucht: Hier, wo dem Staub keine Zeit bleiben sollte, sich zu setzen.

*

Also stand ich auf und verbannte, was mich doch lockte, wollte mich eine Zeit lang dem widmen, was ich den Rest des Lebens, die zu planende Wirklichkeit, die Pflichtübungen, das nacheinander Abzuhakende nannte. „Drinnen wartet Arbeit.“ So hatte ich es an anderer Stelle ausgedrückt. Ich musste nichts nachlesen, der Schmerz im Nacken – schwach zwar, aber gegenwärtig – erinnerte mich daran. Ich war Lola. Hier war Abrillon.

Im Aufstehen streifte mich der Gedanke an eine Rückkehr des Fahrers und damit an die Geschichte, die er begonnen hatte mir zu entlocken. Ein Gedanke, aufleuchtend wie ein Paar Katzenaugen am nächtlichen Straßenrand, vom Scheinwerferlicht eines schnellen Wagens erfasst und wieder verloren.

Die nächsten Tage vergingen, und das Wissen um die Regelmäßigkeit, mit der jedes ausreichende Luftholen der Inspiration von einem Strudel oder einer weiteren Stromschnelle im Alltag, diesem breiten Fluss, vereitelt würde, ließ mich auf eine Art träge werden, die mechanische Tätigkeiten zwar zuließ, mir jedoch die Möglichkeit nahm, den Kopf erhoben, wenigstens manchmal, die Sicht auf ein größeres Wissen, das Massiv namens Vertrauen am Horizont: frei zu halten. Den Blick für die Ferne zu schärfen.

Ich wurde kurzsichtig.

6

Seit gestern bin ich hier. Ich hätte sie unsere Wohnung genannt, aber nie kamen wir auf sie zu sprechen. Belächelt wurde ich dafür also nicht.

Meinen Aufenthalt unterbreche ich immer wieder, so auch jetzt – Rufe sind zu hören, von weit weg und dennoch: deutlich. Die Wohnung faltet sich, rechte Winkel büßen ihre Grade ein, Schatten huschen, wischen über Böden, Farben erblassen, bevor sich alles ineinander fügt wie in einem Pop-up-Buch, wenn gegenüberliegende Seiten zu einer werden, sobald sie den Blicken entzogen sind, es passiert und ich lasse es geschehen. Bildschirm und Tastatur treffen aufeinander.

*

Was geht dort vor, wenn ich nicht da bin? Was geschieht, was bewegt sich, wie wachsen meine Gedanken oder die Träume des frühen Morgens, des verpassten Erwachens – wuchert das alles, solange ich fort bleibe? Wird mir ein Dschungel, ein Gewirr verknoteter Ranken, ein Gestrüpp feindlicher Verholzungen auflauern? Wie viel Kraft werde ich brauchen, um die Tür wieder aufstemmen, durch einen Spalt in meine Wohnung gelangen zu können?

5

Mir gefällt, wie viel Leere und Kargheit die Wohnung jetzt bietet, genug Platz für jede mögliche Projektion, für Variationen des Zukünftigen, das vor mir gelegen hat.
Ich gehe erneut auf das Bogenfenster zu. Im Gegenlicht gut sichtbar, schlängelt sich noch immer seidiger Dampf in Fäden aus der Tülle meiner Teekanne, des gehüteten Bäuchlings; im Halbdunkel der Zimmerecke hängt die Wanduhr, den Sprung in ihrer Verglasung ahne ich nur. Das Uhrwerk steht – seit einem Tag, an dem ich nicht hier war: Zehn vor elf wird mir seit einem Frühlingstag vor Jahren angezeigt. Ich weiß nicht, wie viele vergangen sind.

Es ist eine gute Uhrzeit, denke ich einmal mehr, und vielleicht vergesse ich deshalb jedes Mal die Batterien, wenn ich abreise, wenn ich aufbreche, um nach der Wohnung zu sehen. Überhaupt reise ich ohne Gepäck – es passt ja alles, was ich brauche, in die Taschen meiner Hose und der Jacke, die jetzt über dem Bügel an der Garderobe hängt, breitschultrig und mit zu langen Ärmeln, aus denen nur meine Finger hervorschauen, wenn ich unten in der Straße stehen bleibe und hinaufschaue zum Bogenfenster.

4

Im Gebäude gegenüber, nach Westen hin, dessen Fassade mit ihren Verzierungen mich an Buttercremetorten hinter Vitrinen einer kindheitlichen Konditorei erinnert, wohnt ein Mann. Seine Wohnung liegt auf Augenhöhe zu meiner, auch er bewohnt das letzte Geschoss. Wenn er an Sommerabenden Besuch hat und eins oder mehrere der Fenster drüben offen stehen, dann gibt es Stimmen, manchmal aus der Wohnung dringendes Gelächter zu hören. Auf meinem Küchenbalkon verborgen, spiele ich zuweilen mit den verschiedenen Klängen.

Bleibe ich aber am Tisch beim Bogenfenster sitzen, kann ich manche der Besucher beobachten, wenn sie einer Öffnung nahe genug stehen, weil sie etwa eine Zigarette rauchen oder sich mit einem Raucher unterhalten. Wie banal solche Szenen mir erscheinen oder welche dramatische Wendung die Gestik der Fremden einleitet, hängt von der Musik ab, die ich zu diesen Szenen stummer Filme aussuche.

Im Schrank unter dem Spülstein, neben dem roten Eimer, finde ich die Kanne. Als ich den lauwarmen Rest des Teewassers hineingieße, weiß ich: ich werde wiederkommen, ich will sie behalten. Die Kanne, den Eimer, die Wohnung.