vierundsiebzig

Das Dorf, denke ich mir, ist so klein, dass es wahrscheinlich gar keinen Brunnen gibt, außer vielleicht dem, aus dem die Einwohner ihr Trinkwasser holen. Ich muss lachen, Mariya weiß nicht, warum; ich sage es ihr.

Wir finden auch gar keinen Brunnen, aber hinter einem windschiefen Schuppen steht eine alte – im Grunde gar nicht so alte – Badewanne, die anscheinend dazu dient, Regenwasser aufzufangen. Mariya ist begeistert. »Also werde ich baden.«

Von mir ist keine Rede, also halte ich mich zurück. Es wäre ohnehin unpassend. Mariya liegt bereits in der Wanne, ich denke mir, dass das Wasser doch eiskalt sein muss, es scheint ihr nichts auszumachen. Ich sammele ihre Klamotten vom Boden auf, damit sie nicht schmutzig werden, und lege sie auf ein Fensterbrett.

Mariya strahlt übers ganze Gesicht. »Es ist herrlich. Ich könnte ewig hier liegenbleiben.«

Ich stehe hinter ihr und massiere ihre Schultern. Sie scheint völlig entspannt. Nach ein paar Minuten mache ich mich auf die Suche nach etwas, womit sie sich abtrocknen kann. Als ich wiederkomme, steht sie bereits angezogen vor mir, die Haare klatschnass.

»Du wirst dich noch erkälten«, sage ich.

»Wir gehen«, lautet ihre knappe Antwort.

***

Wir betreten ihr Hotelzimmer: sie zuerst – aber von ihrem Freund keine Spur. Weggehen kann er doch nicht? Wir reden nicht sehr viel, Mariya holt sich noch einen Drink, ich habe keine Lust, mich im Zimmer umzusehen.

»Weißt du, was ich denke?«. fragt Mariya.

»Ja.«

»Ich meine es ernst.«

»Dann: nein.«

»Ich denke«, sagt sie, »dass, wenn ich heute einschlafe, ich dich morgen nicht mehr wiedersehe.«

»Hm … ja, wahrscheinlich nicht.«

»Und dann?«

»Was?«

»Nach morgen?«

»Keine Ahnung.«

»Hm. Ich bin müde.«

Sie stellt das halbvolle Glas irgendwo auf den Boden und ich bin mir sicher, dass sie es morgen umstoßen wird, wenn sie aufsteht. Dann legt sie sich ins Bett und ich lege mich auf die Couch. Im Badezimmer, stelle ich fest, brennt noch Licht; ich denke darüber nach, was genau zwischen mir und Mariya steht, denke mir, es ist eine unfassbare Distanz.

Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich noch, wie drüben im Bett Mariya masturbiert.

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