nach …

 

… dem verkauf der staffelei

reisen kann ich worthin nicht, um
eine deiner stimmen bitten. ab
dem randstrich zwischen uns, da herrscht ein
wicht, von langen wellen aufbereitet
die nicht zu fassen, formen, brechen

sind wir uns begegnet, hast
du dich nicht erkannt – so fremd
die farben jeder deiner fasern
ihre töne eine spur zu warm
und ihnen unverwandt der blick
aus nord, nord-ost. gegenwärtig:

zimt und eine wolke milch im tee
und dabei warte ich auf nichts; nur
als der sommer grollte, verse an
den falschen stellen schmolzen
hätte ich gewünscht, du fehltest doch

das motiv ins abbild zu verrenken
hieße ja, verrat zu üben unter schichten
die erst trocknen, später reißen? lernen
wie ein bild, seines gegenstands entbunden
dort bewegung zeugt, wo leere wohnte –

nein, ich will in einer wortschaft lieben
bleiben, wo mir stimmen körper werden
farben schon im dunkel wachen und ein
raunen über nacht zum tosen wachsen
darf. alles brandet hier: an meinen stufen

 

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Kurzprosa

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Das Überleben der Stimmbänder

 

Je suis mon oreille
Il se tend vers
cette profondeur
Un drôle de cadeau
Quelle idée de se
débarrasser dʼune cruche
Je vois. Au fond
brille du noir
Je ne la remplirai pas

 

Du hast ihn ausgespült und kopfüber abtropfen lassen, du reibst ihn ab und dann drehst du das Tuch hinein, bis er innen ganz trocken ist. Er glänzt, dein Krug, und trägt ein gutes Stück zu deiner Zufriedenheit bei – vielleicht denkst du, sie könnte eine Weile bei dir wohnen bleiben – und gleich wirst du ihn in einem Schrank verstauen.

Wer weiß, wo du wohnst. Im wievielten Stockwerk die Wohnung liegt. Gibt es einen Fahrstuhl, und wie sieht der Schrank aus, der entweder in der Küche hängt oder in dem Raum steht, wo der Hund liegen und den Kopf heben könnte, wenn du jetzt mit dem Krug in der Hand hereinkommst?

Vielleicht besitzt du keinen Krug. Möglicherweise war es ein Aschenbecher, den du gereinigt hast, den du wieder auf den Balkon hinaustragen wirst. Du bist Nichtraucher? Es könnte sein, dass der Aschenbecher für Besucher bereitstehen soll, die später am Abend noch absagen werden. Auf dem Weg zum Schreibtisch oder ins Badezimmer kommst du an der Stelle vorbei, wo an der Wand ein Platz für das Foto wäre, das dich mit dem Hund zeigt und du bleibst stehen. Man ruft dich, gleich beginnt der Film oder die Reportage oder das Fußballspiel.

Dir fällt auf, dass du heute keine Rückenschmerzen hattest. Morgen könntest du einen Rahmen besorgen, das Foto ausdrucken lassen, denkst du, als dir einfällt, dass Feiertag sein wird. Es war eine gute Idee, das Fernsehgerät abzuschaffen, da seid ihr euch einig. Nach dem Abendessen wird eingefroren, was übrig blieb. Du suchst ihr das Buch heraus, aus dem sie vorlesen wird. Sie schenkt den Rest aus der Flasche gleichmäßig in die beiden Weingläser. Du lächelst, das Rot des Traubensafts im dritten, kleinen Glas ist dasselbe.

In der Nacht gehst du den Weg durch den Garten bis zum Ende des Grundstücks, freust dich, im Herbst die Büsche gepflanzt zu haben, in einigen Jahren wird der Zaun nicht mehr zu sehen sein. Nach dem langen Wochenende – dem vorläufig letzten, an dem du frei nehmen konntest – werdet ihr in die Stadt zurückfahren. Du beachtest den Himmel nicht, obwohl nirgends so viele Sterne zu sehen wären, wie hier draußen auf dem Land. Du atmest tief ein und aus.

