Kiki (17)

Mia schien sich keine Sorgen um ihn gemacht zu haben. Vielleicht hatte sie auch gar nicht mitbekommen, dass er sich erst am frühen Morgen neben ihr ins Bett hatte fallen lassen.

»Hast du dich gestern mit Dimitri getroffen?«, fragte sie über die Kante eines Magazins.

»Hm-hm«, log Erik.

Er betrachtete seine Frau auf jene eigentümliche, nicht uninteressierte Art, in der man Fremdes betrachtet. Das tat er des Öfteren in letzter Zeit; und es ließ sich nicht leugnen, dass eine Spur Bewunderung in diesem Betrachten lag, ein Staunen über etwas Neues, Unbekanntes. Unberührbar – so hatte sie immer auf ihn gewirkt, es hatte ihn vielleicht am meisten fasziniert an ihr. Neuerdings erschreckte es ihn.

Ihre großen, wachen Augen, die in einem seltsam spannungsvollen Kontrast standen zu ihren schmalen, fast verbittert wirkenden Lippen. Dahinter wie versteckt ihre weißen, fast bläulichen Zähne. ›Engelszähne‹ hatte er sie einmal genannt, er konnte nicht mehr sagen, wann.

Alt fühlte er sich in ihrer Gegenwart.

Er ging in die Küche, nahm sich ein Glas, füllte Eiswürfel hinein. Ging an die Bar und suchte den Whisky. Nicht zu sagen, wo Mia ihn abgestellt hatte – und ob es Mia gewesen war oder er selbst.

Auf dem Rückweg lief er durch einen Sonnenstreifen. Es war noch nicht spät. Im Grunde, dachte er sich, hatte er bislang kaum etwas mit Magnus Imbsweiler zu tun gehabt. Sie arbeiteten auf derselben Etage, erinnerte er sich. Er bezweifelte, dass sie vor der Einladung zu Imbsweilers Geburtstagsfeier schon einmal ein Wort gewechselt hatten.

Mia hatte ein Geschenk ausgesucht und ihm nicht verraten wollen, was es war. Und sie hatte ihm einen Anzug aufs Bett gelegt.

Kiki (16)

Auf der Tanzfläche schien es bereits die ersten Toten zu geben. Es war nicht mehr zwischen einzelnen Menschen zu unterscheiden, alles eine Masse, die kurz vor der Explosion stand.

Ekstatisch zuckende Leiber. Schweißperlen, salzige Zungen, nackte Arme und Beine, in den Ecken Menschen kurz vor der Kopulation.

Erik wankte in einen Flur, der zum Notausgang führte, ein Sofa, die Tür zu den Toiletten. Er lehnte sich an die Wand und atmete tief durch. So schlimm hatte er das ›Nil‹ nicht in Erinnerung.

Im Halbdunkel stand Pelle, den kannte Erik noch gar nicht.

Hinter Eriks geschlossenen Lidern drehte sich alles, dennoch lachte er auf, innerlich, er legte den Kopf in den Nacken, sein ganzer Körper erbebte in diesem stillen Lachen und plötzlich war da die Frau, die sich an seine Hüften presste. Die Luft vibrierte, etwas, das Tanz war, ein Vor und Zurück und Hin und Her.

Seine Hosen wurden ihm eng.

Er spürte ihre Zunge an seinem Hals, nahm grüne Augen wahr, die ihn kurz fixierten, er presste sein Gesicht an ihren Nacken, ein Geruch nach Schweiß und Haut und Musik. Eriks Hände versuchten, den Körper dieser Frau zu fassen, der sich ihnen nicht entzog.

Hinten in der Ecke stand Pelle, den kannte Erik noch gar nicht.

***

Als hätte jemand eine Kerze gelöscht: so war die Nacht, in die Erik stolperte. Das ›Nil‹ lag weit zurück hinter einer Brücke, er konnte nicht sagen, wie er es geschafft hatte, diese Distanz zu überwinden.

