Kiki (11)

Jemine lag auf der Couch, die Augen geschlossen. Kiki nahm ihr nicht ab, dass sie schlief, trotzdem tat er so, als wollte er sie nicht wecken, und schlich sich ins Badezimmer. Kiki befand: er sah bei weitem nicht so schlimm aus, wie er sich fühlte. Seine Unterlippe war aufgesprungen, nichts allzu Dramatisches.

Seine Kehle war trocken, die Zunge pelzig; er trank hastig einige Schlucke Leitungswasser. Wie spät es war – er wollte nur noch schlafen – vielleicht drei oder vier Uhr morgens. Früh also. Ob Jemine gearbeitet hatte oder morgen arbeiten würde: es war müßig, darüber nachzudenken.

Er duschte. Heiß und kalt und wieder heiß. Das Wasser schien eine ganze Schicht Salz und Schmutz von seiner Haut zu waschen.

Er dachte an gar nichts.

Seine Zähne schmerzten, versehentlich stieß er den Zahnputzbecher um, seine Hände zitterten. Zu lange nicht geschlafen, sagte er sich, um an nichts denken zu müssen.

In den Spiegel blickte er nicht mehr.

Mit nassen Haaren legte er sich ins Bett, ohne sich danach merklich besser zu fühlen. Als Jemine ins Zimmer kam, war er bereits eingeschlafen.

***

»Waren vielleicht Leute vom Holländer. In der Gegend nicht unwahrscheinlich«, mutmaßte Magnus. Kiki hob die Schultern: es war ihm egal. Sie saßen in einer Kneipe, die gestern eröffnet hatte, die einhundertdreizehnte im Kiez. Magnus war der Meinung gewesen, man müsse sich zumindest einmal ansehen, was das für ein Laden sei, der sich ›Roter Oktober‹ nannte.

Kiki sah sich um. Sind einen Tag alt und machen einen auf Kommunismus, dachte er abschätzig. Ansonsten der übliche Kram, der in solcherlei Kneipen zu finden war: Ein paar Plakate mit geradezu plakativen Aussagen, Schilder, kleine Schwarzweißfotografien. Wände, die so schlecht gestrichen waren, dass man meinen sollte, die Farbe sei schon Jahrzehnte alt. Wacklige Stühle und zerschlissene Sofas. Kiki fühlte sich wohl hier – er hätte es nie zugegeben.

Magnus lümmelte in auffallend lässiger Pose auf dem Sofa und knabberte sein Russisch Brot, das zu bestellen er sich nicht hatte entblöden können.

»Ich weiß auch nicht«, sagte er nach einigen Minuten, die beide in einem angenehmen – für einen von beiden angenehmen – Schweigen verbracht hatten. »Die ganze Zeit wart ich drauf, dass Dimitri mich auch mal zu so was mitnimmt – aber ich glaube, wenn’s dann so weit wäre, hätte ich zu viel Schiss.«

Kiki behielt seinen nichtssagenden Gesichtsausdruck bei.

»Möchte nicht wissen«, fuhr Magnus dessen ungeachtet fort, »was Dimitri und Pelle noch so alles drehen. Können wir uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen, solange wir nicht dabei sind.«

Demonstrativ blickte Kiki auf seine Uhr und stand auf, genau in dem Moment, als die Bedienung kam und die leeren Bierflaschen abräumte.

Kiki (10)

Dimitri war natürlich nicht pünktlich gewesen. Zu allem Überfluss hatte er eine Tour durch die Clubs im Kiez auf den Plan gesetzt; Kiki hatte gar nicht versucht, seinen Missmut darüber zu verbergen. Nicht dass es Dimitri interessierte. Er konnte das: sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Es war einer dieser Clubs, die nicht wirklich gut besucht waren. Die, in denen sich auf der Tanzfläche fünf Männer um eine Frau stritten. Mit dürftigen Mitteln – wie Kiki feststellte, während er mit dem Rücken zum Tresen saß. An einem anderen Tag wäre er aufgestanden und hätte getanzt. Natürlich brauchte es mehr als Musik, um Kiki zum Tanzen zu bringen – aber wenn er tanzte, dann tanzte er. Und nur er.

