Kiki (27)

Von Dimitri hatte Kiki nichts mehr gehört, abgesehen von dem wenigen, das ihm Drehmer erzählte; Kiki nannte ihn weiterhin Drehmer, weil er nichts anderes hatte, an das er sich halten konnte.

Anscheinend war Dimitri untergetaucht. Auch im ›Nil‹ wusste man von nichts. Manche sagten, sie hätten Dimitri gesehen: in der U-Bahn, auf dem Weg zum Flughafen vielleicht, ganz kurz nur, im Vorbeifahren, auf einem der Schiffe, die sich den Fluss entlangquälten. Es gab auch schon die Ersten, die leugneten, jemals einen Dimitri gekannt zu haben.

Kiki gab auf derlei Geschichten nicht viel. Wenn Dimitri es für nötig hielt, würde er sich schon wieder melden. Und wenn nicht, wenn er sich tatsächlich abgesetzt hatte, dann war es Kiki auch egal – in Wahrheit: es war ihm egal.

Mia redete weiterhin vom Geld, wenn sie sich sahen.

Man konnte sagen: das Geld war unwichtig für Kiki, es war eher ein seltsamer Tatendrang, der sich seiner bemächtigt hatte. Auch Jemine hatte es überrascht; er und Jemine sahen sich nicht mehr so häufig. Sie wohnten noch zusammen. Sie schliefen auch noch miteinander.

***

»Natürlich darfst du nicht auffallen«, wiederholte Drehmer und griff nach seinem Bier. »Und du musst darauf achten, dass dir niemand zum Bahnhof folgt.«

Kiki sparte sich das Nicken. Er sah auf den Koffer. Die Kombination hatte Drehmer ihm nicht verraten wollen; der andere kenne sie, hatte er gesagt.

Sie saßen im ›Roter Oktober‹ – dabei hatte Kiki sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen, als er das erste Mal mit Magnus hier gewesen war. Normalerweise hielt er sich an solche Schwüre; inzwischen war es aber schon spät – Kiki wusste selbst nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Wie selbstverständlich wechselte Drehmer das Thema, fragte: »Hast du eigentlich jemanden, mit dem du teilen kannst?«

Kiki war zu überrascht, um sich eine Lüge auszudenken. Er schüttelte den Kopf.

»Ist eine schöne Sache«, fuhr Drehmer fort.

Kiki konnte nicht sagen, ob ihm die Situation unangenehm oder unheimlich war.

»Ich weiß nicht, was ich machen würde, sollte ich herausfinden, dass sie mich betrügt. Ihr könnte ich wahrscheinlich verzeihen. Aber wer auch immer …«

Kiki sah Drehmer an und dachte an Pelle.

»Mach doch nicht so ein Gesicht«, sagte Drehmer, als sei er aus einem Tagtraum aufgewacht. »Morgen um diese Zeit haben wir es geschafft.«

Er lachte und klopfte Kiki auf die Schulter. Kiki lachte nicht.

Kiki (26)

Kiki sah nach draußen.

Das Licht hatte er gelöscht, sein Flimmern hatte ihm in den Augen gebrannt. Draußen war nicht viel zu erkennen – die Lichter der Straßenlaternen hingen regungslos in der Luft, umschwirrt von nervösen Motten.

Jemine war nicht nach Hause gekommen. Es hatte ihn nicht überrascht; am Morgen hatte sie gesagt, sie würde eine Freundin besuchen.

Kiki fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, um die Nase herum kitzelte es, es kam vielleicht von den Motten im Licht. Was ihn am meisten quälte – er wusste nicht, dass ihn eigentlich nichts quälte – war weniger das, was geschehen war, sondern vielmehr die Folgerichtigkeit, mit der es geschehen war. Kiki dachte nie über sein Leben nach.

Bücher auf der Couch, ein bewegtes Bild, leise Stimmen oder Musik. Geschirr auf dem Tisch, unbenutzt und lächerlich. Leere Flaschen auf dem Boden, ein unhörbar leises Geräusch hin und her schwappender Flüssigkeit; Wellenschlagen.

