einhunderteins

Hinter den Schreibtisch geduckt höre ich Maria vom Balkon her fluchen. Entweder, denke ich, flucht sie, weil sie mich verfehlt hat … oder weil sie ihre letzte Patrone verschossen hat. Hm. Wohl wissend, dass ein Irrtum fatal wäre, richte ich mich auf. Maria scheint wirklich keine Munition mehr zu haben. Ich trete auf den Balkon hinaus.

»Hallo«, sage ich.

»Hallo.«

Jetzt erst wird mir klar, wie sehr ich diese Stimme vermisst habe. Ich schweige einen Moment und hänge diesem Gedanken nach, dann sehe ich auf und kann ein Lachen nicht unterdrücken. »Warum machst du ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter?«

»Immer noch derselbe Scherzkeks«, sagt Maria. »Weißt du … ich ärgere mich eben nur, dass wir es nicht geschafft haben, dich loszuwerden.«

»Wir?«

»Du würdest staunen, wenn ich dir erzählte, wer alles auf meiner Seite stand.«

»Hm. Ein paar Namen könnte ich selbst beitragen. Zum Beispiel: Dimitri. Oder Imbsweiler. Oder Sitting Bull oder Mariyas Freund. Oder? Die waren doch alle Teil deines Plans, ob sie es wollten oder nicht.«

»Du überraschst mich«, meint Maria.

»Ach«, antworte ich, »mach dir nichts draus, ich überrasche mich selbst noch viel mehr. Ich frage mich nur eins: Wieso das alles?«

»Keine Ahnung.«

»Jetzt überraschst du mich«, gestehe ich.

»Hast du nie daran gedacht, dass ich auch nur eine Aufgabe erfülle, eine Rolle spiele, die ich selbst nicht kenne? Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich genauso wenig Ahnung von dem haben könnte, was hier vor sich geht, wie du?«

»Hm. Das klingt logisch.«

»Und jetzt?«

»Na ja«, sage ich zögerlich, »im Gegensatz zu dir habe ich noch Munition.«

»Das heißt, du solltest mich jetzt töten.«

»Ja«, sage ich.

»Aber du kannst es nicht.«

»Ja«, sage ich.

***

»Was genau wurde eigentlich aus Imbsweiler?«, fragt Nastassja, nachdem wir ein paar Minuten gefahren sind.

»Keine Ahnung – den habe ich ganz vergessen. Wahrscheinlich sitzt er gerade in irgendeinem Büro in irgendeinem Bürogebäude und ärgert sich worüber auch immer«, antworte ich.

»Worüber auch immer?«

»Na ja … Leute wie Imbsweiler haben doch immer etwas, über das sie sich ärgern können. Das lenkt sie von sich selbst ab und macht sie in geschäftlichen Dingen so erfolgreich.«

»Und du?«, fragt Nastassja.

»Ich? Ich habe es nicht nötig, erfolgreich zu sein. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Hm. Bislang bin ich allerdings ziemlich gut über die Runden gekommen mit meiner Einstellung. Ich meine: wenn man sich etwas lange genug einredet … du kennst ja den Spruch.«

»Hm. Und jetzt?«

»Wie meinst du das?«, frage ich, um nicht nachdenken zu müssen.

»Ich meine: eigentlich könnten wir beide ja jetzt getrennte Wege gehen«, sagt Nastassja. Ich glaube nicht, dass es ihr ernst damit ist.

»Natürlich könnten wir das«, sage ich ebenso ungerührt.

»Allerdings …« – sie zögert einen Moment – »wenn ich ehrlich sein soll, dann hatte ich vorhin in der Fabrik ziemliche Angst um dich.

Ich lache, sage aber nichts. Ich wüsste auch nicht, was es dagegen zu sagen gebe. Schließlich hat sie gesagt, sie sei ehrlich – und wenn jemand etwas ehrlich sagt und meint, dann sagt er doch die Wahrheit, zumindest soweit er sie kennt.

»Und schließlich ist das Einzige, das man wirklich kennt, man selbst«, sage ich laut.

»Man selbst?«

»Na ja … das eigene Herz oder den eigenen Kopf; den aber schon weniger … oder den eigenen Bauch.«

»Kannst du nie ernst bleiben?«, fragt Nastassja lachend.

»Die Antwort hast du dir doch selbst gegeben.«

Endlich müssen wir nicht mehr raten, wohin wir fahren sollen, denke ich mir. Jetzt fühle ich mich wirklich wie ein Baum im Winter. Beim Gedanken daran kann ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Man kann so vieles ernst nehmen, dass es austauschbar wird. Lachen kann man aber nur über ganz besondere Dinge, deshalb sollte man viel mehr Zeit aufs Lachen verwenden. Das sage ich aber nur, weil ich momentan mit Nastassja in einem Auto sitze – noch vor wenigen Tagen hätte ich mir für diesen Satz selbst eine runtergehauen.

»Warum siehst du mich so an?«, fragt Nastassja vom Beifahrersitz aus.

»Du bist schön.«

»Erinnere ich dich immer noch an jemanden?«

»Hast du das je?«, frage ich lächelnd.

Nastassja zuckt mit den Schultern. »Zumindest habe ich es nie gehofft.«

Ich sehe wieder nach vorn. Es tut gut, denke ich mir, zu wissen, dass selbst in tausend Kilometern immer noch nichts anderes auf einen wartet außer, mit ein bisschen Glück, die Sonne.

ENDE

einhundert

»Du Schwein!«, schreit Nastassja und feuert so lange, bis ihr Magazin leer ist. Sie kauert sich neben mich an die Wand.

»Dimitri ist tot. Gib mir deine Pistole«, sagt sie.

»Nein«, gebe ich zurück. »Ich muss das allein zu Ende bringen.«

»Du kannst nicht mehr laufen!«

»Das ist ja wohl nicht dein Problem«, entgegne ich ungewollt grob und beende das Gespräch, ziehe mich an irgendetwas nach oben und humpele in die Halle. Wie erwartet: nichts mehr zu sehen von Maria – aber dort oben steht eine Tür offen. Ich hinke so schnell ich kann die Treppe nach oben, die Tür führt auf ein Vordach. Dort noch eine Leiter nach ganz oben.

Dass die Menschen immer nach oben fliehen müssen, denke ich mir und quäle mich die Stufen hinauf. Immer noch keine Spur von Maria. Ich laufe einfach in irgendeine Richtung, muss darauf achten, nicht durch ein Dachfenster nach unten zu stürzen. Vielleicht ist Maria auch schon über alle sieben Berge, denke ich mir. Aus irgendeinem Grund glaube ich das aber nicht. Ich meine: sie weiß wahrscheinlich so gut wie ich, dass ich, sollte ich sie hier nicht finden, aufhören werde, nach ihr zu suchen. Und das kann sie nicht wirklich wollen, nachdem wir beide unser ganzes Leben miteinander verbracht haben: ich damit, sie zu suchen, sie damit, auf mich zu warten.