Heute nicht.

Unauffällig – der Bereich um den Tresen, wenngleich nicht die Bar selbst, lag im Dunkeln – überprüfte er den Inhalt seiner Jackentaschen. Genug am heutigen Tag, um Dimitri zufriedenzustellen. Seltsam: seit er sich nicht mehr dafür interessierte, wie erfolgreich er war, lief das Geschäft besser als je zuvor. Es sei ihre Zeit, hatte Dimitri einmal gesagt und Kiki hatte nicht gewusst, ob er ihm glauben sollte. Aber Kiki wusste ohnehin nicht, was er tat; ein Klischee erfüllen, so kam es ihm bisweilen vor.

Dort drüben stand Dimitri, winkte Kiki zu sich mit einem Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß. Die Musik war zu laut, um sich zu verständigen – Dimitri wies ihm zwei Typen auf der Tanzfläche aus und Kiki blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

Was folgte, war Routine. Zu wenige Leute hier, viel zu wenige Leute, dachte sich Kiki, während er mit Dimitri zur Tanzfläche schritt. Dachte sich: langsam wird Dimitri übermütig. Fuhr sich durch sein schweißnasses Haar. Dann rempelte er einen der beiden an, und bevor der sich umgedreht hatte, stieß er den anderen zu Boden. Dimitri war natürlich bereits in Richtung Ausgang unterwegs.

Kiki, das Klischee, trottete ihm hinterher.

Die Nachtluft in der Gasse tat gut; kühl und nass vom Regen. Kiki atmete mehrmals tief durch – er hätte auch zählen können – und setzte sich dann auf ein paar leere Getränkekisten. Ein Lächeln fuhr um Dimitris Lippen. »Die lassen sich aber Zeit.« Vielleicht, dachte Kiki, zählt er.

Kiki hasste diese Momente: genau zu wissen, was kommen würde – und in diesem speziellen Moment, ganz kurz nur, hasste er Dimitri. Dann endlich öffnete sich die Tür. Kiki achtete nur noch auf: zwei Hände, die sich in sein T-Shirt krallten, seine Füße, die gegen etwas traten, einmal, zweimal, einen Hebel suchten, den Griff, der sich lockerte, im Fallen. Kiki war über ihm, schlug zu, vielleicht: einmal, zweimal, dann spürte er Dimitris Hand – er wusste sofort, dass es Dimitris Hand war – auf seiner Schulter und ließ von ihm ab. Kiki blutete ein wenig, am Mund, und konnte nicht sagen, warum.

Dimitri sagte etwas übers Geschäft, es war Kiki egal.

Als sie nicht übermäßig eilig aus der Gasse traten, begann Dimitri zu singen.

Kiki (9)

»Das ist mehr als Regen.« Jemine seufzte auf und sah zum Fenster des Cafés hinaus.

Kiki starrte in den schwarzen Abgrund seiner Kaffeetasse. Er hatte keinen Sinn für das Wetter; oder für Erzählungen von gestern oder heute Vormittag; oder Geschichten über Menschen, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Natürlich entging Jemine das nicht. »Du wirst heute Abend mit Dimitri unterwegs sein, stimmt’s?« Ihre Frage begleitete dieser Blick, dem Kiki nicht auszuweichen vermochte.

Vor dem Fenster rannten Leute durch den Regen und hielten sich Zeitungen über ihre Köpfe, um nicht nass zu werden; als ob ihre Köpfe mehr wert wären als die Zeitungen.

»Ja«, meinte Kiki schließlich und starrte wieder in seine Tasse.

Jemine sagte nichts mehr, weil es zu diesem Thema nichts mehr zu sagen gab. Unzählige Male hatten sie darüber diskutiert, später hatten sie sich deswegen gestritten und jetzt – jetzt gab es dazu eben nichts mehr zu sagen.

