neunzig

Der Himmel ist rotbraun und es ist unglaublich heiß, obwohl ich keine Sonne sehe – es ist eine nächtliche Hitze, eine, die einen in verschwitzten Bettlaken aufwachen lässt.

Ich betrete die alte Fabrik, in der ich einige Jahre gearbeitet habe und aus deren Hallen ein höllischer Lärm nach draußen dringt. Als sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnt haben, sehe ich, dass alle Maschinen auf Hochtouren laufen, aber Arbeiter sind nicht auszumachen, es gibt nicht einmal Anzeichen dafür, dass irgendwann einmal Menschen hier waren; unter einer zentimeterdicken Staubschicht laufen die Maschinen. Als ich eine von ihnen flüchtig mit der Hand berühre, verbrenne ich mir fast die Handfläche, so heiß ist sie. Es ist wie in einem Hochofen hier drin. Ich blicke zu Boden, um das Gesicht vor der Hitze zu schützen, die von den Maschinen ausgeht. Ich laufe zu einer Wand, will ein Fenster öffnen, es klemmt. Draußen, sehe ich durch die dreckige Scheibe, fällt Regen, und wo er auf die Erde trifft, da steigt Dampf auf.

Ich drehe um, wanke weiter in die nächste Halle – bloß weg von den Maschinen, denke ich mir, mein Kopf schwirrt, schmerzt, ein Druck, als wolle mein Gehirn meine Schädeldecke sprengen.

Nicht denken, nicht denken, denke ich – ich kann nichts anderes. Raus hier. Weg von den Maschinen.

In der nächsten Halle stehen die Farbfässer aufgereiht, mit Stäben wird die Farbe gemischt, auch hier Lärm. Lärm und Rauch und Staub. Jedes Mal, wenn ich husten muss, will mein Kopf explodieren. Mitten in der Halle stehen Gabelstapler, als wären sie noch nie benutzt worden. Im Pausenraum, in den ich mich flüchte, stehen halbvolle Aschenbecher auf den Tischen. Die Zigaretten sind zerfallen, alles Staub, ich trete gegen einen Getränkeautomaten, nichts. Die Anzeige funktioniert nicht, ich suche in meinen Jackentaschen, finde meine eigenen Zigaretten, werfe sie weg – diese unerträgliche Hitze, Rauchen verboten, wer rauchen will, verlässt bitte das Fabrikgelände.

Schließlich taumele ich eine Treppe nach oben: alle Büros sind leer, aber auf den Monitoren der Computer laufen die Bildschirmschoner. Ich wühle planlos in den Unterlagen, alles unerledigte Aufträge, alles unerledigte Arbeit; ich sinke auf einen Stuhl. Manche der Papiere zerfallen zu Staub, wenn ich sie berühre.

Nase und Mund habe ich unter meinem Hemd versteckt, die Luft will beim Einatmen töten. In einem der Büros finde ich einen Fotorahmen auf dem Schreibtisch. Ich wische die Staubschicht ab, das Bild zeigt Nastassja. Ich zerschneide mir die Fingerknöchel, als ich Glas und Rahmen zerschlage, ich nehme das Foto heraus und stecke es in meine Jackentasche. Aus irgendeinem Grund scheint es mir dorthin zu gehören. Ist Nastassja schon aufgewacht, schießt es mir durch den Kopf, ich weiß auch nicht warum.

In der Kaffeemaschine tropft eine Flüssigkeit vor sich hin; Kaffee ist es jedenfalls nicht. Ich bemerke, dass ich Durst habe, grauenhaften unaufschiebbaren Durst, kurz bin ich versucht, einen Schluck aus der Kaffeekanne zu trinken, aber dazu kann ich mich selbst in der größten Not nicht überwinden.

An einer Bürotür ist ein Schild angebracht, auf dem steht: »Stempski Scyzazak«.

Plötzlich glaube ich, Stimmen und Schritte zu hören; mehr stolpernd als laufend erreiche ich die nächste Halle, aus der die Geräusche kamen. Dort sind die Fließbänder in Betrieb, ein fast schon beruhigendes Summen füllt den Raum. Ich nehme einen Gegenstand von einem der Fließbänder, betrachte ihn, werfe ihn mit einem Aufschrei zu Boden – war es ein Stein oder ein Knochen?

Am Boden dampft es, ich kann meine Füße nicht sehen. Alles scheint sich zu bewegen. Über einer der Lagerhallen steht mein Name, ich gehe hinein. Als ich über die Schwelle trete, habe ich alles um mich herum vergessen. Plötzlich steht Dimitri neben mir – zumindest weiß ich, dass es Dimitri ist, auch wenn es nicht sein Gesicht ist und er mit einer Stimme spricht, die wie Imbsweilers klingt. »Ich habe schon gewartet«, sagt er.

Auf mich?

»Nein, auf dich nicht«, sagt Dimitri, er steht schräg hinter mir, legt mir seine Hand auf die Schulter, und als ich mich zu ihm umdrehe, steht dort Mariya.