 

 

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Heizkraft

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Ein nie gerahmtes Bild lehnt schräg zur Wand,
dem alten Pinsel formt es Dach: Versteck.
Im Drunterwinkel nackter Stoß von Gips
an Bohlen, ungestört in Ritzen schläft
der Staub. Das Haar zur roten Masse hart
getrocknet, liegt der Pinsel nun als Stab,
der keinem Meister dient, ist ausrangiert.

Auf Leinen, halb gebannt: ein Augenpaar,
sein Blick. Ein Mund, skizziert; die Stirn
konturlos, Kinn und Nase fehlen. Bild
und Pinsel harren – nicht des Zaubers, nicht
der frischen Farben. Einen fremden Blick,
den harten Pinsel? Niemand braucht sie. Nur
ein Tritt … und Stäbe, Augen brechen. Bald
brennt Müll.

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24

 

Eine Ausflugsfahrt zum Meer, hämmernde Rhythmen im vollbesetzten Wagen, die Vorfreude auf das Open-Air-Fest in wenigen Wochen fuhr mit, für drei von uns.

Steinige Strände wieder betreten, unterhalb von Riesenwänden der Steilküste; beobachten, wie das Meer sich langsam zurückzieht, den Sand und die von Muscheln und kleinen Krebsen bewohnten Felsen freigibt, endlich den Grund unter den nackten Füßen spüren. Später den Kleinsten aus den Augen verlieren, aufkommende Panik und erneutes, systematisches Absuchen der abwechselnd matten und glitzernden Weite des nassen Sands; seinen Namen rufen. Im flachen Wasser, weiter draußen jenseits der Wulst des Meeressaums, zwischen anderen: endlich. Umrisse des kleinen Körpers, die ihm eigenen, typischen Bewegungsabläufe, die Badehose – wiedererkennen, aufatmen, beobachten, mich nähern … und erinnern.

An die Sommer vor vielen Jahren, an ganz ähnliche Bilder; daran, wie Licht und Wolkenschatten mitspielten, als ich das Spielen und die Ernsthaftigkeit darin dank meiner Kinder wiederentdeckte; wie sie nach selbstvergessenem Sammeln und Formen und Graben zum fordernden, aktiven Miteinander, Gegeneinander wechselten. Szenen, die ich aufnehmen konnte, in die ich manchmal nur hineinhörte, wenn ich die Augen schloss: das Rauschen, die deutlich-feinen Stimmen der Kinder und wie sie mich aufforderten zu schauen, mitzuspielen. Staunen. Die Wärme und ein Wehen über allem, schließlich Kühle eines Abends und Aufbruch. Später noch die weiche Haut, müde Augen, vielleicht das Vorlesen.

Heute? Es fehlte der Glanz. Ich begriff, was geschieht, wenn die Zuversicht von Ernüchterung abgelöst, aufgelöst worden ist: sie zersetzt selbst Erwartungen oder Plänen das Schimmern, alles Gegenwärtige wirkt schon blass oder matt. Jener Schimmer – der wie von einem leichten Gewebe herrührt, das die Freude übers Land gebreitet hätte; der einen Horizont zwar unschärfer, gar ungewisser, dennoch nie unerreichbar erscheinen lässt – war verschwunden.

Im stetigen, kühlenden Wind spürte ich die Kraft der Sonne nicht auf meiner Haut, wusste aber, wie tief sie dringen, mir Stirn und Arme versengen konnte.
Über dem Gestern und dem Jetzt schien derselbe Himmel. Sein Leuchten aus einer Tiefe, von weit her – wieder gingen Blicke verloren, manche aber verfingen sich in Details, dem Segelflug einer Möwe oder der Abbruchkante einer Felswand. Ein immer öfter verscheuchtes, unerwünschtes Sehnen wehte mit der Brise heran, aber ich wehrte mich, griff in mein auffliegendes Haar, bändigte, zwang es mit geübten Händen in einen Knoten: lieber begann ich erneut, in den tausenden glatt- und rundgeschliffenen Steinen nach Formen Ausschau zu halten. Die uralten Figuren faszinierten mich, wie
GEMACHT oder bearbeitet manche doch aussahen – wie perfekte Miniaturen, Henry-Moore-Skulpturen in einer Zwergenwelt.