***

Links gähnte die Leere des Flugfelds ins Halbdunkel. Vor etwa einer halben Stunde hatte es aufgehört zu regnen. Die Landebahnen schienen sich, von hier betrachtet, in einem heillosen Durcheinander zu überkreuzen. Flugzeuge waren keine in Sicht, sie wären auch eher störend gewesen.

Rechts Industriegebiet, hohe Klinkerfassaden mit kleinen Einbuchtungen und Fenstern in gefälligen, genau bemessenen Abständen; Fenster, hinter denen kein Licht brannte. An manchen Hauswänden Werbetafeln, von hier in ihrer Größe nicht zu bemessen. Straßenkreuzungen, wenig befahren, mit Eckkneipen hinter Blumenbeeten aus Sperrholzsaat. Schilder, die »Dart« oder »Billard« besagten. Die wenigen Autos tauchten auf und verschwanden unter den Brücken, über die die S-Bahn fuhr.

Geräusche, im Rattern der S-Bahn auszumachen: eine Hupe oder eine Alarmanlage oder ein aufheulender Motor oder eine Sirene. Taxis waren noch unterwegs und hinterließen das Zittern der Straßenbeleuchtung in Schlaglochpfützen. An Bushaltestellen saß man noch, zertretene Zigaretten oder Erbrochenes zu den Füßen.

Das Schaukeln des Waggons ließ Kiki schläfrig werden. Kurz dachte er an zu Hause und an ein warmes Bett und an Jemine.

Man kann sagen: Er war nicht wirklich glücklich über diese Nacht.

Kiki (8)

»Was meinst du«, rief Mariya ihm zu, als sie aus einem der Waggons sprang, »wohin uns diese Züge bringen würden?«

Kiki warf Steine zwischen die Abstellgleise. »Diese Züge fahren schon lange nicht mehr«, sagte er.

Mariya schüttelte lachend den Kopf über ihn. »Aber wenn sie noch fahren würden – wohin würden wir dann mit ihnen fahren?«

Kiki hob die Schultern. »Für so etwas fehlt mir die Fantasie. – Wahrscheinlich nicht allzu weit. Das sind Nahverkehrszüge«, fügte er schwach hinzu.

»Vielleicht gefällt mir das an dir«, meinte Mariya und setzte sich neben ihn auf die Bahnsteigkante.

»Was?«

»Dass du der erste vernünftige Mensch bist, den ich in Dimitris Gesellschaft getroffen habe.«

Kiki fragte sich, wie viele Menschen sie in Dimitris Gesellschaft bereits getroffen hatte. Ihr Kompliment jedenfalls bedeutete ihm nicht allzu viel; für ihn war Vernunft das Gegenteil geistiger Flexibilität. Insofern, das musste er zugeben, hatte sie sogar recht.

»Wo hast du Dimitri eigentlich kennengelernt?«, fragte Mariya und reichte ihm die beinah leere Flasche Sekt. Kiki trank hastig.

Fast hätte er ihr die Geschichte von der Kegelbahn erzählt, aber das war jemand anderes gewesen. So sicher wusste Kiki gar nicht zu sagen, wo er Dimitri das erste Mal getroffen hatte. Vielleicht in irgendeiner Kneipe, dachte er sich – aber wie viele Leute lernt man schon in Kneipen kennen? Und gemeinsam auf die Schule waren sie nicht gegangen.

Stattdessen entschied er sich dafür zu lügen. »Im Krankenhaus.«

Mariya lachte kurz auf, ein helles schneidendes Lachen, von dem Kiki nicht sagen konnte, was davon zu halten war. »Im Krankenhaus?«, fragte sie schließlich.

»Ich war dort, weil ich mir in die Hand geschnitten hatte«, meinte Kiki.

»Und Dimitri?«

Kiki grinste. »Der hat seine Mutter besucht.«

Mariya stieß ihn mit dem Ellbogen. »Du lügst.«

»Dann steht es jetzt unentschieden«, sagte Kiki ein klein wenig bitter – es muss gesagt werden: diese Bitterkeit war ihm selbst unangenehm.

