Kiki (23)

»Halten sich so zäh wie du«, sagte Jemine und versuchte zu lachen. Mit dem Handrücken wischte sie Blütenstaub von der Tischdecke.

Kiki sah sie an. Es formten sich keine Worte in ihm.

Von Dimitri und Drehmer hatte er ihr nichts erzählt, nichts von Dimitris Plan und dem Geld und dem Holländer. Nichts vom Hintereingang der ›Scheune‹ in einer Woche und nichts vom Bahnhof in zwei Wochen.

Jemine zwang eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. Sie sah übermüdet aus – es war vielleicht das Wetter.

Kiki fand, dass sie umwerfend aussah.

Eine aufgehende Sonne brach durchs Fenster, Kiki konnte nicht sagen, was es zu bedeuten hatte.

***

Den letzten Anstieg von der Bushaltestelle musste Kiki zu Fuß bewältigen. Währenddessen bestätigte er sein Vorurteil, in einer grauenhaften Gegend zu sein: Weiße Einfamilienhäuser – genau das, was er von diesem Drehmer erwartet hatte. Hätten uns ja auch an einem neutralen Ort treffen können, dachte er sich, oder will er mir seine Briefmarkensammlung zeigen?

Überwiegend rot die Blumenbeete – die Hängenden Gärten von Babylon; Kiki wusste nicht, woher er diesen Ausdruck kannte, was er bezeichnete oder warum er ihm in den Sinn kam – ein Briefkasten, der in drei Fächer unterteilt war: Zeitungen, Post, Werbung.

Kein Namensschild zu finden. Aber die Hausnummer stimmte.

Kiki stieg die breite Treppe zur Tür hinauf, sah noch einmal nach links und rechts – die Bürgersteige waren leer, der Bus längst hinter der nächsten Biegung verschwunden – und verewigte dann seinen Fingerabdruck auf dem grauschwarzen Klingelknopf.

Kurzes Warten. Vogelstimmen.

Eine Frau – Anfang dreißig? – in einem schwarzgrauen Morgenmantel öffnete.

»Ich bin mit Erik verabredet«, war das Einzige, das Kiki einfiel.

Ein schwer zu deutendes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht. »Natürlich sind Sie das«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite. »Es scheint ein Hobby meines Mannes zu sein, Leute während seiner Abwesenheit hierher einzuladen.«

Kiki wusste nicht, ob er eintreten sollte. »Erik … Ihr Mann ist also nicht da?«, fragte er endlich.

Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gott weiß, wo er ist. Das macht er in letzter Zeit des Öfteren; geht ohne ein Wort, um irgendwann zurückzukommen.«

Kiki war sich des Untertons bewusst. Er fragte sich, ob sie über Erik und Dimitri Bescheid wusste, und kam, im Wohnzimmer angekommen, zu dem Schluss: nein.

»Was wollten Sie denn mit meinem Mann besprechen?«, fragte sie aus der Küche.

Da Kiki keine Antwort einfiel, tat er so, als hätte er sie nicht gehört.

»Verstehe«, sagte sie, als sie mit zwei Gläsern aus der Küche kam und Kiki eins davon reichte. Dabei fiel ihm ein silberner Ring an ihrer linken Hand auf.

»Ein schöner Ehering«, sagte er mehr zu sich als zu ihr.

Sie lachte. »Meinen Ehering trage ich nicht, wenn Erik nicht da ist.«

Mit einem Mal standen sie sich nahe – es trennte sie eine halbe Armlänge Luft. Kiki blickte in Augen, die ihm seltsam vertraut schienen.

»Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?«, fragte er.

»Hm«, meinte sie nur. »Wo denn?«

Aber Kiki wusste es nicht zu sagen. Ihm wurde schwindlig, als er darüber nachzudenken versuchte. Sein Kopf wollte ihm zerspringen.

Sie setzten sich.

Kiki (22)

Kiki warf die Zigarette – lediglich angeraucht – auf die Gleise, dachte einen Moment lang an nichts. Dann dachte er an Jemine und wie sie am Morgen gesagt hatte, es sei sein Leben, damit könne er tun, was er wolle. Kiki hatte geantwortet: ja, vielleicht sei dem so.

Natürlich hatte sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gegeben.

»Ja, vielleicht«, hatte sie ihn imitiert. »Vielleicht musst du auch erst Dimitri fragen, ob es wirklich dein Leben ist.« Es hatte resigniert geklungen, aber das war nur die optimistische Variante.

