– 1 Erklärung

Das ‚Lichtkind‘ wäre ein Blogroman, wenn es denn ein Roman wäre. Es wäre ein Webcomic, wenn es denn Bilder hätte. Und es geht nicht um Vampire, sagt Lu.

Beginn: *hier*

mehr Worte zum Blog: *hier*

Schnipsel jeden Montag & Donnerstag.

11 Bücher

»Du kennst die Bedingungen?« Lu ist reichlich nervös. Es wird mein erster Tag ohne sie im Buchladen.
»Sicher. Ich streite mich nicht mit den Kunden und verkaufe jeden Mist.«
»Falsch. Du gibst absolut keine Buchkritik ab. Selbst wenn dich jemand darum anfleht. Du gibst nichts von dir, was vom Klappentext abweicht. Keine Ironie. Keine Kommentare. Nichts. Verstanden?«
»Ja. Sir!«
»Und du verkaufst jedes Buch, das wir haben, und alles andere bestellst du. Kommentarlos. Klar?«
»Hör mal, so schlimm bin ich gar nicht …«
»Doch. Das bist du. Wenn es um Bücher geht, bist du völlig …«
»Bekloppt?«
»Besessen.«
»Ach komm.«
»Erinnerst du dich an letzte Weihnachten, als dir Eva ein Buch von Utta Danella geschenkt hat?«
»Ähm …«
»Eva hat geheult.«

»Vielleicht sollte lieber ich mit Piet zum Arzt gehen und du bleibst?«
»Nein, nein. Ist schon in Ordnung. Hör einfach auf mich und … du weißt schon.« Lu geht. Die Tür ist beinahe zu. Da dreht sie sich um. »Ach, eines noch …«
»Ja?«
»Pass auf, dass niemand über Godot fällt.«

10 Bewohner

In der teilsanierten Altbauwohnung mit grünem Hinterhof, in einer Nebenstraße unweit des Stadtzentrums wohnen:

Lu und ich,
Piet
und
Godot. Ein acht Jahre alter Doggenmischling.

Godot zählt nicht. Er ist lebendes Inventar. Hintergrunddekoration. Ich bemerke ihn nur, wenn ich über ihn falle. Was häufig geschieht, denn Godots Hauptbeschäftigung besteht darin, im Weg zu liegen.

Piet zählt. Er ist fünf, zu still und sein Zimmer ist azurblau. Er kann stundenlang neben Godot liegen, im beinahe lautlosen Zwiegespräch. Oder er läuft mir hinterher. Beobachtet. Er fragt nicht viel, aber wenn, will er die ganze Antwort. Wenn ich sie nicht habe, tue ich gut daran, sie zu finden. Sonst schläft Piet nicht. Und auch sonst niemand.

Außer Godot.

9 Fortpflanzung

»Wann weiß man, dass man Kinder will?«, frage ich Lu.

Wir sitzen auf den Stufen der Eingangstreppe. Es ist noch hell und warm. Wir wollen nicht in die Wohnung, wir wollen nirgendwohin. Nur einen Moment im Abendwind. Godot säuft genüsslich aus der Regentonne.

»Woher soll ich das bitte wissen?«
»Du hast ein Kind.«
»Ich hab kein Kind. Ich habe Piet.«

Das ist, wenn man Piet kennt, ein unschlagbares Argument.

8 Im Park

»Mein Leben hatte einfach nichts mehr mit mir zu tun«, sage ich zu Lus Bruder, den ich zufällig im Park treffe. Eigentlich ist er Lus Halbbruder. Kind aus zweiter Ehe. Als ich ihn das letzte Mal sah, steckte er mitten in der Pubertät. Schlaksig, pickelig. Nervig.

Inzwischen ist er groß geworden.
Sehr groß.
Ich glaube, mir wird warm.

Also: Wir laufen uns zufällig über den Weg. Wir plaudern.
»Finde ich super, dass du Lu im Buchladen hilfst, ist dringend nötig. Aber warum eigentlich? Hattest du nicht ’nen besseren Job?«
»Mein Leben hatte einfach nichts mehr mit mir zu tun.«
»Ah, Selbstfindung«, sagt er und obwohl darin keine Wertung mitschwingt, fühle ich mich zum ersten Mal seit sechs Wochen beschissen.

Kotzelendbeschissen.

7 Gardinen

»Komm mit, im Aldi haben sie Gardinen.«

Meine Mutter. Steht um acht Uhr morgens in der Tür; ich – barfuß, ungeschminkt und mit Kaffeetasse in der Hand – versuche, so verärgert wie möglich auszusehen, damit sie ihr Vorhaben direkt wieder aufgibt.
»Na los! Los! Die sind schnell weg!«
Lu taucht im Flur auf, das Telefon in der Hand. »Hör mal.« Sie zögert, wirft einen Blick auf meine Mutter. »Ähm, es ist, du weißt schon …«
Ich habe die Wahl: ich kann mit meiner Mutter Gardinen kaufen oder mit meinem Ex telefonieren. Hm …

Am Anfang stammeln wir beide Blödsinn. Dann klären wir Dinge. Sachliches. Nach fünf Jahren schließt sich eine Tür nicht ohne Weiteres. Man muss aufräumen, damit sie zugeht.