Irgendwo – im Osten wahrscheinlich – würde demnächst die Sonne aufgehen; der Horizont trat bereits hervor. Kiki warf die leere Flasche ins Halbdunkel. Mariya versuchte ihn zu küssen.

Kiki (7)

Dann hatte er die Treppe erreicht, schob sich vorbei an tanzenden Menschen, die sich ans Geländer klammerten, um nicht zu stürzen. Oben war es etwas ruhiger – ruhig genug zumindest, um sich schreiend zu unterhalten. Hinter einem Tisch saß Dimitri auf einem Sofa und einige andere saßen um ihn herum.

Kiki stellte sein Glas auf den Tisch und setzte sich auf einen abgewetzten Sessel. Dimitri grinste ihn an – es wäre korrekter zu sagen: er grinste in Kikis Richtung.

»Hab ich dir doch gesagt«, rief Dimitri ihm zu, »das hier ist deine Welt; dafür bist du geboren.«

Kiki prostete, in seinem Kopf war kein Platz für Gedanken. Dimitri versuchte, ihm über die Musik hinweg ein paar der anderen vorzustellen; die meisten hatte Kiki schon einmal irgendwo gesehen. Pelle stand hinter dem Sofa, er sah Kiki mit unverhohlenem Argwohn an – es muss gesagt werden: Pelle sah für gewöhnlich jeden so an.

Kiki hatte schon viele Geschichten über Pelle gehört, von den unterschiedlichsten Leuten. Beispielsweise die, Pelle habe eine Zeit lang eine leerstehende Bibliothek bewohnt. Oder die, er schlafe in einem Holzsarg, der in einem Hinterhof an eine Wand gelehnt sei. Oder die, Pelle sei mit einem Hund verheiratet, weil er einmal eine Wette verloren habe.

Kiki liebte diese Geschichten – allerdings glaubte er nicht, dass Pelle viel auf sie gab oder auf die, die sie erzählten. Er selbst hatte noch nie mit Pelle zu tun gehabt; und er wusste auch nicht, was Pelle über ihn in Erfahrung gebracht hatte.

Kiki prostete Pelle zu. Provozierend.

Ein blondes Mädchen setzte sich zu ihm auf die Sessellehne und sagte: »Wir haben uns auf der Tanzfläche getroffen.«

Kiki betrachtete sie. »Du lügst«, sagte er schließlich und grinste.

Sie lachte.

Kiki war sich sicher, dass er es sich nie verzeihen würde, wenn er sich mit diesem Mädchen einließe.

»Da hast du dir ja wieder den Richtigen ausgesucht, Mariya«, hörte er Dimitri rufen. »Dieser Junge ist nämlich der kommende Star in unserem kleinen Zirkus hier.«

»Unverschämtheit«, rief Kiki und wusste warum. Er schnappte sich eine Flasche Sekt – es war Sekt, kein Champagner, aber die Tat soll erwähnt sein – und Mariya; und ging. Dimitri applaudierte in seinem Rücken.

Kiki (6)

»Du gefällst mir heute gar nicht«, meinte Dimitri und drückte mit äußerster Sorgfalt seine Zigarette aus.

»Ich hab ja auch schon ne Freundin«, konterte Kiki schwach. Dimitri lachte trotzdem. Er lachte die Art von Lachen, der eine Bitte folgen würde, das spürte Kiki. Er war sich sicher, dass Dimitri niemals auf seine Hilfe angewiesen war.

Kiki drehte ein Streichholz zwischen den Fingern. Das war jetzt bereits die dritte Kneipe an diesem Abend – und in keinem Fall besser als die vorherigen beiden: Nichtssagende Schwarzweißfotografien an den Wänden, eine klischeehaft schummrige Beleuchtung; eine hübsche Bedienung, immerhin. Teures Bier, viel zu teuer und überhaupt: Markenbier. Konsensbier. Ist doch eigentlich gar nicht Dimitris Geschmack, dachte sich Kiki, so eine Kneipe. Grüne Tischdecken und in frischem Braunton gestrichene Wände. Er schüttelte unmerklich den Kopf.

