einundachtzig

Es war ein überraschend ruhiger Schlaf, in den ich schon nach wenigen Minuten gefallen sein muss. Ich schaue auf mein Handy, drei Uhr morgens, ich frage mich, weshalb ich aufgewacht bin.

Wie zur Antwort klingelt es an der Tür. Meine Aufmachung nicht beachtend, gehe ich in den Flur und öffne.

Natürlich ist es Mariya. Sie sieht ziemlich durcheinander aus.

»Mein Freund ist tot«, sagt sie nur.

»Ich weiß.«

Sie fragt gar nicht, woher, meint stattdessen: »Er wurde erschlagen …«

»Von dir.«

Sie weicht erschrocken zurück. »Nein!«

»Aber …«

»Nein!«

»Okay, schon gut.« Ich bitte sie herein; sie zögert kurz, geht an mir vorbei ins Wohnzimmer und setzt sich auf die Couch. Ich zünde ihr eine Zigarette an. Langsam scheint sie sich zu beruhigen. Natürlich weiß ich – glaube ich zu wissen – dass Mörder so reagieren können, wenn sie sich ihrer Tat bewusst werden, aber aus irgendeinem Grund kann ich nicht mehr glauben, dass sie es wirklich war. Ich habe sie doch gesehen. Andererseits habe ich auch gesehen, wie sie Stunden zuvor die Wohnung verließ. Und nicht zurückkehrte …

»Ich sitze ziemlich tief in der Scheiße«, meint sie irgendwann.

»Sind die Bullen hinter dir her?«

»Nein … nein, ich denke nicht … aber Imbsweiler, er denkt, dass ich …«

»Seine Leute sind hinter dir her.«

Sie nickt.

Ich stehe auf und gehe zum Telefon, nehme den Hörer ab, lege wieder auf. Ich gehe ins Bad. Das Wasser tut gut, meine Haut spannt. Als ich wieder zurückkomme, ist Mariya eingeschlafen. Sie ähnelt dem Hotelangestellten.

»Glaubst du«, frage ich Sitting Bull, »dass sie es war?«

»Nein.«

»Aber die Person sah aus wie Mariya«, sage ich.

»Ich glaube trotzdem nicht, dass sie es war.«

»Aber sie sah doch genauso aus.«

»Ja«, ist die einzige Antwort.

***

Ich bleibe wach, lausche nach Schritten oder anderen Geräuschen vor der Tür. Einen Balkon hat meine Wohnung glücklicherweise nicht. Ich kann nicht sagen, ob Imbsweiler weiß, wo ich wohne, aber mit Sicherheit wird er auf der Suche nach Mariya als Erstes an mich denken. Sitting Bull hat recht: Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden.

»Und Mariya?«, fragt Sitting Bull.

»Mariya werde ich mitnehmen.«

»Ehrlich gesagt«, meint Sitting Bull, »habe ich nichts anderes erwartet. Du weißt, dass uns das eine Menge Probleme bringt?«

»Ja.«

»Wenn Imbsweiler sie kriegen will, dann kriegt er sie. Und dann bist du auch dran.«

»Vielleicht.«

»Vielleicht?«, fragt Sitting Bull ungläubig.

»Vielleicht auch nicht.«

***

Ich hatte keine Lust auf langwierige Diskussionen mit Mariya, also habe ich sie einfach ins Auto gelegt, während sie noch geschlafen hat. Es ist bereits später Nachmittag, als sie aufwacht.

»Wo sind wir?«

»Ein paar Kilometer entfernt von dort, wo wir vorhin waren«, antworte ich.

»Und Imbsweiler? Hast du ihn gesehen?«

»Nein.«

»Das heißt, du glaubst mir?«, fragt sie erstaunt.

»Ich musste dir gar nicht glauben. Ich weiß, dass du gestern den ganzen Tag nicht in der Wohnung warst. Aber warum gehst du nicht einfach zu Imbsweiler und präsentierst ihm dein Alibi?«

»Er würde mir nicht glauben. Und falls doch, dann wüsste er, wo ich gestern war – und das wäre noch viel schlimmer.«

Ich frage nicht weiter nach, habe jetzt schon das Gefühl, zu viel zu wissen. Oder zu wenig, je nachdem, wie man es sieht.

Wir reden kaum. Manchmal weint Mariya.

