Kiki (3)

Der Holländer war in der Bar aufgetaucht. Als Kiki gerade zu den Toiletten gegangen war, hatte der Holländer im Rahmen der Eingangstür gestanden und ihm einen ebenso ausdruckslosen wie sicheren Blick zugeworfen. Kiki wusste nicht, ob er ihm gefolgt war oder ihn bereits erwartet hatte, aber sicher war es kein Zufall. Der Holländer war, lange vor Kikis Zeit, einer von Dimitris Freunden gewesen; das galt inzwischen nicht mehr, und Kiki hatte nie in Erfahrung bringen können, wieso. Obwohl Kiki ihm nur einen kurzen Blick zugeworfen hatte, um sich nichts anmerken zu lassen, hatte er gesehen – er hatte es bereits gewusst – dass dem Holländer eine Fingerkuppe fehlte.

Einmal hatte der Holländer Kiki mit einer abgebrochenen Bierflasche angegriffen; da waren sie aber beide betrunken gewesen, hatte sich Kiki danach gesagt, und Dimitri hatte den Holländer zu Boden geschlagen und Kikis erstauntem Blick geantwortet, so etwas würde ein Freund eben für einen anderen tun.

Seitdem ließ sich der Holländer nur selten in der Gegend blicken.

Kiki war klar, was für ein Risiko seine Anwesenheit an diesem Abend bedeutete. Er saß auf dem Toilettendeckel, stützte den Kopf in die Hände und überlegte sich, was er tun sollte. Das grelle Licht half ihm wenig dabei.

In diesen Momenten wartete er meist auf irgendeinen Geistesblitz und wusste, dass ein solcher nicht zu erwarten war.

Schließlich gab er auf und trat mit grimmigen Gedanken auf den Gang, der von den Toiletten zur Bar führte. Vielleicht würde ihm der Holländer gar nicht zu den Gleisen folgen.

Natürlich würde er ihm folgen.

Sie trug einen schwarzen Mantel, der erstens nicht zur Jahreszeit und zweitens nicht zu den grün-weißen Turnschuhen passte. Zwischen den Fingern – an denen sie drei Ringe trug, die Kiki in einer anderen Situation sofort zu taxieren versucht hätte – hielt sie eine Zigarette, und wenn sie diese zum Mund führte, blitzte kurz eine Reihe bläulich schimmernder Zähne zwischen ihren schmalen Lippen auf. Der Blick ihrer Augen war nicht zu fixieren, aber es lag eine merkwürdige Dringlichkeit darin.

Sie schien nervös, aber das konnte auch zu ihrer Rolle gehören. Kiki zweifelte keinen Moment daran, dass sie auf ihn gewartet hatte. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen.

»Geh nicht dort hinaus«, sagte sie und deutete mit der Zigarette in Richtung Bar. Kiki nickte nur. »Er hat Wind von der Sache bekommen, weiß Gott woher«, fuhr sie fort. Mit einem Mal stand ihr Gesicht schräg zu seinem, Kiki meinte, ihren Atem auf seiner Wange zu spüren.

»Wen meinst du?«, fragte er unsicher. »Den Holländer?«

Sie schüttelte den Kopf, als hätte er eine Selbstverständlichkeit nicht begriffen. »Drehmer«, sagte sie.

»Drehmer?« Kiki zögerte. »Woher kennen wir uns?«

»Was kümmert es dich, wen ich liebe«, gab sie schroff zurück, und für einen Moment war es Kiki trotz ihres Tonfalls so, als wäre er dieser Unbekannten schon einmal nahe gewesen; ihr Gesicht schräg zu seinem, im unsicheren Licht einer längst vergessenen Zeit. Als wollte sie ihre Bemerkung wiedergutmachen, legte sie die Hand an seine Wange. »Wenn du dort hinaus gehst, bringst du uns beide in Gefahr. Vergiss die Übergabe.«

Kiki wagte nichts mehr zu sagen, ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Sie drehte sich von ihm weg, ein Schlüssel blitzte in ihrer Hand; sie schloss die Tür auf, auf der »Kein Zutritt« stand, stieß sie auf.

