dreiundsiebzig

Stempski hält sich aus unserem Gespräch heraus, scheint aber aus irgendeinem Grund sehr interessiert.

»Und« – ich kann mir die Frage nicht verkneifen – »wie geht’s deinem Freund?«

Sie lacht geradeheraus, laut, aber – denke ich – ehrlich. »Na ja, besser als an dem Abend, als wir uns wiedergesehen haben.«

»Du meinst, als ich dir den ersten Schlag abgenommen habe?«

»Ich glaube«, sagt sie, »wir haben beide das Richtige getan.«

»Wer? Du und dein Freund?«

»Nein. Du und ich.«

»Und wann?«, frage ich.

»Immer.«

»Dann sollten wir vielleicht häufiger zusammen sein.«

Sie lächelt schräg nach unten, in Richtung der Tischplatte. »Ja, vielleicht sollten wir das.«

»Ich meine – nur solange dein Freund nichts dagegen hat.«

»Mein Freund? Was sollte der dagegen haben? Er kann ja die nächsten Wochen sowieso nicht laufen.«

Wir lachen, auch Stempski. Ich überlege, ob ich ihm die Geschichte überhaupt erzählt habe, glaube aber nicht.

Wir bestellen noch etwas, diesmal erklärt sich Stempski bereit, die Rechnung zu übernehmen; jetzt, wo Frieder nicht mehr hier sei, könne es ja nicht so teuer werden. Trotzdem trinken wir noch hemmungslos, mir wird klar, dass ich gar nicht weiß, wie sie überhaupt heißt. »Mariya«, sagt sie.

Wie zur Bestätigung lehnt sie sich an mich, gleichzeitig lehnt sich Stempski halb auf den Tisch und halb an die Wand. Ich lege ein Bündel Geldscheine auf den Tisch, etwas mehr als nötig, und gehe mit Mariya nach draußen.

»Ich kenne mich hier nicht aus«, sagt sie.

»Ich mich auch nicht«, entgegne ich.

»Dann müssen wir zusammen den Brunnen suchen.«

»Gibt es denn hier einen Brunnen?«, frage ich.

»Keine Ahnung. Deswegen müssen wir ihn ja suchen.«

zweiundsiebzig

Dafür löchern sie mich mit Fragen über die Städte, die ich besucht habe, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, sind interessiert an meinen Erzählungen über die Menschen, die ich getroffen habe; sind überrascht, als ich Dimitri und Nastassja erwähne.

Irgendwann meint Frieder, er müsse sich noch mit jemandem treffen, inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Er verabschiedet sich und ich bestelle meinen ersten Drink. Stempski fordert eine Runde Tequila zum Abschied. Ob Frieder denn so lange weg bleibe, frage ich, und beide schütteln rasch und energisch den Kopf. Ich frage nicht weiter nach. Stempski zählt zum wiederholten Mal sein Geld nach, ich sage, der Abend gehe auf mich, Frieder holt sich Zigaretten.

Der Tequila kommt. Braun – das hatten wir gar nicht bestellt, auch egal. Ob wir wüssten, dass weltweit die Tequilabestände knapp würden, fragt Stempski. Frieder antwortet, das läge doch nur an uns, und wir lachen.

Die Bedienung kommt, sagt, sie möchte gern abbrechnen, weil sie gleich abgelöst würde. Ich frage sie, ob sie etwa mit uns abbrechnen wolle, und wir lachen. Ich begleiche die Rechnung, wie versprochen. Es ist auch nicht allzu teuer hier – höchstens das Essen, aber das ist ohnehin so eine Masche: Die Getränke macht man billiger, damit mehr Leute kommen, und schlägt das Geld dann beim Essen drauf. Wir haben nicht gegessen – ich habe keinen Hunger, Stempski und Frieder auch nicht, zumindest haben sie nichts Derartiges erwähnt; nur Frieder sagte einmal, er wäre nachher noch mit jemandem zum Essen verabredet, sagte aber nicht, mit wem.

