siebenundsiebzig

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe – vielleicht gar nicht – als Dimitri mich weckt.

Neben mir am Wohnzimmertisch steht ein Mann, den ich irgendwo schon einmal gesehen habe, ohne sagen zu können, wo. Ich frage mich, ob er Imbsweiler ist, glaube es aber nicht.

Als hätte er meine Gedanken erraten, sagt er sofort: »Imbsweiler will dich jetzt sprechen.«

Ich zögere einen Moment, Dimitri meint: »Geh nur mit. Hugo kannst du vertrauen.«

Hugo? Irgendwo habe ich diesen Namen schon einmal gehört. Allerdings wundert mich inzwischen nichts mehr.

Hugo öffnet die Tür und mir bleibt nichts anderes, als einzutreten. Weshalb sollte ich auch nervös sein. Selbst wenn ich hier nichts erreiche – meine Idee war es ohnehin nicht, da kann es mir doch egal sein, ob das hier gut geht oder nicht. Und Dimitri ist schließlich auch nichts passiert. Seltsamerweise beruhigen mich diese Gedanken tatsächlich.

Drinnen steht nur ein Schreibtisch, davor ein Stuhl, dahinter ein Stuhl, auf dem jemand sitzt, ich denke mir: das muss Imbsweiler sein. Er heißt mich auf dem anderen Stuhl Platz nehmen.

»Du kennst mich ja noch«, meint der Mann, den ich für Imbsweiler halte.

Ich lüge: »Ja.«

»Ich habe gehört, was passiert ist«, meint er. »Und ich denke, ich werde dir helfen, schließlich schulde ich dir noch etwas.«

Ich habe zwar keine Ahnung, wovon er redet, wage aber nicht zu widersprechen. »Warum haben Sie … warum hast du Dimitri das nicht gesagt?«

»Er hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen.«

Ich lache. »Nein, so etwas. Und er dachte schon, du wolltest uns nicht helfen.«

Auch Imbsweiler muss lachen, dann sagt er: »Wegen der Polizei musst du dir keine Sorgen machen …« Er zögert kurz. »Kann ich dich auch um einen Gefallen bitten?«

Ich überlege nicht lange. »Kein Problem.«

Imbsweiler bittet Hugo hinaus, der bis jetzt schweigend an der Tür gestanden hat, dann sagt er: »Ich habe gehört, dass du Mariya kennengelernt hast.«

Ich bin überrascht, wie viel Imbsweiler über mich zu wissen scheint. »Ja«, sage ich.

»Hör mal: ich kenne sie zwar nicht, aber ihr Freund ist ein guter Kunde von mir. Verstehst du, was ich meine?«

Tue ich nicht, aber ich nicke.

»Gut. Ich möchte nämlich, dass du diese Mariya im Auge behältst. Sie scheint mir verdächtig.«

»Verdächtig?«, frage ich.

»Genaueres kann ich dir nicht sagen», meint Imbsweiler. »Versuche einfach, sie weiter zu beobachten.«

»Ich weiß noch nicht einmal, wo sie ist.«

»Hier in der Stadt«, sagt Imbsweiler knapp. »Und, was ist? Hilfst du mir? Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Das habe ich dir doch bereits gesagt. Schließlich hast du mir ja auch geholfen.«

Er winkt ab.

Wir schweigen noch einen Moment, dann stehe ich auf, wir schütteln einander die Hände und ich gehe nach draußen. Dort grinsen mir Dimitri und Hugo entgegen. Anscheinend hat Hugo bereits Bericht erstattet. Ob sie auch an der Tür gelauscht haben, kann ich nicht sagen – ich weiß aber auch nicht, ob das allzu wichtig ist; ich glaube nicht.

Ich zünde mir eine Zigarette an, koste von den Erdnüssen, die in einer Schale auf dem Tisch stehen, schaue noch einen Augenblick ins Leere und sage dann zu Dimitri: »Wir sollten gehen.«

Anscheinend hat niemand etwas dagegen, und wir verlassen das halbdunkle Wohnzimmer, gehen im Treppenhaus nach unten – einmal bemerke ich, dass hinter einer Tür Menschen stehen und uns beobachten.

»Was hast du denen nur erzählt?«

»Gar nichts«, antworte ich.

»Aber … ich dachte, sie wollten uns helfen?«

»Ja.«

»Unglaublich.« Dimitri schüttelt den Kopf.

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