fünfundneunzig

Am nächsten Morgen machen wir uns bereit für die Abfahrt. Nastassja packt ein paar Sachen zusammen, von denen wir meinen, sie könnten wichtig sein, und ich stehe in der Küche und richte Brote – man weiß ja vorher nie, wie lange so eine Fahrt dauern wird.

»Kannst du dir vorstellen«, ruft Nastassja aus dem Schlafzimmer, »dass wir sie jemals finden werden?«

»An der Zeit wäre es zumindest«, sage ich.

»Und« – sie weiß, dass ich diesen Namen am liebsten nie mehr hören würde – »was ist mit Sitting Bull?«

Ich zögere. »Nun, ich habe sie mit seiner Hilfe nicht gefunden – vielleicht finde ich sie ja ohne seine Hilfe.«

»Aber damit tust du doch genau das, was er wollte.«

»Das Thema hatten wir doch schon. Ich habe die ganze Zeit getan, was Sitting Bull mir sagte – warum sollte ich das jetzt ändern?«

Nastassja kommt mit einer Tasche und einem Koffer aus dem Schlafzimmer. »Und wohin fahren wir überhaupt?«, fragt sie.

Ich antworte nicht sofort – über diese Frage habe ich, wenn ich ehrlich sein soll, noch gar nicht nachgedacht. Mir schien es vorerst das Wichtigste, irgendwie von hier wegzukommen. Schließlich sage ich, indem ich einfach laut denke: »Bisher bin ich immer von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden gefahren. Vielleicht sollten wir diesmal nach Westen oder nach Osten fahren.«

»Mit anderen Worten«, sagt Nastassja, »du hast keine Ahnung, wo wir Maria finden.«

»Nein. Die hatte ich noch nie.«

»Hm.«

Was soll’s, denke ich mir. Schließlich sind wir noch jung, Zeit zum Suchen haben wir genug. Geld haben wir auch – und wenn uns gar nichts mehr bleibt, haben wir immer noch uns beide. Und alles ist besser, als hier in der Wohnung zu bleiben. Ich frage mich, was die Polizei sich wohl denken wird, wenn sie das hier zu sehen bekommt. Wahrscheinlich wird Imbsweiler gar nicht zulassen, dass die Polizei allzu viel herausfindet. Ich meine, er selbst hängt wohl in der Sache tiefer drin, als ihm lieb sein kann – und immerhin bin ich ja noch am Leben; womit ich ihm sicher keine Freude mache. Na ja – war ja auch nie Sinn der Sache. Außerdem: selbst schuld, wenn er mich da mit reinzieht. Ich hatte Sitting Bull einmal gesagt, dass man mich besser nicht in irgendwelche Pläne miteinbeziehen sollte – nicht einmal dann, wenn man mir wirklich nichts Gutes will.

Jetzt hat es auch Nastassja eilig. »Ich kenne ein ziemlich billiges Hotel, wenn wir demnächst losfahren, sind wir noch vor Mitternacht dort.«

Ich lache. »Na – denkst du denn wirklich, es würde uns an Geld mangeln? Wieso denn ein billiges Hotel, wenn wir uns das Beste leisten können?«

»Vielleicht sollten wir uns besser unauffällig verhalten«, meint Nastassja und blickt mich an, als müsste sie mir eine Selbstverständlichkeit erklären.

»Papperlapapp«, gebe ich zurück. »Das Einzige, was wir sollten, ist: uns nicht so viele Sorgen machen.«

»Du wärst fast erschossen worden!?«

»Aber ich wurde es nicht, oder?«

»Und du hast keine Angst?«

»Um wen?«, frage ich.

»Ach, vergiss es doch einfach.« Nastassja winkt ab, auch sie scheint ihre Sorgen nicht ernstzunehmen – oder sie ist dabei, sie sich auszureden.

