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Die Stadt atmet, denke ich und verwerfe diesen Gedanken sofort, denn zu ihr passt die Vorstellung eines Organismus nicht – auch wenn sie vortäuscht, ein komplexes Zusammenspiel ihrer Teile, Bezirke und deren spezifischen Funktionen zugeordneten Zellen innerhalb ihres hingestreckten Körpers zu meistern, diesem Hochrelief in der Waagrechten, überzogen, durchkreuzt, zerfurcht von Brücken, Straßen und Gassen; befleckt, verwundet, vernarbt, verwachsen und bemoost von Baustellen, Kreuzungen, Aufschüttungen, Parks und Spielplätzen. Was oder wieviel von diesem, wenn nicht lebendigen, so doch belebten Körper mithilfe einer Karte sichtbar gemacht werden kann, interessiert mich heute nicht.

Ich habe den Plan entfaltet und auf dem Boden ausgebreitet – es ist ja genug Platz. Auf Händen und Knien bewege ich mich darüber weg, spüre das harte Holz des Parkettbodens und bin doch weit über der Stadt. Ein Netz aus kaum sichtbaren Linien liegt über meinem Entwurf. Diese Linien bilden Quadrate, denen ich weder Ziffern noch Buchstaben zuordnen will, noch nicht. Ich suche oder erzwinge Abstraktion, habe Maßstabstreue vernachlässigt. Mein Stadtplan, der einem Spielteppich ähnelt, wie er jetzt hier liegt, dabei existiert kein Spielzeug, das winzig genug dafür wäre. Mir soll dieser erste Plan nur dazu dienen, Wege auszukundschaften, die ich von hier aus gehen könnte.

Aufstehen. Ich stehe auf, strecke mich vorsichtig, bewege mich um den Plan herum auf den Tisch zu. Schiebe das Tablett mit dem Teegeschirr beiseite, beginne mit einer Skizze. Ich bin hier. Irgendwo mitten in der Stadt.

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Wenn es etwas Beruhigendes gehabt hätte, wenigstens. Zum Beispiel: Bei niemandem das Gefühl zu hinterlassen, wertvolle Zeit verschwendet zu haben.

Warum aber grub ich? Wofür trug ich Halden ab, für wen wehte und verteilte sich Staub, schwebte, legte sich als feine Schicht ab, auf der neue Spuren hätten sichtbar werden können? Wozu die Versuche, ein Loch aufzufüllen und dabei weitere Löcher entstehen zu sehen?

Worin lagen Zweck oder Nutzen, Wege zu bauen, die niemand betrat; Orte zu schaffen, an die keiner mir folgen konnte? (Wenn also feststand, dass einer Geschichte kein Ende zukäme, wie sollte ich sie FESTSCHREIBEN können?)

Solche Gedanken beschäftigten mich zu Beginn dieses Sommers, und ich würde Abrillon verlassen, für einige Wochen hinter mir lassen.

Damit wäre auch die Möglichkeit oder die Gefahr gemieden, dem Fahrer zu begegnen, wieder einzusteigen, von ihm durch Nächte, von der Nacht unkenntlich gemachte Landstriche gefahren, begleitet zu werden, mich seinen Fragen oder seinem Schweigen auszusetzen. Vielleicht gar – wie einmal geschehen – ausgesetzt zu werden und dennoch rechtzeitig, noch vor Tagesanbruch und bevor meine Abwesenheit bemerkt würde, wieder in Abrillon am Haus anlangen zu müssen, das mich aufnehmen, mich und meine Nachtgedanken verschlucken, verdauen, zersetzen sollte.

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Bei allem nach außen hin gewahrten Funktionieren und meinen Anstrengungen, der Familie GERECHT zu werden, bewegte ich mich selbst mit geheim gehaltenen Gedanken, auch Hoffnungen und Ängsten, am Rand einer inneren Verwahrlosung. Wenn ich nicht achtgab, konnte die Grenze rasch überschritten sein.

Grenzen überhaupt. Sich eingrenzen, zurückziehen, entziehen auch.

Der Fahrer hatte es getan. Bevor wir einander noch kennenlernen konnten. Er wäre niemand, gegen den man sich entscheiden müsste, er ließe Nähe nur im Klang und Nachklingen zu und ich fragte nicht weiter, meine Müdigkeit war ja nicht gewichen, sie war in diesen Wochen, in die sein Auftauchen und die gestohlenen Nächte fielen, zu einem Dämmern geworden, einem gnädigen Halbdunkel, das mich schützte, mir beim Loslassen half oder dabei, das Abreißen letzter Fäden nicht sehen, noch immer nicht WAHRnehmen zu müssen.