Jetzt ist er ohnehin schon weg. Stempski und ich reden erstaunlich viel miteinander, er ist auch noch recht nüchtern. Er fragt mich, was denn so laufe momentan – mit den Frauen. Nastassja erwähnt er nicht. Ob ich noch mal mit Aleksandra gesprochen hätte, fragt er. Ich muss erst überlegen, wen er meint. Es fällt mir schwer, seinen Fragen zu folgen: er fragt meist nach Dingen, die vor den letzten Wochen liegen – und die habe ich inzwischen fast alle vergessen oder verdrängt.

Irgendwann steht plötzlich die junge Frau neben unserem Tisch – die, die mein Auto stehlen wollte, zumindest erinnere ich mich, dass wir uns deswegen kennengelernt haben. Sie setzt sich zu uns an den Tisch, fragt erst gar nicht um Erlaubnis, obwohl ich ohnehin Ja gesagt hätte. Stempski ist außer sich vor Begeisterung.

Sie nimmt einen Schluck von meinem Bier, ich frage sie, ob sie nicht mit dem Auto hier sei. Sie verneint, sagt, ihr Freund fahre, aber heute würden sie ohnehin nicht weiterfahren.

»Bist du noch nicht weit genug nördlich?«, frage ich sie.

»Kann man denn weit genug nördlich sein?«, fragt sie zurück.

einundsiebzig

Die Menschen in diesem Land sprechen eine warme, weiche Sprache, ganz anders als in der Stadt zuvor. Sie trinken eher Tee als Kaffee und sind im Ganzen eher ruhig, fast schon gemütlich, habe ich den Eindruck. Fleisch isst man hier selten, aber Fisch ist sehr beliebt. Hier könnte man all seine Sorgen vergessen, denke ich mir. In eine größere Stadt bin ich bislang noch nicht gekommen, aber die Dörfer sind sehr schön. Man kleidet sich modern, auch wenn die meisten Menschen hier schon älter sind.

Ich versuche, anhand der Namen auf den Wegweisern zu erraten, ob es sich um eine größere Ortschaft handelt. Je weiter ich fahre, desto kürzer werden die Wege. Es ballt sich mehr und mehr.

»Wenn wir die Stadt finden, in der Stempski und Frieder wohnen«, sage ich.

Sitting Bull entgegnet: »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«

»Nein? Wieso nicht?«

»Nach allem, was passiert ist … es wäre etwas überhastet.«

Ich staune. »Willst du damit sagen, sie stünden nicht mehr auf unserer Seite?«

»Nein … ich meine, vielleicht sind sie der ganzen Situation einfach nicht gewachsen.«

Ich kann immer noch nicht glauben, dass Sitting Bull dem Geschehenen eine so große Bedeutung beimisst. Immerhin habe ich auch schon eine Bank überfallen, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte.

»Aber …«, sagt Sitting Bull, »ein Toter?«

»Verdammt noch mal! es war ein Unfall.«

»Du weißt nicht, was der Hotelangestellte der Polizei erzählt hat.«

Ich fasse es nicht. Vermutet er jetzt hinter jeder Ecke eine Verschwörung? Schließlich haben sie mich nicht erwischt, und Dimitri hat sich erstaunlich loyal verhalten.

»Und weshalb, denkst du, stand die Polizei schon am nächsten Tag vor Dimitris Tür?«

Ich weiß es nicht. Wirklich, ich kann es mir nicht erklären – andererseits weiß ich auch nicht, was ich für Schlüsse daraus ziehen soll. Und überhaupt: ich bin bereits über der Grenze, oder nicht?

»Hm.«

»Und wir haben einen Auftrag, in den sich die Polizei nicht unbedingt einmischen sollte.«

»Woher weißt du auf einmal so viel über unseren Auftrag?«, fragt Sitting Bull.

»Ich weiß zumindest, dass er nichts mit der Polizei zu tun hat.«

»Also?«

»Wir fahren zu Stempski und Frieder.«

***

Sofort bezweifle ich, dass sie eine anständige Wohnung haben, als ich Stempski und Frieder in einem Bistro sitzen sehe. Und tatsächlich: sie wohnen, sagen sie mir, in einem Zimmer im zweiten Stock, über der Bar.

