Erzählen und Zuhören

»Wenn dich nicht einmal mehr die Verrückten an der Bushaltestelle ansprechen«, wurde mir kürzlich mit auf den Heimweg gegeben, »dann bist du einer von ihnen« – man mag diesem Satz einen Wahrheitsgehalt zusprechen oder nicht, aber es ist wie mit vielem, das einem geschenkt wird, man bewahrt es etwas sorgfältiger auf und schenkt ihm etwas mehr Beachtung.

Als ich vor einigen Jahren nach Berlin kam, um mir die Stadt anzusehen, in der ich den kümmerlichen Rest meiner Adoleszenz verbringen wollte, wurde ich ständig angesprochen; an Bushaltestellen, an S-Bahnhöfen, auf offener Straße oder in einer der unzähligen Dönerbuden, die es schon damals gab und die mir immer offener und einladender schienen als die typische Berliner Eckkneipe.

Man könnte sagen: es lag daran, dass ich damals noch mit einem offenen Blick durch die Stadt gegangen bin, einem Blick, der nicht nur empfänglich war für die Eindrücke dieses Großstadtlebens, sondern für all jene, die ihre Geschichten oder ihre Gedanken an den Mann zu bringen versuchten, weil sie nicht wussten, wohin damit.

In dieser Zeit entstand der erste Entwurf zu Kiki, und es wäre nicht abwegig zu glauben, er würde genau davon erzählen, von einem Suchenden, der vom Strudel der Großstadt fortgerissen wird und gierig nach allen Geschichten und Sinneseindrücken greift, deren er habhaft werden kann. (Ich könnte auch sagen: ein typischer Berlin-Roman, und womöglich läge ich damit nicht einmal falsch, aber ich kenne keine Berlin-Romane.) – Kikis Dilemma ist ein anderes: er kann sich gar nicht verlieren, weil er nicht bei sich ist. Wenn eine Figur stets neben sich steht, dann liegt der Grund dafür nicht in ihr, sondern in dem, der sie schreibt; und wenn eine Figur es nicht schafft, zu ihrer Geschichte zu finden, dann deshalb, weil ihr Autor es nicht schafft, ihr zuzuhören. Oder weil er ihr nicht glaubt.

Eine Geschichte findet sich, sobald man den Ton gefunden hat, in dem sie erzählt werden kann – das war stets eins meiner Credos. Und dann liegt die Ernüchterung womöglich darin, dass man die Sprache der Figur spricht und sie einem trotzdem nichts zu erzählen hat. (Der übliche Autorenmythos lautet anders, er erzählt von Figuren, die sich der Kontrolle des Autors entziehen, ein Eigenleben entwickeln und ständig aus den engen Begrenzungen ihres Plots ausbrechen wollen. – Ich konnte damit nie etwas anfangen.)

Die Verrückten an der Bushaltestelle (egal, welche Geschichte sie erzählen), eint, dass sie an ihre Geschichte glauben – warum sonst sollten sie sie teilen; und warum sollten sie mich ansprechen, wenn ich diesen Glauben nicht mehr teile. Und womöglich war die erneute Beschäftigung mit Kiki auch der Versuch, in mich hinein zu hören und zu klären, ob es dort noch etwas gibt, dem ich zuhören kann.

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