Ich denke darüber nach, wie oft sich mein Leben schon dramatisch geändert hat, seit ich ins Krankenhaus gekommen bin. Das meiste davon habe ich ohnehin schon wieder vergessen. Es kommt mir so vor, als sei es gar nicht passiert, als würde ich mir alles in dem Moment ausdenken, in dem ich mich daran erinnere.

»Wohin fahren wir?«, fragt Mariya plötzlich.

»Imbsweiler weiß, dass ich auf dem Weg nach Norden war. Also fahren wir zurück nach Süden.«

»Nach Süden?«

»Zu einer Freundin.«

achtzig

Inzwischen ist es später Abend, neben mir liegen zwei leere Pappbecher und ein Pizzakarton. Mariya ist noch nicht zurück, auch sonst hat niemand das Haus betreten, von einer älteren Frau mit Einkaufstüten abgesehen. Und verlassen hat das Haus auch niemand, dabei habe ich mir extra einen Notizblock mitgenommen, damit ich jeden aufschreiben kann, der rein oder raus geht. Wahrscheinlich, denke ich mir, passiert heute ohnehin nichts mehr und ich muss morgen noch mal wiederkommen – oder ich übernachte gleich hier.

»Lang kann das so nicht weitergehen«, gibt Sitting Bull zu bedenken.

Als hätte er das Stichwort gegeben, scheint sich in Mariyas Wohnung etwas zu regen: urplötzlich springt Mariyas Freund auf und humpelt in den Flur. Kurz ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Aus einem anderen Winkel des Zimmers, den ich nicht einsehen kann, tritt eine Person. Ich halte den Atem an: sie sieht aus wie Mariya. Aber wie …?!

Sie nimmt einen Gegenstand in die Hand – eine Lampe vielleicht oder eine kleine Statue.

Genau in diesem Moment kommt Mariyas Freund ins Zimmer zurück. Die beiden sehen sich kurz an, regungslos, dann holt sie aus und schlägt ihm den Gegenstand an die Schläfe, er stürzt zu Boden und verschwindet aus meinem Blickfeld. Mariya – oder wen ich dafür halte – steigt über ihn hinweg in den Flur.

Sitting Bull schweigt, auch ich liege da wie erstarrt, bevor ich begreife, was soeben geschehen ist. Ich springe auf, vergesse meinen Müll und das Fernglas und hechte die Treppe hinunter. Auf der Straße angekommen, renne ich blindlings los und bleibe erst stehen, als ich meine Wohnung erreicht und die Tür hinter mir geschlossen habe.

Eine Weile – Augenblicke? Minuten? – verschnaufe ich, dann wird mir meine panische Reaktion mit einem Mal unbegreiflich. Hatte ich wirklich etwas anderes erwartet – oder nicht, ohne es mir einzugestehen, die ganze Zeit damit gerechnet? Überrascht es mich, dass es Mariya war? Ich hätte dort bleiben sollen, denke ich mir.

»Du steckst ohnehin schon viel zu tief drin«, meint Sitting Bull.

Was soll’s, denke ich mir. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich Zeuge eines solchen Vorfalls wurde. Und auch diesmal hatte ich nichts damit zu tun, ich meine, auch diesmal war ich weder derjenige, den die Schuld trifft, noch derjenige, der gestorben ist. Solange es so weitergeht, kann ich eigentlich recht zufrieden sein.

»Du redest Schwachsinn.«

Wie immer weiß es Sitting Bull natürlich besser. Was soll’s. Er hatte schon nach den Geschehnissen im Hotel die schlimmsten Befürchtungen, und auch da ist nichts weiter passiert.

»Vielleicht sollte ich zu Imbsweiler gehen«, sage ich.

»Er wird es früh genug erfahren. Und überhaupt: was könntest du ihm schon erzählen?«

Ich denke: wahrscheinlich sollte ich auf Sitting Bull hören. Auch mich beschleicht beim Gedanken an Imbsweiler ein mulmiges Gefühl.

»Wir sollten morgen so früh wie möglich fahren«, sagt Sitting Bull.

»Ja«, antworte ich.

neunundsiebzig

»Und was wirst du jetzt tun?«, fragt Sitting Bull, als ich früh am nächsten Morgen aufstehe und mich ausgehfertig mache.

»Ich werde Mariya im Auge behalten, das weißt du doch.«

»Du kannst ihr doch nicht die ganze Zeit hinterherlaufen.«

Ich lache. »Das muss ich doch auch gar nicht.«

»Nicht?«

»Nein«, sage ich. »Wenn ich Imbsweiler richtig verstanden habe, geht es ja nur um ihren Freund. Und wenn der immer noch nicht wieder laufen kann, reicht es ja, wenn ich einfach nur ihre Wohnung beobachte.«

»Ziemlich schlau«, sagt Sitting Bull.