Was hätten wir ohne das Suchen und Warten denn mit unserer Zeit anfangen sollen? Wir hätten unser Leben sinnlos vergeudet – und ich hätte weder Nastassja kennengelernt noch Sitting Bull. Seltsamerweise bereue ich es nicht, ihn getroffen zu haben. Wenn es meine einzige Aufgabe ist, eine Figur in einem Schachspiel zu sein, dann bin ich eben diese Figur. Das Schlechteste ist es nicht – und immerhin bin ich noch im Spiel.

Wenn ich auch weiterhin nicht weiß, was ich hier eigentlich tun soll. Ich meine: vielleicht muss ich auch nichts Bestimmtes tun. Vielleicht reicht es ja, dass ich überhaupt etwas tue. Ich habe keine Ahnung.

Inzwischen habe ich das gesamte Dach abgesucht und keinen blassen Schimmer, wohin Maria geflüchtet sein könnte. Ich bleibe kurz stehen, das heißt, ich sinke auf eine Art Betonsockel und stelle fest, dass ich diese Lauferei nicht mehr lange durchhalte. Aber ich denke nicht daran aufzugeben. Verzweifelt überlege ich, welchen Weg Maria gewählt haben könnte.

Mühsam richte ich mich wieder auf, und als ich stehe, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: die Versandabteilung! Dort hatte Maria gearbeitet, als wir uns das erste Mal begegnet waren – und ich bin mir sicher, dass sie sich dort am besten auskennt. Wenn ich mich recht erinnere, liegt die Versandhalle am anderen Ende des Fabrikgeländes.

***

Dutzende von meterhohen Regalen mit verstaubten Kartons und Sprühdosen. Ich versuche mich zu orientieren. Der Pausenraum – vorsichtig öffne ich die Tür und spähe hinein: nichts. Blieben noch die Büros. Oder die Möglichkeit, dass ich mich geirrt habe und Maria längst verschwunden ist. Immerhin kann ich nicht sagen, wie sie reagiert hat, als Nastassja Dimitri erschossen hat.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sie damit gerechnet hat.

Erneut frage ich mich, ob ich sie überhaupt finden will, aber diese Frage ist erstens hinfällig und zweitens habe ich sie mir längst beantwortet. Vielleicht wollte ich sie nicht heute wiedersehen, und ganz sicher nicht unter diesen Umständen, aber ändern kann ich es nicht mehr.

Ich stelle mich neben das Fenster des Aufenthaltsraumes und werfe einen Blick in die Haupthalle – vielleicht kann ich irgendwo eine Bewegung ausmachen. Plötzlich zweifle ich an der Richtigkeit meiner Erinnerungen, zweifle daran, dass Maria wirklich hier gearbeitet hat, dass wir uns hier kennengelernt haben – aber auch das kann ich mir jetzt nicht mehr erlauben. Es bleibt mir ja noch, sage ich mir, die Büros zu durchsuchen. Dann korrigiere ich mich: wenn ich mich recht erinnere, gibt es nur ein Büro.

***

Ich betrete das Büro, es ist leer, ich sehe zum Fenster und werfe mich gerade noch rechtzeitig zu Boden, bevor eine Kugel die Scheibe splittern lässt.

neunundneunzig

Am nächsten Tag wache ich vor Nastassja auf, und ich überlege, ob ich ohne sie zur Fabrik gehen soll. Immerhin wäre sie hier sicher. Ich müsste leise aussteigen und den verbleibenden Kilometer zu Fuß zurücklegen, aber das sollte eigentlich machbar sein. Andererseits wäre es nicht gut, allein zu gehen – und wie ich Nastassja kenne, würde sie mir ohnehin folgen.

Ich weiß nicht genau, wie spät es ist – vielleicht schon nicht mehr ganz so früh am Morgen. Sonne sehe ich aber keine. Die restliche Zeit, bis Nastassja aufwacht, verbringe ich damit, ihr beim Schlafen zuzusehen. Ob sie träumt? Sie erinnert mich ein bisschen an Mariya, die sah auch so ausdruckslos aus, wenn sie schlief. Vielleicht sind ihre Träume einfach nur langweilig, angenommen, dass Nastassja überhaupt träumt. Oder vielleicht sehe ich genauso aus, wenn ich schlafe, selbst dann, wenn ich Albträume habe. Schon seit Langem will ich mich beim Schlafen filmen. Man verpasst so viel, wenn man schläft, ohne sich danach an den Traum erinnern zu können. Meist ist es wie mit Menschen, an die man sich nicht mehr erinnert: es bleibt lediglich ein vages Gefühl zurück, eine Ahnung. Ob die Ahnung das Ganze wert ist, weiß ich nicht.

Nastassja ist aufgewacht.

»Du bist ja noch hier«, meint sie nach einer Weile.

»Sollte ich nicht?«

»Ich hatte befürchtet, du würdest dich aus dem Staub machen, während ich noch schlafe.«

»Auf so einen Gedanken wäre ich nie gekommen, Nastassja«, entgegne ich. Dass ich lüge, bemerke ich gar nicht. Heute soll es mich auch nicht weiter stören. Heute soll mich nämlich gar nichts stören. Ich versichere mich, dass ich die Pistole noch in meiner Jackentasche habe.

»Meinst du, wir sollten umkehren?«, fragt Nastassja.

Ich lache. »Natürlich meine ich das. Aber wir werden es nicht tun.«

»Ich dachte mir schon, dass du so etwas sagst. Als hätte ich nicht schon genug Nervenflattern.«

»Pass auf, dass du nicht wegfliegst.«

»Das Schlechteste wäre es nicht«, meint Nastassja.

»Nein, das wahrscheinlich nicht.«

Ich fahre so unvermittelt los, dass ich selbst überrascht bin. Am besten ist es jetzt, wenn ich mir gar keine Zeit mehr zum Nachdenken lasse; so kommt man weiter.