Ein ungewohnter Wind fegte durch die Häuserschluchten, an Mauern entlang, die sich ihm von links und rechts in den Weg schoben – er lief in Rechtecken. Der blasse Mond, nur ab und an auszumachen, hatte sich von ihm abgewandt.

Noch immer lachte Erik; es interessierte ihn nicht, wie und wann – und ob – er nach Hause kommen würde. Notfalls würde er laufen – dieser Gedanke drängte sich ihm immer mehr auf, je weiter er sich in der Stadt verlor. Er fühlte sich nicht betrunken, sondern berauscht. Und wenn er die Augen schloss, blitzten ihm immer noch grüne Blicke entgegen.

Kiki (15)

»Der Himmel guckt genauso grimmig wie du«, scherzte Mia, ohne zu lachen. Erik hörte sie kaum, in den Bäumen sangen Vögel. Der Morgen trug eine Erik ganz und gar unerträgliche frühlingshafte Fratze. Dabei ist der, meteorologisch gesehen, doch schon vorbei, dachte er sich.

Mia frühstückte mit einer geradezu provozierenden Langsamkeit, schien sich ganz auf die Frage zu konzentrieren: Orangensaft oder Milch?

Erik hätte gern geraucht. Er sah von der Terrasse hinunter auf die Stadt; vielleicht drei Kilometer, vielleicht mehr. Ab und zu fuhr ein Auto die Straße entlang. Keine Fahrräder, die gab es hier oben nicht – dazu waren die Häuser zu weiß und hatten zu große Garagen.

Das Wochenende war erst wenige Stunden alt und ödete ihn bereits an.

Mia nippte an ihrem Kaffee. »Gestern war ein gewisser Dimitri hier.«

Erik drehte sich um, wollte etwas sagen, stand nur da mit offenem Mund.

»Wollte zu dir«, fuhr Mia fort, sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. »Ich hab ihm gesagt, du seist nicht da.«

Sie blickte auf, inzwischen hatte er sich wieder gefasst; äußerlich.

»Na ja, das stimmte ja auch, nicht wahr?«, sagte sie tonlos.

»Und dann?«, war das einzige, was Erik hervorbrachte.

»Er hat gesagt, du könntest ihn im ›Nil‹ treffen – weißt du, was das ist?«

Erik hob die Schultern und ging – nicht zu langsam und nicht zu schnell – ins Haus. Dimitri. Dimitri wusste, wo er wohnte, war bei ihm zu Hause aufgetaucht, mehr noch: hatte seine Frau belästigt.

Gott weiß, was er von mir will, dachte Erik. Er erinnerte sich ans ›Nil‹, an die ganzen alten Geschichten, von denen Mia keinen blassen Schimmer hatte.

Kiki (14)

Er hätte nicht hierher kommen sollen. Sein Entschluss: abends in eine Kneipe zu gehen, statt zu Hause zu warten, bis Mia irgendwann von der Arbeit kommen würde oder von etwas, das sie ihm gegenüber als Arbeit ausgab. Manche hatten ihm damals davon abgeraten, eine jüngere Frau zu heiraten.

Aber hierher hätte er nicht kommen sollen. Hier war Platz für junge Menschen – und jung fühlte er sich schon lange nicht mehr. Es war eine dieser Bars mit Goldrand; eine, in der man kein Bier bestellte, sondern Drinks; eine, die auf ihre Schilder »Caipirinha’s« schrieb; eine mit grünen Kerzen statt roten, eine, in der Rauchen verboten war – nein, unerwünscht.

Es war nicht so, als wäre Erik nicht schon oft hier gewesen.

Die Bedienung kam und steckte eine neue Kerze in den Kerzenständer. Erik sah von seinem Glas auf. Sie lächelte ihn an, als würde sie gern seinen Namen erfahren. Erik hasste Kneipen, in denen man seinen Namen kannte, selbst wenn es nur der Nachname war – nein, im Grunde war das ja noch schlimmer. Die Vorstellung, einer der Barkeeper könnte ihn mit »Herr Albert« begrüßen, widerte ihn an.

