achtzig

Inzwischen ist es später Abend, neben mir liegen zwei leere Pappbecher und ein Pizzakarton. Mariya ist noch nicht zurück, auch sonst hat niemand das Haus betreten, von einer älteren Frau mit Einkaufstüten abgesehen. Und verlassen hat das Haus auch niemand, dabei habe ich mir extra einen Notizblock mitgenommen, damit ich jeden aufschreiben kann, der rein oder raus geht. Wahrscheinlich, denke ich mir, passiert heute ohnehin nichts mehr und ich muss morgen noch mal wiederkommen – oder ich übernachte gleich hier.

»Lang kann das so nicht weitergehen«, gibt Sitting Bull zu bedenken.

Als hätte er das Stichwort gegeben, scheint sich in Mariyas Wohnung etwas zu regen: urplötzlich springt Mariyas Freund auf und humpelt in den Flur. Kurz ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Aus einem anderen Winkel des Zimmers, den ich nicht einsehen kann, tritt eine Person. Ich halte den Atem an: sie sieht aus wie Mariya. Aber wie …?!

Sie nimmt einen Gegenstand in die Hand – eine Lampe vielleicht oder eine kleine Statue.

Genau in diesem Moment kommt Mariyas Freund ins Zimmer zurück. Die beiden sehen sich kurz an, regungslos, dann holt sie aus und schlägt ihm den Gegenstand an die Schläfe, er stürzt zu Boden und verschwindet aus meinem Blickfeld. Mariya – oder wen ich dafür halte – steigt über ihn hinweg in den Flur.

Sitting Bull schweigt, auch ich liege da wie erstarrt, bevor ich begreife, was soeben geschehen ist. Ich springe auf, vergesse meinen Müll und das Fernglas und hechte die Treppe hinunter. Auf der Straße angekommen, renne ich blindlings los und bleibe erst stehen, als ich meine Wohnung erreicht und die Tür hinter mir geschlossen habe.

Eine Weile – Augenblicke? Minuten? – verschnaufe ich, dann wird mir meine panische Reaktion mit einem Mal unbegreiflich. Hatte ich wirklich etwas anderes erwartet – oder nicht, ohne es mir einzugestehen, die ganze Zeit damit gerechnet? Überrascht es mich, dass es Mariya war? Ich hätte dort bleiben sollen, denke ich mir.

»Du steckst ohnehin schon viel zu tief drin«, meint Sitting Bull.

Was soll’s, denke ich mir. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich Zeuge eines solchen Vorfalls wurde. Und auch diesmal hatte ich nichts damit zu tun, ich meine, auch diesmal war ich weder derjenige, den die Schuld trifft, noch derjenige, der gestorben ist. Solange es so weitergeht, kann ich eigentlich recht zufrieden sein.

»Du redest Schwachsinn.«

Wie immer weiß es Sitting Bull natürlich besser. Was soll’s. Er hatte schon nach den Geschehnissen im Hotel die schlimmsten Befürchtungen, und auch da ist nichts weiter passiert.

»Vielleicht sollte ich zu Imbsweiler gehen«, sage ich.

»Er wird es früh genug erfahren. Und überhaupt: was könntest du ihm schon erzählen?«

Ich denke: wahrscheinlich sollte ich auf Sitting Bull hören. Auch mich beschleicht beim Gedanken an Imbsweiler ein mulmiges Gefühl.

»Wir sollten morgen so früh wie möglich fahren«, sagt Sitting Bull.

»Ja«, antworte ich.

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