»Du nennst mich Mariya, aber ich bin nicht Mariya. Du kennst mich, aber du kennst Mariya nicht«, sagt sie.

Ein so unsagbares Grauen packt mich, dass ich mir sicher bin, ich wäre in diesem Augenblick gestorben, wenn ich nicht aufgewacht wäre.

neunundachtzig

Ich kann keine Bäume mehr sehen, keine Wälder und grüne Wiesen und auch keine Tiere oder kleine Bauernhöfe oder Scheunen oder alte braune Kirchtürme – und deshalb fahre ich wieder in Richtung Stadt. Nichts hat Mariya helfen können und mir fällt auch nichts mehr ein, das ich deswegen nicht abgrundtief hassen würde.

Vielleicht, flackert kurz ein alter Gedanke auf, ist es auch nicht meine Aufgabe, ihr zu helfen. Diesmal glaube ich schon eher daran. Am nächsten Rastplatz könnte ich sie bitten auszusteigen, wahrscheinlich würde sie es sogar tun, man würde sie finden und in ein Krankenhaus bringen oder in eine Anstalt oder ein Wohnheim, und nach einer Weile würde es ihr besser gehen, sie wäre mir sogar dankbar dafür, dass ich sie an diesem Rastplatz zurückgelassen habe. Jeder, den ich verlasse, sollte eigentlich froh darum sein, denke ich mir.

Ich fahre auf einen Rastplatz und halte an. Ich traue mich nicht, zu Mariya rüberzusehen – dann fahre ich weiter. Ich beschließe, das zu vergessen; nicht, dass ich es nicht vergessen würde, wenn ich es nicht beschlossen hätte. Wie Sitting Bull sagte: »Der Trick beim Vergessen ist: man vergisst, dass man nicht vergessen wollte.«

Vielleicht fängt es immer damit an.

Oder es hört damit auf. Das ist auch so etwas, das Sitting Bull mir sagte: man solle als Mensch nicht glauben, alles habe einen Anfang und ein Ende; das sei letztlich doch identisch.

Ich weiß nicht, ob etwas so aufhört, wie es angefangen hat, aber vielleicht hört etwas damit auf, dass es anfängt. Oder es ist tatsächlich so, dass etwas einfach da ist – und ein Nichtdasein gibt es gar nicht.

Keine Ahnung, woran ich noch glauben soll. Nastassja wird mich hassen, wenn ich zurückkomme, und ich mich auch; und Mariya hasst mich zwar nicht, aber sie hat wohl allen Grund dazu.

achtundachtzig

Die Ortschaft haben wir inzwischen verlassen und laufen nun einen Waldweg entlang, es geht steil bergauf, am Ende der Steigung wird man die ganze Gegend überblicken können.

»Als ich damals zu ihnen gezogen bin«, sagt Aleksandra, »haben sie ununterbrochen von dir geredet.«

»Hm. Anscheinend vergisst jeder irgendwann, nicht nur ich.«

»Du wirst ungerecht.«

»Vielleicht. Vielleicht habe ich ja auch das Recht darauf«, gebe ich zurück. Noch laufen wir mit unverminderter Geschwindigkeit.

»Du weißt«, sagt Aleksandra, »dass ich ihnen viel verdanke.«

»Hm.«

»Ich hätte nicht gewusst, wohin, nachdem du …«

»Ich weiß«, erwidere ich schnell. Ich sage ihr nicht, dass es demnächst wieder so kommt – und dann wird es ein Abschied für immer, so oder so. Stattdessen schweige ich.

Endlich kommen wir oben an. Plötzlich fühlt man sich den Wolken näher als der Erde, noch ein paar Meter, man wäre mit dem Kopf darin. Ist das eine Art Höhenrausch? Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt, geschweige denn, wodurch es entstehen könnte, wenn nicht durch die Sucht nach den Wolken. Meine Ohren sind wie verstopft.

»Wie lange waren wir schon nicht mehr hier?«, fragt Aleksandra?

»Waren wir überhaupt schon einmal hier?«

»Du weißt es doch.«

»Ja«, sage ich. Ich hätte sagen sollen: Vielleicht. Vielleicht sollte ich es wissen. Kann sein, dass sein kann, was sein muss. Ich weiß es nicht. Wusste ich überhaupt schon einmal etwas?

»Wusste ich überhaupt schon einmal etwas?«, frage ich.

Aleksandra nimmt mein Gesicht in beide Hände. »Sieh mich an.«

»Hm?«

»Sieh genau hin – weißt du jetzt etwas?«

Ich zögere. Am Ende bleibt mir einmal mehr nichts anderes übrig als zu schweigen, weil ich nichts sagen möchte, was ich nicht mit Bestimmtheit weiß. Es ist dieser Fluch, der über mir liegt, der mich immer wieder dazu treibt, die Menschen letzten Endes zu belügen – und zu verlassen.

