Von Namen und Figuren

Kürzlich stieß ich – wie und wo, ist hier nicht von Interesse – auf ein Romanprojekt, bei dem die Autorin dazu aufrief, auf ihrer Homepage über diverse Aspekte abzustimmen; unter anderem über die Namen der Charaktere. ‚Lesereinbindung‘ nennt man das wohl.

Wäre das für mich ein gangbarer Weg (gewesen)? Für mich steht und fällt eine Geschichte mit den Namen, oder anders: ich habe nichts anderes als Namen, die ich an eine bestimmte Stelle in der Geschichte setze. Wenn ich in feindfrau und Kiki großteils mit den gleichen Namen arbeite, dann liegt das nicht daran, dass mir keine anderen einfallen würden. Auch nicht daran, dass es sich um dieselben Figuren handeln würde – vielmehr: ein Name ist die körperliche Hülle, distinguiert, mit einem gewissen Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten ausgestattet, aber doch variabel einsetzbar; wie ein Schauspieler, der in unterschiedliche Rollen schlüpft und sie zugleich verändert, weil er ein Individuum ist, weil sein Gesicht eine Form hat, Unebenheiten, eine Mimik, und somit mehr ist als eine Projektionsfläche. Frieder, Dimitri, Nastassja und wer sich sonst noch eine Existenz in feindfrau und Kiki teilt – sie sind die gleichen Personen, nur verkörpern sie unterschiedliche Figuren; Figuren, denen sie mit ihrer Körperlichkeit eine Nuancierung im Ausdruck verleihen oder die durch sie zum Archetyp einer Charaktereigenschaft werden.

Die Frage, wo und in welcher Gestalt mir Frieder, Dimitri und Nastassja wieder begegnen werden, ist die Frage, welche Geschichte ich erzählen kann. Wenn überhaupt.

Kiki (35)

Jemine hatte ihn nicht eintreten hören. Sie saß im dunklen Wohnzimmer, das Licht des Fernsehers fiel auf ihr Gesicht.

Kiki hängte seine Jacke an den Haken, nahm das Geschenk – was für ein Geschenk, soll hier nicht gesagt werden – und trat in den Türrahmen. Jemine drehte sich zu ihm. »Was willst …«, begann sie; dann bemerkte sie den Ausdruck in seinem Gesicht und sprang auf. »Du siehst ja fürchterlich aus, was …« Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und Kiki ließ es geschehen; dann legte er ihr den Zeigefinger auf den Mund. Ein Schatten fiel von ihm ab.

»Weißt du«, sagte er, »ich wollte schon immer mal nach Spanien.«

Ende

Kiki (34)

»Harter Tag«, meinte der Typ mit den graumelierten Schläfen und dem Stoppelbart. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung, Kiki noch einen Gefallen zu schulden, und hatte darauf bestanden, ihn auf ein Bier einzuladen; Kiki, der gedankenverloren vor dem Bahnhof gestanden hatte und noch nicht nach Hause wollte, war es ganz recht gewesen.

Jetzt saßen sie auf dem Bordstein vor einer Kneipe, die mit Dartspiel und Poolbillard warb und in der es keinen zu stören schien, wenn man seine Gläser mit nach draußen nahm.

»Gibt solche Tage«, fuhr der Typ fort, und es war immer noch nicht klar, ob er von seinem oder von Kikis Tag sprach.

Kiki zündete sich eine Zigarette an. »Hast du« – der Andere hatte auf dem Du bestanden – »manchmal das Gefühl, nicht du selbst zu sein?«

»Hm?«

»Na … als wärst du aus der Zeit gefallen.«

Der Andere überlegte, so lange, dass Kiki seine Frage beinahe erneut umformuliert hätte; dann schüttelte er lächelnd den Kopf und zeigte die Straße hinunter. »Da hinten«, sagte er, »haben sie kürzlich einen Film gedreht. Haben einen VW Käfer, himmelblau, an den Bordstein gestellt und eine dieser alten Telefonzellen aufgebaut; diese gelben, du weißt schon, die sie vor ein paar Jahren alle abgerissen haben.«

Kiki nickte.