***

Auf dem Tisch stand eine angebrochene Flasche Rotwein. Erik vergewisserte sich, dass nur ein Glas in der Spülmaschine stand. Er war nicht betrunken, wäre es nur gern gewesen. Mia schlief bereits und Erik wollte sich nicht zu ihr ins Bett legen.

Letzten Endes schlief er auf der Couch, ohne sie auszuziehen.

Kiki (13)

Ein großes Haus am Ende einer gewundenen, leicht ansteigenden Straße, die von Bäumen gesäumt ist, von Hecken; zurechtgeschnittenen Hecken. Die Haustür nicht ebenerdig – hinter einem Tor in einem weißen Zaun eine Treppe mit niedrigen, breiten Stufen. Links und rechts davon Blumenbeete zur Straße hin. Eine braune Holztür in einer weißen Wand.

Das Haus selbst wie die Treppenstufen: weiß, breit, niedrig. Nicht zu erkennen, was hinter dem Haus liegt. Fenster, die bis zum Boden reichen, von der Straße nicht zu sehen: eine Dachluke.

Ein schnörkelloser, fast leerer Hausflur, ein paar Schuhe, eine kleine Kommode, ein braungrüner Läufer. Zwei oder drei wertvolle Bilder an den Wänden, ein Fernseher.

Eine Küche in weiß und schwarz, noch unbenutzt.

Eine rote Couch, ausziehbar, ein Sessel, schwarze und grüne Schränke, zwei Bücherregale – ein paar interessante Bücher, wissenschaftliche; viele Schundromane, ein paar teure Bildbände, kaum einmal aufgeschlagen und das wenigste davon je gelesen – eine Lampe mit Dimmschalter, ein paar Pflanzen, widerstandsfähig, ein etwa vierzig Jahre alter Mann, die Schläfen grau, in einem maßgeschneiderten Anzug.

***

Mia war schon seit einer halben Stunde im Badezimmer – das Badezimmer: groß, in einer Mischung aus weiß und schwarz; eine riesige Badewanne, kaum benutzt, eine Dusche, oft benutzt – und Erik fragte sich, ob sie nicht durchs Fenster gestiegen und quer über die Felder, die hinter dem Haus lagen, geflohen war. Vielleicht hatte sie ihm ja eine Nachricht hinterlassen, einen Zettel, der ihm sagte, sie habe es nicht mehr mit ihm ausgehalten und sei zu ihrer Mutter. Oder noch besser: zu Daniel, den er nicht kannte. Oder noch besser: zu Daniel, der einmal sein Arbeitskollege gewesen sei; der, zu dessen Geburtstagsfeier sie gegangen seien – damals habe es angefangen mit Daniel und ihr, drei Jahre sei das jetzt schon her – zu Daniel, weil sie diese Lügen nicht mehr ausgehalten habe und Eriks fragende Blicke, wenn sie wieder spät oder gar nicht nach Hause gekommen sei; und nun habe sie einen Schlussstrich gezogen.

Erik dachte manchmal solche Dinge, und je nach Stimmung fand er sie unheimlich oder belustigend – er fand sie nie belustigend – je nachdem, ob er sich selbst glaubte oder nicht, ob es Daniel war, den es nie gegeben hatte und auf dessen Geburtstagsfeier sie nie gewesen waren, oder ein anderer, ihm noch Unbekannter … oder jemand, den er in diesem Moment zum ersten Mal im Verdacht hatte. Meist führte ein solcher Gedanke zum anderern, so, wie Bier zu Whisky führt, und am Ende lag Erik angeekelt und schlaflos im Bett. Mia schlief immer gut und tief, und Erik glaubte nicht, dass sie jemals Albträume hatte.