***

Seine Frau hat gerade Tee aufgegossen, als wir zurückkommen. Sie sieht uns beide ausdruckslos an.

»Ich gehe zu ihm«, sagt Aleksandra, nimmt – etwas zu schnell – den Tee und geht. Ich bleibe mit seiner Frau in der Küche zurück. Wir sehen uns an, lange, als würden wir uns zum ersten Mal sehen.

Nach einigen unerträglichen Momenten – Sekunden? Minuten? – kommt Mariya in die Küche; es ist eine Erlösung für mich. Ich beschließe zu gehen, bevor Aleksandra zurückkommt.

»Ich bin so froh, dass du wieder da bist«, sagt die Frau plötzlich.

»Ich werde wieder gehen«, erwidere ich bestimmt.

»Endlich bist du wieder da.«

»Ich muss gehen«, sage ich erneut.

»Ja.«

Ich reiße mich zusammen, fasse Mariyas Hand und verlasse mit ihr das Haus. Von Aleksandra und ihm kann ich mich nicht verabschieden, das weiß ich. Dass er stirbt, bekomme ich nicht mehr mit, da bin ich bereits auf dem Weg zu Nastassja. Zu Nastassja? Vielleicht auf dem Weg nach Hause, ich weiß es nicht. Ich denke mir: jemand wie ich sollte überhaupt nirgends sein – und von dort sollte er nie weggehen. Man kann so viel Unheil verhindern, indem man einfach nichts tut. Nicht da ist. Ich denke an den Mann im Hotel und an Mariyas Freund.

Was hätte ich anderes denken sollen? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich immer nur getan, was andere mir aufgetragen haben. In dieser Hinsicht kann man mir doch keinen Vorwurf machen …?

Ich bin nicht schuld an anderen Menschen – und ich bin auch nicht für sie verantwortlich. Zumindest hoffe ich das; oder ich habe es mir die ganze Zeit über eingeredet. Man kann sich selbst viel einreden, wenn man sein ganzes Leben lang allein ist.

Letzten Endes ist alles müßig und man muss nur darauf achten, nicht an den Punkt zu kommen, an dem man umdrehen will.

siebenundachtzig

Am nächsten Morgen ist Mariya vor mir wach. Ich sehe sie neben der Couch auf dem Boden sitzen und mich packt blankes Entsetzen beim Gedanken, wie lange sie schon wach sein könnte. Ich hätte es nicht mitbekommen, es nicht verhindern können, wenn …

Sie hat den Inhalt ihrer Brieftasche vor sich ausgebreitet. Ein Stapel Fotos scheint sie besonders zu interessieren. Ich setze mich neben sie, zögere kurz, streiche dann mit der Hand über ihren Rücken. Mehr fällt mir nicht ein. Ab und zu lächelt sie, wenn sie ein Foto betrachtet. Ich weiß nicht, was auf den Fotos zu sehen ist, es wäre mir peinlich, wüsste ich es.

Bei einem Foto beginnt sie zu weinen. Ich lege meine Hand über das Foto, sie scheint zu begreifen und verstaut alles wieder in ihrem Geldbeutel.

Kurz überlege ich, dann sage ich ihr, sie solle hier auf mich warten; sie nickt und ich stehe auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass neben meinem Auto noch ein weiteres in der Einfahrt steht, es ist also jemand zu Hause. Ich gehe in den Flur hinaus.

Im Wohnzimmer finde ich sie. Er liegt auf der Couch, seine Decke ist schon halb zu Boden gerutscht. Neben ihm sitzt seine Frau, zu seinen Füßen, auf der Kante des Couchtischs, Aleksandra. Ich stelle mich zu ihnen, frage mich, ob ich etwas sagen soll, ob es nicht störend wäre. Vielleicht würde er mich auch gar nicht hören – oder nicht verstehen, was ich sage.

Schließlich frage ich: »Wie geht es ihm?«

Seine Frau bleibt stumm, sieht nicht einmal auf. Nach einer Weile meint Aleksandra: »Sehr schlecht.«

Ich nicke. Etwas anderes bleibt mir nicht zu tun. Noch ringe ich mit mir: Soll ich mich dazusetzen, soll ich sie allein lassen? Gibt es überhaupt eine richtige Entscheidung?

Als ich in die Küche gehe, folgt mir Aleksandra. »Du musst das verstehen«, sagt sie. »Wir hatten nicht mit dir gerechnet.«

»Hat euch der junge Mann nichts erzählt?«

»Welcher junge Mann?«

Ich schüttele den Kopf. Aleksandra streicht mit ihren Fingern über meinen Unterarm. »Du hättest nicht hierher kommen sollen … vielleicht ist es auch gut, dass du jetzt da bist, ich weiß es nicht.«

Ich schweige und blicke Richtung Wohnzimmer.

»Du kannst dir sicher sein«, sagt Aleksandra, »unter anderen Umständen hätten sie sich gefreut, dich wiederzusehen. Aber …« Dann schweigt auch sie. Ich nicke, als hätte sie eine Frage gestellt, ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat – aber es wird schon seine Berechtigung gehabt haben. Aleksandra steht auf, um Kaffee zu machen. Mir fällt Mariya wieder ein.