»Ich biege also um die Ecke, und bevor ich mich wundern kann über den Käfer und die Telefonzelle und die Leute, die mit Perücken und Schlaghosen durch die Gegend laufen, kommt so ein Sonnenbrillenträger auf mich zu und fragt, ob ich nicht Lust hätte, als Statist beim Dreh dabeizusein.« Er machte eine dramatische Pause, die er damit füllte, einen Schluck aus seinem Glas zu nehmen. »Ich meine: Müsst ihr mich dafür nicht herrichten? – und soll ich dir sagen, was der macht?«

Kiki nickte.

»Guckt mich von Kopf bis Fuß an und sagt: Nö, das passt schon.« Daraufhin lachte er ein Tabaklachen, das ihm derart außer Kontrolle geriet, dass er auf die Straße spucken musste. Dann wurde er ernst und fasste Kiki ins Auge. »Also erzähl mir nix von: aus der Zeit gefallen, Junge.«

Kiki sah eine Weile auf das Straßenpflaster und stand dann mit einem Ruck auf, als hätte er einen Entschluss gefasst, der sich nur augenblicklich oder gar nicht in die Tat umsetzen ließ.

Der Andere schien zu verstehen und streckte ihm die Hand hin; als Kiki sie in seine schloss, sah er, dass ihm eine Fingerkuppe fehlte.

»Aus harten Tagen lernt man am besten«, hörte Kiki noch, als er um die Ecke bog.

Kiki (33)

Wir können Kiki in diesem Moment nicht so sehen wie bislang. Er selbst, könnte er später sagen, war nicht anwesend; es ließe sich vielleicht widerlegen, wäre der Bahnhof bereits mit Überwachungskameras ausgestattet. Wir könnten ihn dann sehen, wie er einer Person gegenübersteht – zwischen ihnen die Stoffreste, der Koffer – die eine Waffe auf ihn richtet. Und da wir nicht hören können, was gesprochen wird, nicht einmal erkennen können, ob etwas gesprochen wird, könnten wir die völlige Reglosigkeit der Beteiligten für einen Fehler in der Wiedergabe halten. Und möglicherweise kämen wir zu dem Schluss, es müsse etwas im Ausdruck Kikis gewesen sein, etwas in seinem Blick, das den Anderen dazu bewogen habe, die Waffe zu senken, den eigenen Koffer wieder an sich zu nehmen und sich zum Gehen zu wenden; und es würde uns nicht einmal wundern, dass er genau in dem Moment, in dem Kiki aus seiner Starre erwacht, zu Boden fällt.

Halbwegs fachkundige Zeugen könnten die Waffe, die Mia in der Hand hält, als Revolver identifizieren; die Zyniker unter ihnen könnten sie niedlich nennen, die Art von Schusswaffe, die man seiner Frau zum Schutz vor Einbrechern schenkt. Tatsächlich hatte Mia sie am Morgen aus der Nachttischschublade genommen.

Jetzt nahm sie den Koffer mit dem Geld an sich. Es wunderte Kiki nicht einmal.

»Eins wollte ich dich noch fragen«, sagte er, als Mia, den Koffer in der einen, den Revolver in der anderen Hand, rückwärts in Richtung der Bahnhofshalle ging.

»Und das wäre?«

»Warum?«

Sie schien kurz nachdenken zu müssen, als wäre ihr etwas entfallen, das sie für genau diesen Moment vorbereitet hatte. Dann sagte sie: »Was kümmert es dich, wen ich liebe.«

Kiki (32)

Manchmal geschehen Dinge zur selben Zeit, aber dann wissen sie nicht voneinander; wie sollten sie voneinander wissen, wenn alles unwiederholbar ist. Zu verschiedenen Zeiten kann es ein und denselben Mund geben, aber dann wissen sie nicht voneinander und keiner würde von ihnen sagen können, dass sie sich gleichen. Erst, wenn sie zu sprechen beginnen, schleicht sich der Verdacht in unsere Köpfe, schon einmal gehört zu haben, was sie erzählen; und was sie erzählen, leugnen wir, um nicht an unserem Verstand zweifeln zu müssen. Es kann aber keiner dieses Gesicht leugnen, von dem man sagt, es sei einem ebenso fremd wie vertraut – ähnlich einer Fotografie, die man noch nicht entwickelt hat.