Ich nehme die Brote, packe sie in Alufolie und stecke sie zusammen mit ein paar Flaschen Mineralwasser in meine Reisetasche, auf deren Boden ich noch zwei Flaschen Wein schmuggle. Noch was vergessen? Die Pistole steckt in meiner Jackentasche – also habe ich alles dabei. Schön. Ich sehe zu Nastassja, mein Blick sagt so etwas wie: Wir können gehen. Sie nickt.

vierundneunzig

Nastassja nimmt die Flasche und schenkt uns beiden ein. Ich sitze auf der Couch, drehe ein Blatt Papier zwischen den Fingern und starre geradeaus ins Nichts. Es ist, als hätte ein Sturm meinen Kopf komplett leer gefegt, da ist einfach nichts mehr, das noch von irgendeiner Bedeutung wäre, kein Gedanke, kein Plan – nicht einmal so etwas wie Trauer.

Nastassja weiß auch nicht, was sie noch sagen soll. »Am Ende sind also nur wir beide übrig.«

›Am Ende‹ – genau dort scheinen wir zu stehen. Das Schreckliche ist nur: dem ist nicht so. Es gibt noch viel zu viel durchzustehen, für sie wie auch für mich. Mit einem Mal scheine ich alles zu wissen. So oft ich früher jegliches Wissen bereitwillig geleugnet habe, so tief ist nun die Wahrheit in mir vergraben.

Wer sollte es auch noch wagen, etwas vor mir zu verbergen. Selbst einem Gott würde ich das Recht dazu absprechen.

Ich trinke einen Schluck, bin selbst überrascht, als ich kurzerhand auflache: wieder mal zu wenig Eis drin.

»Wirst du gehen?«, fragt Nastassja.

»Nicht ohne dich.« In meinem Kopf klang es besser.

»Und wieso, glaubst du, sollte ich mitkommen?«

»Nach dem, was passiert ist – nach allem, was passiert ist, geht es doch gar nicht anders.«

»Ja, wahrscheinlich. Aber du solltest wissen, dass ich dich dafür hasse – und noch mehr hasse ich mich dafür.«

»Heb dir deinen Hass für später auf«, sage ich.

»Ich habe mich schon gefragt«, sagt Nastassja, »wie oft du noch wegrennen musst, bis du mich endlich findest.«

»Und? Habe ich dich gefunden?«

»Du kannst es nicht leugnen.«

Wahrscheinlich nicht. Aber was sollte es auch für einen Unterschied machen, ob ich sie gefunden habe oder nicht. Ich habe so viele Menschen vergessen, was nützt es da, wenn ich einen finde?

Die Antwort geben wir uns gegenseitig.

***

»Und was hast du jetzt vor?«, fragt Nastassja nach einer Weile, die wir in einem unglaublich wohltuenden Schweigen verbracht haben.

»Auf jeden Fall habe ich nicht vor, etwas zu ändern«, sage ich. Mein Mund fühlt sich ausgetrocknet an.

»Wie meinst du das?«

»Ich muss immer noch Maria finden – also werde ich Maria finden.«

»Obwohl es dir bislang nur Kummer bereitet hat?«

»Es ist das einzige, wozu ich da bin. Und Kummer … man kann alles vergessen, wenn man will.«

»Ich wundere mich nur, dass dir alles immer noch nicht sinnlos erscheint.«

»Wer sagt denn, dass es das nicht tut?«

»Immerhin glaubst du, du müsstest das alles machen.«

»Hm. Vielleicht glaube ich das gar nicht; vielleicht mache ich es einfach nur. Aber … an irgendetwas glaubt man nun einmal.«

»Ja?«, fragt Nastassja zugegebenermaßen ungläubig.