»Nicht wahr?«

***

Wir machen uns also auf den Weg. Als Erstes gehe ich in die Innenstadt und kaufe mir kurzentschlossen das teuerste Fernglas, das ich finden kann. Dann versuche ich, Mariyas Wohnung wiederzufinden, was mir nach einiger Zeit tatsächlich gelingt. Ich gehe zum Gebäude auf der anderen Straßenseite, versuche vergeblich, die Haustür zu öffnen. Ich fahre einmal mit der Handfläche über das Klingelkarrée: ein Summen und die Tür wird entriegelt. Ohne mich lange im Eingang aufzuhalten, sprinte ich die Treppe nach oben, bis ich irgendwann auf dem Dach stehe. Ich gehe bis an den Dachsims – ein bisschen schwindlig ist mir schon dabei – lege mich auf den Boden und versuche, mit dem Fernglas das Fenster zu Mariyas Wohnung zu entdecken. Endlich sehe ich ihren Freund, er liegt auf dem Bett und scheint zu lesen. Sein linkes Bein steckt in einem Gips.

»Er sieht übermüdet aus – oder er ist krank«, meint Sitting Bull. Es wundert mich, dass er das ohne Fernglas sehen kann.

»Stimmt. Seine Haut ist ziemlich blass und er hat dunkle Ringe unter den Augen«, sage ich.

»Vielleicht ist er weniger krank als vielmehr besorgt, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Wahrscheinlich liegt es an Mariya.«

»Kein Wunder«, sagt Sitting Bull, »dass Imbsweiler jemanden gesucht hat, der nach ihm sieht.«

Noch keine Spur von ihr. Warum sie ihn in seinem Zustand einfach allein lässt, kann ich mir zwar nicht erklären – allerdings, wenn ich länger drüber nachdenke, kann ich sie zumindest verstehen. Ich würde es mit einem solchen Wrack von einem Menschen auch nicht lang aushalten – nicht einmal dann, wenn ich selbst die Schuld an seiner Situation trüge.

Mir fällt auf, dass ich weder etwas zu essen noch etwas zu trinken mitgenommen habe – und wenn es ganz blöd läuft, muss ich vielleicht bis heute Nacht hier liegen. Also nehme ich mein Handy und rufe bei einem Pizzaservice an. Es dauert eine Weile, bis ich ihnen erklärt habe, wohin sie liefern sollen.

Währenddessen lasse ich weder Mariyas Wohnung noch ihren Freund aus den Augen. Obwohl ich immer noch nicht weiß, weshalb ich das eigentlich tue. Ich meine: glaubt Imbsweiler etwa, es könnte ihm etwas zustoßen? Und falls ja – was sollte ich dann tun? Schließlich bin ich nicht die Polizei. Und wenn ich Imbsweiler richtig einschätze, dann hat er sicherlich genug Leute, die sich darum kümmern könnten. Warum also verlässt er sich auf einen wie mich, einen, dem er eigentlich nicht vertrauen kann?

»Vielleicht kennt er dich ja gut genug«, schlägt Sitting Bull vor.

»Aber woher?«

»Hm.«

»Und außerdem«, fahre ich fort, »wenn Imbsweiler mich kennen würde, dann wüsste er doch erst recht, dass er mir so etwas nicht überlassen sollte.«

Unser Gespräch wird abrupt unterbrochen, als sich die Tür des gegenüberliegenden Hauses öffnet und Mariya auf die Straße tritt. Ich staune über ihre Aufmachung – anscheinend hat sie etwas Wichtiges vor. Sie geht recht zügig, einmal sieht sie auf ihre Uhr. Kurz überlege ich, ob ich ihr folgen soll, erinnere mich aber gleich an meinen eigentlichen Plan und richte meinen Blick wieder auf die Wohnung.

achtundsiebzig

Als wir aus dem Haus treten, verabschiedet sich Dimitri, fügt hinzu, er habe noch etwas Wichtiges zu erledigen, und überhaupt sei er schon lange nicht mehr zu Hause gewesen. Ich nicke und wir reichen einander zum Abschied die Hände. Ich sehe ihm noch hinterher, bis er an der nächsten Biegung verschwindet. Dann sehe ich zum Himmel und stelle fest, dass noch früher Morgen ist. Die Zeit habe ich in Imbsweilers Wohnung völlig vergessen, die Fensterläden waren stets geschlossen, und ob es eine Uhr gab, weiß ich gar nicht mehr.

