Abgefahren – 10

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»Ich werde dich hier eines Morgens zurücklassen, ab da könntest du auch ein Satz sein, ein paar Wörter, die ich irgendwo hingeschrieben hätte, die stehen bleiben – bis mir der Zettel wieder in die Hände gerät, oder ich irgendeine Datei öffne.« Gernot sitzt auf dem Bettrand, noch ist es nicht hell genug, um Einzelheiten sehen oder ihn erkennen zu können, wäre da nicht der Klang seines Sprechens.

»Im Moment würde ich lieber noch liegen bleiben«, sagt Lola. Denkt, wie Stimmen im Flüsterton einander ähneln, verwechselbar werden können – nachts. »Ich könnte also noch eine Weile hier wohnen? Auch, wenn du wieder fortgehst?«

Er öffnet schon die Tür, Lola kneift die Augen zu, als er das Licht im Bad einschaltet.
»Was wird aus der Wohnung? Und überhaupt – «, er hebt die Stimme an, oder es ist die größere Resonanz: » – der ganze Rest. Lola?«

»Hm?«

»Bist du nicht schon viel zu lange … fort?«

Ausgerechnet. »Bin ich das?«

»Aus einem Leben zu verschwinden, einfach so …?«

Lola nimmt sich Zeit für die Antwort, vielleicht wartet er sie gar nicht ab.

»Leben. Findet doch nur statt, wo ich gerade bin. Wirklich bin.« Sie öffnet die Augen erst, als sie das Plätschern des Duschwassers hört. Später schreckt Lola aus einem halbdunklen Traum auf, und ihr Herz schlägt schnell und hart. Das Treppenhaus? Sie begreift erst, dass ihre Flucht aus dem Haus ohne Dach dank der Musik gelungen ist, als ein weiteres Stück beginnt. Nebenan dreht er auf bis es dröhnt. Gernot ist nicht fort. Heute nicht.

Irgendwann in der Nacht hat er nachgefragt, fällt Lola ein, und dass sie die Geschichte von ihrem Spaziergang erzählt hat; vom Blick hinauf zum Fenster, vom Abendessen im Wirtshaus und ihrer Begegnung mit der Verrückten. Davon, wie sie aus dem Theater geflüchtet und es ihr nach alldem nur folgerichtig erschienen war, mit ihm die Stadt zu verlassen.

Vielleicht war es das Flüstern, denkt sie jetzt, während ihr Herz sich trotz der unbekannten, lauten Musik beruhigt. Sie hat ihm nicht beantworten können, warum sie nicht bis zum Ende des Stücks im Theater hätte bleiben wollen. Ihm nicht sagen, auch nicht zuflüstern, ins Dunkle hinein, wie sie in diesen Minuten nur gewünscht habe, jemand sollte aufbrechen, sie suchen oder besuchen kommen, nicht im Spiel oder als Schauspieler.

Wie die Gedanken an den Verlust ihrer Wohnungsschlüssel es ihr unmöglich gemacht hätten, weiter zuzuhören, dabei zuzuschauen, wie einer plante, aufzubrechen, mit einem Ziel oder Absichten im Kopf, weil nichts von alldem existierte, und wenn doch, dann nur auf Papier und dank oder wegen des Rezitierens par cœur vor dem Hintergrund einer dramatischen Inszenierung.

Jetzt ist heller Tag. Vielleicht – Lola versucht, zu klären, wie sich Möglichkeit und Wunsch unterscheiden – werden sie heute Notiz voneinander nehmen?

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Rückkehr ist ein Abstelltraum

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Rollladen rattert schon wieder ein Tag
am Ende sage ich mir wenigstens regnet’s
gegen mein Haus der Wolkenwand die Wut ab
zu fassen wäre kaum ein Glück so leicht
wie das gedörrte hinter mir im Schrank

unterm Stapel drücken sich Knisterlaute
weiter vorm Angriff auf die Stille mein
Erbe verwalte ich nachts steht die Tür
haargenau um den Spalt offen zuzugeben
Rückkehr ist ein Abstelltraum fehlte jetzt

gerade noch gelingt der rote Morgen
betet jeder Schmerz ein junger Vogel
runter und mir dämmert ich muss eingeknickt
sein Sprechgesang stopft den Geschmack
von Rache hinter meine Zunge leckt am Silber

