Kiki (21)

»Du weißt, dass ich am liebsten allein arbeite«, brummte Erik.

Dimitri schien amüsiert. »Und du weißt«, entgegnete er, »dass ich die ganze Sache angeleiert habe; und die ist mir zu wichtig, um irgendein Risiko einzugehen.«

Das Wort ›Risiko‹ ließ Erik aufhorchen. Die Art und Weise, in der Dimitri es aussprach, gefiel ihm nicht. Halbe-halbe, so hatten sie es immer gehalten.

»Außerdem«, fuhr Dimitri fort, »ist das nicht irgendein Typ, sondern jemand, in den ich vollstes Vertrauen habe.«

Erik glaubte nicht, dass Dimitri irgendjemandem vertraute.

»Und einer, dem die Zukunft gehört.« Mit diesen Worten suchte Dimitri nach seinen Zigaretten.

»Mit anderen Worten: völlig unerfahren.«

»Wenn du so willst. Sagen wir lieber: Sein jugendlicher Tatendrang und deine Erfahrung, das ist die perfekte Mischung.«

»Klischee«, konstatierte Erik.

Dimitri lachte. »Glaub mir, du wirst Kiki lieben. Und wenn nicht … das sollte doch der Unternehmung nicht im Weg stehen; für so professionell halte ich dich schon.« Er gab die Suche nach seinen Zigaretten auf und ging zum Bücherregal – hunderte Bücher; nichts Besonderes, Franzosen, Russen, die meisten wahrscheinlich mehrmals gelesen, oberflächlich – griff nach einem Buch, zog einen Zettel zwischen den Seiten hervor und reichte ihn Erik. Der besah ihn sich genau.

Es war dunkel in Dimitris Wohnung; die Fenster geöffnet und die Jalousien geschlossen, dunkelgrauer Teppich, an einzelnen Stellen von heruntergefallenen Zigaretten angesengt, die Kaffeeflecke kaum sichtbar. Zwei Aschenbecher auf dem Glastisch. Eine Couch, ein Sessel. Kein Fernseher, ein altes Radio.

Im Flur wurde die Wohnungstür geöffnet.

Erik starrte weiterhin auf den Zettel, konnte ihm keine wirkliche Information entnehmen. »Ich hoffe, du hast etwas Schönes gefunden«, hörte er Dimitri sagen, dann: »Oh, ihr kennt euch ja noch gar nicht: das ist Erik, ich denke, ich muss dir schon einmal von ihm erzählt haben.«

Erik sah auf; dann – dieses ›dann‹ bezeichnet eine Zeitspanne, die ihm später Kopfzerbrechen bereitete – erhob er sich von der Couch und griff instinktiv nach der ihm entgegengestreckten Hand.

»In Wirklichkeit hat mir Dimitri schon oft von Ihnen erzählt«, sagte Nastassja.

Erik wusste nicht zu sagen, was man in seinem Gesicht lesen konnte. Dimitri kehrte mit drei Gläsern und einer Flasche Wein aus der Küche zurück.

»Lasst uns anstoßen«, sagte er.

»Nein«, erwiderte Erik ein wenig zu schnell. Auf Dimitris Blick hin ergänzte er: »Wein ist ein Teufelszeug.«

***

Erik sah auf den trüben Nachmittag hinaus. Trotz der Klimaanlage war die drückende Schwüle bis ins Hotelzimmer zu spüren.

»Was hätte ich dir sagen sollen?«

Erik antwortete nicht, er wusste nichts zu antworten. Wahrscheinlich erwartete Nastassja auch gar keine Antwort von ihm. Sie gehörte Dimitri.

Normalerweise entstanden solche Gedanken nicht in ihm; wäre es ihm bewusst gewesen, hätte er sich vielleicht dafür geschämt. Aber dafür war kein Platz in diesem Moment und in diesem Raum.

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