»Denkst du nicht«, meint Sitting Bull, »dass du dir mit Imbsweilers Auftrag zu viel aufgehalst hast?«

»Du redest ja endlich wieder!«

»Manchmal braucht man eben eine Auszeit – aber lenk nicht vom Thema ab: bist du sicher, dass du das Richtige tust?«

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber immerhin hat Imbsweiler auch versprochen, mir zu helfen.

»Du weißt doch gar nicht mehr, wer Imbsweiler ist.«

»Stimmt. Ist das wichtig?«

»Hm.«

***

Ich habe keine Ahnung, wo ich mit der Suche nach Mariya beginnen soll. Besteht mein ganzes Leben eigentlich nur daraus, Frauen zu suchen? Ich schüttele den Kopf.

»Du hast es dir selbst eingebrockt«, sagt Sitting Bull.

Jaja. Weiß ich doch auch. Aber was soll man machen? Jetzt ist es zu spät, um noch Nein zu sagen. Und außerdem: Es ist ja nicht so schlimm.

»Das kannst du doch jetzt noch gar nicht sagen.«

»Aber ich kann es mir einreden.«

***

Eigentlich, sage ich mir, tut es gut, endlich wieder eine Richtung zu haben, etwas, von dem man weiß, dass man es einfach nur zu tun hat – und gut ist’s. Selbst Sitting Bull hatte in letzter Zeit keine Ahnung mehr, was ich tun sollte. Und jetzt? Imbsweiler scheint okay zu sein und wenn ihm so viel an dieser Sache liegt, dann helfe ich ihm gern – auch wenn ich immer noch nicht weiß, woher ich ihn kenne. Es hatte irgendetwas zu tun mit dem Leben vor meinem Krankenhausaufenthalt. Hm. An diese Zeit kann ich mich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern.

»Und aus diesem Grund tun wir das alles«, meint Sitting Bull.

»Es ist schon komisch«, sage ich. »Manchmal behauptest du, es gäbe kein Vorher und kein Nachher – und dann wieder sagst du, ich solle versuchen, mich an irgendetwas zu erinnern, von dem ich nicht einmal weiß, ob ich mich daran erinnern können sollte.«

»Du willst nicht mehr?«

»Ich weiß gar nicht, was ich will.«

***

Es ist eine verrauchte kleine Bar, deren Fenster mit Holzbrettern vernagelt sind. Manchmal scheint künstliches Licht durch die Ritzen herein, ansonsten ist es nahezu völlig dunkel. Hier finde ich Mariya, dränge mich noch mehr in die Ecke, in der ich sitze, damit sie mich nicht sieht. Eine Zeit lang tanzt sie, mal mit wechselnden Männern, dann wieder allein. Ihren Freund kann ich nirgendwo entdecken; ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er nicht doch irgendwo in einer dunklen Ecke sitzt, allerdings ist er, glaube ich, kein Mensch für eine solche Bar. Was mich hierher gezogen hat, kann ich auch nicht sagen. Wahrscheinlich war es Schicksal oder etwas in der Art.

Mariya trinkt viel, wie sie es immer tut, meist lässt sie sich die Drinks von jemandem spendieren. Ich denke mir: sie weiß, wie man sich im Leben durchschlägt.

Ich warte darauf, dass sie geht, aber sie bleibt lange; einmal sehe ich auf die Uhr, es ist kurz vor Morgengrauen. Hier drin herrscht eine unglaubliche Hitze, aber draußen ist es wohl eisig kalt. Immerhin, denke ich, ist inzwischen Winter.

Endlich geht sie. Sie verabschiedet sich von niemanden, nimmt lediglich ihre Handtasche und verschwindet durch die Tür. Ich folge ihr, ohne vorher zu bezahlen. Entgegen meinen Erwartungen habe ich keine Mühe damit, ihr unbemerkt zu folgen. Sie scheint schon ziemlich betrunken, einmal glaube ich, sie habe sich verlaufen und wisse den Weg nicht mehr – dann aber läuft sie entschlossen weiter. Ab und zu bleibt sie stehen, um zu verschnaufen oder in den Himmel zu blicken, aber nicht ein Mal dreht sie sich um. Es ist für mich auch eine gute Gelegenheit, die Stadt besser kennenzulernen, der Weg zu Mariyas Wohnung ist ungewöhnlich weit, ich überlege, ob sie mich bemerkt hat und absichtlich in die Irre führt oder irgendwohin unterwegs ist; für beides scheint sie mir aber zu müde zu sein.