»Ich bin mit Mariya hier«, sage ich.

»Mariya?«

»Mariya, die …«, ich zögere. »Vielleicht kennst du sie auch gar nicht«, sage ich dann.

Wir trinken Kaffee zusammen, schwarz, ich denke mir, um Mariya brauche ich mir keine Sorgen zu machen – mir ist ohnehin alles egal. Zumindest scheint mir alles unwichtig.

»Gehen wir ein bisschen an die frische Luft?«, frage ich Aleksandra.

»Hm. Ja.«

Ein Blick durchs Fenster zeigt einen kalten Morgen – aber es regnet nicht, und vielleicht bekommt man bei diesem Wetter den Kopf ein wenig frei. Wir nehmen unsere Mäntel und gehen nach draußen.

»Die Bäume haben ja gar keine Blätter mehr«, sagt Aleksandra überrascht.

»Es war kalt diese Nacht. Aber ist das überhaupt wichtig?«

»Keine Ahnung. Vielleicht. Für die Bäume«, meint Aleksandra.

»Und du wärst gern ein Baum?«

»Nicht im Winter.«

»Ich weiß nicht …«

»Was weißt du nicht?«, fragt sie.

»Ob die Bäume im Winter nicht glücklicher aussehen. Ich meine: als hätten sie ihre gesamte Last abgeworfen und wären nun frei.«

»Als ob du wüsstest, was es heißt, eine Last zu tragen.«

»Wieso sollte ich das nicht?«

»Weil du dein Leben lang vor jeder Verantwortung davongelaufen bist, bis du gar nicht mehr wusstest, was du überhaupt hinter dir gelassen hast.«

Ich muss an Mariya denken. Ich sorge mich um sie – aber vielleicht, denke ich mir, nicht um ihrer selbst willen. Vielleicht liebe ich sie nicht einmal um ihrer selbst willen. Ich erinnere mich, wie Sitting Bull mir sagte, sie liebe sich auch nicht. Aber Sitting Bull ist nicht hier. Wen sollte sie sonst lieben? Ich habe mich immer geliebt; mich – und sonst niemanden. Vielleicht, denke ich mir, ist das immer noch so.

sechsundachtzig

Je weiter wir fahren, desto seltener werden die Autos, die mit uns auf der Straße sind. Ich nehme es als gutes Zeichen. Zeitweise frage ich mich, ob mein Plan überhaupt gelingen kann, und dann frage ich mich wieder, ob ich es mir herausnehmen darf, ihr helfen zu wollen. Ich meine: wer oder was sollte mir denn das Recht dazu verleihen? Vielleicht geht es ihr momentan besser als wenn sie wüsste, was geschieht und was geschehen ist.

Ich könnte keine Entscheidung treffen – und dennoch tue ich das andauernd. Ich kann nicht anders als zu handeln.

Mariya schläft auf der Rückbank.

Inzwischen ist es später Abend und es sind keine anderen Autos unterwegs. Daher wundert es mich, dass plötzlich ein junger Mann am Straßenrand steht, der anscheinend per Anhalter unterwegs ist. Ich bremse, setze zurück.

Wohin ich fahren würde, fragt er mich.

»Keine Ahnung«, sage ich. »Wohin willst du denn?«

Er nennt mir einen Ortsnamen, ich sage, den hätte ich schon einmal irgendwo gehört.

»Kann nicht sein«, sagt er. »Niemand kennt den.«

Ich lache. »Das hört sich gut an. Da möchte ich auch hin.«

Er zögert, schaut kurz auf Mariya, die im Schlaf schon beinah friedlich aussieht, dann steigt er ein.

»Kommt wirklich selten vor, dass jemand dorthin fährt«, meint er, nachdem wir losgefahren sind.

»Und trotzdem versuchst du, auf dieser Strecke zu trampen?«

»Manchmal«, antwortet er, »lernt man hier ganz nette Leute kennen – aber oft muss ich am Ende doch laufen.«

Ein bisschen erinnert er mich an mich selbst – und somit fühle ich mich plötzlich uralt.

»Weißt du zufällig«, frage ich ihn nach einer Weile, »wo wir in diesem Ort übernachten können.«

Seine Antwort überrascht mich, ich hätte ihn für schüchterner gehalten: »Aber klar. Ihr könnt bei mir übernachten, meine Eltern haben sicher nichts dagegen.«

Ich drehe mich zu Mariya um, lache. »Na, dann ist es ja gut, dass wir dich mitgenommen haben.«

***

Es ist bereits mitten in der Nacht, als wir das Ortsschild passieren, und nach kurzer Fahrt halten wir vor einem großen Haus.

»Ich habe es fast allein renoviert«, sagt der junge Mann stolz.

»Und deine Eltern?«

Er schweigt kurz, dann meint er nur: »Sie sind alt«, und steigt aus.