***

Kiki strich gedankenverloren über das Schwarz des Koffers. Es waren ungewöhnlich viele Leute am Bahnhof unterwegs und er hatte sich bereits mehrmals gefragt, weshalb Drehmer ausgerechnet diesen Ort für die Übergabe ausgesucht hatte. Die Bahnhofsmission hatte man geschlossen, es hatte die Obdachlosen nicht vertreiben können.

Das Geld war ihm egal – er hatte es Drehmer verschwiegen – man kann also nicht behaupten, dass ihm der Koffer mit jedem Schritt schwerer wurde. Über ihm öffnete sich die Glaskuppel der Bahnhofshalle, es sah beinah elegant aus. Kiki hatte noch nie einen Sinn für Eleganz gehabt. Im hinteren Teil des Bahnhofs lagen die Schließfächer im Schatten.

Kiki war selbst erstaunt darüber, wie unbeeindruckt er um die Ecke bog. Der Andere war bereits da, in seiner Hand den Koffer mit dem Geld. Nichts von all dem wirkte auf Kiki, als würde er es selbst erleben; er betrachtete es skeptisch, wie man ein Trompe-l’œil betrachtet. Möglicherweise verspürte er aus diesem Grund keine Angst, möglicherweise lag es an den Geburtstagskerzen, die er am Morgen für Jemine gekauft hatte; er hatte das Geld in seinem Geldbeutel gezählt und es würde für ein Geschenk reichen – Kiki konnte nicht sagen, weshalb er daran dachte, als der Andere den ihm hingereichten Koffer öffnete, einen Augenblick ungläubig hineinstarrte und etwas rief, das wie aus weiter Ferne zu Kiki drang. Der Koffer fiel zu Boden, sein Inhalt – alte Stoffreste, weiß, rot, blau, grün – verteilte sich auf dem Boden und Kiki fand die Mündung einer Waffe auf sich gerichtet.

Kiki (31)

Wo Nastassja war, wusste keiner zu sagen.

Manche, die Erik gefragt hatte, hatten ihm erwidert, sie sei gemeinsam mit Dimitri untergetaucht; Dimitri schien keiner zu vermissen. Im Allgemeinen glaubte man auch nicht daran, dass sie Dimitri verlassen haben könnte. Frieder, der Soldat, der vor kurzem seine Frau verlassen hatte und seitdem in einer billigen Absteige seine Tage verbrachte – die billige Absteige, in der er sich mit seiner Geliebten getroffen hatte; die Geliebte, die ihn verlassen hatte, als sie von der Trennung Wind bekam – hatte Erik erzählt, Nastassja sei nach Südamerika; oder Spanien.

In den letzten Tagen waren die paar Hunderttausend immer mehr wert geworden. Nicht dass er zuvor eine Wahl gehabt hätte. Diese Stadt, dachte Erik irgendwann, verändert die Menschen.

***

Vor ihm öffnete sich der Bahnhofsplatz – vereinzelt Schatten von Häusern und Wolken – und über dem Bahnhofsplatz öffnete sich der Himmel, und beide wirkten nicht sonderlich interessiert an dem, was an diesem Tag passieren sollte. Man vernahm das Rattern der Züge.

Ein Bahnhof sollte nicht mehr sein als der Anblick, den man aus einem Zugfenster von ihm hat – das hatte Dimitri einmal gesagt.

Statt darüber nachzudenken, sah Erik die Straße hinunter, die noch für einige Zeit dem Verlauf der Bahntrasse folgte, vorbei an Kneipen und Restaurants, indischen, chinesischen, italienischen, vorbei am Neuen Bahnhof, bis sie sich von den Schienen löste, das Opernhaus passierte, die alte Kapelle, und endlich im Park mündete.

Noch einmal atmete Erik tief durch; keiner konnte sagen, welche Gedanken ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen, und deshalb soll hiervon nicht die Rede sein.