Schließlich bleibt sie vor einem mittelgroßen Wohnhaus stehen: ein etwas älteres Gebäude, aber immerhin mit Balkonen. Ich trete in eine dunkle Ecke, beobachte sie. Für heute allerdings genügt es mir zu wissen, wo sie wohnt, und ich mache mich auf den Rückweg.

siebenundsiebzig

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe – vielleicht gar nicht – als Dimitri mich weckt.

Neben mir am Wohnzimmertisch steht ein Mann, den ich irgendwo schon einmal gesehen habe, ohne sagen zu können, wo. Ich frage mich, ob er Imbsweiler ist, glaube es aber nicht.

Als hätte er meine Gedanken erraten, sagt er sofort: »Imbsweiler will dich jetzt sprechen.«

Ich zögere einen Moment, Dimitri meint: »Geh nur mit. Hugo kannst du vertrauen.«

Hugo? Irgendwo habe ich diesen Namen schon einmal gehört. Allerdings wundert mich inzwischen nichts mehr.

Hugo öffnet die Tür und mir bleibt nichts anderes, als einzutreten. Weshalb sollte ich auch nervös sein. Selbst wenn ich hier nichts erreiche – meine Idee war es ohnehin nicht, da kann es mir doch egal sein, ob das hier gut geht oder nicht. Und Dimitri ist schließlich auch nichts passiert. Seltsamerweise beruhigen mich diese Gedanken tatsächlich.

Drinnen steht nur ein Schreibtisch, davor ein Stuhl, dahinter ein Stuhl, auf dem jemand sitzt, ich denke mir: das muss Imbsweiler sein. Er heißt mich auf dem anderen Stuhl Platz nehmen.

»Du kennst mich ja noch«, meint der Mann, den ich für Imbsweiler halte.

Ich lüge: »Ja.«

»Ich habe gehört, was passiert ist«, meint er. »Und ich denke, ich werde dir helfen, schließlich schulde ich dir noch etwas.«

Ich habe zwar keine Ahnung, wovon er redet, wage aber nicht zu widersprechen. »Warum haben Sie … warum hast du Dimitri das nicht gesagt?«

»Er hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen.«

Ich lache. »Nein, so etwas. Und er dachte schon, du wolltest uns nicht helfen.«

Auch Imbsweiler muss lachen, dann sagt er: »Wegen der Polizei musst du dir keine Sorgen machen …« Er zögert kurz. »Kann ich dich auch um einen Gefallen bitten?«

Ich überlege nicht lange. »Kein Problem.«

Imbsweiler bittet Hugo hinaus, der bis jetzt schweigend an der Tür gestanden hat, dann sagt er: »Ich habe gehört, dass du Mariya kennengelernt hast.«

Ich bin überrascht, wie viel Imbsweiler über mich zu wissen scheint. »Ja«, sage ich.

»Hör mal: ich kenne sie zwar nicht, aber ihr Freund ist ein guter Kunde von mir. Verstehst du, was ich meine?«

Tue ich nicht, aber ich nicke.

»Gut. Ich möchte nämlich, dass du diese Mariya im Auge behältst. Sie scheint mir verdächtig.«

»Verdächtig?«, frage ich.

»Genaueres kann ich dir nicht sagen», meint Imbsweiler. »Versuche einfach, sie weiter zu beobachten.«

»Ich weiß noch nicht einmal, wo sie ist.«

»Hier in der Stadt«, sagt Imbsweiler knapp. »Und, was ist? Hilfst du mir? Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Das habe ich dir doch bereits gesagt. Schließlich hast du mir ja auch geholfen.«

Er winkt ab.

Wir schweigen noch einen Moment, dann stehe ich auf, wir schütteln einander die Hände und ich gehe nach draußen. Dort grinsen mir Dimitri und Hugo entgegen. Anscheinend hat Hugo bereits Bericht erstattet. Ob sie auch an der Tür gelauscht haben, kann ich nicht sagen – ich weiß aber auch nicht, ob das allzu wichtig ist; ich glaube nicht.