Benommen noch das Haar zerzaust zum ersten
Kaffee in Versen gedacht beim zweiten begriffen
wie Klänge sich weigern einmal verzerrt die schwersten
der Träume in seichte zu fälschen Noldes Schiffen
ein Ufer zu lügen Stege Bohlen bersten
zu lassen wie Brandung Wogen über Riffen
Dem Schaum des dritten mag das Bild gelingen
Soll der dem trocknen Satz ein Rund entringen

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Abgefahren – 9

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»Jedes mal, wenn du wieder auftauchst, traue ich meinen Augen nicht.«

Ihm ist nicht anzusehen, ob er hört, was sie sagt. Lola kämmt noch ihr nasses Haar mit den Fingern, betritt jetzt die Küche. Er beschäftigt sich weiterhin damit, jedes einzelne Teil seiner Ausrüstung an einen bestimmten Platz in der Kammer zu räumen, sie weiß, er wird seinen Rucksack und die Jackentaschen bis aufs letzte Stück leeren, wird sich anschließend, falls nötig, dem Schuhwerk widmen. Als er jetzt kleine Säcke und Dosen, schließlich ein Brot zutage fördert und sich ohne einen Blick in Lolas Richtung in der Küche umherbewegt und danach in den Flur verschwindet, verfolgt sie, nur von Geräuschen geleitet, sein weiteres Tun – ein oder zwei mal räuspert er sich, sie hört die Truhe knarren, er hat sich gesetzt, folgert sie, bürstet die Wanderstiefel.

Als es ganz still wird, kommt eine Furcht gekrochen und sofort setzt Lola sich in Bewegung, um sie klein zu halten, vom Nacken fernhalten und greifen zu können. Wenn es ihr nicht rechtzeitig entwischt, wird sie das Gefühl zu einem leblosen Knäuel zerquetschen, der in einer Faust Platz fände, den sie zusammenpressen und in die Hosentasche schieben könnte, dort vergessen.

Der Flur ist leer, niemand sitzt auf der Truhe. Erst als sie daran vorbeigehuscht und schon an der halb geöffneten Stubentür angekommen ist, bemerkt sie seine Stiefel, die er neben ihre gestellt hat. Sieht Gernot durch das Zimmer gehen. Er scheint so wirklich, auch wenn nicht eine Diele unter seinem Gewicht ächzen müsste. Lola schaut ihm zu, lauscht.

Gernot, wie er vor dem Rucksack stehen bleibt, der jetzt schlaff an einem Stuhlbein lehnt, halb auf den Holzboden gerutscht wie ein Betrunkener, der dort eingeschlafen ist, wo man ihn hingesetzt hat. Den hat sie am Vormittag aus der dunklen Kammer geholt, wo er seit der Ankunft verstaut gewesen war; hat ihn endlich geöffnet und seinen Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet, dann geordnet; es ist kaum noch etwas vom Holz der Tischplatte zu sehen.

Gernot, wie er beide Arme hebt, sie wieder sinken lässt, als wären die Hände zu schwer.

»Wenn du dich weit genug von einem Ort entfernst, dann kann es passieren, dass du nicht wieder zurückfindest. Falls aber doch, wird sich der Ort verändert haben; so, wie du nicht derselbe Mensch geblieben sein kannst.« Er spricht langsam, als müsse er sich des Wortlauts oder einer Reihenfolge versichern.

»Hast du dich verirrt?« Unsinn. Die Vorstellung passt nicht. – »Du kennst dich doch aus in der Gegend.« Lola hat die Stubentür geschlossen, steht mit dem Rücken zur Wand.

»Du erinnerst dich auch nicht – das hast du mir doch bestätigt, als wir ankamen? – Heute war ich auf Abwegen, oder … vielleicht hab ich mir mehr zugetraut als sonst. Ein wenig zu viel.«

»Was ich hier sehe, auch die Umgebung … doch, alles ähnelt durchaus dem, was ich aus deinem Erzählen kannte. Vielleicht ist dir nicht bewusst, wie wenig du erzählt hast – zumindest mir.« Jetzt. Jetzt kommt eine Reaktion aus ihm, reißt ein Schleier, der Lola vor solchen Blicken geschützt haben musste, wie ihr im selben Moment klar wird.

»Es war schon zu spät für Einzelheiten, als wir uns getroffen haben.«

»Du hast mich damals angesprochen. Das ergibt keinen Sinn für mich … es war zu spät. – Meinst du das hier?« Lola zeigt auf den Tisch. »Der Ort, an den du zurückgekehrt bist, ist nicht mehr derselbe? Ich werd alles wieder einpacken, das dauert nicht lange.«

Gernot tritt dicht an den Tisch und Lola hört das Klickern des Schlüsselbunds, als er ihn aufnimmt und wieder zurücklegt.