Ich trage Mariya zur Haustür, warte, bis der junge Mann aufgeschlossen hat. Ich kenne nicht einmal seinen Namen, fällt mir ein.

»Meine Eltern schlafen sicher schon. Ich bringe euch ins Gästezimmer.« Er führt mich den dunklen Hausflur entlang. Schließlich bleiben wir vor einer Tür stehen. Er öffnet und führt uns in einen Raum, der das Gästezimmer sein muss.

»Ich muss jetzt gehen«, sagt er schnell. »Macht es euch einfach bequem.«

Er tritt aus dem Türrahmen und verschwindet im Flur. Sein Verhalten interessiert mich nicht weiter, ich schaue mich im Zimmer um, sehe: einen Tisch, ein Bett und eine Couch. Schränke oder sonstige Möbel gibt es nicht und der Tisch ist leer.

Ich lege Mariya aufs Bett; sie schläft immer noch, als könne sie nichts mehr aufwecken. Einen Augenblick bleibe ich neben dem Bett stehen, dann wende ich mich ab, öffne die Tür und trete auf den Flur hinaus, achte darauf, keinen Lärm zu machen. Seltsamerweise gelingt es mir auf Anhieb, mich zu orientieren. Ich gehe in die Küche, setze mich an den großen, hölzernen Küchentisch und schaue eine Weile leer geradeaus. Dann lösche ich das Licht wieder und kehre ins Zimmer zurück. Mariya schläft in unveränderter Haltung. Ich lege mich auf die Couch.

Ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber ich fühle mich in diesem Haus ungemein wohl.

fünfundachtzig

Ich stehe am Fenster, sehe nach draußen und mir geht durch den Kopf, dass mir diese Gegend verdammt bekannt vorkommt. Neuerdings kommt das immer häufiger vor: ich spüre, es gibt gewisse Erinnerungen irgendwo in meinem Schädel – und trotzdem kann ich beim besten Willen nicht sagen, ob es tatsächlich meine eigenen sind; und falls nicht, wie sie in meinen Kopf kamen.

Mir ist, als ob ein Anderer mich träumt, so bizarr kommt mir mein Leben vor, so sehr scheint es mir zur Unmöglichkeit verdammt. Dabei: Das einzig Unmögliche in meinem Leben bin ich selbst.

Ich höre auf, darüber nachzudenken und wende mich vom Fenster ab, denn soeben ist Mariya aufgewacht.

»Guten Morgen«, sage ich.

Zwar konnte ich es nicht richtig hören, aber ich glaube, sie hat mir geantwortet. Für einige Momente packt mich eine beinah unerhörte Euphorie.

Dann fällt mir etwas anderes ein: Hatte sich Mariya nicht schon wieder einigermaßen im Griff gehabt am Morgen, nachdem ihr Freund erschlagen worden war? In diese Apathie verfiel sie erst …

… als wir bei Nastassja auftauchen. Aber wieso …?

Ich versuche, bei diesem Gedanken zu bleiben, ihn weiterzuführen; wenn es irgendwie mit Nastassja zu tun hat, sie vielleicht – unbewusst? – etwas gesagt oder getan hat, oder wenn es mit ihrer Gegenwart zusammenhängt – dann war meine Idee, für ein paar Tage mit Mariya wegzufahren, doch instinktiv die richtige. Und waren ihr Lächeln gestern, ihre Reaktion gerade eben Zeichen dafür, dass sie schon wieder auf dem Weg der Besserung ist?

Irgendwie tröstet mich dieser Gedanke ungemein.

***

Wir frühstücken in einem Café, wieder isst Mariya fast nichts, auch ich habe kaum Appetit; ich denke darüber nach, wohin wir jetzt fahren sollen. Am besten, denke ich mir, raus in die sogenannte freie Natur. Schließlich wurden dort schon viele Wunden geheilt, körperliche wie seelische. Da braucht es nicht einmal Medikamente für.

Ich selbst finde diesen Gedanken lächerlich – aber vielleicht sind es ja gerade die lächerlichen Gedanken, die uns weiterbringen.

Weiter wohin eigentlich?

Mein ganzes langweiliges Leben verbringe ich in diesem ›Weiter‹-Denken, einer sinnlosen Kraftvergeudung, genährt von der Illusion, es gebe tatsächlich etwas, das man erreichen könnte. Unglaublich, denke ich mir. Wenn ich Mariya ansehe, kommt es mir so vor, als müsste ich mich für mein bisheriges Leben schämen; weil mir Menschen bislang egal waren? Aber ich selbst bin mir doch immer noch egal, oder? Kommen jetzt die Beschützerinstinkte in mir hoch, oder was?

***

Wir fahren raus aus der Stadt – nur, um in eine andere Stadt zu kommen. Die ist aber schon ein bisschen kleiner. Der Weg aufs Land, denke ich mir, ist weit.