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Abgefahren – 7

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Er sagt nichts. Stellt keine Frage. Sitzt, ihr gegenüber, auf einem Stuhl und rührt in seinem Kaffee. Lola schreckt wie aus kurzem Schlaf auf – die letzten Minuten sind ihr entgangen, dabei muss sie sich auf die Bank gesetzt und ihm dabei zugesehen haben, wie er den Kaffee einschenkt.

»Wo sind wir?«
Er schaut auf. Sieht sich um, als müsse er, um die Frage beantworten zu können, sich zuvor orientieren oder im Raum einen Gegenstand ausmachen, woran eine Erklärung zu knüpfen wäre.
»Wir sind …«, beginnt er und stockt. Streicht sich über den kahlgeschorenen Kopf. »Es ist so was wie ein Zuhause.« Mit beiden Händen rückt er seine Tasse näher zu sich, schaut hinein. »Ein Ort, den ich mir zuerst ausgedacht, und dann … jedenfalls: ich habe ihn mir verdient.«
»Du wohnst hier?«
»Manchmal. Nie sehr lange. Wenn ich Pause habe – dann komme ich her und lüfte ordentlich durch.«
»Und jetzt … machst du gerade Pause?«
»Ich hatte es vor, ja.« Er trinkt, stellt die Tasse vorsichtig aufs Tablett. »Ich werde jetzt den Wagen zurückbringen, das wird eine Weile dauern. Das Bett drüben – es ist frisch bezogen.«

Mehrmals ist sie von der Stube durch den Flur in die Küche und von dort durch ein Bad ins Schlafzimmer und wieder in die Stube gegangen. Erst jetzt fügt sich der Grundriss des Stockwerks zu einem Viereck, als sie, erneut in der Küche angekommen, eine letzte Tür öffnet: zu einem Vorratsraum, der, ans Bad grenzend, zwischen Schlafzimmer und Küche liegt, nur von hier aus betreten werden kann.
Lolas Schatten liegt teils auf dem Boden der fensterlosen Kammer, teils über der Regalwand, er klettert dort über Kartons, aufgereihte Konserven und Bücher. Erinnerst du dich?
Lola schließt die Tür, dreht sich um, tatsächlich: Tageslicht. Durch zwei kleine Fenster und den oberen, verglasten Teil einer Tür dringt es herein und sie kann weit im Westen die felsigen Spitzen mächtiger Berge leuchten sehen. Es gibt keinen Plan, hier gibt es nur die Gegenwart, sagt sie sich, Räume, drinnen und draußen, und sie dreht am Knauf der Tür, die, so scheint es, ins Leere führt. Führen könnte, wäre sie nicht abgeschlossen – doch jetzt erkennt Lola weiter unten, hinter einzelnen Bäumen auf steil abfallendem Gelände, eine steinerne Mauer; dahinter liegt noch im Dunst, was sich vielleicht als Dächer von einzelnen, sich an den Hang schmiegenden Häusern entpuppen wird. Apfelbäume scheinen es zu sein, die dort warten, sechs oder sieben, von der hohen, knorrigen Sorte. Ihre dünnsten Äste, manche davon ganz ohne Blätter, einige in die Zweige ihrer Nachbarbäume fingernd, wippen und zittern; der Eindruck von Unschärfe in diesem Landschaftsbild hinter Glas, gerahmt vom dunkel gebeizten Holz der Tür, verstärkt sich weiter. Nur die zahlreichen Vögel, im Aufsteigen flatternd oder aus dem Himmel wie Geschosse gegenseitig ihre Flugbahnen kreuzend, versichern Lola erneut der Gegenwart und ihrer Wirklichkeit.