»Weißt du«, meinte Dimitri auf einmal und grinste Kiki schräg an, »ich frage mich, ob du schon einmal im ›Nil‹ warst.«

Kiki war perplex. Natürlich war er noch nie im ›Nil‹ gewesen; das ›Nil‹ war Dimitris Privatclub und hatte einen Türsteher.

»Dort steigt nämlich heute eine Party für mich«, fuhr Dimitri ungerührt fort, »und eben dachte ich mir: nimm doch mal den Kiki mit, der kann ein bisschen gute Laune vertragen.«

Kiki versuchte sich an einem Lächeln.

***

Die Luft stand. Fast hätte man meinen können, es sei keine da. Ventilatoren mochten ihre Bewegung, eine Strömung vorgaukeln – in Wahrheit rührten sie lediglich eine zähe Masse aus flimmerndem Licht, Qualm und Musik. Ab und an tauchten Menschen wie Leuchtflecke auf, ein kurzes Aufblitzen von Farbe auf Gesichtern, auf Armen, Beinen – nicht auszumachen; betrachtete man diese Körper, den vibrierenden Qualm, eine plötzlich leibhaftig werdende Musik. Manche Menschen schienen sich zu unterhalten, steckten ihre Köpfe zusammen oder formten mit ihren Händen Trichter vor den Mündern – die sich lautlos öffneten und schlossen.

Kiki drängte sich links vorbei. Als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht, schwamm er durch die amorphe Masse wirbelnder Leiber, erkannte das ein oder andere Gesicht, eine Sonnenbrille, eine Tätowierung, Ringe an Händen, die Gläser hielten, Glasscherben von zerbrochenen Flaschen auf dem Boden, eine blutende Nase, weiße und blaue und grünliche Zähne, durchwebt vom Licht wie von Röntgenstrahlen, farbigen, wenn es denn so etwas gab.

Er sah ein Kinn neben sich aufblitzen, Lippen. »Wenn du mich küsst, spüre ich nur deine Zunge, aber Lippen sind keine da«, hörte er jemanden sagen, obwohl die Musik zu laut dafür war.

Kiki (5)

Ein anderes Viertel, Altbauwohnungen mit blumengeschmückten Balkonen, ein Park und ein kleiner See, der träg in die Nacht hineinragt; Bäume mit unbestimmbaren Blüten. Nachts vogelleer und in den Sträuchern Grillen. Abendluft.

Manchmal dreht sich die Erde langsamer, als wir zu fühlen meinen. Man muss uns mit der Nase drauf stoßen, damit wir es wahrnehmen, wenn die Zeit sich überschlägt. Ansonsten glauben wir lediglich zu träumen oder an ein Déjà-vu, wir erfinden Gründe, die nicht existieren; weil unser Denken Falltüren hat. Wir meinen, wir seien mit uns selbst identisch, aber das macht noch keine Aussage über uns.

Keiner denkt an diesem Abend darüber nach, auch der nicht, dem es passiert war, ohne dass er etwas davon mitbekommen hätte. Die Abendluft ist zu warm und das Stimmengewirr zu laut, die Kneipen zu einladend und das Bier zu kühl und die Menschen zu schön, um Anlass zum Nachdenken zu geben. Ab und an mag man heruntergekommene Gestalten sehen, in Hauseingängen oder Hinterhöfen sitzend; aber selbst sie haben an diesem Abend keine Geschichten zu erzählen – und keinen, der sie hören will.

***

Der Verkehr auf der Hauptstraße – das ein oder andere Auto, eine leere Straßenbahn, einige Motorroller – flimmerte an Kiki vorbei, gelbe und rote Streifen, die er nicht einzuordnen vermochte; zumeist verschwammen sie mit der Straßenbeleuchtung und den Reklameschildern der Tabakläden.