Es war noch früh am Morgen, trotzdem lag bereits die Hitze des Tages über der Stadt. Viel Betrieb war nicht, die meisten Bahnen nur zur Hälfte gefüllt; es war Mittwoch.

Für einen Moment sah Kiki sich in einer der Bahnen sitzen, sah, wie sich die Türen schlossen und die S-Bahn den Bahnhof verließ, das Gleisbett verließ, die Stadt und sein Blickfeld verließ und Kiki nicht mehr war; irgendwo am Horizont neben Stadtschloss und Bankenviertel verschwunden. In die untergehende Sonne gefahren und auf der anderen Seite wieder herausgekommen.

Kiki lachte – es hätte aber auch ein Husten sein können.

***

Dimitris Wohnung – Kiki betrat sie zum ersten Mal – lag ebenso unauffällig wie zweckmäßig in einer ruhigen Wohnsiedlung im Südosten. Keine teuren Bars, ohnehin fast kein Nachtleben, von einer Eckkneipe mit blinden Fenstern abgesehen, dafür mehrere Lebensmittelgeschäfte, ein Tabakladen, ein Friseur, eine Reinigung, ein Park mit einem oder zwei – es waren zwei – Kinderspielplätzen, eine Videothek mit zehntausend Erotikfilmen auf einhundert Quadratmetern.

Hatte man den Gebäudekomplex erreicht, ging man in den zweiten – wenn man aus Richtung des Bahnhofs kam – Hinterhof links, durch eine Tür, die etwas zu niedrig war, um eine Eingangstür zu sein, einen Gang mit Kinderwägen und Kinderspielzeug – Sandeimer, eine Schaufel – entlang, links in eine Art Keller; schließlich eine Treppe hinauf.

Zweiter Stock.

Die Wohnung selbst: spartanisch, aber durchaus nicht ohne Augenmaß, eingerichtet. An den Wänden Fotografien, nichtssagend, schwarzweiß, zwei volle Bücherregale – Kiki hatte schon lang kein Buch mehr in der Hand gehabt – eine Wanduhr ohne Ziffernblatt. Eine schwarze Couch, ein Fernsehsessel, kein Fernseher.

Auf der Couch ein Mann – Kiki tat sich immer schwer, das Alter von Menschen einzuschätzen, er mochte Ende vierzig sein – in einem, für Kikis Begriffe, teuren Anzug.

Kiki mochte ihn nicht und blickte im Zimmer umher; die markante Nase, das kantige Kinn, die fast schon zerfurcht zu nennenden Lippen, die zusammengekniffenen blaugrauen Augen fielen ihm nicht auf.

Dimitri trat hinter Kiki ins Zimmer.

»Darf ich vorstellen«, sagte er im Vorbeigehen, »Kiki – Erik Drehmer. Erik – Kiki, einfach nur Kiki.«

Kiki murmelte etwas, das sich wie »G’n Tag« anhörte, und setzte sich neben den Couchtisch auf den Teppichboden.

Kiki (21)

»Du weißt, dass ich am liebsten allein arbeite«, brummte Erik.

Dimitri schien amüsiert. »Und du weißt«, entgegnete er, »dass ich die ganze Sache angeleiert habe; und die ist mir zu wichtig, um irgendein Risiko einzugehen.«

Das Wort ›Risiko‹ ließ Erik aufhorchen. Die Art und Weise, in der Dimitri es aussprach, gefiel ihm nicht. Halbe-halbe, so hatten sie es immer gehalten.

»Außerdem«, fuhr Dimitri fort, »ist das nicht irgendein Typ, sondern jemand, in den ich vollstes Vertrauen habe.«

Erik glaubte nicht, dass Dimitri irgendjemandem vertraute.

»Und einer, dem die Zukunft gehört.« Mit diesen Worten suchte Dimitri nach seinen Zigaretten.

»Mit anderen Worten: völlig unerfahren.«

»Wenn du so willst. Sagen wir lieber: Sein jugendlicher Tatendrang und deine Erfahrung, das ist die perfekte Mischung.«

»Klischee«, konstatierte Erik.

Dimitri lachte. »Glaub mir, du wirst Kiki lieben. Und wenn nicht … das sollte doch der Unternehmung nicht im Weg stehen; für so professionell halte ich dich schon.« Er gab die Suche nach seinen Zigaretten auf und ging zum Bücherregal – hunderte Bücher; nichts Besonderes, Franzosen, Russen, die meisten wahrscheinlich mehrmals gelesen, oberflächlich – griff nach einem Buch, zog einen Zettel zwischen den Seiten hervor und reichte ihn Erik. Der besah ihn sich genau.