Auch aus dem Schlafzimmer kann sie den heraufziehenden Schwaden des weißen Morgennebels zusehen, bald steht das Haus in Wolken; ihre Müdigkeit tauscht sie gegen Vorfreude: Einschlafen in einem fremden Bett, Träumen vielleicht und Vergessen. Aber war es nicht das wiederholte Verschwinden, ein sich einander Aufwiegen von Erinnerung und Ernüchterung gewesen, wogegen sie sich gestern hatte wehren wollen? Sollte sie nicht wach bleiben und auf die Rückkehr ihres Gastgebers warten? Wie müde er sein musste, nach dieser Nacht. Wie weit war der Weg von dorther, wo der Besitzer des Wagens wohnte?

Ein Frösteln zuerst, als sie klammen Stoff auf der nackten Haut spürt, doch das Wolkenbett wärmt sich rasch an ihr. Sie nimmt sich vor aufzuwachen, sobald der Fahrer zurückkäme. Sie wird ihn nach seinem Namen fragen. Und danach, ob nicht auch er sie verwechselt hat.

Letzte Wachgedanken tanzen; ein Satz beginnt sich zu formen, ein Bild taucht auf. Sie will beides festhalten, weiß, es hat mit einem Versprechen zu tun, das jemand passiert ist, einem Irrtum – aber noch bevor sie den Gedanken eine Richtung geben, zu Formulierendes einordnen oder sich Details des Bildes einprägen könnte, löst sich alles in Verlust auf.
Sie hört den Fahrer nicht, als er zurückkommt; und der liegt ruhig atmend, nachdem er neben ihr eingeschlafen ist.

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Abgefahren – 6

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Sie hat nicht gefragt, wohin die Nachtfahrt geht. Auch dann nicht, als er an einem Rasthof gehalten und vollgetankt hat. Trotz des Bechers Kaffee und einer Zigarette während der kurzen Pause ist sie bald wieder eingeschlafen; später wird sie mehrmals von Bewegungen des eigenen Körpers geweckt, der Widerstand leistet, entgegen hält, wenn der Wagen aus Kurven heraus beschleunigt. Sie haben die Autobahn längst verlassen, wird Lola klar, als das fortgesetzte Schwappen eines weiteren Traums vorbei ist. Die Straßen sind schmal – beim Durchqueren von Waldstücken scheint ihr, eine dunkle Macht öffnete Tunnel zwischen Bäumen, deren Stämme weichen müssen, im letzten Moment gezwungen werden, Einfahrten freizugeben. Tore, die sich hinter ihnen verschließen; Einfahrten zu Tunneln, die wie brüchige Schläuche einer Last augenblicklich nachgeben, vom Wald zerdrückt, ihm einverleibt werden – sobald der Wagen sie passiert, sich hart auf den Fersen seines streunenden Scheinwerferlichts ein weiteres Stück hindurch geschlängelt hat.

»Wir sind da.« Er stellt den Motor ab. »Erinnerst du dich?«
»Noch nicht«, sagt Lola und sie sehen sich an, schauen einander in undeutliche Gesichter. »Es ist ja noch dunkel.«

Derselbe Fremde, der vertraute; seine Stimme – ist sie es, die sie so vermisst hat?

Sie steigen aus. Ihre Schritte verursachen kein Geräusch. Es ist das letzte Gebäude einer Reihe Wohnhäuser und Scheunen, vor dessen Tür der Fahrer jetzt stehenbleibt. Während er aufschließt, sieht sich Lola um: ein großer Hof oder der Rand eines Dorfes, aufwärts sind sie gefahren, die letzten Kilometer – und wäre es schon hell, müsste sie weiter als bis zu den dunklen Riesen sehen können. Aus ihren Kronen dringt ein Tuscheln herüber, dabei spürt sie den Wind nicht, vielleicht halten die Bäume ihn auf.

