Kiki (31)

Wo Nastassja war, wusste keiner zu sagen.

Manche, die Erik gefragt hatte, hatten ihm erwidert, sie sei gemeinsam mit Dimitri untergetaucht; Dimitri schien keiner zu vermissen. Im Allgemeinen glaubte man auch nicht daran, dass sie Dimitri verlassen haben könnte. Frieder, der Soldat, der vor kurzem seine Frau verlassen hatte und seitdem in einer billigen Absteige seine Tage verbrachte – die billige Absteige, in der er sich mit seiner Geliebten getroffen hatte; die Geliebte, die ihn verlassen hatte, als sie von der Trennung Wind bekam – hatte Erik erzählt, Nastassja sei nach Südamerika; oder Spanien.

In den letzten Tagen waren die paar Hunderttausend immer mehr wert geworden. Nicht dass er zuvor eine Wahl gehabt hätte. Diese Stadt, dachte Erik irgendwann, verändert die Menschen.

***

Vor ihm öffnete sich der Bahnhofsplatz – vereinzelt Schatten von Häusern und Wolken – und über dem Bahnhofsplatz öffnete sich der Himmel, und beide wirkten nicht sonderlich interessiert an dem, was an diesem Tag passieren sollte. Man vernahm das Rattern der Züge.

Ein Bahnhof sollte nicht mehr sein als der Anblick, den man aus einem Zugfenster von ihm hat – das hatte Dimitri einmal gesagt.

Statt darüber nachzudenken, sah Erik die Straße hinunter, die noch für einige Zeit dem Verlauf der Bahntrasse folgte, vorbei an Kneipen und Restaurants, indischen, chinesischen, italienischen, vorbei am Neuen Bahnhof, bis sie sich von den Schienen löste, das Opernhaus passierte, die alte Kapelle, und endlich im Park mündete.

Noch einmal atmete Erik tief durch; keiner konnte sagen, welche Gedanken ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen, und deshalb soll hiervon nicht die Rede sein.

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