einundachtzig

Es war ein überraschend ruhiger Schlaf, in den ich schon nach wenigen Minuten gefallen sein muss. Ich schaue auf mein Handy, drei Uhr morgens, ich frage mich, weshalb ich aufgewacht bin.

Wie zur Antwort klingelt es an der Tür. Meine Aufmachung nicht beachtend, gehe ich in den Flur und öffne.

Natürlich ist es Mariya. Sie sieht ziemlich durcheinander aus.

»Mein Freund ist tot«, sagt sie nur.

»Ich weiß.«

Sie fragt gar nicht, woher, meint stattdessen: »Er wurde erschlagen …«

»Von dir.«

Sie weicht erschrocken zurück. »Nein!«

»Aber …«

»Nein!«

»Okay, schon gut.« Ich bitte sie herein; sie zögert kurz, geht an mir vorbei ins Wohnzimmer und setzt sich auf die Couch. Ich zünde ihr eine Zigarette an. Langsam scheint sie sich zu beruhigen. Natürlich weiß ich – glaube ich zu wissen – dass Mörder so reagieren können, wenn sie sich ihrer Tat bewusst werden, aber aus irgendeinem Grund kann ich nicht mehr glauben, dass sie es wirklich war. Ich habe sie doch gesehen. Andererseits habe ich auch gesehen, wie sie Stunden zuvor die Wohnung verließ. Und nicht zurückkehrte …

»Ich sitze ziemlich tief in der Scheiße«, meint sie irgendwann.

»Sind die Bullen hinter dir her?«

»Nein … nein, ich denke nicht … aber Imbsweiler, er denkt, dass ich …«

»Seine Leute sind hinter dir her.«

Sie nickt.

Ich stehe auf und gehe zum Telefon, nehme den Hörer ab, lege wieder auf. Ich gehe ins Bad. Das Wasser tut gut, meine Haut spannt. Als ich wieder zurückkomme, ist Mariya eingeschlafen. Sie ähnelt dem Hotelangestellten.

»Glaubst du«, frage ich Sitting Bull, »dass sie es war?«

»Nein.«

»Aber die Person sah aus wie Mariya«, sage ich.

»Ich glaube trotzdem nicht, dass sie es war.«

»Aber sie sah doch genauso aus.«

»Ja«, ist die einzige Antwort.

***

Ich bleibe wach, lausche nach Schritten oder anderen Geräuschen vor der Tür. Einen Balkon hat meine Wohnung glücklicherweise nicht. Ich kann nicht sagen, ob Imbsweiler weiß, wo ich wohne, aber mit Sicherheit wird er auf der Suche nach Mariya als Erstes an mich denken. Sitting Bull hat recht: Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden.

»Und Mariya?«, fragt Sitting Bull.

»Mariya werde ich mitnehmen.«

»Ehrlich gesagt«, meint Sitting Bull, »habe ich nichts anderes erwartet. Du weißt, dass uns das eine Menge Probleme bringt?«

»Ja.«

»Wenn Imbsweiler sie kriegen will, dann kriegt er sie. Und dann bist du auch dran.«

»Vielleicht.«

»Vielleicht?«, fragt Sitting Bull ungläubig.

»Vielleicht auch nicht.«

***

Ich hatte keine Lust auf langwierige Diskussionen mit Mariya, also habe ich sie einfach ins Auto gelegt, während sie noch geschlafen hat. Es ist bereits später Nachmittag, als sie aufwacht.

»Wo sind wir?«

»Ein paar Kilometer entfernt von dort, wo wir vorhin waren«, antworte ich.

»Und Imbsweiler? Hast du ihn gesehen?«

»Nein.«

»Das heißt, du glaubst mir?«, fragt sie erstaunt.

»Ich musste dir gar nicht glauben. Ich weiß, dass du gestern den ganzen Tag nicht in der Wohnung warst. Aber warum gehst du nicht einfach zu Imbsweiler und präsentierst ihm dein Alibi?«

»Er würde mir nicht glauben. Und falls doch, dann wüsste er, wo ich gestern war – und das wäre noch viel schlimmer.«

Ich frage nicht weiter nach, habe jetzt schon das Gefühl, zu viel zu wissen. Oder zu wenig, je nachdem, wie man es sieht.

Wir reden kaum. Manchmal weint Mariya.

Ich denke darüber nach, wie oft sich mein Leben schon dramatisch geändert hat, seit ich ins Krankenhaus gekommen bin. Das meiste davon habe ich ohnehin schon wieder vergessen. Es kommt mir so vor, als sei es gar nicht passiert, als würde ich mir alles in dem Moment ausdenken, in dem ich mich daran erinnere.

»Wohin fahren wir?«, fragt Mariya plötzlich.

»Imbsweiler weiß, dass ich auf dem Weg nach Norden war. Also fahren wir zurück nach Süden.«

»Nach Süden?«

»Zu einer Freundin.«

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