Ich zünde mir eine Zigarette an, koste von den Erdnüssen, die in einer Schale auf dem Tisch stehen, schaue noch einen Augenblick ins Leere und sage dann zu Dimitri: »Wir sollten gehen.«

Anscheinend hat niemand etwas dagegen, und wir verlassen das halbdunkle Wohnzimmer, gehen im Treppenhaus nach unten – einmal bemerke ich, dass hinter einer Tür Menschen stehen und uns beobachten.

»Was hast du denen nur erzählt?«

»Gar nichts«, antworte ich.

»Aber … ich dachte, sie wollten uns helfen?«

»Ja.«

»Unglaublich.« Dimitri schüttelt den Kopf.

sechsundsiebzig

Ich starre den Aschenbecher an. Einige Zeit später drücke ich meine Zigarette aus, sie glimmt noch ein wenig, qualmt.

Dimiri kommt durch die Tür herein, die er gewissenhaft hinter sich schließt; aus dem Raum dahinter drang Musik, ganz ganz leise.

»Arschlöcher«, sagt er.

»Sie haben dich abgewiesen?«

»Nicht einmal zugehört haben sie mir. Eins kann ich dir sagen, dieser Imbsweiler …«

Ich lege den Finger an die Lippen. »Sicher können sie uns hören.«

»Mir egal«, brummt Dimitri trotzig. »Mir doch grad egal.«

Ich schaue wieder auf den Aschenbecher, meine Zigarette hat mittlerweile aufgehört zu qualmen.

»Ich hoffe mal«, sagt Dimitri, »dass du mehr Glück hast.«

»Ich weiß doch nicht einmal, was ich ihnen überhaupt erzählen soll«, meine ich nachdenklich.

»Macht, glaube ich, auch keinen Unterschied.«

»Vielleicht nicht.«

Dimitri geht in die Küche, anscheinend will er sich etwas zu essen holen. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Ich fühle mich recht nervös.

Und warum ich mich überhaupt auf diese Sache eingelassen habe, weiß ich auch nicht mehr. Wahrscheinlich deshalb, weil Nastassja mir dazu geraten und Dimitri sich bereiterklärt hat, mir dabei zu helfen. Nicht dass er allzu viel Erfolg damit gehabt hat.

Letzten Endes weiß ich nicht einmal, worum es hier geht. Den Namen Imbsweiler habe ich zwar irgendwo schon mal gehört, aber an den Kontext kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, auch nicht daran, ob ich diesen Imbsweiler persönlich kenne. Gut möglich, denke ich mir, dass ich ihn einfach vergessen habe. Dann könnte es aber gut sein, dass er mich noch kennt – und ich habe keine Ahnung, ob er mich in guter oder schlechter Erinnerung hat. Wahrscheinlich, so wie ich mich kenne, in schlechter.

»Ich habe auch keine Ahnung, was wir noch machen sollen«, ruft Dimitri aus der Küche.

Ich denke mir: Wir könnten einfach gehen. Mir ist es ohnehin egal, ob die Polizei hinter mir her ist oder nicht. Nastassja allerdings scheint sich Sorgen um mich zu machen; weshalb sonst hätte sie mich hierher schicken sollen.

»Wahrscheinlich sollten wir einfach abwarten, bis sie dich reinlassen«, meint Dimitri. Ich zünde mir noch eine Zigarette an, ich werde von Minute zu Minute nervöser.

Dimitri kommt wieder zurück. »Du rauchst wieder?«

Ich überlege kurz, dann sage ich: »Nein.«

»Ach so.«

Dimitri setzt sich in den Sessel, er hat sich ein Brot aus der Küche mitgenommen. Geräuschvoll kaut er. »Hast du dir schon überlegt«, fragt er mit vollem Mund, »wie wir sie überzeugen sollen?«

»Keine Ahnung, hab ich doch schon gesagt. Außerdem weiß ich doch nicht einmal, ob ich überhaupt irgendwas sagen muss.«

»Ich hab mir den Mund fusselig reden müssen.«

»Und was genau hast du ihnen erzählt?«, frage ich.

»Hm. Weiß ich auch nicht mehr.«

Und der will mir helfen. Er scheint noch sehr viel weniger als ich zu wissen, worum es hier geht. Sitting Bull schweigt auch, seit wir in dieser Wohnung sitzen, es dürfte ungefähr eine Woche sein, die wir bereits warten. Aus dem Raum, der hinter der Tür liegt, haben wir nie etwas gehört – bis gestern, als Dimitri hineingerufen wurde.