***

Die Fabrik scheint tatsächlich stillgelegt, zumindest sind die Fenster blind und keine Autos zu sehen, geschweige denn Menschen. Nastassja besteht darauf mitzukommen. Ich frage mich, was Sitting Bull jetzt wohl sagen würde. Wahrscheinlich würde er sich raushalten, wie er es immer tat, wenn es brenzlig wurde. Ich nehme meine Pistole, Nastassja sieht mich kurz verwundert an, dann tut sie es mir gleich. Kaum haben wir den Eingang erreicht, sind wir auch schon gezwungen, von unseren Waffen Gebrauch zu machen. Das Ganze erscheint mit völlig unwirklich, vielleicht, weil ich immer noch nicht glauben kann, dass man in diesem Land einfach so in einen Schusswechsel geraten kann. Nicht dass ich nicht schon in Ländern gelebt hätte, in denen das möglich war. Aber hier bin ich immerhin aufgewachsen, habe hier meine Kindheit verbracht … es hat sich viel geändert seitdem.

Wir schleichen uns geduckt zwischen Fließbändern und hochexplosiven Farbfässern durch die Fabrikhallen, ich versuche mich währenddessen zu orientieren, mich zu erinnern, wohin wir eigentlich müssen. Manchmal hören wir jemanden aufschreien, wenn ein Schuss sein Ziel findet, das ist dann aber das einzige Geräusch neben dem ohrenbetäubenden Lärm der Handfeuerwaffen. Ich frage mich, was ich erwartet hatte – außerdem überrascht es mich, dass ich anscheinend die Zeit finde, über all das nachzudenken, während ich mich an Nastassjas Seite durch die Fabrik kämpfe.

Nur: wo unser eigentliches Ziel liegt, das ist mir immer noch nicht klar. Die Fabrikhalle, über der mein Name steht. Ich frage mich, ob damit jene Halle gemeint ist, in der ich damals gearbeitet habe. Dort stehen die Farbmischanlagen – und irgendwie bereitet mir das Sorgen.

Trotzdem winke ich Nastassja zu mir: dort vorne links ist der Eingang zur Farbmischabteilung. Wir nutzen ein Fließband und einen alten Gabelstapler als Deckung und erreichen unbehelligt das offenstehende Tor. Ich gebe Nastassja mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie auf ihrer Position bleiben soll, drehe mich um und mache einen Schritt zur Seite, um einen Blick in die Halle zu werfen. Ich glaube Maria zu sehen – das reicht schon, um mich erstarren zu lassen, dann sehe ich noch Dimitri, werfe mich endlich zur Seite … aber zu spät, ich fühle nur ganz ganz kurz, wie etwas mein Bein trifft. Ohne mich darum zu kümmern – und vor allem: ohne mich darum zu kümmern, ob ich irgendwelche hochexplosiven Farbfässer treffe – gebe ich ein paar Schüsse in die Halle ab. Keine Reaktion, nichts – ich habe wohl nicht getroffen. Nastassja zeigt auf mein Bein, sagt irgendetwas, ich verstehe sie nicht. Im nächsten Moment läuft sie zum Tor, schiebt mich zur Seite, ich blicke sie überrascht an, sie schießt einmal, zweimal in die Halle, man hört einen Aufschrei.

achtundneunzig

Inzwischen habe ich mich anscheinend dermaßen ans sinnlose Warten gewöhnt, dass ich mir fast wünsche, wir kämen erst nach ganz ganz langer Fahrt an der Fabrik an. Was ist denn schon das Leben, sage ich mir, wenn nicht eine endlose Aneinanderreihung von Situationen, in denen man wartet, bis endlich etwas passiert – dass aber der Akt des Wartens das Einzige ist, das passiert, das gesteht man sich nur in sehr ehrlichen Momenten ein. Letzten Endes muss man sich eigentlich nur damit arrangieren, das ist alles. Man muss bewusst warten. Darauf warte ich schon seit Langem: dass endlich mal jemand auf die Idee kommt, eine Philosophie des Wartens zu entwerfen. Das würde doch garantiert faszinierende Widersprüchlichkeiten liefern.

Ich sehe zu Nastassja. Ich weiß nicht, warum sie immer noch bei mir ist. Vielleicht ist es ja richtig so – ich bezweifle es nicht. Ich bezweifle ohnehin nichts mehr. Bezweifeln ist eine sinnlose Kraftverschwendung. Alles, was ein Bezweifeln aussagt, ist: Ich will nicht; ich will nicht und damit basta. Da mögen die Chancen stehen wie sie wollen, da mag es noch so viele Fakten geben, dem Bezweifeln in seinem Zweifel ist nichts gewachsen. Nicht einmal der Zweifelnde selbst – nicht einmal vor sich selbst darf er Halt machen. Damit aber ist keinem geholfen; ich weiß, wovon ich rede.

»Weißt du, wonach ich mich sehne?«, fragt Nastassja.

»Nein – wonach denn?«

»Nach Menschen.«

»Nach Menschen?«, frage ich ungläubig.

»Ich weiß, es hört sich komisch an. Aber man verlernt so viel, wenn man eine Zeit lang nicht unter Menschen ist.«

Ich kann ihr nicht glauben. »Man hat doch so viel Zeit für sich. Was sollte man denn da verlernen?«

»Weiß ich doch auch nicht. Vieles.«

»Dann kann es aber nichts Wichtiges sein«, mutmaße ich.

»Vielleicht verlernt man ja gerade das. Ich meine: zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.«

»Und das unterscheiden zu können, ist das wichtig?«, frage ich lächelnd.

»Hm. Keine Ahnung.«

»Siehst du. Hättest du Angst, irgendwann zu verlernen, was Schmerzen sind? Würdest du dich deshalb immer unter schmerzhafte Dinge begeben?«

»Ich kann mir nicht vorstellen«, sagt Nastassja, »dass man ohne Schmerzen überhaupt leben kann.«

»Wenn das so ist, lohnt sich das mit dem Leben vielleicht nicht.«

»Warst du schon immer so destruktiv?«

»Und du, glaubtest du schon immer, konstruktiv zu sein?«

Wir lachen beide. Es verwundert mich ein bisschen.

***

Die Landschaft verändert sich früher, als ich erwartet habe, aus Grau wird Grün, aus flach wird hügelig und aus Autos werden Tiere. Ich denke kurz daran, dass ich eigentlich nicht hierherkommen wollte.

War ich nicht vor Kurzem schon einmal hier? Diese Gegend scheint alles zu verschlingen, was einen an sie erinnern könnte. Ich meine: der Prozess des Vergessens beginnt bereits, wenn man sich noch in ihr aufhält, und manchmal ist er so stark, dass man vergisst, wieder wegzugehen. Weshalb sonst sollten hier überhaupt Menschen leben? Und letzten Endes ist kein Foto stark genug, um uns das zurückzugeben, was wir längst verloren haben. Ich mache nie irgendwelche Fotos. Wer das tut, gibt sich selbst für einen lächerlichen Fetisch auf; dass ich mit meiner Meinung ziemlich allein dastehe, bestärkt mich noch darin.