»Es tut mir leid«, sagt er, als ich bereits auflegen will.
»Muss es nicht.«
»Doch.«
Pause.
»Wenn du – ich wollte nicht, wir … es war … ich dachte, wir würden heiraten.«
»Das dachte wohl jeder«, sage ich leise und es ist mies von mir, ihn den Schuldigen sein zu lassen.

Als ich wiederkomme, steht meine Mutter noch immer startbereit in der Tür.
»Weißt du«, sagt sie und kramt in ihrer Handtasche, »wenn du dich entschuldigst, nimmt er dich vielleicht zurück.«

6 Mimi

Ich war nicht wütend.

Nicht auf ihn, nicht auf Mimi. Nicht auf die Socken, die ich fünf Jahre lang gewaschen hatte. In festen Beziehungen sind fiese grippale Infekte nun mal häufiger als Spaziergänge im Mondschein.
Mimi war reizend, jung und himmelte ihn an. Passiert. Wenn sie mich so angehimmelt hätte, wäre ich vielleicht auch mit ihr ins Bett gegangen.

Kein Zorn.
Keine Enttäuschung.
Keine Kullertränen.
Nur Erleichterung.

Mein ganzes bequemes Leben. Das Erreichte, das Erarbeitete, das Zugefallene.

Es hatte nichts mit mir zu tun. Schon eine Weile nicht mehr. Vielleicht seit dem Tag, als ich zu ihm nach Frankfurt zog, wer weiß das schon. Durch Mimi hatte ich einen Grund zu gehen. Was immer es über mich aussagt, wenn erst ein Wesen mit rosaroten Ohrringen und Hello-Kitty-Handtasche auftauchen muss, damit ich Entscheidungen treffe, aber für Mimi hoffe ich, es bringt ihr einen Platz ein.

An seiner Seite. Mit eigenem Bad und begehbarem Kleiderschrank.

5 Irre

»Ich zieh die Irren einfach an.«

Meine Tasche landet in einer Ecke, die Jacke in einer anderen.
»Du ziehst die Irren nicht an«, sagt Lu und trägt unbeeindruckt ihr Glas und eine Flasche Rotwein an mir vorbei ins Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, n-tv.

»Ach so, dann ist ja gut.«

»Du begegnest nicht mehr Irren als jeder andere auch. Die Welt ist voll davon«, sagt Lu, nachdem die Nachrichten vorbei sind. »Der Punkt ist: du hörst ihnen zu.«

Mit den kurzen, von Grau durchzogenen Haaren und ihrer Vorliebe für Orange erinnert Lu an eine buddhistische Nonne. Eine buddhistische Nonne mit Iron-Maiden-T-Shirt.

»Hä?«
»Kein Mensch hört zu. Man erfasst die Fakten, meistens, oder versucht, einen Überblick zu bekommen – gerade so weit, bis man glaubt zu wissen, worum es geht. Aber kein Mensch hört zu. Und den Irren schon gar nicht.«
»Keiner?«
»Außer dir.«
»Oh bitte …«
»Pass auf. Als ich dich in Frankfurt besucht habe vor drei Monaten. Vier? Unwichtig. Da haben wir die ehemalige Klassenkameradin meines Bruders getroffen.«
»Stimmt.«
»Ihr Baby lag im Krankenhaus.«
»Ja. Herzin- …«
Lu unterbricht mich: »Wie war der Name des Babys?«
»Elly. Mit y.«
»Noch Fragen?«
»Zufall.«
»Ach?«

»Also sollte ich es mir abgewöhnen? Das Zuhören?« Wir sind bei der zweiten Flasche Wein.
»Vergiss es. Das ist, als würde man versuchen, nicht mehr ängstlich zu sein. Oder aufbrausend. Oder phlegmatisch.«
»Na toll. Und was …?«
»Rede.«
»Hä?«
»Solange du redest, kannst du nicht zuhören.«
»Ich soll erzählen?«
»Ja.«
»Wovon?«
»Davon. Von allem. Von nichts. Egal.«
»Und wenn das niemand hören will?«
»Wie gesagt: es hört eh keiner zu.«

Also erzähle ich.

4 Schmuckparty

Wenn es sich herumspricht, dass du aufgrund besonderer Umstände in deine Heimatstadt zurückkehrst – und dank meiner Mutter sprach sich das schnell herum – dann wollen dich alle möglichen Leute sehen. Vor allem die, die du nicht sehen willst.