Sie hat selbst keine Erklärung, hat die zweite Hälfte des Tages über erfolglos nach einer gesucht, auch dann noch, als sie schließlich alles liegengelassen und sich mit einem der Bücher auf die Stufen hinterm Haus gesetzt hat, und erst recht beim Kartoffelschälen am Abend.

»Es sind die Schlüssel zu meiner Wohnung. Auch alles andere stammt von dort.«

»Du hast gesagt, dass es nicht deine Sachen …«

»Wegen des Rucksacks. Er gehört mir nicht.«

»Und wie …? « Gernot dreht sich zu ihr um.

» … die Sachen in den Rucksack da kamen? Ist mir auch nicht klar. Jedenfalls sind sie hier.«

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Abgefahren – 8

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Sie wundert sich nicht, als an einem Vormittag – dem vierten? – der Türknauf ihrem Drehen nachgibt und die Tür zum Abhang hinter dem Haus sich ganz leicht öffnen lässt. Der Schlüssel hat im Schloss gesteckt, so, wie er es angekündigt hat für den Fall, dass er ihn wiederfände – er selbst habe den Grund nicht betreten, hat Gernot gestern Abend gesagt, seit er mit dem Ausbessern der Trockenmauer fertig geworden sei und sich den dringenden Arbeiten im Haus zugewandt habe.

Heute, wie schon am Tag zuvor, hat er das Haus verlassen, bevor sie erwacht ist. Einer der aus einseitig bedrucktem Papier zurechtgeschnittenen Zettel hat auf dem Tablett neben der Thermoskanne gelegen: Bin gegen Abend zurück.

Jetzt steht sie offen, die Tür, gibt den Blick auf steinerne Treppenstufen frei, die steil nach unten auf das Grundstück führen. Dort trifft die letzte auf eine von Moosen, Gräsern und Flechten bedeckte Fläche, als habe der Garten begonnen, die Treppe zu verschlucken; als verberge das krautbärtige, ansonsten unkenntlich gewordene Gesicht eines verwesenden Riesen etwas darunter Gelegenes, einen inneren Ort. Geheime Räume, die einstmals über diese Stufen erreichbar gewesen sein könnten und nun unter Erde und überwachsenem Geröll versiegelt und begraben lägen.

Es gibt keine Notwendigkeit für Erklärungen, im Nachhinein, warum und auf welche Weise ein Gedanke zum nächsten führt und wie es sein kann, dass sich ein Nachdenken verästelt und an feinen Zweigen Knospen bildet, aus denen Blüten platzen werden.

Jede für sich zart und durchscheinend, wie es Ahnungen eben sind – und käme da nicht der nächste Windstoß, bliebe Lola noch länger an den Türrahmen gelehnt stehen, ohne überhaupt zu bemerken, wie bald sie weit entfernt vom Stamm der klaren Gedanken wäre, und haltlos.

Lola schenkt sich Kaffee ein, setzt sich auf eine der oberen Stufen.
Sein Lachen – daran denkt sie jetzt, fröstelnd vom Alleinsein oder vom Kältereiz, den der Stein leitet. Sie bewegt die Zehen in den Socken, seinen, die ihren Füssen zu groß sind.

Dampf schlängelt aus der Tasse.

»Gernot.«
»Stimmt was nicht, mit dem Namen?«
»Das müsste ich dich fragen. Immerhin hast du lange damit hinterm Berg gehalten.«
»Vielleicht finde ich dort morgen einen anderen?« Sein Lachen – ein hüpfendes, das sie losgetreten hat, ein paar Steine aus einer Geröllhalde – kurz darauf ist es wieder still gewesen.

Welcher Art Zufall es zuzuschreiben bleibt, dass sie hier einem weiteren Abend oder Morgen entgegen tagträumt und nicht in einer halbleeren Stadtwohnung, umgeben von unfertigen Plänen, begonnenen Zeichnungen und zurückgelassenen oder vergessenen oder ungelesenen Büchern, darüber wird sie später nachdenken, wenn die Zeit bis zu Gernots Rückkehr sich dehnen und eine Art von Unsicherheit ranken würde; wenn das Dunkel aus dem Tal herauf kommen, irgendwann von der Nacht selbst nicht mehr zu unterscheiden sein könnte.