»So habe ich es mir immer vorgestellt«, sagt Nastassja und kann ihre Augen gar nicht von der Landschaft abwenden.

»Was hast du dir so vorgestellt?«

»Die Gegend, in der du geboren wurdest«, sagt sie.

»Und woher weißt du, dass es hier ist?«

»Man kann es sehen. Und man kann es riechen. Alles hier trägt einen Stempel mit deinem Namen.«

»Na Prost«, sage ich abwehrend. Obwohl ich mich hier nicht auskenne, weiß ich sofort, wohin ich fahren muss, um zur Fabrik zu kommen. Meinem Traum zufolge ist sie stillgelegt, aber noch nicht abgerissen. Ein idealer Ort für ein Wiedersehen, denke ich mir, und ein idealer Ort für einen Tanz mit dem Tod.

»Du denkst Schwachsinn«, sagt Nastassja, als ich ihr davon erzähle.

»Stimmt. Aber gerade deshalb passt es doch so gut zu meiner derzeitigen Situation.«

Ich halte an. Etwa einen Kilometer hinter der nächsten Ortschaft liegt die Fabrik – heute aber, befinde ich, ist es schon zu spät. »Ohnehin«, sage ich zu Nastassja, »sollten wir nichts überstürzen.«

»Glaubst du, Maria wird morgen auch noch da sein?«

»Maria wird da sein, wenn wir da sind«, sage ich und bin felsenfest davon überzeugt. Nastassja nimmt es ohne Widerrede hin. Was sollte sie auch sagen – von nun an bin ich der Einzige, der weiß, was zu tun ist. Zumindest, sage ich mir, sollte ich das wissen. Vielleicht weiß ich es auch gar nicht – und tue nur, was zu tun ist.

Mit dieser Einstellung kommt man immer am weitesten. Ich parke irgendwo am Straßenrand, wir öffnen die zweite Flasche Wein – ein bisschen, sagen wir uns, heben wir für morgen auf; für danach. Wahrscheinlich werden wir es brauchen können.

Der nächste Satz von Nastassja ist wohl unvermeidlich: »Würdest du in deinem Leben alles noch mal genauso machen?«

»Nein.«

»Nein?« Sie scheint verwundert.

»Nein. Ich meine: hätte ich schon immer gewusst, was ich heute weiß, dann wäre die Versuchung viel zu groß, irgendetwas zu ändern; und sei es nur eine Kleinigkeit, beispielsweise, nicht auf das Fahrrad zu steigen, mit dem man gestürzt ist und sich dabei den Fuß verstaucht hat – oder so etwas in der Art.«

»Hm«, macht Nastassja. »Geht es da nicht um grundsätzliche Entscheidungen? Um grundsätzliche Ansichten und Einstellungen?«

»Ich glaube nicht. Wahrscheinlich würde man am Ende sogar herausfinden, dass es nie um grundsätzliche Entscheidungen geht. Ich meine, egal, was man tut, es ändert doch ohnehin nicht wirklich etwas.«

Nastassja scheint nicht überzeugt.

»Hörst du mich?«, frage ich sie.

»Hm? … Ja …?«, meint sie zögernd, unschlüssig, worauf ich hinaus will.

»Und wenn du mich nicht hören könntest?«, frage ich weiter.

»Wenn …?«

»Dann würden wir trotzdem hier sitzen und Wein trinken.«

»Das ist ein überaus dämliches Beispiel.«

»Stimmt. – Außerdem könnten wir uns dann nicht mehr lautstark zuprosten, und dadurch ginge ja der ganze Spaß flöten.«

siebenundneunzig

Kapitel zwölf_Tod, sei nicht traurig

Irgendwann, vielleicht eine Stunde vor Morgengrauen, wache ich auf. Wieder dieser Traum von Maria. Ich gehe ins Badezimmer, danach öffne ich das Fenster, kalt ist es draußen, die Feuchtigkeit, die das Wasser vom Waschbecken in meinem Gesicht zurückgelassen hat, sticht auf den Wangen. Der Traum will vergessen werden, das spüre ich. Ich zwinge mich zum Nachdenken. Dimitri. Und Maria. Die Tür, über der mein Name steht. Es muss noch etwas geben – etwas, das sich mir bisher entzieht. Irgendein Hinweis, sage ich mir – weshalb sonst sollte ich diesen Traum erneut geträumt haben?

Die Antwort ist so einfach, dass ich mich schäme, sie nicht schon vorher gefunden zu haben: Die Fabrik.

***

Die restlichen Stunden, bis Nastassja aufwacht, verbringe ich damit, aus dem Fenster zu starren. Nachdenken, sage ich mir, hat jetzt ohnehin keinen Sinn mehr; falls es den überhaupt jemals hatte.

Nastassja scheint sofort zu wissen, was in meinem Kopf vor sich geht. »Und, wo ist Maria?«, fragt sie.

»In einer alten Fabrikhalle, in der ich einmal gearbeitet habe. Zu der Zeit haben wir uns kennengelernt – zumindest glaube ich mich daran zu erinnern.«

»Wohnt sie etwa dort?«

Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall werden wir sie dort treffen.«

»Hm.«

»Da wäre noch etwas …«, sage ich zögerlich.

»Was denn?«

»Dimitri wird auch dort sein.«

»Hm.« Mehr sagt sie nicht. Imbsweiler möchte ich nicht erwähnen, weil ich mir bei ihm nicht sicher bin. Es würde mich allerdings wundern, wenn es einfach werden sollte.

Nastassja zündet sich umständlich eine Zigarette an. »Ist es weit bis dorthin?«, fragt sie.

»Vielleicht. Ich weiß es nicht mehr genau. Trotzdem würde ich vorschlagen, dass wir so schnell wie möglich aufbrechen.«

»Noch eine Frage …«

»Hm?«

»Woher weißt du das so plötzlich?«

»Ich habe es geträumt«, antworte ich.

»Und? War es ein guter oder ein schlechter Traum?«

Ich entscheide mich für die Lüge. »Er war jenseits von Gut und Böse, aber sehr aufschlussreich.«

***

Anscheinend ist es doch eine weite Strecke bis zur Fabrik – vielleicht liegt sie auch in einem ganz anderen Land oder auf einem ganz anderen Kontinent; ich weiß nicht mehr, wo ich damals gewohnt habe. Allerdings kann ich mich an Berge erinnern oder zumindest an größere Hügel mit dichten Wäldern darauf – und davon sind wir noch ziemlich weit entfernt.

