Kiki (30)

Erik war zu überrascht, um etwas zu erwidern, während Dimitri sich aus dem Schatten der Treppe löste. Er sah übermüdet aus, das Gesicht unrasiert, die Wangen eingefallen – aber seltsam sorgenfrei, schoss es Erik durch den Kopf.

Dimitri lächelte beinah freundlich. »Weißt du, Erik«, begann er, und tatsächlich wirkte es, als trage er eine lange vorbereitete Rede vor, »obwohl ich viel erlebt habe, mehr als die meisten, war ich noch nie ein guter Geschichtenerzähler. Nicht dass es mir an Arroganz, an Überzeugungskraft mangeln würde – aber es braucht sicher mehr, um ein guter Geschichtenerzähler zu sein; Geduld vielleicht oder Zeit. Ich hatte stets von beidem zu wenig. Und trotzdem möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Ich war damals« – er machte eine Pause, als müsste er überlegen – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und ich war das, was man ein ängstliches Kind nennt. Ich kann nicht mehr sagen, worin diese Angst ihren Ursprung hatte – wer kennt schon den Bauplan seines Charakters? – ich weiß aber genau, wann ich sie verloren habe: Ich war« – wieder hielt er inne – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als ich eines Abends fürchterliche Bauchschmerzen bekam. Ich verließ mein Bett, ging ins Wohnzimmer, in dem meine Eltern saßen, und fragte meine Mutter unter Tränen, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Weißt du, was sie erwidert hat?«

Erik erwiderte nichts.

»Sie hat mich ausgelacht«, sagte Dimitri im Grundton bitterer Folgerichtigkeit. »Dieser Mensch, dem ich vertraute, von dem ich abhängig war, an den ich mich in meiner Verzweiflung, meiner kindlichen Todesangst wendete – lachte mich aus. Und weißt du, was das Gute daran war?«

Erik erwiderte nichts.

»Das Gute daran war« – Dimitri stand nun direkt vor Erik, der den Hintern an die Kommode drückte – »dass ich seitdem keine Angst mehr habe. Und weiß, ob jemand zu mir steht oder nicht.«

Dimitri trat einen Schritt zurück, drehte sich von Erik weg; er schien ein unhörbares Lachen zu lachen.

»Du hast schon einmal versucht, mich zu betrügen – erinnerst du dich noch?«, fragte er endlich.

Erik erwiderte nichts.

»Natürlich erinnerst du dich noch. Vielleicht glaubst du deshalb, mir noch etwas schuldig zu sein; nun, wenn dem so ist« – Dimitri zögerte erneut – »dann schuldest du mir eine Antwort auf meine Frage: Seit wann? Bevor ich sie dir vorgestellt habe oder danach? Nastassja wollte mir nicht antworten.«

Jahrelang musste die gusseiserne Figur auf der Kommode gestanden haben, unbeachtet, von gelegentlichem Abstauben abgesehen, jetzt lag sie wie selbstverständlich in Eriks Hand. Dimitri fiel und nahm nicht mehr wahr: den Aufprall seines Kopfes auf das Treppengeländer, den dumpfen, vom Teppich verschluckten Ton, mit dem sein Körper auf den Boden schlug.

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