»Komm erst mal herein. Deine Sachen hole ich gleich.«
»Es sind nicht …«
»Stimmt ja.« Er lacht.
»Ich mache uns Kaffee«, sagt er und schaltet nacheinander das Flurlicht und die Beleuchtung eines großen, aber niedrigen Raums ein. »Die Stube. Das Schlafzimmer ist nebenan.«

Er nimmt Lola die Jacke ab, deutet auf eine gepolsterte Eckbank und verschwindet durch die Tür zum Flur. Metallische Geräusche dringen zu ihr, sie ist stehengeblieben, die Helligkeit im Raum passt nicht zu ihrer Müdigkeit, die nur den Körper beschwert, nicht aber im Kopf ankommt. Wie im Theater, denkt Lola. Hat die Vorstellung wirklich erst am Abend zuvor stattgefunden? Sie hört, wie die Haustür erneut geöffnet wird, kühle Luft dringt herein. Dann steht er vor ihr, stellt den Rucksack ab.
»Ich bin gleich soweit«, sagt er und greift die große Einkaufstasche fester, die er mit hereingebracht hat. »Das reicht fürs Erste – auch für zwei.«
Als er mit einem Tablett wiederkommt, schaut Lola noch immer unschlüssig auf den Rucksack.

»Wer weiß, wie lange es diesmal dauert, bis ich in die Stadt zurückkehre und in diese Wohnung gelange.«
Ihr fällt ein, dass er nichts weiß, nichts von ihrer Wohnung wissen kann. ›Dabei wollte ich nur hinunter, hinaus – eine Zeitlang durch die Straßen gehen‹, würde sie sagen, wenn er sie ansähe. Fragte er, was weiter passiert sei, oder warum sie nach Mitternacht noch dort gewartet hat, könnte sie antworten: ›Ich wollte Leuten zusehen, Leute hören. Ich bin dann in einem Restaurant gelandet, weil ich dachte, ich sollte etwas essen. Und dann … stand ich ohne Schlüssel da. Mit einem fremden Rucksack und einer Theaterkarte.‹

An dieser Stelle könnte sie auf den Rucksack deuten, vielleicht die zerknautschte Eintrittskarte aus ihrer Hosentasche hervorkramen und auf den Tisch legen, sie glattstreichen.

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sumpfgebiet, winter

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nicht alles schleimt was langsam in bewegung
rät nicht immer kriecht was aufwärts kommen
will wer weicht stößt krieger vor den kopf wenn


ich mich also ausgeschlagen gebe?
mit schatten vielleicht schein irgend-
einem weiteren verbrauchten

wort das mir erst zugeschnitten werden
muss ich darin eingewickelt trocknen
wegbereitet beiläufig zertreten ab-

gewogen für gefechte ausgesprochen
ungeeignet heißt es im befund nicht mal
geschichten ranken lässt man

hört das knacken nicht
zu fein ist hart gefrorenes knapp unter
oberflächen aderndes gezweig und … schnee?

du hast dick aufgetragen schmelze dürfte
einiges bewegen in der gegend wird
verräterisches schmatzen zu vernehmen sein

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du nimmst gestalt an

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verkleidet stehst du bleibst im rahmen
singe ich dich ab vom blatt jage vor mir
her was ich nicht fangen kann bevor die
müden hände einem schoß zurück

kann er noch lachen wäre eine frage die
der nie gebauten brücke gleich den lauf
des flusses auch nicht quert wenn diese
eine karte schon geschichte sich der wut

des sammlers wert erweisen wird sie alte
welt an eine kellerwand zu pinnen oberhalb
von fässern die in ihren dauben weiter
den geschmack von seegang bergen

bleibst mir bild und sehen kann ich
wenn es dunkelt und das land sich
weitet bis zum hafenbecken dort wo
schwarzes glitzert und kein lotse wacht

 