Was in den letzten Tagen passiert ist, wird mit keinem Wort erwähnt – und ich habe auch nicht den Eindruck, das sie überhaupt davon wissen. Woher sollten sie auch. Ich meine, so etwas macht keine großen Schlagzeilen – und selbst wenn, Stempski und Frieder sind die Letzten, die Zeitung lesen würden. Wir lachen viel, die beiden trinken, ich halte mich zurück; zumindest heute will ich einen klaren Kopf bewahren.

Einmal sagt Stempski: »Dass du es wirklich hierher geschafft hast.« – damit kann aber alles gemeint sein.

siebzig

Irgendwann kommen wir an einer größeren Raststätte vorbei, mit Tankstelle und Restaurant und Toiletten und Duschen und ganz ganz vielen Lastwagen. Ich gehe duschen, sie bleibt beim Wagen. Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass sie nicht einfach davonfahren wird.

Die Dusche tut unheimlich gut. Ich dusche heiß, noch heißer, bis es wehtut, dann drehe ich das Wasser ab. Mein ganzer Körper brennt. Jetzt endlich fühle ich mich wie ein neuer Mensch – obwohl ich das ja eigentlich gar nicht sein will.

Als ich wieder zurückgehe, begegne ich dem Freund meiner Begleiterin. Ich zögere nicht lange, schlage ihn zu Boden. Er will wieder aufstehen, plötzlich steht seine Freundin neben mir, versetzt ihm noch einen Tritt, noch einen, noch einen. Ich zähle nicht mit.

Ich gehe zum Auto, überlasse die beiden sich selbst und ihrer Liebe, und fahre davon. Sitting Bull scheint froh darüber.

»Warum hast du nicht geredet, als sie bei uns war?«, frage ich ihn.

»Sie war mir nicht sympathisch.«

Ich lache laut auf. »Wie? Ich wusste gar nicht, dass dir jemand unsympathisch sein kann.«

»Wieso nicht?«

»Hm. Ich meine, bis jetzt hast du dich mit jedem prächtig verstanden, sogar mit dem Polizisten. Und mit Stempski und Frieder sowieso.«

»Das war etwas anderes.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Gut. Wenn du meinst.« Ich gebe auf. Mit Dimitri, erinnere ich mich, hat er auch noch nicht ein Wort gewechselt. Aber Dimitri hasse ich, wieso sollte Sitting Bull ihn auch hassen?

»Weil ich weiß, wer er ist«, sagt Sitting Bull.

Ich frage nicht weiter, dazu bin ich viel zu müde und außerdem habe ich Angst vor der Antwort. Ich überlege mir, ob ich einfach anhalten und hier mitten auf der Straße übernachten soll, aber ich beschließe, bis morgen oder zumindest bis zum nächsten Motel durchzuhalten. Man gibt sich so leicht auf, wenn man sich keine Herausforderungen schafft. Ich meine, ich habe stets den Drang, mich selbst zu testen; mich mir selbst zu beweisen. Das Dumme ist nur, dass ich selten die Möglichkeit dazu habe. Schließlich bin ich schon viel zu unabhängig, um mich noch irgendwo durchsetzen zu müssen.

Weshalb sonst tue ich manchmal unüberlegte Dinge.

Am Horizont tauchen mehr und mehr Berge auf, zwar noch weit weg, aber ich nehme es als Zeichen, dass wir bald den Norden erreichen werden. Irgendwie stimmt es mich trübsinnig, bald schon wieder eine Etappe bewältigt zu haben. Das Schlimme daran ist immer: danach muss man sich etwas Neues suchen, obwohl man eigentlich gar keine Lust dazu hat. Nachdem ich damals – damals sage ich schon, dabei ist es höchsten einen Monat her, vielleicht zwei – den Berg überquert hatte, fühlte ich mich völlig ausgebrannt. Es gibt so wenig, denke ich mir, auf das sich zu warten lohnt.

»Weshalb solltest du auch warten?«, fragt Sitting Bull. »Ich dachte, du lebst stets im Hier und Jetzt.«

»Wann sollte ich auch sonst leben?«

»Hm …«

»Ich weiß, dass ich später auch noch leben werde, falls du das meinst.«

»Du hast keine Angst, plötzlich zu sterben?«, fragt Sitting Bull.