Kiki (30)

Erik war zu überrascht, um etwas zu erwidern, während Dimitri sich aus dem Schatten der Treppe löste. Er sah übermüdet aus, das Gesicht unrasiert, die Wangen eingefallen – aber seltsam sorgenfrei, schoss es Erik durch den Kopf.

Dimitri lächelte beinah freundlich. »Weißt du, Erik«, begann er, und tatsächlich wirkte es, als trage er eine lange vorbereitete Rede vor, »obwohl ich viel erlebt habe, mehr als die meisten, war ich noch nie ein guter Geschichtenerzähler. Nicht dass es mir an Arroganz, an Überzeugungskraft mangeln würde – aber es braucht sicher mehr, um ein guter Geschichtenerzähler zu sein; Geduld vielleicht oder Zeit. Ich hatte stets von beidem zu wenig. Und trotzdem möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Ich war damals« – er machte eine Pause, als müsste er überlegen – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und ich war das, was man ein ängstliches Kind nennt. Ich kann nicht mehr sagen, worin diese Angst ihren Ursprung hatte – wer kennt schon den Bauplan seines Charakters? – ich weiß aber genau, wann ich sie verloren habe: Ich war« – wieder hielt er inne – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als ich eines Abends fürchterliche Bauchschmerzen bekam. Ich verließ mein Bett, ging ins Wohnzimmer, in dem meine Eltern saßen, und fragte meine Mutter unter Tränen, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Weißt du, was sie erwidert hat?«

Erik erwiderte nichts.

»Sie hat mich ausgelacht«, sagte Dimitri im Grundton bitterer Folgerichtigkeit. »Dieser Mensch, dem ich vertraute, von dem ich abhängig war, an den ich mich in meiner Verzweiflung, meiner kindlichen Todesangst wendete – lachte mich aus. Und weißt du, was das Gute daran war?«

Erik erwiderte nichts.

»Das Gute daran war« – Dimitri stand nun direkt vor Erik, der den Hintern an die Kommode drückte – »dass ich seitdem keine Angst mehr habe. Und weiß, ob jemand zu mir steht oder nicht.«

Dimitri trat einen Schritt zurück, drehte sich von Erik weg; er schien ein unhörbares Lachen zu lachen.

»Du hast schon einmal versucht, mich zu betrügen – erinnerst du dich noch?«, fragte er endlich.

Erik erwiderte nichts.

»Natürlich erinnerst du dich noch. Vielleicht glaubst du deshalb, mir noch etwas schuldig zu sein; nun, wenn dem so ist« – Dimitri zögerte erneut – »dann schuldest du mir eine Antwort auf meine Frage: Seit wann? Bevor ich sie dir vorgestellt habe oder danach? Nastassja wollte mir nicht antworten.«

Jahrelang musste die gusseiserne Figur auf der Kommode gestanden haben, unbeachtet, von gelegentlichem Abstauben abgesehen, jetzt lag sie wie selbstverständlich in Eriks Hand. Dimitri fiel und nahm nicht mehr wahr: den Aufprall seines Kopfes auf das Treppengeländer, den dumpfen, vom Teppich verschluckten Ton, mit dem sein Körper auf den Boden schlug.

Kiki (29)

Es war nicht das Hotel am Ende der Straße, sondern das gegenüber; absurd auch der Gedanke, sie hätten sich im selben Hotel über den Weg laufen können.

Erik richtete sich im Autositz auf und nahm einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher; die Frau am Kiosk hatte seltsam abwesend gewirkt, fast hätte Erik sie drauf angesprochen. Erik hasste Kaffee aus Pappbechern.

***

Es ist folgende Bemerkung vonnöten:

Während sich das Leben einiger Menschen in dieser Stadt dramatisch veränderte, veränderte sich in der Stadt im Großen und Ganzen nichts; die Stadt war bekannt dafür, sich ständig zu verändern: der Neue Bahnhof wurde umgebaut, man brauchte einen repräsentativen Hauptbahnhof.

Die Besitzer der Bars würden sich später über diesen Sommer beklagen, nicht zu erklärende Umsatzeinbußen feststellen; erst kürzlich war ein Buch erschienen, das sich auf dreihundert Seiten mit dem Nachtleben und den Bars der Stadt beschäftigte. Auf diesem Gebiet war die Literatur nicht mehr zu überblicken – manch einer überlegte sich, selbst ein solches Buch zu schreiben, blieb dann aber bei Lyriksammlungen.