So erhielt ich, noch ehe die Hälfte meiner Kisten ausgepackt war, eine Einladung zu einer Schmuckparty.
»Du gehst da hin«, entschied Lu.

»Wieso sollte ich?«
»Weil die sonst alle hier auftauchen. Einzeln.«
»Es werden wohl kaum alle auf dieser Party sein …«
»Natürlich nicht alle«, erläuterte Lu und machte ihr Muss-ich-dir-­eigentlich-alles-erklären-Gesicht, »aber die neugierigsten. Und die können dann dein bisschen Leiden unter all den übrigen verbreiten. Fertig.«
»Aber du kommst mit.«

Lu kam mit.

»Du kommst wirklich mit?« Ich traute der Sache nicht.
»Klar. Ich bin ein Mädchen. Das ist eine Schmuckparty. Also?«
»!«
»Ich hab auch ’nen Schuhtick.«
»Nimm’s mir bitte nicht übel, aber allein aus der Tatsache, dass du drei Paar Wanderschuhe besitzt, leitet sich kein Schuhtick ab.«
»Du vergisst meine Turnschuhe.«
»Und die Gießwein-Hauspantoffeln, richtig?«
»Siehste!«

Wir gingen zur Schmuckparty. Lu in Trekkinghosen und ich im Sommerkleidchen, mit locker hochgesteckten Haaren. Die Gastgeberin gab sich überzeugend warmherzig. Wir tauschten Erinnerungen und Neuigkeiten, aßen Miniquiches und tranken Asti Cinzano. Jetzt habe ich die passenden Ohrringe zu meinem Sommerkleidchen und Lu einen Satz Armbänder. Kollektion: ›Geheimnisvoller Orient.‹

Sie will Katzenhalsbänder daraus machen.

3 Sechs Wochen

Vor sechs Wochen wohnte ich in Frankfurt. Mitten im Zentrum, auf hundertzwanzig Quadratmetern. Ich hatte ein Arbeitszimmer, ein eigenes Bad und einen begehbaren Kleiderschrank. Ich arbeitete. Nichts Besonderes. Einer dieser Jobs, in denen man keine Karriere macht, nicht allzu gut verdient, aber auch nicht a­llzu viel tun muss. Nette Kollegen. Viel Routine. Der Chef ein Gelegenheitscholeriker. Wenn er brüllte, hatte man am Abend wenigstens
etwas zu erzählen.

Der Mann an meiner Seite war ein großartiger Kerl, mit zurückgehendem Haaransatz und beachtlichem Jahreseinkommen. Er räumte jeden Abend die Spülmaschine ein und auf seinem Nachttisch lag Pessoas Buch der Unruhe. Es lag seit zwei Jahren da und er war auf Seite 52.

Wir kannten uns mehr als fünf Jahre und wir kannten uns gut. Alle Streitpunkte so weit ausgelotet, dass sie entweder geklärt waren oder man ihnen geschickt ausweichen konnte. Keine Notwendigkeit mehr, andauernd zusammenzuhängen. Er ging am Wochenende biken, ich mittwochs zum Yoga und allein in die Oper. Dafür sonntags Candle-Light-Dinner beim Italiener. Die Rollen waren verteilt, der Sex effizient.

An diesem Punkt heiratet man und bekommt Kinder. Haben wir nicht getan.
Oder man schläft mit Mimi, der Krankenschwester. Hat er getan.
So was kommt vor. Einige zerdepperte Tassen und ein halbes Jahr Paartherapie später heiratet man, bekommt Kinder und lässt die Finger vom Mobiltelefon des Partners. Alles kein Grund zu kündigen, seine Sachen zu packen und in seine Heimatstadt zurückzuziehen.

Habe ich aber getan.

2 Lu

»Also: du trennst dich, wirfst deinen Job hin und kommst zurück. Von mir aus. Aber gibt es einen bestimmten Grund, warum du mit einer Lesbe zusammengezogen bist?«

Wir sitzen in dem Sammelsurium aus Möbeln, Elektrogeräten, Töp­­ferkunst und Götterstatuen, von dem Lu behauptet, es sei die Küche, und trinken ayurvedischen Kräutertee. Harmoniemischung.

»Sie ist keine Lesbe, Mama.«
»Also, wenn man sich Lu nennt …«
»Nicht sie nennt sich Lu, ihre Eltern waren das.«
»Luise.«
»Was?«
»Sie heißt sicher Luise.«
»Sicher nicht. Sie heißt Lu.«
»Oder Luisa?«
»…«
»Hast du ihren Ausweis gesehen?«
»Äh? Nein?«
»Siehst du.«

Ich schaufle zwei weitere Löffel Zucker in meinen Tee. Ich bin wieder daheim.

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