»Du solltest dich mal hören. Hätte ich dir damals vor der Kirche erzählt, wie du einige Monate später reden wirst, dann hättest du mich für verrückt erklärt.«

»Es ist viel passiert seit damals.«

»Aber uns beide gibt es immer noch«, sage ich. »Obwohl es besser für dich wäre, nicht in meiner Nähe zu sein.«

»Und warum sind wir dann immer noch zusammen?«

Ich lache. »Weil ich manchmal auch an mich denken muss.«

»Vielleicht ist es ja auch eher umgekehrt.«

»Umgekehrt?«, frage ich.

»Vielleicht bin ich es, die Pech bringt.«

Ich zucke mit den Schultern. »Was ist schon Pech.«

»Pech ist Glück, das man nicht hat.«

»Aber wir leben noch. Wenn das kein Glück ist … also, zumindest für uns beide«, füge ich hinzu.

»Und?«

»Was und?«

»Sollen wir jetzt anderen Leuten Pech bringen?«

»Jahaha, wir sind die Todesengel, Nastassja«, sage ich und lache, denn es klingt genauso bescheuert wie in meinem Kopf.

dreiundneunzig

Der nächste Schuss, der fällt, gilt nicht mir, sondern Stempski. Dann geht das Licht an und ich blinzele Nastassja entgegen.

»Du hast ihn getötet«, sage ich trocken.

»Und du die anderen beiden.«

»Bin ich schuld an dir? Vor einigen Monaten hast du noch gebeichtet.«

»Weißt du«, fragt Nastassja, »was der Pfarrer getan hat, als ich mir dich von der Seele beichten wollte?«

»Was?«

»Er hat mich ausgelacht.«

Ich richte mich auf.

»Immerhin habe ich dir das Leben gerettet«, meint Nastassja.

»Dann sind wir quitt.«

»Wieso? Du hast mir noch nie das Leben gerettet.«

»Nein«, sage ich. »Aber du hast es mich schon einmal gekostet.«

Wir schweigen einen Moment, dann fällt mir etwas ein, ich stürze zur Badezimmertür, öffne sie und kann einen Schrei nicht unterdrücken: auf den Fliesen liegt Mariya in ihrem Blut.

»Ist sie tot?«, fragt Nastassja ungerührt.

Ich fühle ihren Puls, nicke. »Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.«

»Überrascht dich das?«

»Halt die Klappe«, erwidere ich. »Halt einfach die Klappe.« Ich halte es keine Sekunde länger hier aus, renne ins Wohnzimmer, will nach draußen und stolpere über Frieder, der tot an der Balkontür liegt. Habe wirklich ich ihn erschossen?

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagt Nastassja: »Du kannst es nicht mehr ändern.«

Auch das ist mir nicht neu. Als hätte ich jemals etwas ändern können. Wir hatten es bereits: Ohne mich wäre die Welt besser, ohne mich wäre die Welt Maria …!

Ich springe so plötzlich auf, dass ich damit sogar Nastassja überrasche. Ich denke an gar nichts, als ich zurück ins Badezimmer stürze und Mariyas Jackentaschen durchwühle, bis ich endlich ihren Geldbeutel finde. Die Fotos … ich hatte damals gedacht, es wäre ein Foto von ihr gewesen, das sie sich angesehen hatte, als sie zu weinen begann, aber …

… es ist Maria. Wie kaputt muss mein Gehirn sein, wie kaputt meine Augen, dass ich das nicht bemerkt habe?! Es scheint mir so unwirklich, kommt mir vor wie ein Traum – der Traum! »Du nennst mich Mariya, aber ich bin nicht Mariya, du kennst mich, aber du kennst Mariya nicht« – so war es doch.

Und Sitting Bull hatte mich noch auf die Namensähnlichkeit hingewiesen. Vielleicht, denke ich mir, sind Mariya und Maria ein und dieselbe Person. Oder sie sind zwei Menschen, die aufgrund des grausamsten Zufalls aller Zeiten exakt gleich aussehen. Meine Gedanken überschlagen sich. Hat Maria Mariyas Freund … aber warum? Trotzdem: dadurch wäre alles erklärt.