Die Tage sind grau, kommen mir alle gleich vor, es erinnert mich an meine erste Reise mit Mariya nach Norden; auch damals, als ihr Freund mit ihrem Auto abgehauen war, haben wir nicht viel miteinander geredet – aber jetzt beunruhigt es mich. Grauen Tagen folgen sternenlose Nächte, seit Wochen schon. Ich weiß nicht, ob es sich jemals ändern wird. Hat es mit uns zu tun? Das hieße, wir wären eine Art Gott – oder einzelne Götter. Hm. Irgendwie glaube ich nicht daran.

Sitting Bull fehlt mir.

Noch mehr fehlt mir Nastassja.

Manchmal führe ich Selbstgespräche oder erzähle Mariya irgendetwas – es läuft aufs Gleiche hinaus. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass sie mich hört. Es wird wieder gut, denke ich mir. Es muss. Und was sein muss, das wird irgendwann sein, sonst müsste es nicht sein.

Ich lache. Mariya reagiert nicht.

Ich erinnere mich an einen schönen Flecken, mitten in der Natur, mit Bäumen und Wiesen und – vielleicht sogar – Tieren und Blumen und frischer Luft. Dahin will ich mit Mariya fahren.

vierundachtzig

Mariya wirkt immer noch abwesend, aber zumindest lässt sie meine Versuche, sie auf andere Gedanken zu bringen, bereitwillig über sich ergehen. Weil ich nicht weiß, was wir sonst tun sollen – ich glaube, Kino würde sie zu sehr aufwühlen – kaufe ich uns beiden Badesachen und gehe mit ihr ins Schwimmbad. Zwar ist es heute recht warm, wie ich finde, aber das Freibad hat dennoch geschlossen und wir müssen ins Hallenbad ausweichen. Mariya scheint es nicht sonderlich zu interessieren. Seit heute Morgen hat sie kein Wort gesprochen – oft glaube ich, dass sie gar nicht realisiert, was um sie herum vor sich geht. Auch ich bin mit meinen Gedanken woanders. Ich denke an Nastassja und an das, was sie vorhin gesagt hat. Ja, denke ich mir, anscheinend macht es mir Spaß, sie zu verlassen – ich meine, weshalb sonst tue ich es ständig.

Sitting Bull habe ich bei ihr gelassen, damit sie ein wenig Gesellschaft hat; aber eine Antwort, gestehe ich mir ein, bin ich ihr erneut schuldig geblieben. Der Entschluss, mit Mariya wegzugehen, stand fest – aber irgendetwas hätte ich noch sagen sollen, das zumindest war ich ihr schuldig. Wahrscheinlich noch viel mehr – aber das Beste, was ich für sie tun könnte, wäre, nie mehr in ihre Nähe zu kommen. Leider ist das anscheinend das Letzte, was sie will.

Oder ich, gestehe ich mir ein.

***

Zum Schwimmbad gehört ein Restaurant. Ich weiß nicht, ob Mariya überhaupt etwas essen möchte, bestelle einfach für sie mit. Die Leute sehen sie an wie ein kleines Mädchen. Sie stochert im Essen herum, ein kleiner Teil findet den Weg in ihren Mund, immerhin, denke ich mir.

»Möchtest du ein Glas Wein?«, frage ich und hoffe dabei tatsächlich auf eine Reaktion. Sie sieht an mir vorbei, einige Sekunden, dann nickt sie, aber wie als Antwort auf eine ganz andere Frage. Trotzdem bestelle ich ihr ein Glas. Wahrscheinlich, denke ich mir, macht der Alkohol alles nur noch schlimmer; vielleicht auch besser, ich weiß es nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben begegne ich einem Menschen, der meine Hilfe wirklich braucht – und dann bin ich nicht in der Lage zu helfen. Das ergibt alles keinen Sinn.

Als ich sie kennenlernte, war sie die lebenslustigste Person, die mir je begegnet war. Jetzt scheint es, als sei sie zerstört – und als wolle sie sich noch mehr zerstören. Für einige Augenblicke denke ich an gar nichts. Dann wieder an Mariya. Und Nastassja. Und Dimitri. Als ich an Stempski und Frieder denke, bin ich kurz davor zu weinen. Haben sie mir wirklich so viel bedeutet? Und: wie war das? Ich würde vieles anders bewerten?

Ich reiße mich zusammen, nicht jetzt, sage ich mir und schaue Mariya an – nicht jetzt und: nicht auch noch ich. Plötzlich fühle ich mich einsam; einsam, als sei ich der letzte Mensch auf dieser Welt. Kurz glaube ich, Mariya habe gelächelt. Wahrscheinlich irre ich mich.

***

Es ist sieben Uhr abends, als wir das Restaurant verlassen, und ein kalter Wind weht die Straßen entlang. Ich überlege, wo wir übernachten sollen – ein Ort, sage ich mir, an dem man sich so geborgen wie nur irgend möglich fühlen kann. Bezeichnenderweise fällt mir keiner ein.