Nastassja sitzt auf dem Beifahrersitz und öffnet die erste Flasche Wein. Ich lehne ab, sage, es ginge mir nicht gut.

Ich frage mich, ob man besser schießen kann, wenn man betrunken ist. Es gibt viele Dinge, die ich in betrunkenem Zustand besser kann, beispielsweise tanzen oder singen. Lieben, glaube ich, gehört dazu, irgendwie aber auch nicht. Vielleicht meint man es in dem Moment – aber ernsthaft habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Es ist wohl auch gar nicht wichtig. Andererseits fällt mir auch nichts ein, das momentan wichtig wäre.

»Warum guckst du so ernst?«, fragt Nastassja plötzlich.

»Ich versuche nur, auf der Straße zu bleiben.«

»Du lügst.«

»Okay: In Wahrheit halte ich nur nach der nächsten Gelegenheit Ausschau, einen Unfall bauen zu können.«

»Warum weiß ich eigentlich nie, ob du etwas zynisch meinst oder nicht?«

»Hm«, mache ich. »Vielleicht, weil ich es selbst nie weiß.«

sechsundneunzig

Es dauert eine Weile, bis wir alles im Auto verstaut haben. Ich sehe zum Himmel; noch regnet es nicht, aber heute Nacht könnte es kalt werden. Besser also, wir finden ein Hotel zum Übernachten. Ich beschließe, Nastassjas Vorschlag doch anzunehmen. Was soll’s, ob wir in einer Absteige oder einem Nobelschuppen schlafen, das kommt doch eigentlich aufs Gleiche raus. Vielleicht trifft man dort ja sogar noch ein paar interessante Menschen. Meine Glaubwürdigkeit bei solchen Gestalten dürfte ja mit den letzten Stunden erheblich gestiegen sein. Ich frage Nastassja, wo genau das Hotel liegt.

»Einfach immer geradeaus«, ist ihre einzige Antwort.

Ich frage nicht weiter, sondern fahre los. Wenn ich in die falsche Richtung fahre, dann übernachten wir eben in einem Hotel in der falschen Richtung. Hauptsache, man ist zu nichts verpflichtet.

»Weißt du noch, als wir das letzte Mal gemeinsam gefahren sind?«, fragt Nastassja.

»Da war doch nur das eine Mal.«

»Hm. Also erinnerst du dich.«

Anscheinend. Es verwundert selbst mich – oder anders gesagt: vor allem mich. Ich sage: »Wir sind nach Mexiko gefahren.«

»Ja.«

»Ist das wichtig?«, frage ich nach einer kurzen Pause.

»Was denn?«

»Ob ich mich daran erinnere oder nicht.«

»Hm«, macht Nastassja. »Keine Ahnung. Das müsstest du doch besser wissen als ich.«

»Immerhin hast du gefragt.«

»Ich wollte nur wissen, ob wir dieselbe Erinnerung teilen.«

»Wir teilen alles, Nastassja«, sage ich, dann, als ich den Ausdruck in ihrem Gesicht bemerke: »Was hast du?«

»Du sagst so selten meinen Namen.«

»Und du kennst meinen gar nicht«, sage ich.

***

Wir kommen tatsächlich noch vor Mitternacht an einem Hotel an. Ich frage Nastassja nicht, ob es das Hotel ist, von dem sie am Morgen gesprochen hat – aber ich denke schon. Zumindest sieht es wie ein billiges Hotel aus. Beim Einchecken trage ich uns unter falschem Namen ein, weil ich mir denke, das gehöre irgendwie dazu.

Der Mann an der Rezeption zwinkert mir einmal kurz zu, als er mir den Schlüssel übergibt, ich habe keine Ahnung, was er mir damit sagen will. Vielleicht weiß er von der Waffe in meiner Jackentasche. Auch er, schätze ich, hat stets ein Gewehr griffbereit – ich zumindest hätte es an seiner Stelle.

Wir durchqueren einen Durchgang, der hinter einem türkisgrauen Vorhang liegt, dann steigen wir über eine schmale Treppe ins erste Stockwerk. Es gibt hier nur einen langen Flur, von dem die Zimmer abgehen. Anscheinend haben wir Glück, denn die Tür zu unserem Zimmer ist die einzige, die beinah völlig unbeschädigt ist.

Nastassja seufzt. »Irgendwie hatte ich es besser in Erinnerung.«

Ich dagegen bin begeistert. »Ich hätte es mir nicht besser vorstellen können. Es gibt doch gar keinen geeigneteren Ort für zwei flüchtige Mörder.«

»Sind wir jetzt schon flüchtige Mörder?«, fragt Nastassja.

»Na ja … wahrscheinlich nicht, aber es würde die ganze Sache noch interessanter machen.«

»Pass du nur auf, dass es nicht zu interessant wird.«

Ich gehe ins Badezimmer … eigentlich gibt es gar kein richtiges Badezimmer; zumindest Wasser gibt es hier, und das hat nicht einmal eine merkwürdige Farbe oder Konsistenz. Ich bin positiv überrascht. Dachte ich doch, das hier sei eins dieser Gebäude, bei denen man nicht sicher sein kann, dass nicht eines Tages das, was über einem in der Toilette verschwindet, nicht irgendwann bei einem aus dem Wasserhahn kommt. Ich muss lachen, als ich das denke.

Leider bleiben wir nur für eine Nacht. Billig ist es tatsächlich. Ich überlege kurz, ob so ein Hotelzimmer nicht auch etwas Längerfristiges sein könnte. Ich meine, eigentlich hat man hier alles, was man braucht – außer einer Badewanne oder einer Dusche oder einem Fernseher, außerdem funktioniert das Licht nicht richtig und einen Kühlschrank gibt es auch nicht; das heißt, selbst wenn hier ein Kühlschrank stehen würde, würde ich kaum das Risiko eingehen, ihn zu öffnen.

***

Als ich zurück ins Zimmer komme, ist Nastassja bereits dabei, den Koffer auszuräumen.

»Wir bleiben doch nur für eine Nacht«, sage ich und hüte mich, meinen Gedankengang von eben nochmals abzuspulen.

»Mag sein. Dann packe ich eben morgen alles wieder zusammen.«

Ich schüttele den Kopf, sage aber nichts.

»Vielleicht«, meint Nastassja und betrachtet den Inhalt des Koffers, »lasse ich auch einen Teil davon hier. Manches kann ich nicht mehr sehen.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Na, wo ich doch jetzt ein neues Leben anfange, sollte ich mich doch von allem trennen, das zu viele Erinnerungen hervorruft, oder?«

»Du beginnst also ein neues Leben, so so.«

»Ich denke schon«, meint sie zögerlich. Es klingt nicht gerade überzeugend, aber: wen sollte sie auch überzeugen wollen? Sich selbst glaubt sie wohl bereitwilliger als irgendjemandem sonst. Ich kenne das.