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Abgefahren – 5

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»Dich schickt ein Himmel, könnte man sagen.« Lola streckt die Beine so gut es geht. Der Wagen, bereits auf der linken Spur, rollt beinah geräuschlos, ist schon Teil des Fließens.
»Überirdisch war das weniger – ich bin nochmal um den Block gefahren. Hab meinen Augen nicht so recht getraut.«
»Dass du überhaupt hier … ausgerechnet. So weit weg.«
Er schaut geradeaus. Fährt aufmerksam.
»Weit weg. Kommt drauf an, von was oder wem.«
»Ich konnte mir dich nie an einem anderen Ort vorstellen.«
Er lacht. » … als in einem Auto?«
»Ich meinte, wenn ich an dich gedacht habe, dann warst du eben in Freiburg oder in Verdun oder … aber das hier ist nicht dein Wagen?«
»Der andere war auch nicht meiner.«
»Manchmal habe ich bedauert, dass du nicht mehr auftauchst. Und jetzt? Gerade heute Nacht.«
»Du wunderst dich.«
»Ich finde es wunderbar.«

Draußen verschwimmen Häuserzeilen, Bäume, Masten, Plakate zu Bildbrei, wie in einer Kapsel treiben wir, denkt Lola und sie schließt die Augen, wenn er langsamer fährt, will im Undeutlichen schwimmen; dann schaut sie immer nur ganz kurz durchs Seitenfenster, sodass jedes einzelne Bild das vorige überlagert, es löscht; bis es die Kapsel in einen Sog zieht, sie unter Brücken taucht, durch kurze Tunnel schießt, die Reiseziele und Pfeile und Lichtschienen bündeln, und nach jedem der blauschwarzen Fluchtpunkte, verengten Pupillen, durch die sie innerhalb eines weiteren Augenblicks entsandt werden, fächern sich Möglichkeiten auf und alle Entscheidungen sind schon getroffen, Lola spürt nichts mehr von der Schwere des vergangenen Tages und jetzt schweben sie, tief unter ihnen winden sich Stücke von Girlanden aus winzigen, orange flackernden Lampions, bald glimmen nur noch einzelne Lichtpunkte – sie lassen Tal und Brücke hinter sich und nach einem weiteren Ausscheren in eine ansteigende Schleife spürt Lola Beschleunigung, Musik setzt ein, Herzschlagzeug dringt durch die Sitzpolsterung in ihre Schenkel; ein Blick auf seine Hand, die wieder auf dem Lenkrad ruht, das dunkle Land ringsum, in Abständen Scheinwerferlicht, das sein Profil deutlicher zeichnet, Licht, das anschwillt und zerplatzt; Lola träumt rote Leuchtfische, die ausschwärmen, ihre versunkene Stadt für eine Nacht verlassen.

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4 (MögLichkeiten)

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Schilder nicht übersehen halte den Atem an die
Luft strömt zernetzt auch das Teilen du könntest in
Kategorien fallen wie nichts geht mehr oder weniger
Schluchten durch Echo der Warnrufe einfach zu orten wie


solltest du Schweigen betreten den Raum der sich
ausdehnen will wenn du abhängst und fieberst noch
siehst du denkst du deutlich die Grenzen dann
setzt ein Sterben der Sinne den Aufbau: Stufen


Weise warst du bist du sitzt an Kanten der
Nummern sechs auch sieben vergehen dir vor dem
Hoffen dem Hören und sehend taste dich durch
Öffnungen greife fester die echten


Zitterstifte ihr Bild von Schrift da wachsen
Stapel pressen letzter Tage Pläne pausen
durch und schon der Wunsch nach Funkenflug und
Stichen drehte sich die Walze doch


Wimpelwörter Ausreißer die Helden spielen und sich
tragen wehen lassen blieben sie hängen könnte das Segeln
dein Tuch ihrer Rettung dienen sie deuteten ihm die Flecke als
Muster würde zu Stoff oder du


Schenktest manchen ein Sickern in Wände sie trockneten
ließen nichts Gravierendes wissen wollten nichts sein als
Teile verdächtig genug dem Klang entlang verschlungen
tanzend vielleicht geliebt

 

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