achtundsiebzig

Als wir aus dem Haus treten, verabschiedet sich Dimitri, fügt hinzu, er habe noch etwas Wichtiges zu erledigen, und überhaupt sei er schon lange nicht mehr zu Hause gewesen. Ich nicke und wir reichen einander zum Abschied die Hände. Ich sehe ihm noch hinterher, bis er an der nächsten Biegung verschwindet. Dann sehe ich zum Himmel und stelle fest, dass noch früher Morgen ist. Die Zeit habe ich in Imbsweilers Wohnung völlig vergessen, die Fensterläden waren stets geschlossen, und ob es eine Uhr gab, weiß ich gar nicht mehr.

»Denkst du nicht«, meint Sitting Bull, »dass du dir mit Imbsweilers Auftrag zu viel aufgehalst hast?«

»Du redest ja endlich wieder!«

»Manchmal braucht man eben eine Auszeit – aber lenk nicht vom Thema ab: bist du sicher, dass du das Richtige tust?«

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber immerhin hat Imbsweiler auch versprochen, mir zu helfen.

»Du weißt doch gar nicht mehr, wer Imbsweiler ist.«

»Stimmt. Ist das wichtig?«

»Hm.«

***

Ich habe keine Ahnung, wo ich mit der Suche nach Mariya beginnen soll. Besteht mein ganzes Leben eigentlich nur daraus, Frauen zu suchen? Ich schüttele den Kopf.

»Du hast es dir selbst eingebrockt«, sagt Sitting Bull.

Jaja. Weiß ich doch auch. Aber was soll man machen? Jetzt ist es zu spät, um noch Nein zu sagen. Und außerdem: Es ist ja nicht so schlimm.

»Das kannst du doch jetzt noch gar nicht sagen.«

»Aber ich kann es mir einreden.«

***

Eigentlich, sage ich mir, tut es gut, endlich wieder eine Richtung zu haben, etwas, von dem man weiß, dass man es einfach nur zu tun hat – und gut ist’s. Selbst Sitting Bull hatte in letzter Zeit keine Ahnung mehr, was ich tun sollte. Und jetzt? Imbsweiler scheint okay zu sein und wenn ihm so viel an dieser Sache liegt, dann helfe ich ihm gern – auch wenn ich immer noch nicht weiß, woher ich ihn kenne. Es hatte irgendetwas zu tun mit dem Leben vor meinem Krankenhausaufenthalt. Hm. An diese Zeit kann ich mich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern.

»Und aus diesem Grund tun wir das alles«, meint Sitting Bull.

»Es ist schon komisch«, sage ich. »Manchmal behauptest du, es gäbe kein Vorher und kein Nachher – und dann wieder sagst du, ich solle versuchen, mich an irgendetwas zu erinnern, von dem ich nicht einmal weiß, ob ich mich daran erinnern können sollte.«

»Du willst nicht mehr?«

»Ich weiß gar nicht, was ich will.«

***

Es ist eine verrauchte kleine Bar, deren Fenster mit Holzbrettern vernagelt sind. Manchmal scheint künstliches Licht durch die Ritzen herein, ansonsten ist es nahezu völlig dunkel. Hier finde ich Mariya, dränge mich noch mehr in die Ecke, in der ich sitze, damit sie mich nicht sieht. Eine Zeit lang tanzt sie, mal mit wechselnden Männern, dann wieder allein. Ihren Freund kann ich nirgendwo entdecken; ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er nicht doch irgendwo in einer dunklen Ecke sitzt, allerdings ist er, glaube ich, kein Mensch für eine solche Bar. Was mich hierher gezogen hat, kann ich auch nicht sagen. Wahrscheinlich war es Schicksal oder etwas in der Art.

Mariya trinkt viel, wie sie es immer tut, meist lässt sie sich die Drinks von jemandem spendieren. Ich denke mir: sie weiß, wie man sich im Leben durchschlägt.

Ich warte darauf, dass sie geht, aber sie bleibt lange; einmal sehe ich auf die Uhr, es ist kurz vor Morgengrauen. Hier drin herrscht eine unglaubliche Hitze, aber draußen ist es wohl eisig kalt. Immerhin, denke ich, ist inzwischen Winter.

Endlich geht sie. Sie verabschiedet sich von niemanden, nimmt lediglich ihre Handtasche und verschwindet durch die Tür. Ich folge ihr, ohne vorher zu bezahlen. Entgegen meinen Erwartungen habe ich keine Mühe damit, ihr unbemerkt zu folgen. Sie scheint schon ziemlich betrunken, einmal glaube ich, sie habe sich verlaufen und wisse den Weg nicht mehr – dann aber läuft sie entschlossen weiter. Ab und zu bleibt sie stehen, um zu verschnaufen oder in den Himmel zu blicken, aber nicht ein Mal dreht sie sich um. Es ist für mich auch eine gute Gelegenheit, die Stadt besser kennenzulernen, der Weg zu Mariyas Wohnung ist ungewöhnlich weit, ich überlege, ob sie mich bemerkt hat und absichtlich in die Irre führt oder irgendwohin unterwegs ist; für beides scheint sie mir aber zu müde zu sein.

Schließlich bleibt sie vor einem mittelgroßen Wohnhaus stehen: ein etwas älteres Gebäude, aber immerhin mit Balkonen. Ich trete in eine dunkle Ecke, beobachte sie. Für heute allerdings genügt es mir zu wissen, wo sie wohnt, und ich mache mich auf den Rückweg.

Dieser Beitrag wurde unter feindfrau veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.