»Und was ist mit Dimitri?«, frage ich.

»Welcher Dimitri?«

Ich lache. »Hey, wenn hier einer das Recht aufs Vergessen gepachtet hat, dann bin das immer noch ich – vergiss das bitte nicht.«

Auch Nastassja kann ein Lachen nicht unterdrücken. Es lenkt ein wenig ab, glaube ich.

fünfundneunzig

Am nächsten Morgen machen wir uns bereit für die Abfahrt. Nastassja packt ein paar Sachen zusammen, von denen wir meinen, sie könnten wichtig sein, und ich stehe in der Küche und richte Brote – man weiß ja vorher nie, wie lange so eine Fahrt dauern wird.

»Kannst du dir vorstellen«, ruft Nastassja aus dem Schlafzimmer, »dass wir sie jemals finden werden?«

»An der Zeit wäre es zumindest«, sage ich.

»Und« – sie weiß, dass ich diesen Namen am liebsten nie mehr hören würde – »was ist mit Sitting Bull?«

Ich zögere. »Nun, ich habe sie mit seiner Hilfe nicht gefunden – vielleicht finde ich sie ja ohne seine Hilfe.«

»Aber damit tust du doch genau das, was er wollte.«

»Das Thema hatten wir doch schon. Ich habe die ganze Zeit getan, was Sitting Bull mir sagte – warum sollte ich das jetzt ändern?«

Nastassja kommt mit einer Tasche und einem Koffer aus dem Schlafzimmer. »Und wohin fahren wir überhaupt?«, fragt sie.

Ich antworte nicht sofort – über diese Frage habe ich, wenn ich ehrlich sein soll, noch gar nicht nachgedacht. Mir schien es vorerst das Wichtigste, irgendwie von hier wegzukommen. Schließlich sage ich, indem ich einfach laut denke: »Bisher bin ich immer von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden gefahren. Vielleicht sollten wir diesmal nach Westen oder nach Osten fahren.«

»Mit anderen Worten«, sagt Nastassja, »du hast keine Ahnung, wo wir Maria finden.«

»Nein. Die hatte ich noch nie.«

»Hm.«

Was soll’s, denke ich mir. Schließlich sind wir noch jung, Zeit zum Suchen haben wir genug. Geld haben wir auch – und wenn uns gar nichts mehr bleibt, haben wir immer noch uns beide. Und alles ist besser, als hier in der Wohnung zu bleiben. Ich frage mich, was die Polizei sich wohl denken wird, wenn sie das hier zu sehen bekommt. Wahrscheinlich wird Imbsweiler gar nicht zulassen, dass die Polizei allzu viel herausfindet. Ich meine, er selbst hängt wohl in der Sache tiefer drin, als ihm lieb sein kann – und immerhin bin ich ja noch am Leben; womit ich ihm sicher keine Freude mache. Na ja – war ja auch nie Sinn der Sache. Außerdem: selbst schuld, wenn er mich da mit reinzieht. Ich hatte Sitting Bull einmal gesagt, dass man mich besser nicht in irgendwelche Pläne miteinbeziehen sollte – nicht einmal dann, wenn man mir wirklich nichts Gutes will.

Jetzt hat es auch Nastassja eilig. »Ich kenne ein ziemlich billiges Hotel, wenn wir demnächst losfahren, sind wir noch vor Mitternacht dort.«

Ich lache. »Na – denkst du denn wirklich, es würde uns an Geld mangeln? Wieso denn ein billiges Hotel, wenn wir uns das Beste leisten können?«

»Vielleicht sollten wir uns besser unauffällig verhalten«, meint Nastassja und blickt mich an, als müsste sie mir eine Selbstverständlichkeit erklären.

»Papperlapapp«, gebe ich zurück. »Das Einzige, was wir sollten, ist: uns nicht so viele Sorgen machen.«

»Du wärst fast erschossen worden!?«

»Aber ich wurde es nicht, oder?«

»Und du hast keine Angst?«

»Um wen?«, frage ich.

»Ach, vergiss es doch einfach.« Nastassja winkt ab, auch sie scheint ihre Sorgen nicht ernstzunehmen – oder sie ist dabei, sie sich auszureden.

Ich nehme die Brote, packe sie in Alufolie und stecke sie zusammen mit ein paar Flaschen Mineralwasser in meine Reisetasche, auf deren Boden ich noch zwei Flaschen Wein schmuggle. Noch was vergessen? Die Pistole steckt in meiner Jackentasche – also habe ich alles dabei. Schön. Ich sehe zu Nastassja, mein Blick sagt so etwas wie: Wir können gehen. Sie nickt.

vierundneunzig

Nastassja nimmt die Flasche und schenkt uns beiden ein. Ich sitze auf der Couch, drehe ein Blatt Papier zwischen den Fingern und starre geradeaus ins Nichts. Es ist, als hätte ein Sturm meinen Kopf komplett leer gefegt, da ist einfach nichts mehr, das noch von irgendeiner Bedeutung wäre, kein Gedanke, kein Plan – nicht einmal so etwas wie Trauer.

Nastassja weiß auch nicht, was sie noch sagen soll. »Am Ende sind also nur wir beide übrig.«

›Am Ende‹ – genau dort scheinen wir zu stehen. Das Schreckliche ist nur: dem ist nicht so. Es gibt noch viel zu viel durchzustehen, für sie wie auch für mich. Mit einem Mal scheine ich alles zu wissen. So oft ich früher jegliches Wissen bereitwillig geleugnet habe, so tief ist nun die Wahrheit in mir vergraben.

Wer sollte es auch noch wagen, etwas vor mir zu verbergen. Selbst einem Gott würde ich das Recht dazu absprechen.

Ich trinke einen Schluck, bin selbst überrascht, als ich kurzerhand auflache: wieder mal zu wenig Eis drin.

»Wirst du gehen?«, fragt Nastassja.

»Nicht ohne dich.« In meinem Kopf klang es besser.

»Und wieso, glaubst du, sollte ich mitkommen?«

»Nach dem, was passiert ist – nach allem, was passiert ist, geht es doch gar nicht anders.«

»Ja, wahrscheinlich. Aber du solltest wissen, dass ich dich dafür hasse – und noch mehr hasse ich mich dafür.«

»Heb dir deinen Hass für später auf«, sage ich.