»Vergiss die Übergabe«, wiederholte sie. »Nimm den Rucksack und geh nach Hause.«

»Warum …« Kiki stand bereits im Türrahmen.

»Das wolltest du mich schon immer fragen, nicht wahr?« Ihre schmalen Lippen formten ein galliges Lächeln, beinahe schmerzverzerrt. Dann schloss sie die Tür hinter ihm.

Einige Augenblicke stand Kiki allein, dann vergaß er die Übergabe, er vergaß den Bahnsteig, den Holländer und Drehmer, und rannte nach Hause.

Kiki (2)

Draußen kündigt sich den Bewohnern der Stadt eine wolkenlose Nacht an. Womöglich wird es dennoch die ein oder andere Wolke geben, aber Wolken fallen nachts nur dann auf, wenn sie den Mond verdecken. Und womöglich wird es den Ein oder Anderen geben, der am Fenster oder auf dem Balkon seiner Wohnung stehen, in den Himmel sehen und den Mond hinter den Wolken suchen oder die Sterne vermissen wird. Die meisten Menschen aber werden schlafen – ob in eigenen Betten oder in fremden.

***

Kiki saß im hintersten Winkel der Bar und keiner konnte sagen, woran er in diesem Moment dachte – man hätte in seinem Gesicht lesen oder sein Lächeln entziffern müssen, um festzustellen, dass er an Jemine dachte, seine Freundin; aber diese Mühe machte sich niemand.

Womöglich kam ihm sein Leben ausgereizt vor, seltsam überlebt oder schon einmal gelebt – auch in Kneipen hatte er oft genug gesessen. Die Kopfschmerzen, die ihn in letzter Zeit plagten, schienen ihm die Folge einer Kette von Entscheidungen, die stets darin bestanden hatte, das Naheliegendste zu tun. Die Vergangenheit eines Menschen, hatte Kiki einmal gedacht, gehört ihm nicht, hat ihm nie gehört.

Es kam ihm immer noch merkwürdig vor, so viel Geld für eine einfache Übergabe zu bekommen. Drehmer hatte gelacht, im ›Roter Oktober‹, hatte ihm auf die Schulter geklopft. Kiki hatte es geschehen lassen und nicht gelacht.

Drüben saß Mariya, die vor einiger Zeit, wie man erzählte, einen Soldaten geheiratet hatte. Einen angehenden Offizier, glaubte Kiki gehört zu haben. Kiki hatte auch gehört, der Soldat habe eine andere und Mariya sei doch nicht schwanger. Sie sah in das Weinglas, das vor ihr auf dem Tisch stand, und womöglich dachte sie daran, dass sie vor einiger Zeit einen Soldaten geheiratet hatte.

Vor Jahren hatte Kiki mit ihr getrunken und sie hatte die ganze Zeit gelacht. Als er sie gefragt hatte, weshalb sie lache, hatte sie erwidert: »Weil Weinen nichts für Mädchen ist.«

Kiki dachte nicht weiter daran, die Erinnerung zerfiel ihm in Gefälliges und Mariya ging, ihr Gesicht drehte sich halb in die Glastür; Kiki konnte nicht sagen, ob er sie ansah oder ihr Spiegelbild. Der Barkeeper grinste ihn an, den Kopf von hängenden Flaschen eingerahmt.

Kiki (1)

Würde man sich der Stadt aus der Luft nähern, nicht als Passagier eines Flugzeugs, sondern in der schwerelosen Bewegung eines Traums, den man einem Freund erzählt, könnte man die Dächer der Häuser als Kiesel im Bett eines längst versiegten Flusses beschreiben. Die Stadt selbst eine langgezogene, leicht geschwungene Vertiefung in der Schale des Landes. Man könnte die Grünflächen nennen, die vereinzelt durch das Rot und Braun brechen. Im Näherkommen zeigen sich Details: die Adern der Straßen, die sich vom Park in die Stadt ziehen – vorbei an der alten Kapelle, am Bahnhof, an der Fußgängerzone, am Springbrunnen.

Man könnte sich an den Sehenswürdigkeiten orientieren: Das Opernhaus, der Museumsplatz, der Neue Bahnhof.