Er zog sich vom Fenster zurück in die Dunkelheit. Schatten, hatte sich Kiki einmal gedacht, werden nicht von den Dingen geworfen, sondern aus ihnen herausgesaugt.

***

»Mir war klar, dass Erik sich wieder in seltsame Geschäfte verwickelt hat«, sagte Mia. Es war – so schien es – alles, was sie zu sagen wusste, und Kiki bereute, es ihr erzählt zu haben; auf die Art, in der man bereut, kein Gewissen zu haben.

»Und wie lange ist er schon dabei?«, fragte Mia knapp an Kikis Ohr vorbei.

Kiki zögerte. »Er und Dimitri scheinen sich schon lange zu kennen.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Allerdings hat keiner der anderen jemals etwas von einem Herrn Drehmer gehört.«

»Drehmer?« Mia hob ihren Kopf.

»Das ist doch Eriks Nachname«, sagte Kiki.

»Eriks Nachname … und meiner« – sie sagte es mit einem unbestimmbaren Unterton – »ist Albert. Wenn jemand dir etwas anderes erzählt hat, hat dieser Jemand gelogen.«

Kiki wusste nichts damit anzufangen.

Er nahm den Blick von der Zimmerdecke und befand: ein unbestimmbarer Unterton für einen unbestimmbaren Ort. Die Wände weiß; das einzige Bild im Zimmer am Kopfende des Bettes, ein eigenartiges Gemälde: eine Frau, die auf einem Stier ritt. Kiki hatte gelacht, als er es gesehen hatte, aber das Lachen war eher eine Abwehrreaktion gewesen.

»Um wie viel geht es?«, fragte Mia.

Kiki musste einen Augenblick überlegen, was sie damit wohl meinte. Dann sagte er: »Keine Ahnung. Ein paar Hunderttausend.«

»Und wie viel davon bekommst du?«

»So viel, wie Dimitri für richtig hält«, antwortete Kiki ohne zu überlegen.

»Also nicht ein paar Hunderttausend?«

Kiki lachte. »Nein, wahrscheinlich nicht.« Im selben Moment wusste er, dass es ihr ernst war.

»Mit ein paar Hunderttausend könnten wir abhauen.«

»Mit ein paar Hunderttausend könnte jeder abhauen.«

»Warst du schon einmal in Spanien?«

Kiki erwiderte nichts mehr.

Kiki (25)

Nachts machte sich der Wind bemerkbar.

Drehmer zog sein Jackett aus und warf es über eine der Mülltonnen. Von irgendwo kam Musik, fast unhörbar leise.

Dort hinten war Dimitri vor einer halben Stunde verschwunden, nachdem er ihnen – nochmals – gesagt hatte, er würde sich auf sie verlassen. Kiki hatte er auf die Schulter geklopft, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Und dennoch.

Kiki drehte sich auf dem Absatz um, sah erneut an den Häusern nach oben, die die Gasse bildeten. Fenster ohne Fensterscheiben. Vielleicht hatte man hier einmal gewohnt; Kiki kannte sich hier nicht aus, es war der Bezirk des Holländers.

Drehmer nahm sein Jackett von der Mülltonne und drehte sich zu Kiki. Aus dem Bündel nahm er eine Handfeuerwaffe und hielt sie Kiki hin.

Kiki sagte nichts und rührte sich nicht. Man sah ihm nicht einmal an, dass gerade seine Welt zusammenbrach. Irgendwo saß Jemine, vielleicht wartete sie auf ihn.

»Nur für alle Fälle«, sagte Drehmer mit einem seltsam milden Lächeln. Kiki hörte ihn nicht, sah nur das Lächeln, das er für seltsam grotesk befand.

»Hm«, meinte Kiki.

»Du wirst sie nicht brauchen.«

»Dann behalte sie.«

Als Drehmer bemerkte, dass es Kiki ernst war, lachte er, trug sein Bündel zurück zu den Mülltonnen und zündete sich eine Zigarette an.