»Ich habe mich schon gefragt«, sagt Nastassja, »wie oft du noch wegrennen musst, bis du mich endlich findest.«

»Und? Habe ich dich gefunden?«

»Du kannst es nicht leugnen.«

Wahrscheinlich nicht. Aber was sollte es auch für einen Unterschied machen, ob ich sie gefunden habe oder nicht. Ich habe so viele Menschen vergessen, was nützt es da, wenn ich einen finde?

Die Antwort geben wir uns gegenseitig.

***

»Und was hast du jetzt vor?«, fragt Nastassja nach einer Weile, die wir in einem unglaublich wohltuenden Schweigen verbracht haben.

»Auf jeden Fall habe ich nicht vor, etwas zu ändern«, sage ich. Mein Mund fühlt sich ausgetrocknet an.

»Wie meinst du das?«

»Ich muss immer noch Maria finden – also werde ich Maria finden.«

»Obwohl es dir bislang nur Kummer bereitet hat?«

»Es ist das einzige, wozu ich da bin. Und Kummer … man kann alles vergessen, wenn man will.«

»Ich wundere mich nur, dass dir alles immer noch nicht sinnlos erscheint.«

»Wer sagt denn, dass es das nicht tut?«

»Immerhin glaubst du, du müsstest das alles machen.«

»Hm. Vielleicht glaube ich das gar nicht; vielleicht mache ich es einfach nur. Aber … an irgendetwas glaubt man nun einmal.«

»Ja?«, fragt Nastassja zugegebenermaßen ungläubig.

»Du solltest dich mal hören. Hätte ich dir damals vor der Kirche erzählt, wie du einige Monate später reden wirst, dann hättest du mich für verrückt erklärt.«

»Es ist viel passiert seit damals.«

»Aber uns beide gibt es immer noch«, sage ich. »Obwohl es besser für dich wäre, nicht in meiner Nähe zu sein.«

»Und warum sind wir dann immer noch zusammen?«

Ich lache. »Weil ich manchmal auch an mich denken muss.«

»Vielleicht ist es ja auch eher umgekehrt.«

»Umgekehrt?«, frage ich.

»Vielleicht bin ich es, die Pech bringt.«

Ich zucke mit den Schultern. »Was ist schon Pech.«

»Pech ist Glück, das man nicht hat.«

»Aber wir leben noch. Wenn das kein Glück ist … also, zumindest für uns beide«, füge ich hinzu.

»Und?«

»Was und?«

»Sollen wir jetzt anderen Leuten Pech bringen?«

»Jahaha, wir sind die Todesengel, Nastassja«, sage ich und lache, denn es klingt genauso bescheuert wie in meinem Kopf.

dreiundneunzig

Der nächste Schuss, der fällt, gilt nicht mir, sondern Stempski. Dann geht das Licht an und ich blinzele Nastassja entgegen.

»Du hast ihn getötet«, sage ich trocken.

»Und du die anderen beiden.«

»Bin ich schuld an dir? Vor einigen Monaten hast du noch gebeichtet.«

»Weißt du«, fragt Nastassja, »was der Pfarrer getan hat, als ich mir dich von der Seele beichten wollte?«

»Was?«

»Er hat mich ausgelacht.«

Ich richte mich auf.

»Immerhin habe ich dir das Leben gerettet«, meint Nastassja.

»Dann sind wir quitt.«

»Wieso? Du hast mir noch nie das Leben gerettet.«

»Nein«, sage ich. »Aber du hast es mich schon einmal gekostet.«

Wir schweigen einen Moment, dann fällt mir etwas ein, ich stürze zur Badezimmertür, öffne sie und kann einen Schrei nicht unterdrücken: auf den Fliesen liegt Mariya in ihrem Blut.

»Ist sie tot?«, fragt Nastassja ungerührt.

Ich fühle ihren Puls, nicke. »Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.«

»Überrascht dich das?«

»Halt die Klappe«, erwidere ich. »Halt einfach die Klappe.« Ich halte es keine Sekunde länger hier aus, renne ins Wohnzimmer, will nach draußen und stolpere über Frieder, der tot an der Balkontür liegt. Habe wirklich ich ihn erschossen?

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagt Nastassja: »Du kannst es nicht mehr ändern.«

Auch das ist mir nicht neu. Als hätte ich jemals etwas ändern können. Wir hatten es bereits: Ohne mich wäre die Welt besser, ohne mich wäre die Welt Maria …!

Ich springe so plötzlich auf, dass ich damit sogar Nastassja überrasche. Ich denke an gar nichts, als ich zurück ins Badezimmer stürze und Mariyas Jackentaschen durchwühle, bis ich endlich ihren Geldbeutel finde. Die Fotos … ich hatte damals gedacht, es wäre ein Foto von ihr gewesen, das sie sich angesehen hatte, als sie zu weinen begann, aber …

… es ist Maria. Wie kaputt muss mein Gehirn sein, wie kaputt meine Augen, dass ich das nicht bemerkt habe?! Es scheint mir so unwirklich, kommt mir vor wie ein Traum – der Traum! »Du nennst mich Mariya, aber ich bin nicht Mariya, du kennst mich, aber du kennst Mariya nicht« – so war es doch.

Und Sitting Bull hatte mich noch auf die Namensähnlichkeit hingewiesen. Vielleicht, denke ich mir, sind Mariya und Maria ein und dieselbe Person. Oder sie sind zwei Menschen, die aufgrund des grausamsten Zufalls aller Zeiten exakt gleich aussehen. Meine Gedanken überschlagen sich. Hat Maria Mariyas Freund … aber warum? Trotzdem: dadurch wäre alles erklärt.

Ich schlage meine Stirn gegen die Kacheln der Badezimmerwand. Habe ich Mariya denn nie wirklich in die Augen gesehen, habe ich nie verstanden, wer sie ist oder gar, wozu wir einander begegnet sind?

Jetzt ist Mariya tot. Und Maria? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn: wäre dann nicht alles aus? Gäbe es mich dann noch oder Sitting Bull …

»Endlich hast du es begriffen«, meint er.

»Und jetzt?«, schluchze ich.