Anscheinend hat er nichts erreicht, obwohl er fast einen Tag dort drin gewesen ist.

»Du solltest noch ein wenig schlafen«, meint er.

Ich liege ohnehin schon auf der Couch; nehme mir noch eine Decke, Dimitri fischt meine angerauchte Zigarette aus dem Aschenbecher.

fünfundsiebzig

Kapitel neun_Haben wir denn nicht telefoniert, es bestand doch eine Verbindung zwischen uns.

Stempski und Frieder habe ich nicht mehr gesehen, bevor ich weitergefahren bin. Aus irgendeinem Grund bereue ich es, Frieder nicht gefragt zu haben, was für eine Verabredung er gestern hatte.

»Ist dir eigentlich schon aufgefallen«, fragt Sitting Bull, »dass Mariya und Maria sehr ähnliche Namen sind?«

Ich mache eine Vollbremsung. Warum ist mir das nicht aufgefallen?!

»Hältst du es für wichtig?«, fragt Sitting Bull.

Vielleicht nicht. Aber könnte es nicht manches erklären?

»Hm. Wahrscheinlich.« Auch Sitting Bull wirkt unsicher.

Ich kann es immer noch nicht glauben: Maria muss ich schon wieder völlig vergessen haben – anders kann ich es mir nicht erklären, dass nicht sämtliche Alarmglocken schrillten, als Mariya mir ihren Namen sagte. Unfassbar.

Wie lange ich schon nicht mehr an Maria gedacht habe. Sind wir überhaupt noch auf dem Weg zu ihr?

»Ja.«

Aber wir fahren doch lediglich in irgendeine Richtung – manchmal freuen wir uns, wenn wir in eine fremde Stadt kommen, und manchmal nicht, und manchmal treffen wir Menschen, die wir kennen, und manchmal nicht; aber eigentlich fahren wir lediglich in irgendeine Richtung und machen uns derart wenig Gedanken über diese Tatsache, dass wir sogar vergessen, was wir tun.

»Hast du das?«, fragt Sitting Bull.

»Was?«

»Es vergessen.«

»Ja.« Zumindest glaube ich das. Oder ich wünsche mir, ich könnte es einfach vergessen, oder ich wünsche mir, ich könnte es nie vergessen – ich weiß es nicht. Immerhin hat es mich erschreckt, gerade eben, als mir bewusst wurde, dass ich es schon fast vergessen habe. Und warum sage ich eigentlich ›fast‹?

Mit Mariya glaubte ich, etwas zu erleben, das mich verändern konnte. Ich habe mich geirrt. Oder ich werde irgendwann anders darüber denken. Auf einmal scheint es mir unglaublich fern, als sei ich es gar nicht gewesen, als sei ich niemals gewesen. War ich das je?

»Wie meinst du das?«

»Ich meine: habe ich je etwas getan, durch das ich in diesem Moment hätte sein können? Ich war doch immer nur dabei. Nicht einmal den Tod des Mannes im Hotel habe ich zu verschulden. Auch nicht den des Mannes in der Irrenanstalt. Und mit Mariya gebadet habe ich auch nicht. Ich war immer nur dabei. Und Nastassja und Dimitri – da war ich auch nur dabei; ich stand daneben. Wo war ich denn überhaupt, verdammt noch mal!?«

»Glaubst du, Mariya ist verloren?«

»Jeder Mensch ist verloren, sobald er geboren wird. Jemand hat ihn verloren. Darum geht’s doch eigentlich.«

»Ich meine: glaubst du, Mariya ist für dich verloren?«

Ich überlege. »Wir lebten nie in ein und derselben Welt.«

»Und Nastassja?«

Wieder zögere ich. »Nastassja hat Dimitri.«

»Du redest Schwachsinn.«

»Stimmt. Dimitri hat Nastassja.«

»Und warum?«, fragt Sitting Bull.

»Keine Ahnung.«

»Weil er sie haben wollte. Und warum hast du sie nicht?«

»Weil Dimitri sie hat.«

Sitting Bull scheint tatsächlich zornig zu werden. »Nein, du Schwachkopf – weil du sie nie haben wolltest!«

»Findest du es nicht ekelerregend, von Nastassja wie von einem Ding zu sprechen?«

»Das tue ich gar nicht. Ich rede nicht von besitzen, ich rede von haben«, meint Sitting Bull.