Alles in allem war dieser Sommer ein ungewöhnlich heißer Sommer, aber keiner, an den man sich noch lang erinnern sollte.

***

Natürlich hatte er schon zuvor mit dem Gedanken gespielt, Kiki ins offene Messer laufen zu lassen; es wäre töricht, das zu leugnen, wie es auch töricht gewesen wäre, derlei Überlegungen nicht anzustellen.

Dennoch kam ihm diese Rechtfertigung gelegen. Andere hätten es einen Wink des Schicksals genannt, aber weder kannte Erik diese Redewendung noch hatte er sich je darum bemüht, den Begriff des Schicksals mit Inhalt zu füllen.

Mia war nicht zu Hause gewesen, als er von den Resten seiner Arbeit gekommen war. Den Zettel am Kühlschrank hatte er ignoriert – es stand darauf, sie sei eine Freundin besuchen – und stattdessen den Stimmen gelauscht, die von draußen in die Küche drangen; die Vögel wurden noch einmal munter, bevor die Nacht anbrach.

Erik fischte ein Glas aus der Spülmaschine.

Kiki, da war er sicher, hatte keinen Verdacht geschöpft vorhin, im ›Roter Oktober‹, als Erik ihm den falschen Koffer gegeben und ihm zum Abschied auf die Schulter geklopft hatte.

Als er in den Flur trat, schenkte er dem Garderobenspiegel ausnahmsweise keine Beachtung.

»Sie kommt wohl spät.« Es war Dimitri.

Kiki (28)

Erik ließ die Waffe im Handschuhfach zurück und mühte sich die Treppe zur Haustür nach oben.

In der Glasscheibe der Haustür erschien Pelles Gesicht, bekam Risse, zersprang wie Eis, auf das man einen unvorsichtigen Schritt setzt. Im Hausflur herrschte Dunkelheit. Es musste gegen Morgen sein; eine Stunde hatte die Fahrt von der ›Scheune‹ hierher gedauert und unterwegs hatte Erik noch den Koffer an einem sicheren Ort unterbringen müssen.

Noch einmal prüfte er den Anrufbeantworter: keine neue Nachricht. Er hatte befürchtet, Pelle könnte im Lauf des Tages noch einmal angerufen haben, nachdem er die erste Nachricht – Pelle wisse etwas über ihn, das Dimitri nicht gefallen würde – gelöscht hatte.

An der Garderobe fehlte Mias Mantel. Erik war zu müde, um sich zu wundern.

Der Lichtschalter änderte nichts an der Stille im Haus. Erik trat ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen: eine leere Flasche Rotwein und zwei Gläser. Erik kümmerte es nicht, und diese Tatsache hätte er gern geleugnet.

Stattdessen nahm er ein Buch aus dem Bücherregal – eine Tierschützerin und ein Fotograf kämpfen gegen Elfenbeinschmuggler; einer von Eriks Lieblingsromanen – warf es auf die Couch und stellte sich hinter den Fernsehsessel, die Unterarme auf der Rückenlehne.

***

Mia legte ihr Buch beiseite und löschte die Lampe auf ihrem Nachttisch.

Sie schien sofort eingeschlafen zu sein.

Wahrscheinlich hatte sie keinen Grund, nachts schlaflos im Bett zu liegen, dachte Erik. Außerdem dachte er an Nastassja und daran, dass er diesen Satz nie geglaubt hatte: die Zeit zerstört alles. Er glaubte ihn immer noch nicht.

Das Fenster war geschlossen, also hörte man keine Grillen – aber dieser Ort gehörte ohnehin nicht mehr zu Erik, und in der Nähe von Hotelzimmern gab es keine Grillen.

Die Nacht: geräuschlos, hier oben dunkler als unten in der Stadt. Neumond, klarer Himmel. Ein sonniger Tag würde folgen, so hatte es in der Wettervorhersage geheißen, und anders in diesen Tagen waren nur die Wettervorhersagen.