neunundsiebzig

»Und was wirst du jetzt tun?«, fragt Sitting Bull, als ich früh am nächsten Morgen aufstehe und mich ausgehfertig mache.

»Ich werde Mariya im Auge behalten, das weißt du doch.«

»Du kannst ihr doch nicht die ganze Zeit hinterherlaufen.«

Ich lache. »Das muss ich doch auch gar nicht.«

»Nicht?«

»Nein«, sage ich. »Wenn ich Imbsweiler richtig verstanden habe, geht es ja nur um ihren Freund. Und wenn der immer noch nicht wieder laufen kann, reicht es ja, wenn ich einfach nur ihre Wohnung beobachte.«

»Ziemlich schlau«, sagt Sitting Bull.

»Nicht wahr?«

***

Wir machen uns also auf den Weg. Als Erstes gehe ich in die Innenstadt und kaufe mir kurzentschlossen das teuerste Fernglas, das ich finden kann. Dann versuche ich, Mariyas Wohnung wiederzufinden, was mir nach einiger Zeit tatsächlich gelingt. Ich gehe zum Gebäude auf der anderen Straßenseite, versuche vergeblich, die Haustür zu öffnen. Ich fahre einmal mit der Handfläche über das Klingelkarrée: ein Summen und die Tür wird entriegelt. Ohne mich lange im Eingang aufzuhalten, sprinte ich die Treppe nach oben, bis ich irgendwann auf dem Dach stehe. Ich gehe bis an den Dachsims – ein bisschen schwindlig ist mir schon dabei – lege mich auf den Boden und versuche, mit dem Fernglas das Fenster zu Mariyas Wohnung zu entdecken. Endlich sehe ich ihren Freund, er liegt auf dem Bett und scheint zu lesen. Sein linkes Bein steckt in einem Gips.

»Er sieht übermüdet aus – oder er ist krank«, meint Sitting Bull. Es wundert mich, dass er das ohne Fernglas sehen kann.

»Stimmt. Seine Haut ist ziemlich blass und er hat dunkle Ringe unter den Augen«, sage ich.

»Vielleicht ist er weniger krank als vielmehr besorgt, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Wahrscheinlich liegt es an Mariya.«

»Kein Wunder«, sagt Sitting Bull, »dass Imbsweiler jemanden gesucht hat, der nach ihm sieht.«

Noch keine Spur von ihr. Warum sie ihn in seinem Zustand einfach allein lässt, kann ich mir zwar nicht erklären – allerdings, wenn ich länger drüber nachdenke, kann ich sie zumindest verstehen. Ich würde es mit einem solchen Wrack von einem Menschen auch nicht lang aushalten – nicht einmal dann, wenn ich selbst die Schuld an seiner Situation trüge.

Mir fällt auf, dass ich weder etwas zu essen noch etwas zu trinken mitgenommen habe – und wenn es ganz blöd läuft, muss ich vielleicht bis heute Nacht hier liegen. Also nehme ich mein Handy und rufe bei einem Pizzaservice an. Es dauert eine Weile, bis ich ihnen erklärt habe, wohin sie liefern sollen.

Währenddessen lasse ich weder Mariyas Wohnung noch ihren Freund aus den Augen. Obwohl ich immer noch nicht weiß, weshalb ich das eigentlich tue. Ich meine: glaubt Imbsweiler etwa, es könnte ihm etwas zustoßen? Und falls ja – was sollte ich dann tun? Schließlich bin ich nicht die Polizei. Und wenn ich Imbsweiler richtig einschätze, dann hat er sicherlich genug Leute, die sich darum kümmern könnten. Warum also verlässt er sich auf einen wie mich, einen, dem er eigentlich nicht vertrauen kann?

»Vielleicht kennt er dich ja gut genug«, schlägt Sitting Bull vor.

»Aber woher?«

»Hm.«

»Und außerdem«, fahre ich fort, »wenn Imbsweiler mich kennen würde, dann wüsste er doch erst recht, dass er mir so etwas nicht überlassen sollte.«

Unser Gespräch wird abrupt unterbrochen, als sich die Tür des gegenüberliegenden Hauses öffnet und Mariya auf die Straße tritt. Ich staune über ihre Aufmachung – anscheinend hat sie etwas Wichtiges vor. Sie geht recht zügig, einmal sieht sie auf ihre Uhr. Kurz überlege ich, ob ich ihr folgen soll, erinnere mich aber gleich an meinen eigentlichen Plan und richte meinen Blick wieder auf die Wohnung.

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