Am Ende der Gasse leuchtete ein Scheinwerferpaar auf. Kiki und Drehmer gingen ihm entgegen; Kiki einen halben Schritt zurück. Drehmer vergewisserte sich nochmals seines Bündels und öffnete dann die Fahrertür. Kiki versuchte, einen wahrnehmbaren Ausdruck in seine Haltung zu legen, als er sich schräg hinter Drehmer aufstellte. Auf dem Beifahrersitz lag ein Regungsloser.

Es bedeutete lediglich, dass Dimitris Plan aufging.

Drehmer wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer. Kiki hörte nicht zu, er wusste ohnehin, worum es ging. Es ging um den Koffer, den Drehmer entgegennahm.

Das Auto fuhr rückwärts aus der Gasse. Drehmer grinste Kiki an. »Ich hab’s dir doch gesagt«, meinte er. Kiki nickte, er fühlte sich grauenvoll und konnte nicht sagen, warum.

Es hätte anfangen müssen zu regnen. Stattdessen stand Pelle neben ihnen.

»Hätte nicht gedacht, dass Dimitri euch das Ganze überlässt«, sagte er. Er meinte mehr, als er sagte. Drehmer hatte den Koffer und sein Bündel in der Armbeuge.

Über Pelle gab es viele Geschichten; manche von ihnen mochten älter sein als er, und dennoch zog sich sein Name durch sie hindurch, tauchte an Stellen auf, an denen man ihn nicht erwartete. Es war nicht zu sagen, ob sich Pelle durch seine Taten oder diese Geschichten einen Namen gemacht hatte.

Was gesagt werden kann: vor manchen Dingen schützen uns nicht einmal unsere Namen.

Kiki (24)

Drehmer war nicht nach Hause gekommen, was Kiki der Frage überließ, ob er nicht alles geträumt hatte.

Der Wetterbericht hatte Hitzegewitter gemeldet, aber am Himmel war nichts zu sehen; ein entferntes Leuchten am Horizont vielleicht. Einzig ungewöhnlich war, dass die Luft nach Blumen und Gräsern statt nach Autos roch.

Hier war Kiki schon lange nicht mehr gewesen. Menschen saßen noch in Cafés mit nichtssagendem grünbraunem Dekor. Goldrand. Hupende Autos quälten sich durch die Seitengassen, die Straßenbeleuchtung war dezent, die Reklametafeln auch.

Darüber verlor sich die S-Bahn.

Kiki warf seine Zigarette in eine Pfütze, die von der letzten Nacht übriggeblieben war. Das Spiegelbild der Kunstgalerie zitterte.

***

Drehmer sah anscheinend keinen Anlass, sich zu entschuldigen.

»Ich hoffe, du hast nicht allzu lange auf mich gewartet«, sagte er.

»Deine Frau hat mich ohnehin nicht ins Haus gelassen«, log Kiki. Die Antwort schien Drehmer zufriedenzustellen.

Sie saßen zwischen Flipperautomaten – wo gab es denn heutzutage noch Flipperautomaten? – und Billardtischen – einer in der rechten Ecke, einer in der linken, beide nicht benutzt – in einer Kneipe, an die Kiki sich nur dunkel erinnern konnte; Drehmer hätte er sie nicht zugetraut, er schien aber öfter hier zu sein. Der Barkeeper hatte ihm zugenickt.

Drehmer sah lange und tief in sein Bierglas. Es wirkte, als würde er gleich etwas ungemein Wichtiges sagen; etwas, das auszusprechen ihn seine ganze Konzentration kosten würde.

Kiki grinste in sich hinein. Und Drehmer erhob sich langsam von seinem Platz und ging zu den Toiletten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Kiki nach. Er hatte Mühe damit, die Ereignisse der letzten Tage in Reihe zu bringen, die ständigen Ortswechsel – die, wie es ihm vorkam, ständigen beliebigen Ortswechsel – brachten ihn durcheinander, brachten die Chronologie seiner Erinnerungen durcheinander. Die Vergangenheit eines Menschen, hatte sich Kiki einmal gedacht, gehört ihm nicht, hat ihm nie gehört.