Er wollte nicht warten, bis sie aus dem Bad kam. Heute würde er bis spät abends arbeiten.

Kiki (12)

Die Stadt stank. Eine ungewöhnlich trockene Hitze – bedenkt man die Jahreszeit und die geografische Lage – presste von oben herab, die Sonne zerfloss am Himmel und das Pflaster sah aus wie gesprungenes Horn. Der letzte Geruch des gestrigen Gewitters war aus dem Gras, dem Holz der Parkbänke verschwunden. Zurück blieb eine Kruste aus Salz.

An den Schuhen sah man Staub aufwirbeln, darüber braungebrannte Beine, rasiert, Hosen: zumeist weiß. Die ganze Stadt schien unterwegs und zugleich regungslos, zu Boden gedrückt.

Die Häuser standen schief und krümmten die Giebel.

Das Schlimmste für Kiki waren nicht diese Menschen mit ihren weißen Hosen, sondern: dass er dazugehörte. Er war nicht derjenige, der in einem vollklimatisierten Raum saß oder in einem schattigen Hinterhof; nein, er hatte ja unbedingt nach draußen gehen müssen – abgesehen davon war weder seine Wohnung klimatisiert noch der Hinterhof schattig.

Dabei war es bereits Nachmittag, fast Abend. Um die Mittagszeit hätte er sich nicht nach draußen gewagt.

Jemine hatte ihm einen Zettel am Kühlschrank hinterlassen: »Denk an dich.«

Kiki wusste nicht, wie er das verstehen sollte.

Zur Rechten verliefen sich die letzten Ausläufer des Einkaufszentrums, der Flaniermeile: ein paar desolate Cafés mit nichtssagenden Namen, kaum besucht, die Scheiben zur Straße hin getönt. Die Sonne schlug an die Glasfassaden der Bürogebäude und die Glasfassaden der Bürogebäude schlugen sie zurück und zitterten vor Hitze.

Kiki flüchtete sich nach links in den S-Bahnhof, jemand verkaufte Blumen. Kiki dachte nach und rechnete: Zwei Touren mit der gelben Bahn und eine mit der blauen Bahn hatte er hinter sich, für einen Tag wie heute sollte das doch reichen. Jemines Zettel fiel ihm ein, er betrachtete für einen Moment die Blumen – Kiki hatte keine Ahnung von Blumen – und kaufte einen Strauß mit Gelb und Blau.

***

»Wahrscheinlich musste Dimitri dich noch zurückhalten«, sagte Jemine und ihr Lächeln betrog sie. Vor ihr – zwischen ihnen – standen die Blumen in der einzigen Vase, die sie hatten finden können.

Kiki trankt einen Schluck Tee, war froh, beim Trinken nicht reden zu müssen.

»Ich habe gehört, er hat eine neue Freundin«, meinte Jemine irgendwann und starrte weiter in den Blumenstrauß.

»Wer? Dimitri?«

»Hm-hm.«

Kiki lachte auf. Er wusste nicht, wie oft er diesen Satz schon gehört hatte: Dimitri habe eine neue Freundin. Es hielt meist nicht lange. Ein halbes Jahr schon – dachte er beiläufig.

»Wie heißt sie denn?«, fragte er, um etwas gefragt zu haben.

»Nastassja, glaub ich.«

»Hab ich irgendwann schon mal gehört, den Namen.« Sicher war er sich nicht.

»Von mir nicht«, sagte Jemine.

***

Es war in genau dieser Nacht, dass Kiki Jemine nicht mehr als Jemine erkannte; wie sie neben ihm lag, das Gesicht zu ihm gewendet, im Halbdunkel: es schien nicht ihr Gesicht zu sein.

Kiki wusste nicht, was er vergessen hatte – vielleicht, sagte er sich, sich selbst.

So einfach ist es aber nicht im Leben; dass man nur sich selbst vergessen muss, um andere nicht mehr zu erkennen.