»Jetzt – musst du immer noch Maria finden.«

»Es ging nie um mich, oder?! Es ging nie darum, dass ich mich meiner Vergangenheit stelle, und es ging nie darum, dass ich irgendetwas über mein Leben herausfinde, es ging nie darum, dass ich meine Rolle begreife, sondern es ging die ganze verdammte Zeit nur darum, dass ich meine Rolle spiele, nicht wahr? Diese ganze Scheiße wäre auch dann passiert, wenn ich nicht hier gewesen wäre, sie wäre auch dann passiert, wenn ich nicht dort gewesen wäre – nur hättet ihr euch dann einen anderen Dummen suchen müssen, der wegen nichts und wieder nichts, wegen einer Sache, die mit ihm überhaupt nichts zu tun hat, seine Eltern vergisst und seine Freundin verrät und seine besten Freunde erschießt – ist es nicht so?!«

»Ja«, sagt Sitting Bull ruhig. »Tut mir leid.«

»Das muss dir verdammt noch mal ziemlich leid tun, du solltest gar nichts mehr sagen können, so leid sollte es dir tun! Als ob nicht schon genug Leid wäre, wo ich hinkomme!«

Er sagt nichts mehr. Ich glaube – nein, ich hoffe, dass er gestorben ist, und weil ich das hoffe, kann ich nur noch weinen.

So kühl und ungerührt Nastassja eben noch schien, so wärmend und tröstend ist ihre Umarmung jetzt. Ich denke … ich denke an gar nichts mehr.

zweiundneunzig

Kapitel elf_Manchmal können wir nicht anders, als uns einsam zu fühlen.

Wieder einmal ist es Sitting Bull, der mich weckt. »Psst«, höre ich.

»Was ist?«

»Bring Mariya in Sicherheit.« Er flüstert. Seltsamerweise begreife ich sofort.

Ich stehe auf, um Mariya zu wecken. Meine Hand lege ich ihr auf den Mund, als hätte ich Angst, sie könnte zu schreien anfangen. Ich führe sie ins Badezimmer, setze sie dort auf die Fliesen neben der Tür, etwas Besseres fällt mir in der Eile nicht ein.

Wo ist Nastassja?

»Du musst ganz still sein«, sage ich zu Mariya. »Hier drin kann dir nichts passieren.« Zumindest hoffe ich das.

Mariya sieht mich an. Sie scheint verstanden zu haben. Sie lächelt schwach, aber tröstend – ich rede mir ein, sie würde mich tatsächlich trösten wollen. Unsere momentane Situation würde mich verzweifeln lassen, aber daran darf ich nicht denken. Ich darf auch nicht denken an: Stempski oder Frieder oder Nastassja. Ich glaube, es ist das Beste, wenn ich jetzt nur an mich denke. Was soll sonst aus Mariya werden.

»Sie sind da«, sage ich zu Mariya, obwohl ich das eigentlich nicht sagen wollte, um sie nicht zu ängstigen. Aber ich glaube, das Mindeste, das ich ihr schuldig bin, ist, ihr die Wahrheit zu sagen. Wahrscheinlich versteht sie mich auch gar nicht.

Plötzlich fängt sie zu weinen an. Ich zögere kurz, dann nehme ich sie in den Arm.

»Ich habe ihn geliebt«, sagt sie und ich rede mir mit aller Macht ein, dass sie damit mich gemeint hat.

Ich weiß nicht, wie lange wir so dasitzen, wahrscheinlich viel zu lange, ihre Finger krallen sich in meiner Jacke fest – für einen Moment glaube ich, sie wird nie mehr loslassen.

Dann endlich reiße ich mich los. Mariya schluchzt nur noch.

Auch Sitting Bull in meiner Jackentasche schweigt. Ich öffne behutsam die Badezimmertür und schleiche in gebückter Haltung ins Wohnzimmer. Die Lichter sind aus, gut so. Das verbessert die Chance, die ich nicht habe. Ich atme noch einmal tief durch, dann lausche ich.

Nichts zu hören. Ich überlege kurz, ob Sitting Bull wirklich wusste, dass sie kommen würden – aber ich zweifle keine Sekunde daran. Er ist der Einzige, auf den ich mich noch verlassen kann. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie wohl in die Wohnung kommen. Über den Balkon? Im Dunkeln wäre das vielleicht zu aufwändig und würde unnötigen Lärm verursachen. Das Badezimmer hat kein Fenster … vielleicht die Küche? Ich kann mich gar nicht erinnern. Bleiben das Schlafzimmer und die Wohnungstür. Und wo ist eigentlich Nastassja? Aus irgendeinem Grund kann ich mir gar nicht vorstellen, dass sie überhaupt in der Wohnung ist.

Ich lege mich auf die Wohnungstür fest – unkompliziert und schnell zu öffnen – schnappe mir die Schreibtischlampe und drücke mich an die Wand neben der Tür. Immer noch nichts zu hören. Oder doch? War da nicht was? Falls ja, kam es von hinter der Tür – hatte ich also recht. Wie viele es wohl sind? Vielleicht nur Stempski und Frieder und Hugo, vielleicht–

Die Tür öffnet sich. Ein Schemen gleitet durch die Öffnung und schließt die Tür. Entweder ist er allein oder sie dringen an verschiedenen Stellen in die Wohnung ein. Ich zittere. Du machst das nicht zum ersten Mal, sage ich mir. Macht das einen Unterschied? Keine Zeit zu überlegen, sonst kannst du dir die Aktion mit der Lampe sparen.

Stempski? Frieder? Hugo? Ein ganz anderer? Egal – ich schlage zu, er schlägt zu Boden.

Im Dunkeln finde ich, was ich nicht finden wollte: seine Waffe. Sie scheinen zum Äußersten bereit. Mir auch recht. Ich nehme die Waffe, sage mir: siehst du, schon haben sich deine Chancen verbessert. Welche Chancen?

Ich mache eine Bewegung auf dem Balkon aus, ohne zu zögern schieße ich ein-, zweimal in die Richtung. Vielleicht habe ich sogar getroffen, ich kann es nicht sehen. Keine Regung mehr. Kurz bin ich wie erstarrt, dann raffe ich mich auf und laufe zur Couch. Wenn ich mich nicht irre, müsste der Nächste aus dem Schlafzimmer kommen.

Tatsächlich öffnet sich die Tür. Noch bevor ich reagieren kann, wirft sich die Gestalt zu Boden, verschwindet hinter dem Sessel, und im nächsten Moment trifft mich ein Schlag auf den Hinterkopf; ich falle – und dann steht jemand über mir. Das Mondlicht scheint durch das Glas der Balkontür auf sein Gesicht, ich glaube, es ist Stempski. Ich rühre mich nicht.

Er hat eine Waffe in der Hand und ich zweifle keine Sekunde daran, dass er mich damit erschießen wird. Was sollte er auch sonst tun? Und: würde ich nicht genau dasselbe tun? Ich lege so viel Verachtung wie möglich in meinen Blick, was nicht leicht ist, denn dass ich sterben werde, geht mir nicht wirklich nahe.