Auf der Fahrt in eine willkürlich eingeschlagene Richtung kommen wir an einer Pension vorbei: eher klein als gemütlich, eher verwahrlost als alt – aber immerhin, denke ich mir und wir steigen aus dem Auto und nehmen uns ein Zimmer, zumindest für diese Nacht.

Entgegen meinen Erwartungen ist es warm im Zimmer. Die Betten sind klein, aber dadurch erinnern sie mich an meine Kindheit, und vom Fenster aus kann man Bäume sehen. Im Schein der Deckenlampe sieht Mariya schon ganz anders aus als zuvor im Wagen, und als sie im Bett liegt und ich sie zudecke – weil ich denke, das gehöre eben dazu – sieht sie mich für einen Moment mit einem Blick an, der mich kurz glauben lässt, sie habe mich erkannt.

Noch lange nachdem sie eingeschlafen ist, liege ich wach.

dreiundachtzig

Ich habe in der Badewanne übernachtet. Als ich am nächsten Morgen ins Wohnzimmer komme, sieht mich Nastassja ein wenig misstrauisch an, wie mir scheint. Normalerweise hätte ich Verständnis dafür. Leider befinden wir uns nicht in einer normalen Situation. Kurz versuche ich mich zu erinnern, ob mein Leben überhaupt einmal normal war; immer weniger davon kann ich mir ins Gedächtnis rufen.

In einem seltsamen Tonfall sagt Nastassja: »Sie schläft noch.«

»Sie heißt Mariya«, antworte ich.

»Hm.«

»Warum können wir beide nicht mehr normal miteinander reden?«, frage ich.

»Konnten wir das je?«

»Ich weiß es nicht«, sage ich nachdenklich.

»Ist das alles, was dich momentan interessiert? Welche Art von Gespräch wir führen?«

»Was sollte mich sonst interessieren?« Ich pausiere. »Ich habe doch selbst keine Ahnung, was ich machen soll.«

»Und warum bist du dann zu mir gekommen?«

Mir fällt auf, dass ich das gar nicht sagen kann, und so bleibe ich Nastassja eine Antwort schuldig. Mariya unterbricht das unangenehme Schweigen, indem sie aufwacht. Sie blickt uns etwas verstört an, so als wisse sie nicht, wer wir sind oder ob sie uns schon jemals gesehen hat. Dann steht sie auf, sagt, sie müsse gehen, sie wolle uns keine Probleme bereiten. Nur mit sehr viel Mühe können wir sie zurückhalten.

»Sie muss in ein Krankenhaus.«

»Nein«, sage ich so bestimmt, dass Nastassja nicht zu widersprechen wagt. Ich wollte nicht grob sein. Kurz berühre ich ihre Hand.

***

Mariya will weder essen noch trinken, auch mir bereitet das Sorge. Aber was sollen wir tun?

Auch mir geht es nicht besonders gut, seit einiger Zeit habe ich meine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle, handle nur noch instinktiv. Manchmal vergesse ich, was ich gerade tue, und ertappe mich dabei, wie ich in der Küche oder im Wohnzimmer stehe und etwas tue, von dem ich gar nicht beschlossen habe, es zu tun.

»Glaubst du, es macht einen Unterschied?«, fragt Nastassja.

»Was?«

»Ob Imbsweiler sie findet oder nicht.«

»Bist du verrückt?«, frage ich etwas zu laut.

»Ich meine doch nur«, sagt Nastassja. »Wenn sie hier bleibt, tut sie sich am Ende noch selbst etwas an. Du siehst doch, dass sie völlig verwirrt ist. Und wir können ihr nicht helfen.«

»Vielleicht hast du recht«, sage ich.

»Aber …?«

»So ist es besser. Dann haben wir es zumindest versucht.«

»Und wenn Imbsweiler uns findet?« Nastassja wirkt verzweifelt.

»Dann«, sage ich, »weiß ich auch nicht weiter.«

Ich stelle die Schüssel ab, die ich in der Hand halte, mache einen halben Schritt in Richtung Wohnzimmer, wo Mariya sitzt, völlig apathisch. Ich zögere kurz, versuche nachzudenken, dann greife ich nach den Autoschlüsseln. »Ich werde mit Mariya wegfahren, für ein paar Tage«, sage ich.

»Jetzt bist du verrückt.«

»Hm. Vielleicht hilft es ihr, wenn sie ein bisschen nach draußen und auf andere Gedanken kommt«, sage ich schwach und führe Mariya zur Tür.

»Macht es dir denn so viel Spaß?«, ruft Nastassja mir hinterher.

»Was?«, frage ich, ohne mich umzudrehen.

»Mich zu verlassen.«

Ich gehe.

zweiundachtzig

Kapitel zehn_Wenn wir die Augen schließen, sieht man uns nicht

Nastassja öffnet die Tür.

»Ist Dimitri nicht da?«, frage ich.

