Kiki (22)

Kiki warf die Zigarette – lediglich angeraucht – auf die Gleise, dachte einen Moment lang an nichts. Dann dachte er an Jemine und wie sie am Morgen gesagt hatte, es sei sein Leben, damit könne er tun, was er wolle. Kiki hatte geantwortet: ja, vielleicht sei dem so.

Natürlich hatte sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gegeben.

»Ja, vielleicht«, hatte sie ihn imitiert. »Vielleicht musst du auch erst Dimitri fragen, ob es wirklich dein Leben ist.« Es hatte resigniert geklungen, aber das war nur die optimistische Variante.

Es war noch früh am Morgen, trotzdem lag bereits die Hitze des Tages über der Stadt. Viel Betrieb war nicht, die meisten Bahnen nur zur Hälfte gefüllt; es war Mittwoch.

Für einen Moment sah Kiki sich in einer der Bahnen sitzen, sah, wie sich die Türen schlossen und die S-Bahn den Bahnhof verließ, das Gleisbett verließ, die Stadt und sein Blickfeld verließ und Kiki nicht mehr war; irgendwo am Horizont neben Stadtschloss und Bankenviertel verschwunden. In die untergehende Sonne gefahren und auf der anderen Seite wieder herausgekommen.

Kiki lachte – es hätte aber auch ein Husten sein können.

***

Dimitris Wohnung – Kiki betrat sie zum ersten Mal – lag ebenso unauffällig wie zweckmäßig in einer ruhigen Wohnsiedlung im Südosten. Keine teuren Bars, ohnehin fast kein Nachtleben, von einer Eckkneipe mit blinden Fenstern abgesehen, dafür mehrere Lebensmittelgeschäfte, ein Tabakladen, ein Friseur, eine Reinigung, ein Park mit einem oder zwei – es waren zwei – Kinderspielplätzen, eine Videothek mit zehntausend Erotikfilmen auf einhundert Quadratmetern.

Hatte man den Gebäudekomplex erreicht, ging man in den zweiten – wenn man aus Richtung des Bahnhofs kam – Hinterhof links, durch eine Tür, die etwas zu niedrig war, um eine Eingangstür zu sein, einen Gang mit Kinderwägen und Kinderspielzeug – Sandeimer, eine Schaufel – entlang, links in eine Art Keller; schließlich eine Treppe hinauf.

Zweiter Stock.

Die Wohnung selbst: spartanisch, aber durchaus nicht ohne Augenmaß, eingerichtet. An den Wänden Fotografien, nichtssagend, schwarzweiß, zwei volle Bücherregale – Kiki hatte schon lang kein Buch mehr in der Hand gehabt – eine Wanduhr ohne Ziffernblatt. Eine schwarze Couch, ein Fernsehsessel, kein Fernseher.

Auf der Couch ein Mann – Kiki tat sich immer schwer, das Alter von Menschen einzuschätzen, er mochte Ende vierzig sein – in einem, für Kikis Begriffe, teuren Anzug.

Kiki mochte ihn nicht und blickte im Zimmer umher; die markante Nase, das kantige Kinn, die fast schon zerfurcht zu nennenden Lippen, die zusammengekniffenen blaugrauen Augen fielen ihm nicht auf.

Dimitri trat hinter Kiki ins Zimmer.

»Darf ich vorstellen«, sagte er im Vorbeigehen, »Kiki – Erik Drehmer. Erik – Kiki, einfach nur Kiki.«

Kiki murmelte etwas, das sich wie »G’n Tag« anhörte, und setzte sich neben den Couchtisch auf den Teppichboden.

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