Archiv für den Monat: September 2015

3

Was nützt es, wieder im Besitz eines zweiten Spiels der Schlüssel zu sein, wenn ich es nicht an einem Ort hier in der Nähe, außerhalb des Hauses deponiere? Nicht mehr als einen Stuhl am Tisch benötige ich; nur einen einzigen Teller, um daraus meine Suppe zu löffeln.
Vom Balkon her nicken die ersten Blüten der Kapuziner, sie meinen nicht mich, sie beugen sich nur dem leichtfertigen Wind, übersetzen mir sein Wirbeln – hören kann ich ihn nicht durch die doppelte Verglasung der Balkontür. Mir fällt die kupferne Kanne ein, die für das Gießwasser bestimmte, und jetzt fürchte ich, sie könnte irrtümlich auf der Liste gestanden haben. Ich mache mich auf die Suche.

Immer noch glaube ich, dass diese Wohnung eine gute Wahl war.

Niemand wird sie mir abkaufen wollen, ich werde von Angeboten verschont bleiben, solange kein Anlass zur Klage besteht, ich keinen Schmutz im Treppenhaus hinterlasse, meine Besucher die Nachtruhe nicht stören. Wer von den Mietern oder Wohnungsbesitzern im Haus weiß denn von mir? Ahnt, dass ich einen Teil meiner Zeit über ihren Köpfen verbringe?
Kommen und gehen, wenn die Leute mit den Mahlzeiten beschäftigt sind oder mit ihrer Zubereitung; auf Bemerkungen oder einen Gruß höflich, doch so knapp antworten, dass sie mich für eine halten mögen, die nach der Wohnung sieht, solange die Besitzer im Ausland bleiben; meiner Stimme keine Schminke auflegen, um einen Gruß zu erwidern; nur kurz lächeln, ohne Verbindlichkeit: so werden weder mein Gesicht noch meine Gestalt sich einprägen.
Keinen der Hausbewohner kenne ich – noch leben sie als Schatten im Treppenhaus, oder durch Geräusche hinter nummerierten Türen. Einer ist darunter, den ein schlimmer Husten plagt.

2

Später Nachmittag ist es, und ich weiß noch nicht, ob ich eine weitere Nacht hier verbringen werde. Die Bücher, die nicht meine sind, unterscheiden nicht zwischen dem nächsten und einem fernen Morgen, immer bleibt es dasselbe Zittern zögernder Finger, wenn sie berührt werden.

Ich kehre noch einmal in die Küche zurück. Vielleicht, denke ich, finden sich Brot und Butter, Kirschtomaten, grobes Salz und grünes Kernöl; vielleicht stellt sich ein Hungergefühl ein. Doch der Anblick des Schlüsselbunds lenkt mich ab. Als Briefbeschwerer liegt er auf einem Kuvert – schon gestern Abend habe ich der Neugier nicht nachgegeben, nicht nachgesehen, was in diesem Umschlag auf mich wartet.

Ich verstehe, warum die Schlüssel hier abgelegt werden mussten, bevor der Letzte der mit dem Transport der Möbel beauftragten Truppe die Tür zugezogen hat. Dabei wird er, stelle ich mir vor, bereits an den bevorstehenden Feierabend, an das erste Bier gedacht und darüber eilig die Wohnung verlassen und ihre Parkettböden, die hier verbliebenen Möbelstücke, all die gerahmten Zeichnungen und Aquarelle; äugende Portraits, Körper und Landschaften an den Wänden vergessen, sie alle zu den miteinander verschwimmenden Erinnerungen an hunderte Wohnungen und Häuser geschüttet haben. Nichts, wovon er zehren müsste.

Aber auch die Frau könnte es gewesen sein, die nach Ablauf der genau bemessenen Stunden des Putzens, der Beseitigung aller Spuren der Möbelpacker von West nach Ost – den geordneten Rückzug ihres Bataillons von Utensilien in Richtung Schwarzes Meer anführend – die Schlüssel dort auf dem Kuvert abgelegt hat; vielleicht hat sie ja den Umschlag aus dem Briefkasten gefischt und heraufgebracht?

Der dritte, der ihr überlassene Schlüsselbund ist mit einer Fledermaus versehen, deren wattierte Flügel glitzern wie der Blick, den die Frau mir zuwirft, wenn sie ihre kleine Tochter erwähnt. Es ist lange her, dass die Frau und ich uns begegnet sind.

1

Seit gestern bin ich zurück. In unserer Wohnung, wie ich sie damals genannt hätte. Heute weiß ich, warum die Möbelstücke in seinem Arbeitszimmer sich auflösten, wenn ich hinein schaute, auf der Suche nach ihm. Ich sah ihn dann, wie er am offenen Fenster stand und den Himmel über den Dächern mit Kondensstreifen füllte, die rasch zu fedrigem Blass, nahezu transparentem Weiß zerflossen.

Sein Schreibtisch – ein Ungetüm. Ein Kind hätte darunter Platz finden und im Halbdunkel seiner Behausung spielen können, die Geschichten erahnend, die in den Schrankfächern und Schubladen warteten. Jetzt, wenn mein Blick die geschlossene Tür zum Arbeitszimmer streift, wenn ich – aus der Küche kommend – den langen Flur entlang bis zum größten Raum der Wohnung gehe, nehme ich mir vor, den kleinen Stapel Bücher zu inspizieren, der sich anstelle seines Regals an die Wand lehnt. Morgen, nehme ich mir vor, werde ich in seinen Büchern blättern, jetzt sind meine Hände, ist mein ganzer Körper damit beschäftigt, das Tablett bis ins große Zimmer zu balancieren und ich stelle es ab, auf dem Tisch beim Fenster nach Westen.

Nur noch ein Stuhl steht dort. Alles, was für mehr als einen Bewohner benötigt würde, ist ja während meiner Abwesenheit abtransportiert worden.