Es war dunkel in Dimitris Wohnung; die Fenster geöffnet und die Jalousien geschlossen, dunkelgrauer Teppich, an einzelnen Stellen von heruntergefallenen Zigaretten angesengt, die Kaffeeflecke kaum sichtbar. Zwei Aschenbecher auf dem Glastisch. Eine Couch, ein Sessel. Kein Fernseher, ein altes Radio.

Im Flur wurde die Wohnungstür geöffnet.

Erik starrte weiterhin auf den Zettel, konnte ihm keine wirkliche Information entnehmen. »Ich hoffe, du hast etwas Schönes gefunden«, hörte er Dimitri sagen, dann: »Oh, ihr kennt euch ja noch gar nicht: das ist Erik, ich denke, ich muss dir schon einmal von ihm erzählt haben.«

Erik sah auf; dann – dieses ›dann‹ bezeichnet eine Zeitspanne, die ihm später Kopfzerbrechen bereitete – erhob er sich von der Couch und griff instinktiv nach der ihm entgegengestreckten Hand.

»In Wirklichkeit hat mir Dimitri schon oft von Ihnen erzählt«, sagte Nastassja.

Erik wusste nicht zu sagen, was man in seinem Gesicht lesen konnte. Dimitri kehrte mit drei Gläsern und einer Flasche Wein aus der Küche zurück.

»Lasst uns anstoßen«, sagte er.

»Nein«, erwiderte Erik ein wenig zu schnell. Auf Dimitris Blick hin ergänzte er: »Wein ist ein Teufelszeug.«

***

Erik sah auf den trüben Nachmittag hinaus. Trotz der Klimaanlage war die drückende Schwüle bis ins Hotelzimmer zu spüren.

»Was hätte ich dir sagen sollen?«

Erik antwortete nicht, er wusste nichts zu antworten. Wahrscheinlich erwartete Nastassja auch gar keine Antwort von ihm. Sie gehörte Dimitri.

Normalerweise entstanden solche Gedanken nicht in ihm; wäre es ihm bewusst gewesen, hätte er sich vielleicht dafür geschämt. Aber dafür war kein Platz in diesem Moment und in diesem Raum.

Kiki (20)

Erik sah auf die Uhr, zum wiederholten Mal. Er fühlte sich wie vor seinem ersten Date. Vielleicht war es das auch. Er hatte ein Hotelzimmer reserviert und Mia etwas von einem Geschäftstermin erzählt.

Der Blick auf die Flaniermeile nicht uninteressant: Zahllose Geschäfte, Mode oder Souvenirs, die Art von Dingen, die zu kaufen man sich für gewöhnlich zu schade war. Erstaunlich wenige Menschen für einen so schönen Sommerabend. Ein tadellos blauer Himmel und ein gänzlich unbestimmbarer Geruch, leicht genug für die träge Abendluft.

»Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Nastassja stand mit einem Mal neben ihm. Erik sah fragend zu ihr auf, erinnerte sich dann eines Lächelns.

»Der Geruch, der heute in der Luft liegt«, fuhr sie fort. »Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Sie legte ihre Handtasche – neu – auf den Tisch und setzte sich neben Erik. »Ich hoffe, es war nicht allzu schwierig, eine Entschuldigung für deine Frau zu finden.«

Erik schüttelte leicht den Kopf. Es war – so schien es ihm – müßig, Nastassja zu fragen, was sie noch über ihn wusste. Oder woher sie wusste, was sie wusste.

»Schräg gegenüber oder am Ende der Straße?«

Erik wusste keine Antwort.

»In welchem Hotel hast du ein Zimmer reserviert?«

»Am Ende der Straße.«

***

»Wundert es dich nicht, wie viel ich über dich weiß?«, fragte Nastassja.

»Ich wundere mich schon lange nicht mehr über Frauen«, erwiderte Erik und reichte ihr den Aschenbecher.

»Dann kennst du sie gut.«

»Wen?«

»Die Frauen.« Sie lachte.

Erik lachte nicht, sondern stand auf, blickte kurz wie benommen – er war zu schnell aufgestanden – im Raum umher und ging dann ins Badezimmer. Noch konnte er in den Spiegel sehen.