Ich schlage meine Stirn gegen die Kacheln der Badezimmerwand. Habe ich Mariya denn nie wirklich in die Augen gesehen, habe ich nie verstanden, wer sie ist oder gar, wozu wir einander begegnet sind?

Jetzt ist Mariya tot. Und Maria? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn: wäre dann nicht alles aus? Gäbe es mich dann noch oder Sitting Bull …

»Endlich hast du es begriffen«, meint er.

»Und jetzt?«, schluchze ich.

»Jetzt – musst du immer noch Maria finden.«

»Es ging nie um mich, oder?! Es ging nie darum, dass ich mich meiner Vergangenheit stelle, und es ging nie darum, dass ich irgendetwas über mein Leben herausfinde, es ging nie darum, dass ich meine Rolle begreife, sondern es ging die ganze verdammte Zeit nur darum, dass ich meine Rolle spiele, nicht wahr? Diese ganze Scheiße wäre auch dann passiert, wenn ich nicht hier gewesen wäre, sie wäre auch dann passiert, wenn ich nicht dort gewesen wäre – nur hättet ihr euch dann einen anderen Dummen suchen müssen, der wegen nichts und wieder nichts, wegen einer Sache, die mit ihm überhaupt nichts zu tun hat, seine Eltern vergisst und seine Freundin verrät und seine besten Freunde erschießt – ist es nicht so?!«

»Ja«, sagt Sitting Bull ruhig. »Tut mir leid.«

»Das muss dir verdammt noch mal ziemlich leid tun, du solltest gar nichts mehr sagen können, so leid sollte es dir tun! Als ob nicht schon genug Leid wäre, wo ich hinkomme!«

Er sagt nichts mehr. Ich glaube – nein, ich hoffe, dass er gestorben ist, und weil ich das hoffe, kann ich nur noch weinen.

So kühl und ungerührt Nastassja eben noch schien, so wärmend und tröstend ist ihre Umarmung jetzt. Ich denke … ich denke an gar nichts mehr.

zweiundneunzig

Kapitel elf_Manchmal können wir nicht anders, als uns einsam zu fühlen.

Wieder einmal ist es Sitting Bull, der mich weckt. »Psst«, höre ich.

»Was ist?«

»Bring Mariya in Sicherheit.« Er flüstert. Seltsamerweise begreife ich sofort.

Ich stehe auf, um Mariya zu wecken. Meine Hand lege ich ihr auf den Mund, als hätte ich Angst, sie könnte zu schreien anfangen. Ich führe sie ins Badezimmer, setze sie dort auf die Fliesen neben der Tür, etwas Besseres fällt mir in der Eile nicht ein.

Wo ist Nastassja?

»Du musst ganz still sein«, sage ich zu Mariya. »Hier drin kann dir nichts passieren.« Zumindest hoffe ich das.

Mariya sieht mich an. Sie scheint verstanden zu haben. Sie lächelt schwach, aber tröstend – ich rede mir ein, sie würde mich tatsächlich trösten wollen. Unsere momentane Situation würde mich verzweifeln lassen, aber daran darf ich nicht denken. Ich darf auch nicht denken an: Stempski oder Frieder oder Nastassja. Ich glaube, es ist das Beste, wenn ich jetzt nur an mich denke. Was soll sonst aus Mariya werden.

»Sie sind da«, sage ich zu Mariya, obwohl ich das eigentlich nicht sagen wollte, um sie nicht zu ängstigen. Aber ich glaube, das Mindeste, das ich ihr schuldig bin, ist, ihr die Wahrheit zu sagen. Wahrscheinlich versteht sie mich auch gar nicht.

Plötzlich fängt sie zu weinen an. Ich zögere kurz, dann nehme ich sie in den Arm.

»Ich habe ihn geliebt«, sagt sie und ich rede mir mit aller Macht ein, dass sie damit mich gemeint hat.

