fünfundsiebzig

Kapitel neun_Haben wir denn nicht telefoniert, es bestand doch eine Verbindung zwischen uns.

Stempski und Frieder habe ich nicht mehr gesehen, bevor ich weitergefahren bin. Aus irgendeinem Grund bereue ich es, Frieder nicht gefragt zu haben, was für eine Verabredung er gestern hatte.

»Ist dir eigentlich schon aufgefallen«, fragt Sitting Bull, »dass Mariya und Maria sehr ähnliche Namen sind?«

Ich mache eine Vollbremsung. Warum ist mir das nicht aufgefallen?!

»Hältst du es für wichtig?«, fragt Sitting Bull.

Vielleicht nicht. Aber könnte es nicht manches erklären?

»Hm. Wahrscheinlich.« Auch Sitting Bull wirkt unsicher.

Ich kann es immer noch nicht glauben: Maria muss ich schon wieder völlig vergessen haben – anders kann ich es mir nicht erklären, dass nicht sämtliche Alarmglocken schrillten, als Mariya mir ihren Namen sagte. Unfassbar.

Wie lange ich schon nicht mehr an Maria gedacht habe. Sind wir überhaupt noch auf dem Weg zu ihr?

»Ja.«

Aber wir fahren doch lediglich in irgendeine Richtung – manchmal freuen wir uns, wenn wir in eine fremde Stadt kommen, und manchmal nicht, und manchmal treffen wir Menschen, die wir kennen, und manchmal nicht; aber eigentlich fahren wir lediglich in irgendeine Richtung und machen uns derart wenig Gedanken über diese Tatsache, dass wir sogar vergessen, was wir tun.

»Hast du das?«, fragt Sitting Bull.

»Was?«

»Es vergessen.«

»Ja.« Zumindest glaube ich das. Oder ich wünsche mir, ich könnte es einfach vergessen, oder ich wünsche mir, ich könnte es nie vergessen – ich weiß es nicht. Immerhin hat es mich erschreckt, gerade eben, als mir bewusst wurde, dass ich es schon fast vergessen habe. Und warum sage ich eigentlich ›fast‹?

Mit Mariya glaubte ich, etwas zu erleben, das mich verändern konnte. Ich habe mich geirrt. Oder ich werde irgendwann anders darüber denken. Auf einmal scheint es mir unglaublich fern, als sei ich es gar nicht gewesen, als sei ich niemals gewesen. War ich das je?

»Wie meinst du das?«

»Ich meine: habe ich je etwas getan, durch das ich in diesem Moment hätte sein können? Ich war doch immer nur dabei. Nicht einmal den Tod des Mannes im Hotel habe ich zu verschulden. Auch nicht den des Mannes in der Irrenanstalt. Und mit Mariya gebadet habe ich auch nicht. Ich war immer nur dabei. Und Nastassja und Dimitri – da war ich auch nur dabei; ich stand daneben. Wo war ich denn überhaupt, verdammt noch mal!?«

»Glaubst du, Mariya ist verloren?«

»Jeder Mensch ist verloren, sobald er geboren wird. Jemand hat ihn verloren. Darum geht’s doch eigentlich.«

»Ich meine: glaubst du, Mariya ist für dich verloren?«

Ich überlege. »Wir lebten nie in ein und derselben Welt.«

»Und Nastassja?«

Wieder zögere ich. »Nastassja hat Dimitri.«

»Du redest Schwachsinn.«

»Stimmt. Dimitri hat Nastassja.«

»Und warum?«, fragt Sitting Bull.

»Keine Ahnung.«

»Weil er sie haben wollte. Und warum hast du sie nicht?«

»Weil Dimitri sie hat.«

Sitting Bull scheint tatsächlich zornig zu werden. »Nein, du Schwachkopf – weil du sie nie haben wolltest!«

»Findest du es nicht ekelerregend, von Nastassja wie von einem Ding zu sprechen?«

»Das tue ich gar nicht. Ich rede nicht von besitzen, ich rede von haben«, meint Sitting Bull.

»Das ist dasselbe.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein«, wiederholt er, »ist es nicht. Eine Frage: Willst du Mariya besitzen?«

»Selbst wenn ich es könnte: Nein.«

»Willst du sie haben?«

»Es ist dasselbe!«

»Ist es nicht! Willst du?«

»Du …«

Inzwischen schreien wir beide. »Willst du?«

»…«

»Sag es schon.«

»Ja.«

Ich weiß nicht, wieso ich das gesagt habe – auch jetzt noch sträubt sich alles in mir dagegen. Aber vielleicht, denke ich mir, ist das eben so mit der Wahrheit: alles im Menschen wendet sich dagegen, sein Magen dreht sich um, wenn er mit der Wahrheit konfrontiert wird, und am Ende weiß er doch, dass es so und nicht anders ist. Der Mensch ist, denke ich weiter, und auch ich bin viel zu falsch, um sich je mit der Wahrheit arrangieren zu können.

»Und dennoch«, meint Sitting Bull, »hast du es soeben gesagt.«

Ich hatte noch nie ein Gespür für Zwischenmenschliches. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die Fantasie. Ich sehe es zwar, aber nur grob, und ich weiß nicht, was es bedeutet – ich meine, ich sehe, was passiert, aber nicht, wie. Möglicherweise ist genau das Dimitris Geheimnis: dass er so etwas weiß.

»Das Einzige«, sagt Sitting Bull, »das Dimitri hat, ist Macht.«

»Hat er die?«

»Ja.«

»Auch über mich?«

»Vor allem über dich.«

»Und Mariya?«

»Sie tut nur das, was du tust.«

»Ich liebe sie nicht«, sage ich.

»Eben. Sie liebt sich auch nicht.«

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