In kleinen Schlucken trinkt sie, beobachtet nacheinander jede der Gestalten, die sie unter die Bäume oder dahinter in die Wiese vor der Mauer projiziert. Keine sieht danach aus, als fehle es ihr an etwas und es formt sich in Lola kein Ruf, keine Anrede. Ihr genügt, sie zu sehen, ihren Gesten abzulesen, wie sie erzählen; sich vorzudenken, was ihnen zugefügt wurde, ihnen widerfahren ist.

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Anflug

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Der blasse Himmel zupft im Westen
Schwaden aus dem Wald und rührt
sich Wolkenwirbel damit an. Dein
Morgenmond, November, schaukelt
und taucht ab, bevor er noch den
Horizont berühren, mir von jenseits
Astwerk so beleuchten kann, dass
Silhouetten sich zu federfeinen
Zeichen formen, die erzählen, von
den Krähen im Dezember damals
an der Elbe: wie sie zum Abend hin
in ihren Schlafbäumen zusammenfanden

 

 

 

nach …

 

… dem verkauf der staffelei

reisen kann ich worthin nicht, um
eine deiner stimmen bitten. ab
dem randstrich zwischen uns, da herrscht ein
wicht, von langen wellen aufbereitet
die nicht zu fassen, formen, brechen

sind wir uns begegnet, hast
du dich nicht erkannt – so fremd
die farben jeder deiner fasern
ihre töne eine spur zu warm
und ihnen unverwandt der blick
aus nord, nord-ost. gegenwärtig:

zimt und eine wolke milch im tee
und dabei warte ich auf nichts; nur
als der sommer grollte, verse an
den falschen stellen schmolzen
hätte ich gewünscht, du fehltest doch

das motiv ins abbild zu verrenken
hieße ja, verrat zu üben unter schichten
die erst trocknen, später reißen? lernen
wie ein bild, seines gegenstands entbunden
dort bewegung zeugt, wo leere wohnte –

nein, ich will in einer wortschaft lieben
bleiben, wo mir stimmen körper werden
farben schon im dunkel wachen und ein
raunen über nacht zum tosen wachsen
darf. alles brandet hier: an meinen stufen

 

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Kurzprosa

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Das Überleben der Stimmbänder

 

Je suis mon oreille
Il se tend vers
cette profondeur
Un drôle de cadeau
Quelle idée de se
débarrasser dʼune cruche
Je vois. Au fond
brille du noir
Je ne la remplirai pas

 

Du hast ihn ausgespült und kopfüber abtropfen lassen, du reibst ihn ab und dann drehst du das Tuch hinein, bis er innen ganz trocken ist. Er glänzt, dein Krug, und trägt ein gutes Stück zu deiner Zufriedenheit bei – vielleicht denkst du, sie könnte eine Weile bei dir wohnen bleiben – und gleich wirst du ihn in einem Schrank verstauen.

Wer weiß, wo du wohnst. Im wievielten Stockwerk die Wohnung liegt. Gibt es einen Fahrstuhl, und wie sieht der Schrank aus, der entweder in der Küche hängt oder in dem Raum steht, wo der Hund liegen und den Kopf heben könnte, wenn du jetzt mit dem Krug in der Hand hereinkommst?

Vielleicht besitzt du keinen Krug. Möglicherweise war es ein Aschenbecher, den du gereinigt hast, den du wieder auf den Balkon hinaustragen wirst. Du bist Nichtraucher? Es könnte sein, dass der Aschenbecher für Besucher bereitstehen soll, die später am Abend noch absagen werden. Auf dem Weg zum Schreibtisch oder ins Badezimmer kommst du an der Stelle vorbei, wo an der Wand ein Platz für das Foto wäre, das dich mit dem Hund zeigt und du bleibst stehen. Man ruft dich, gleich beginnt der Film oder die Reportage oder das Fußballspiel.

Dir fällt auf, dass du heute keine Rückenschmerzen hattest. Morgen könntest du einen Rahmen besorgen, das Foto ausdrucken lassen, denkst du, als dir einfällt, dass Feiertag sein wird. Es war eine gute Idee, das Fernsehgerät abzuschaffen, da seid ihr euch einig. Nach dem Abendessen wird eingefroren, was übrig blieb. Du suchst ihr das Buch heraus, aus dem sie vorlesen wird. Sie schenkt den Rest aus der Flasche gleichmäßig in die beiden Weingläser. Du lächelst, das Rot des Traubensafts im dritten, kleinen Glas ist dasselbe.