Ich weiß nicht, wie lange wir so dasitzen, wahrscheinlich viel zu lange, ihre Finger krallen sich in meiner Jacke fest – für einen Moment glaube ich, sie wird nie mehr loslassen.

Dann endlich reiße ich mich los. Mariya schluchzt nur noch.

Auch Sitting Bull in meiner Jackentasche schweigt. Ich öffne behutsam die Badezimmertür und schleiche in gebückter Haltung ins Wohnzimmer. Die Lichter sind aus, gut so. Das verbessert die Chance, die ich nicht habe. Ich atme noch einmal tief durch, dann lausche ich.

Nichts zu hören. Ich überlege kurz, ob Sitting Bull wirklich wusste, dass sie kommen würden – aber ich zweifle keine Sekunde daran. Er ist der Einzige, auf den ich mich noch verlassen kann. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie wohl in die Wohnung kommen. Über den Balkon? Im Dunkeln wäre das vielleicht zu aufwändig und würde unnötigen Lärm verursachen. Das Badezimmer hat kein Fenster … vielleicht die Küche? Ich kann mich gar nicht erinnern. Bleiben das Schlafzimmer und die Wohnungstür. Und wo ist eigentlich Nastassja? Aus irgendeinem Grund kann ich mir gar nicht vorstellen, dass sie überhaupt in der Wohnung ist.

Ich lege mich auf die Wohnungstür fest – unkompliziert und schnell zu öffnen – schnappe mir die Schreibtischlampe und drücke mich an die Wand neben der Tür. Immer noch nichts zu hören. Oder doch? War da nicht was? Falls ja, kam es von hinter der Tür – hatte ich also recht. Wie viele es wohl sind? Vielleicht nur Stempski und Frieder und Hugo, vielleicht–

Die Tür öffnet sich. Ein Schemen gleitet durch die Öffnung und schließt die Tür. Entweder ist er allein oder sie dringen an verschiedenen Stellen in die Wohnung ein. Ich zittere. Du machst das nicht zum ersten Mal, sage ich mir. Macht das einen Unterschied? Keine Zeit zu überlegen, sonst kannst du dir die Aktion mit der Lampe sparen.

Stempski? Frieder? Hugo? Ein ganz anderer? Egal – ich schlage zu, er schlägt zu Boden.

Im Dunkeln finde ich, was ich nicht finden wollte: seine Waffe. Sie scheinen zum Äußersten bereit. Mir auch recht. Ich nehme die Waffe, sage mir: siehst du, schon haben sich deine Chancen verbessert. Welche Chancen?

Ich mache eine Bewegung auf dem Balkon aus, ohne zu zögern schieße ich ein-, zweimal in die Richtung. Vielleicht habe ich sogar getroffen, ich kann es nicht sehen. Keine Regung mehr. Kurz bin ich wie erstarrt, dann raffe ich mich auf und laufe zur Couch. Wenn ich mich nicht irre, müsste der Nächste aus dem Schlafzimmer kommen.

Tatsächlich öffnet sich die Tür. Noch bevor ich reagieren kann, wirft sich die Gestalt zu Boden, verschwindet hinter dem Sessel, und im nächsten Moment trifft mich ein Schlag auf den Hinterkopf; ich falle – und dann steht jemand über mir. Das Mondlicht scheint durch das Glas der Balkontür auf sein Gesicht, ich glaube, es ist Stempski. Ich rühre mich nicht.

Er hat eine Waffe in der Hand und ich zweifle keine Sekunde daran, dass er mich damit erschießen wird. Was sollte er auch sonst tun? Und: würde ich nicht genau dasselbe tun? Ich lege so viel Verachtung wie möglich in meinen Blick, was nicht leicht ist, denn dass ich sterben werde, geht mir nicht wirklich nahe.

einundneunzig

Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare: ganz verschwitzt. Ich fühle mich schrecklich. Irgendwo geht gerade die Sonne auf. Noch gefangen in meinem Traum, taumele ich aus dem Wagen, hole einen Wasserkanister aus dem Kofferraum und schütte den Inhalt über meinen Kopf. Ich hasse diese Träume, von denen man meint, sie würde einem irgendetwas mitteilen wollen. Meist folgt daraus nichts Gutes. Zum ersten Mal seit Langem sehne ich mich nach einem echten Frühstück mit Orangensaft und Rührei oder Toast. Am besten alles zusammen.