In einer der Nächte in Abrillon saß ich – wie gewöhnlich – am Rand der obersten Treppestufe vor dem Haus; sie bietet gerade so viel Platz, dass die Vorderbeine des Klappsessels, auf dem das Babyfell liegt, nicht abrutschen.

Gegen drei Uhr morgens kam einer spaziert, zwei kleine Hunde an der Leine führend. Nichts, kein Innehalten, kein Zögern ließen erkennen, ob er mich bemerkt hätte. Die Hunde schienen mit Schnüffeln und Schritthalten beschäftigt.

Ich saß und suchte. Nach der Geschichte, die sich verbarg, mir in so vielen Nächten seit diesem Frühjahr vor Jahren auflauerte.

Es gab kein Ende für sie, so viel stand inzwischen fest. Aber stimmte es denn, dass wir nichts mitnahmen – dieses Mitnehmen konnte ja darin bestehen, etwas NICHT zurückzulassen?

Hier. In irgendeinem Jetzt. Irgendjemandes Jetzt.

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Und? Vorausschauend zu sein oder den Überblick zu behalten – dies gehörte zu den Fähigkeiten, auf die ich mich täglich verlassen können musste. Aber wie schwer es fiel, diese Rolle einzunehmen, wie schwer es mir schon immer gefallen war, erkannte ich jetzt, da meine Existenz wieder auf sie reduziert wurde, ich aufhörte zu warten. Auf den Fremden, der mich einige wenige Nächte lang in seinem Wagen mitgenommen, dessen Fragen ich beantwortet hatte, ohne zu wissen, wohin mich oder uns diese Fahrten bringen sollten, ob es überhaupt je darum ging, irgendwo anzukommen. Er blieb verschwunden.

Aber? Ist es nicht dieses alltägliche Fließen, das mich in Bewegung und am Leben hält? Von den bloßen Befindlichkeiten, der Beschäftigung mit mir selbst ablenkt; mich vor absurder Kasteiung durch Zustandsbeschreibungen eines Innenlebens bewahrt, das längst keinem äußeren, echten Erleben mehr entspricht?

Sie trieb, Inspiration, ließ sich treiben, sich die unzureichende Zufuhr einteilend, sodass sie nicht vollends unterging, aber sie ermüdete und irgendwann musste es ihr gleichgültig werden, ob sie ertrinken oder irgendwo flussabwärts doch noch in die Nähe des Ufers gelangen würde, die ordnende Hand zu fassen bekäme, die ihr eine ebenso müde Freiheit entgegenstreckte. Vielleicht war es ja die ältliche Disziplin, die – in einen abgelegten, für sie viel zu weiten Mantel ihrer Verwandten gehüllt – am Ufer auf und ab ging, wartend und ohne große Hoffnung Ausschau haltend.

Es gelang mir zeitweise, sie zu vergessen. Ihr Überlebenskampf fand fernab statt, übertraf in seiner Abstraktheit noch die der Existenz der Kämpfenden selbst. Ich vergaß sie und vermisste sie zugleich. Wie den Klang der Stimme, die zu einem längst verstummten Flüstern gehört oder die Wärme, den Druck einer Umarmung an einem vergangenen, letzten Morgen.

fahrt / schieflage

ich weiß ja nicht mal wo ich bin und
draußen fliegt d-land in fetzen vorüber bildbrei
mein haar in salven fahrtwind stiehlt mir lange züge
meiner zigarette presst mir atem zu betankt mich
luft! ein schloss ein turm und ampelspiel
in leeren straßen windgekehrte reste

was wenn jeder blick ein erster und ein letzter
wäre wenn mich nie mehr einer hier her bringt wohin
zurück wie komm ich an und wozu sollte ich da ist doch
die musik in dosen die nicht rosten werden und

dann liege ich drei sitze ganz für mich allein ab-
teil geschlossne lider und die sonne hinter masten bäumen:
schattenspiele rhythmisch vorhang knattern alles für ein
endogenes video und pixelblitzen pumpt mir um den blinden fleck
entgegen (den ich als schwarzes loch wie einen tunnel kommen
sehe einfahrt dunkel feuer dunkel kranz und feuer frei!)
schotter schwellen eisen alles schallt und stampft von unten
meiner halben träume vibrationen lullen mir die
hohlen knochen ein ich bin ich bin ich werde resonanz
mein körper haus am hang dort liegt es liebt es leer

(09/2014)

Danke an Marten Mühlenstein für Aufnahme und Produktion der Audioversion.