In der Nacht gehst du den Weg durch den Garten bis zum Ende des Grundstücks, freust dich, im Herbst die Büsche gepflanzt zu haben, in einigen Jahren wird der Zaun nicht mehr zu sehen sein. Nach dem langen Wochenende – dem vorläufig letzten, an dem du frei nehmen konntest – werdet ihr in die Stadt zurückfahren. Du beachtest den Himmel nicht, obwohl nirgends so viele Sterne zu sehen wären, wie hier draußen auf dem Land. Du atmest tief ein und aus.

 

 

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Heizkraft

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Ein nie gerahmtes Bild lehnt schräg zur Wand,
dem alten Pinsel formt es Dach: Versteck.
Im Drunterwinkel nackter Stoß von Gips
an Bohlen, ungestört in Ritzen schläft
der Staub. Das Haar zur roten Masse hart
getrocknet, liegt der Pinsel nun als Stab,
der keinem Meister dient, ist ausrangiert.

Auf Leinen, halb gebannt: ein Augenpaar,
sein Blick. Ein Mund, skizziert; die Stirn
konturlos, Kinn und Nase fehlen. Bild
und Pinsel harren – nicht des Zaubers, nicht
der frischen Farben. Einen fremden Blick,
den harten Pinsel? Niemand braucht sie. Nur
ein Tritt … und Stäbe, Augen brechen. Bald
brennt Müll.

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24

 

Eine Ausflugsfahrt zum Meer, hämmernde Rhythmen im vollbesetzten Wagen, die Vorfreude auf das Open-Air-Fest in wenigen Wochen fuhr mit, für drei von uns.

Steinige Strände wieder betreten, unterhalb von Riesenwänden der Steilküste; beobachten, wie das Meer sich langsam zurückzieht, den Sand und die von Muscheln und kleinen Krebsen bewohnten Felsen freigibt, endlich den Grund unter den nackten Füßen spüren. Später den Kleinsten aus den Augen verlieren, aufkommende Panik und erneutes, systematisches Absuchen der abwechselnd matten und glitzernden Weite des nassen Sands; seinen Namen rufen. Im flachen Wasser, weiter draußen jenseits der Wulst des Meeressaums, zwischen anderen: endlich. Umrisse des kleinen Körpers, die ihm eigenen, typischen Bewegungsabläufe, die Badehose – wiedererkennen, aufatmen, beobachten, mich nähern … und erinnern.

An die Sommer vor vielen Jahren, an ganz ähnliche Bilder; daran, wie Licht und Wolkenschatten mitspielten, als ich das Spielen und die Ernsthaftigkeit darin dank meiner Kinder wiederentdeckte; wie sie nach selbstvergessenem Sammeln und Formen und Graben zum fordernden, aktiven Miteinander, Gegeneinander wechselten. Szenen, die ich aufnehmen konnte, in die ich manchmal nur hineinhörte, wenn ich die Augen schloss: das Rauschen, die deutlich-feinen Stimmen der Kinder und wie sie mich aufforderten zu schauen, mitzuspielen. Staunen. Die Wärme und ein Wehen über allem, schließlich Kühle eines Abends und Aufbruch. Später noch die weiche Haut, müde Augen, vielleicht das Vorlesen.

Heute? Es fehlte der Glanz. Ich begriff, was geschieht, wenn die Zuversicht von Ernüchterung abgelöst, aufgelöst worden ist: sie zersetzt selbst Erwartungen oder Plänen das Schimmern, alles Gegenwärtige wirkt schon blass oder matt. Jener Schimmer – der wie von einem leichten Gewebe herrührt, das die Freude übers Land gebreitet hätte; der einen Horizont zwar unschärfer, gar ungewisser, dennoch nie unerreichbar erscheinen lässt – war verschwunden.

Im stetigen, kühlenden Wind spürte ich die Kraft der Sonne nicht auf meiner Haut, wusste aber, wie tief sie dringen, mir Stirn und Arme versengen konnte.
Über dem Gestern und dem Jetzt schien derselbe Himmel. Sein Leuchten aus einer Tiefe, von weit her – wieder gingen Blicke verloren, manche aber verfingen sich in Details, dem Segelflug einer Möwe oder der Abbruchkante einer Felswand. Ein immer öfter verscheuchtes, unerwünschtes Sehnen wehte mit der Brise heran, aber ich wehrte mich, griff in mein auffliegendes Haar, bändigte, zwang es mit geübten Händen in einen Knoten: lieber begann ich erneut, in den tausenden glatt- und rundgeschliffenen Steinen nach Formen Ausschau zu halten. Die uralten Figuren faszinierten mich, wie
GEMACHT oder bearbeitet manche doch aussahen – wie perfekte Miniaturen, Henry-Moore-Skulpturen in einer Zwergenwelt.

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