Früher, denke ich mir, gab es zumindest noch Wahrsager und Hellseher, da musste man nicht selber träumen.

Mariya schläft noch. Dass sie träumt, glaube ich nicht. Ihre Nächte sind so leer wie ihr Blick. Mich fröstelt. Die Morgensonne scheint mich trösten zu wollen. Einziger Ausweg, sage ich mir: ich muss weiterfahren. Wenn ich heute keine Pause mache, bin ich am späten Abend bei Nastassja.

***

Aufs Autofahren verwende ich an diesem Tag übertrieben viel Aufmerksamkeit – ich will nicht nachdenken müssen.

Die Sonne ist noch nicht lange am Horizont verschwunden, als ich vor Nastassjas Tür stehe. Es dauert einige Minuten; ich klopfe nochmals, dann nochmals, erinnere mich: so hatten wir es abgemacht. Dennoch habe ich kurz Angst, sie könnte gar nicht da sein. Im nächsten Moment öffnet sie. Über ihren Augen liegt ein tiefer dunkler Schatten, ich weiche einen halben Schritt zurück, sie ringt sich ein Lächeln ab. Ich stütze Mariya, wir gehen ins Wohnzimmer, wo ich Mariya auf die Couch setze.

»Es geht ihr noch nicht besser?«

»Nein.«

»Ich hatte es mir bereits gedacht.«

»Ich mir auch«, sage ich, um mir nichts anderes eingestehen zu müssen.

»Warst du zu Hause?«, fragt Nastassja.

Ich lache. »Die ganze Welt ist mein Zuhause.«

»Mag sein. Aber dein Zuhause ist nicht deine Welt, weißt du das?«

Ich schweige. Was ist denn schon meine Welt, wenn sie nicht in mir ist. Oder so ähnlich. Ob vor oder nach dem Verlorengehen, finden kann man immer etwas – und erfinden kann man sich noch viel mehr.

Es tut unglaublich gut, nach langer Zeit endlich wieder Sitting Bulls Stimme zu hören. »Wie konntest du mich nur eine Woche lang mit dieser Frau allein lassen?«

Eine Woche? Ich wusste gar nicht, dass ich so lange weg war. Ich versuche nachzurechnen, ob es wirklich eine Woche war. Vielleicht habe ich ein paar Tage vergessen – wundern würde es mich nicht. Man muss immer etwas tun, um die Zeit zu füllen.

»Jetzt bin ich ja wieder da«, antworte ich nach einiger Zeit.

»Und … jetzt?«, fragt Nastassja in die Runde.

»Hugo und die anderen werden wieder hier auftauchen«, meint Sitting Bull. Ich denke lieber nicht darüber nach. Sollen sie kommen – weshalb sollte mir das Sorgen machen? Mein ganzes Leben lang habe ich mir keine Sorgen gemacht, auch wenn ich es mir manchmal einreden wollte. Man fühlt sich sicherer, wenn man sich um etwas Sorgen macht.

»Ob man sich um etwas Sorgen macht oder sich um etwas sorgt – das sind zwei verschiedene Dinge«, meint Sitting Bull.

Natürlich glaube ich ihm. Letzten Endes macht es aber keinen Unterschied.

»Was macht für dich schon einen Unterschied?«, fragt Sitting Bull.

Ich kann ihm keine Antwort darauf geben. Eigentlich will ich es auch gar nicht können. Solange in diesem Spiel mit ›Du‹ ich gemeint bin, kann ich mir selbst am wenigsten trauen.