Kiki (19)

Erik war jemand, der anderen nur ungern etwas schuldete. Er wusste nicht, was er Dimitri schuldete. Einen ausreichend großen Gefallen; Dimitri konnte so etwas genau taxieren. Je länger Erik nachdachte, desto richtiger schien es ihm: Dimitri kannte er. Menschen, die für Banken oder Firmen arbeiteten und an ihn adressierte Briefe verschickten, kannte er nicht.

Von den Briefen hatte Mia nie etwas erfahren. Von dem Gefallen, den er Dimitri schuldete, würde sie auch nichts erfahren.

Erik saß in seinem Büro – größer als manch anderes Büro in diesem Gebäude; ein brauner Schreibtisch, der teurer wirkte als er war, zwei Bilder, Kunstdrucke, Blick auf die Baustelle am Neuen Bahnhof, ein Vorzimmer mit Sekretärin – und drehte einen Bleistift zwischen den Fingern. Was nicht zu leugnen war: er hatte, und das wurde ihm erst jetzt klar, die ganze Zeit auf Dimitri gewartet.

Der alten Zeiten wegen.

Vielleicht hatte Dimitri Ähnliches gespürt; hatte vielleicht – sie kannten sich schon lange – über unsichtbare Antennen Signale empfangen, Notiz genommen von Eriks Sehnsucht und seinem Frust, seiner Eifersucht und der plötzlichen Enge seines Lebens.

Am Morgen hatte ihm seine Sekretärin einen mehrfach gefalteten Zettel in die Hand gedrückt, mit den Worten: »Eine gewisse Nastassja hat das gestern für Sie abgegeben.«

»Ich kenne keine Nastassja«, hatte Erik erwidert.

»Sie meinte, Sie hätten sie im ›Nil‹ getroffen.«

Kiki (18)

Imbsweiler hatte keine Freundin und verbrachte nicht viel Zeit in seiner Wohnung. Mit diesem Fazit erhob sich Erik von der Couch und ging in Richtung Küche. Mia war vor einigen Minuten mit einem Glas Champagner in der Hand verschwunden; sie war schon deutlich angetrunkener als er.
In der Küche stand Magnus Imbsweiler und unterhielt sich mit Menschen, die Erik noch nie zuvor gesehen hatte. Seinen Gruß erwiderte Erik nur zögernd. Eine Party, bei der alle ihre Hintern gegen die Küchenzeile drückten und hofften, die Zeitspanne schadlos zu überbrücken, bis man – ohne unhöflich zu wirken – gehen konnte.
Erik trat zurück auf den Flur; er beschloss, so zu tun, als würde er sich die Wohnung ansehen.
Im Flur kam ihm Mia entgegen, und der Mann, den sie hinter sich herzog, war Dimitri.
»Sieh mal, Schatz«, lachte sie, »ist das nicht ein Zufall?«
»Komisch, nicht wahr?«, bestätigte Dimitri.
Erik murmelte eine Antwort, dann legte er Dimitri – wie einem alten Freund – die Hand auf die Schulter und schob sich zwischen ihn und Mia.
»Ich habe vor ein paar Tagen schon …«, begann Dimitri, als sie sich im Wohnzimmer fanden.
»Nicht«, zischte Erik, dann fügte er hinzu: »Hier können wir nicht reden.«

***

Erik führte die Finger über die Oberfläche des Pfefferstreuers. Dimitri schwieg. Der Kellner räumte die Teller ab. Der Pfefferstreuer, befand Erik, fühlte sich an, wie sich Pfefferstreuer eben anfühlen.
»Ich denke nicht, dass du meine Hilfe brauchst«, sagte Erik, als der Kellner den Tisch verlassen hatte. »Ich denke nicht, dass du jemals jemandes Hilfe gebraucht hast.«
»Vielleicht nicht.« Dimitri grinste. »Aber wir könnten doch wenigstens so tun? Ich meine, nur der alten Zeiten wegen.«
»Du weißt, wie ich über die alten Zeiten denke.«
Dimitri lehnte sich zurück, zündete sich eine Zigarette an. »Natürlich. Die Nummer mit dem anständigen Leben hast du mir damals oft genug erzählt.«
»Und?«, erwiderte Erik genervt.
»Ich glaube sie dir nicht, das ist alles.«
»Es geht nicht nur um mich.« Mehr wusste Erik nicht mehr zu sagen.
»Ah, Mia – eine reizende Frau, wirklich.« Dimitri blies den Rauch seiner Zigarette Richtung Decke.
Äußerlich blieb Erik ruhig. »Wie viel?«, fragte er irgendwann.
Dimitri lachte. »Fünfhunderttausend.«