»Nein … ist das wichtig?«

Ich schüttele den Kopf. Nastassja mustert Mariya eingehend, als würde sie überlegen, ob sie ihr schon einmal begegnet ist – dann reißt sie sich aus ihren Gedanken und bittet uns in die Wohnung. Ich gehe ins Wohnzimmer – immer noch sehr stickig hier – und schließe Fensterläden und Balkontür. Nastassja lässt Mariya derweil ein heißes Bad ein – wahrscheinlich das, was ihr jetzt am besten tut und ohnehin das einzige, was wir momentan tun können.

Nastassja kommt zurück. »Ich habe in der Zeitung etwas von einem Mord gelesen. Hat es damit zu tun?«

Ich nicke. Sie hakt nicht weiter nach.

»Wo ist Dimitri eigentlich?«, frage ich irgendwann.

»Keine Ahnung. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er mit dir zu Imbsweiler gegangen ist.«

Es scheint mir Jahre her.

»Warum hilfst du ihr?«, fragt Nastassja und nickt Richtung Badezimmer.

Ich hebe die Schultern.

»Liebst du sie?«

»Nein. Nein, ich denke nicht.«

»Hm.«

»Ist das wichtig?«, frage ich.

Nastassja schweigt. Dann geht sie in die Küche und kommt mit zwei Gläsern zurück. Ich rieche daran. Southern Comfort. Nastassja scheint sich an etwas zu erinnern, meint dann: »Frieder und Stempski waren hier. Sie haben nach dir gefragt.«

Ich erschrecke, versuche es aber zu verbergen. »Wann war das?«

»Vor etwa vier oder fünf Tagen – ich glaube, es war am Montag.«

Einen Tag, nachdem Mariyas Freund erschlagen wurde. Mein Magen zieht sich zusammen. »Weißt du, was sie von mir wollten?«

»Keine Ahnung. Ich habe ihnen gesagt, du seist nicht da, und dann sind sie wieder gegangen.«

»Das war alles?«, frage ich.

»Na ja … da war noch jemand bei ihnen, aber der hat nichts gesagt. Ein untersetzter Mann mit Glatze und Vollbart.«

Hugo. Ich nehme schnell einen Schluck aus meinem Glas.

»Kann sein, dass zu wenig Eis drin ist«, meint Nastassja.

Ich nehme gleich noch einen Schluck.

Nastassja besinnt sich. »Sie ist schon ziemlich lange im Bad. Willst du nicht nach ihr sehen?«

»Ich?«, frage ich erstaunt.

»Natürlich du.«

»Ich glaube«, sage ich, »es wäre ihr peinlich.«

»Wäre es das?« Nastassja steht auf, wirft mir einen Blick zu, den ich nicht einordnen kann, und geht Richtung Badezimmer. Ich bleibe allein zurück und habe keine Lust, darüber nachzudenken. Aus dem Bad höre ich Nastassja und Mariya reden. Anscheinend war Mariya in der Wanne eingeschlafen.

***

Abends essen wir eine Kleinigkeit und schweigen dabei, irgendwann geht Nastassja zu Bett und Mariya legt sich auf die Couch. Ich räume noch die Küche auf, dann nehme ich mir eine Flasche und gehe vor die Tür, um frische Luft zu schnappen. Die Nacht ist sternenlos.

»Deine Probleme scheinen nicht weniger zu werden, mein Freund«, sagt Sitting Bull.

»Wir sitzen immer noch im selben Boot«, gebe ich zurück.

»Dazu bin ich eigentlich nicht hier.«

»Hast du gewusst, dass dies alles passieren wird?«, frage ich, obwohl ich mir die Antwort selbst geben kann.

»Ja.«

»Und trotzdem hast du mich nicht gewarnt?«

»Es gehört alles dazu«, sagt Sitting Bull ungerührt.

»Hm.«

»Du hast schon damit angefangen, stimmt’s?«

»Womit?«

»Dein Leben neu zu bewerten.«

Als ob all das dafür nötig gewesen wäre. Langsam werde ich wütend – schließlich hat mich niemand gefragt, ob ich all das überhaupt wollte. Ich meine, die meisten Menschen leben ihr Leben und niemand kommt auf die Idee, sie dazu zu bringen, es neu zu bewerten. Was habe ich eigentlich falsch gemacht? Liegt es einzig an Maria? Liegt es daran, dass ich nicht weiß, wen ich lieben soll? Liegt es daran, dass ich vergessen habe, woher ich komme – und immer noch nicht aufhören kann zu vergessen?

Die Flasche ist leer, ich werfe sie ins Hafenbecken.

»Hast du keine Angst, den beiden könnte etwas zustoßen, während du weg bist?«

Ich muss erst überlegen, wen er meint, dann sage ich: »Nein.«

»Nein?«

»Wenn etwas Schlimmes passiert, bin ich sowieso immer in der Nähe – verstehst du, was ich meine?«

»Ja«, meint Sitting Bull, »wahrscheinlich hast du recht.«

»Hm. Wir sollten zurückgehen.«

»Warum?«

»Weil ich nichts mehr zu trinken habe.«