7

Noch ist es nicht soweit. Es ist noch nicht Gestern, die Reise wird aufgeschoben, ich werde gebraucht: Hier, wo dem Staub keine Zeit bleiben sollte, sich zu setzen.

*

Also stand ich auf und verbannte, was mich doch lockte, wollte mich eine Zeit lang dem widmen, was ich den Rest des Lebens, die zu planende Wirklichkeit, die Pflichtübungen, das nacheinander Abzuhakende nannte. „Drinnen wartet Arbeit.“ So hatte ich es an anderer Stelle ausgedrückt. Ich musste nichts nachlesen, der Schmerz im Nacken – schwach zwar, aber gegenwärtig – erinnerte mich daran. Ich war Lola. Hier war Abrillon.

Im Aufstehen streifte mich der Gedanke an eine Rückkehr des Fahrers und damit an die Geschichte, die er begonnen hatte mir zu entlocken. Ein Gedanke, aufleuchtend wie ein Paar Katzenaugen am nächtlichen Straßenrand, vom Scheinwerferlicht eines schnellen Wagens erfasst und wieder verloren.

Die nächsten Tage vergingen, und das Wissen um die Regelmäßigkeit, mit der jedes ausreichende Luftholen der Inspiration von einem Strudel oder einer weiteren Stromschnelle im Alltag, diesem breiten Fluss, vereitelt würde, ließ mich auf eine Art träge werden, die mechanische Tätigkeiten zwar zuließ, mir jedoch die Möglichkeit nahm, den Kopf erhoben, wenigstens manchmal, die Sicht auf ein größeres Wissen, das Massiv namens Vertrauen am Horizont: frei zu halten. Den Blick für die Ferne zu schärfen.

Ich wurde kurzsichtig.

6

Seit gestern bin ich hier. Ich hätte sie unsere Wohnung genannt, aber nie kamen wir auf sie zu sprechen. Belächelt wurde ich dafür also nicht.

Meinen Aufenthalt unterbreche ich immer wieder, so auch jetzt – Rufe sind zu hören, von weit weg und dennoch: deutlich. Die Wohnung faltet sich, rechte Winkel büßen ihre Grade ein, Schatten huschen, wischen über Böden, Farben erblassen, bevor sich alles ineinander fügt wie in einem Pop-up-Buch, wenn gegenüberliegende Seiten zu einer werden, sobald sie den Blicken entzogen sind, es passiert und ich lasse es geschehen. Bildschirm und Tastatur treffen aufeinander.

*

Was geht dort vor, wenn ich nicht da bin? Was geschieht, was bewegt sich, wie wachsen meine Gedanken oder die Träume des frühen Morgens, des verpassten Erwachens – wuchert das alles, solange ich fort bleibe? Wird mir ein Dschungel, ein Gewirr verknoteter Ranken, ein Gestrüpp feindlicher Verholzungen auflauern? Wie viel Kraft werde ich brauchen, um die Tür wieder aufstemmen, durch einen Spalt in meine Wohnung gelangen zu können?

5

Mir gefällt, wie viel Leere und Kargheit die Wohnung jetzt bietet, genug Platz für jede mögliche Projektion, für Variationen des Zukünftigen, das vor mir gelegen hat.
Ich gehe erneut auf das Bogenfenster zu. Im Gegenlicht gut sichtbar, schlängelt sich noch immer seidiger Dampf in Fäden aus der Tülle meiner Teekanne, des gehüteten Bäuchlings; im Halbdunkel der Zimmerecke hängt die Wanduhr, den Sprung in ihrer Verglasung ahne ich nur. Das Uhrwerk steht – seit einem Tag, an dem ich nicht hier war: Zehn vor elf wird mir seit einem Frühlingstag vor Jahren angezeigt. Ich weiß nicht, wie viele vergangen sind.

Es ist eine gute Uhrzeit, denke ich einmal mehr, und vielleicht vergesse ich deshalb jedes Mal die Batterien, wenn ich abreise, wenn ich aufbreche, um nach der Wohnung zu sehen. Überhaupt reise ich ohne Gepäck – es passt ja alles, was ich brauche, in die Taschen meiner Hose und der Jacke, die jetzt über dem Bügel an der Garderobe hängt, breitschultrig und mit zu langen Ärmeln, aus denen nur meine Finger hervorschauen, wenn ich unten in der Straße stehen bleibe und hinaufschaue zum Bogenfenster.