Am Morgen war die Wohnung bereits leer gewesen – Jemine war fort, wohin auch immer gegangen, vielleicht arbeiten – und die Nacht hatte einen seltsamen Geschmack nach Salz auf seiner Zunge zurückgelassen. Er hatte an irgendetwas gedacht, das er verloren hatte, und er hatte nicht mehr sagen können, was es war. Den ganzen Morgen über hatte ihn dieser Gedanke gequält.

Dagegen war seine Tour am Mittag – ein paar Jugendliche, vielleicht Schüler, vielleicht Studenten, ein älterer Herr im Anzug – doch recht erfolgreich gewesen. Die restliche Zeit bis zum Abend hatte er damit verbracht, von der S-Bahn aus die Stadt zu betrachten: sie war ihm nicht verändert vorgekommen, und das hatte ihn verwundert.

Es war noch nicht zehn Uhr abends und ausnahmslos schöne Menschen gingen die Bürgersteige vor den Kneipen entlang. Menschen, deren Pullover über ihren Schultern hingen, Menschen mit anspruchslosen Gesichtern und makellosen Zähnen. Die Luft roch, wie Frühlingsnächte eben riechen. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Kiki, als würde er nicht dazugehören.

Kiki (4)

Eine Decke auf dem Boden, Bücher und lose Papierbögen darauf, zeugte davon, dass hier jemand wohnte. An den Wänden hingen nur wenige Bilder, und keins von ihnen war gerahmt. Ein großer Kerzenhalter an der Wand, ohne Kerzen. Der Balkon atmete Feuchtigkeit und Kälte. Eine Gasheizung.

Eine hölzerne Truhe, Klamotten darin, ein mannshoher Spiegel im Bad, ein grauer Duschvorhang. Auf der Kommode Postkarten und Holzschnitzarbeiten aus Asien oder Afrika. Ein überfließender Schreibtisch: Notizen, Telefonnummern, Grüße, die niemand mehr beachtete.

Aus dem Arbeitszimmer zurück in den Hausflur gerissen:

»Wo warst du?«, rief Jemine und rannte zu Kiki, der gerade die Wohnung betreten hatte. »Hast du eine Ahnung, was ich mir für Sorgen um dich gemachte habe … warum kommst du so spät nach Hause … mein Gott« – sie hielt kurz inne; in einem Film hätte sie sein Gesicht in beide Hände genommen – »du siehst ja fürchterlich aus, was …«

Kiki legte seinen Zeigefinger – wie in einem Film – auf Jemines Lippen, sein Kopf schmerzte. »Kein Problem, ist alles glatt gelaufen«, murmelte er.

Jemine umarmte, küsste ihn. Dann stutzte sie, als hätte sie erst jetzt begriffen, was er gesagt hatte. »Was ist glatt gelaufen?«

Kiki zuckte mit den Schultern, er wusste es selbst nicht zu sagen. Seine braunen Augen waren ausdruckslos – ein wenig erstaunt vielleicht, über sich selbst. Seine Zähne taten ihm weh, sein Kopf, seine Arme. Er schob sich an Jemine vorbei ins Wohnzimmer. Jemine hatte er auf einer Kegelbahn kennengelernt, er war der Einzige gewesen, der nicht gekegelt hatte. Er wusste nicht mehr, was er damals zu ihr gesagt hatte; es mochte erst ein halbes Jahr her sein – und tatsächlich dachte Kiki in diesem Moment: ein halbes Jahr schon.

Er ließ sich auf die Couch fallen und war sicher, nie wieder etwas tun zu können.

Was er tat: er drehte den Kopf zu Jemine, die neben ihm kniete und mit der Hand durch seine Haare fuhr, und sie schien besorgt. Sie versuchte zu lächeln. »Ich weiß nicht«, sagte sie schließlich, »was heute mit dir passiert ist.«

Kiki sah sie an. Aus irgendeinem Grund war sie ihm näher und er ihr ferner als je zuvor. Anscheinend liebte sie ihn. Er machte ihr deswegen keinen Vorwurf.

»Vielleicht sollten wir weg von hier«, sagte sie, in der Tür zum Schlafzimmer stehend. »Wir könnten nach Spanien fahren.«

»In Spanien war ich schon«, log Kiki.