»Das ist dasselbe.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein«, wiederholt er, »ist es nicht. Eine Frage: Willst du Mariya besitzen?«

»Selbst wenn ich es könnte: Nein.«

»Willst du sie haben?«

»Es ist dasselbe!«

»Ist es nicht! Willst du?«

»Du …«

Inzwischen schreien wir beide. »Willst du?«

»…«

»Sag es schon.«

»Ja.«

Ich weiß nicht, wieso ich das gesagt habe – auch jetzt noch sträubt sich alles in mir dagegen. Aber vielleicht, denke ich mir, ist das eben so mit der Wahrheit: alles im Menschen wendet sich dagegen, sein Magen dreht sich um, wenn er mit der Wahrheit konfrontiert wird, und am Ende weiß er doch, dass es so und nicht anders ist. Der Mensch ist, denke ich weiter, und auch ich bin viel zu falsch, um sich je mit der Wahrheit arrangieren zu können.

»Und dennoch«, meint Sitting Bull, »hast du es soeben gesagt.«

Ich hatte noch nie ein Gespür für Zwischenmenschliches. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die Fantasie. Ich sehe es zwar, aber nur grob, und ich weiß nicht, was es bedeutet – ich meine, ich sehe, was passiert, aber nicht, wie. Möglicherweise ist genau das Dimitris Geheimnis: dass er so etwas weiß.

»Das Einzige«, sagt Sitting Bull, »das Dimitri hat, ist Macht.«

»Hat er die?«

»Ja.«

»Auch über mich?«

»Vor allem über dich.«

»Und Mariya?«

»Sie tut nur das, was du tust.«

»Ich liebe sie nicht«, sage ich.

»Eben. Sie liebt sich auch nicht.«

vierundsiebzig

Das Dorf, denke ich mir, ist so klein, dass es wahrscheinlich gar keinen Brunnen gibt, außer vielleicht dem, aus dem die Einwohner ihr Trinkwasser holen. Ich muss lachen, Mariya weiß nicht, warum; ich sage es ihr.

Wir finden auch gar keinen Brunnen, aber hinter einem windschiefen Schuppen steht eine alte – im Grunde gar nicht so alte – Badewanne, die anscheinend dazu dient, Regenwasser aufzufangen. Mariya ist begeistert. »Also werde ich baden.«

Von mir ist keine Rede, also halte ich mich zurück. Es wäre ohnehin unpassend. Mariya liegt bereits in der Wanne, ich denke mir, dass das Wasser doch eiskalt sein muss, es scheint ihr nichts auszumachen. Ich sammele ihre Klamotten vom Boden auf, damit sie nicht schmutzig werden, und lege sie auf ein Fensterbrett.

Mariya strahlt übers ganze Gesicht. »Es ist herrlich. Ich könnte ewig hier liegenbleiben.«

Ich stehe hinter ihr und massiere ihre Schultern. Sie scheint völlig entspannt. Nach ein paar Minuten mache ich mich auf die Suche nach etwas, womit sie sich abtrocknen kann. Als ich wiederkomme, steht sie bereits angezogen vor mir, die Haare klatschnass.

»Du wirst dich noch erkälten«, sage ich.

»Wir gehen«, lautet ihre knappe Antwort.

***

Wir betreten ihr Hotelzimmer: sie zuerst – aber von ihrem Freund keine Spur. Weggehen kann er doch nicht? Wir reden nicht sehr viel, Mariya holt sich noch einen Drink, ich habe keine Lust, mich im Zimmer umzusehen.

»Weißt du, was ich denke?«. fragt Mariya.

»Ja.«

»Ich meine es ernst.«

»Dann: nein.«

»Ich denke«, sagt sie, »dass, wenn ich heute einschlafe, ich dich morgen nicht mehr wiedersehe.«

»Hm … ja, wahrscheinlich nicht.«

»Und dann?«

»Was?«

»Nach morgen?«

»Keine Ahnung.«

»Hm. Ich bin müde.«

Sie stellt das halbvolle Glas irgendwo auf den Boden und ich bin mir sicher, dass sie es morgen umstoßen wird, wenn sie aufsteht. Dann legt sie sich ins Bett und ich lege mich auf die Couch. Im Badezimmer, stelle ich fest, brennt noch Licht; ich denke darüber nach, was genau zwischen mir und Mariya steht, denke mir, es ist eine unfassbare Distanz.

Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich noch, wie drüben im Bett Mariya masturbiert.