Man könnte die Schilderung über eine der zahlreichen Brücken führen, die bereits untergehende Sonne im Augenwinkel, zerbrechlich aus dem Gedränge der Häuser ragend der Fernsehturm.

Dann: schmale Gassen, gesäumt von braunen Fassaden und Lattenzäunen, von Häusern, die wie gewachsen aussehen, mit kleinen Löchern dunkler Fenster. Bisweilen ein Aufblitzen und eine Ahnung von Grün und Bäumen aus einem Hinterhof.

Dazwischen ausladende Bürgersteige vor Restaurants, indische, chinesische und mehrfach italienische. Leuchten von Reklametafeln als erstes Blinzeln der anbrechenden Nacht.

Wieder Seitengassen, Papierfetzen, Müllbeutel, Glasscherben, abgerissene Plakate, die nichts mehr zu sagen wissen. Mancherorts dringt Dampf aus einer Ecke, mancherorts schneidet Mondlicht schräg in die Gassen und zerteilt alles in Flächen von Schwarz und unwirklichem Weiß.

Man nähert sich schließlich einer hochgewachsenen Gestalt – ein Rucksack, Jeans, eine abgetragene Jacke, ein makelloser Nasenrücken – und glaubt sich am Ziel einer langen Reise.

***

Kiki steckte den Zettel zurück in die Hosentasche und zog sich, ein wenig unsicher, den Rucksack auf die Schultern. Ein Rucksack, wie er normaler nicht aussehen kann, hatte Drehmer gesagt. Sie hatten im ›Roter Oktober‹ gesessen, und im Hinterhof hatten ein paar Verrückte Karten gespielt, mitten im strömenden Regen.

Kiki hatte keine Fähigkeiten. Wer ihn kannte, wusste das; und da Kiki sich selbst länger kannte als die meisten Menschen, war er der Erste gewesen, dem es aufgefallen war. Wer Ähnliches über ihn sagen könnte? Dimitri benutzte bisweilen Wörter wie Freundschaft.

Er trat aus der Gasse und warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr: noch gut eine Stunde. Vor einiger Zeit war er hier in eine Personenkontrolle geraten, seitdem mied er den Bahnhof auf seinen Touren. Zu viele Obdachlose, die lockten die Polizei an.

Es würde keine Probleme geben, hatte Drehmer ihm versichert, und da ihm nichts Besseres einfiel, hatte Kiki ihm geglaubt. Er glaubte ihm immer noch, als er das Bahnhofsgebäude betrat.

Obwohl es schon spät war, herrschte Gedränge. Menschen wechselten die Züge, manche liefen von einem Gleis zum anderen und wieder zurück; manche zogen Gepäck, andere Kinder hinter sich her. Kiki zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug. Im Bahnhofsgebäude galt Rauchverbot, er drückte die Zigarette wieder aus. Er wollte nicht auffallen.

Schließlich ging er in die Bierbar, deren Einrichtung genauso aussah wie in anderen Bahnhofskneipen: grün mit Goldrand. Wer sich hinsetzte, fühlte sich seltsam eingerahmt. In Bahnhofskneipen konnte man vielen interessanten Menschen begegnen, hatte Kiki oft gedacht, aber er glaubte selbst nicht daran. Sein Tisch war eine runde Holzplatte auf einem stilisierten Bierfass, aus deren Mitte eine künstliche Palme wuchs. Die Getränkekarte ließ ihm die Wahl zwischen vier oder fünf Biersorten – hätte er nachgezählt, hätte er festgestellt, dass es genau fünf waren; stattdessen bestellte er »einfach nur ein Bier«.

Und einen Schnaps für die Nerven. Das leise Summen der Klimaanlage vermittelte beinahe ein Gefühl von Sicherheit.

Kiki verwarf den Gedanken, es könnte ihm jemand gefolgt sein; niemand außer ihm und Drehmer wusste Bescheid, und Drehmer war lange genug im Geschäft. Kiki konnte nicht einmal sagen, ob Dimitri Bescheid wusste – er hätte ihm davon erzählen können, und momentan wünschte er sich, er könnte es noch tun. Dimitri war aber nicht da.

Irgendjemand hatte Kiki erzählt, Drehmer habe einmal ein Verhältnis mit Dimitris Freundin gehabt.