»Nein. Wieso denn?«

»Na ja, ich meine, du könntest doch im nächsten Moment von der Straße abkommen, und dann könnte das Auto explodieren und es wäre aus mit uns beiden.«

»Hm. Dich zumindest könnte man doch wiederverwerten.«

»Du bist naiv«, meint Sitting Bull. »Ich halte nichts von Reinkarnation.«

»Welches Fleisch auch immer«, sage ich.

Sitting Bull schweigt. Vielleicht hat er meinen letzten Satz nicht verstanden, ich weiß es nicht. Und auch ich denke nicht mehr übers Sterben nach. Dass ich irgendwann sterben könnte, das muss man mir erst mal beweisen. Ich meine: was beweist der Tod von anderen schon. Vielleicht haben die einfach irgendeinen Fehler begangen, den ich nicht begehen werde. Oder sie wollten es so – und ich will es bislang eben noch nicht. Hm. Andererseits: was würde ich ohne den Tod machen? Mein Leben hätte doch gar keinen Sinn.

Dann allerdings mache ich mir keine Gedanken mehr. Es tut gut, einfach so in die Nacht hineinzufahren, aber das habe ich schon oft gesagt. Kein Grund, es nicht wieder zu tun. Hoffentlich komme ich nicht dahin, mich ändern zu wollen, denke ich mir.

Stattdessen komme ich zur Grenze. Eine Schranke – aber ich sehe niemanden, dem ich einen Ausweis oder ähnliches zeigen könnte; mir fällt ein, dass mein Auto gestohlen ist. Ich steige aus, gehe in eins der kleinen Wachhäuser und öffne mit einem Schalter die Schranke.

Die Grenze zu welchem Land ich gerade überquere, weiß ich nicht – und das habe sowohl ich mir bereits vorgeworfen als auch Sitting Bull. Ich weiß auch nicht, ob die Polizei mich noch sucht; auch nicht, ob wegen des Autos oder des Toten im Hotel.

»Als ob sich noch irgendjemand für das blöde Auto interessiert«, sagt Sitting Bull energisch.

»Wieso nicht? Immerhin habe ich diese Straftat wirklich begangen.«

»Du könntest ihnen alles erklären.«

»Mich hat noch niemand gefragt«, gebe ich zurück.

»Stimmt.«

neunundsechzig

Kapitel acht_Jeder von uns zieht Furchen in die Erde.

Die Sonne wagt sich noch nicht hervor, ich weiß auch gar nicht, in welcher Richtung sie aufgeht. Warm ist es trotzdem schon wieder.

»Vermisst du nicht das Wasser?«, fragt sie mich, nachdem ich ihr vorgelogen habe, woher ich komme.

»Sollte ich?«

»Ich weiß es nicht – ich war noch nie dort. Aber ich denke auch nicht, dass ich das hier alles vermissen werde, wenn ich erst mal weg bin.«

»Und wo genau willst du hin?«, frage ich.

»Nach Norden.«

»Ich glaube, du machst es dir ziemlich leicht.«

»Ja. Ansonsten wäre es doch die Mühe nicht wert.«

Ich stimme ihr zu. Ansonsten reden wir nicht viel. Wir wechseln uns beim Fahren ab, manchmal halten wir und kaufen etwas zu essen oder essen, was wir zuvor gekauft haben. Sitting Bull bleibt schweigsam. Von Zeit zu Zeit kommt es mir vor, als würde ich das alles nur träumen – dann denke ich wieder, dass selbst einer wie ich nie im Leben etwas so Langweiliges träumen kann. Andererseits gibt mir diese Monotonie tatsächlich ein Gefühl der Sicherheit, lässt mich nicht zum Nachdenken kommen, weil mein Kopf immer leerer wird; und oft fühle ich mich in diesen Tagen tatsächlich an das Meer erinnert, an die Wellen: wie ich daliege, und sie kommen auf den Strand zu, verschwinden, kommen wieder, verschwinden. Wenn ich hier irgendwo am Straßenrand stehen würde, denke ich mir, könnte ich mich auch sehen, wie ich irgendwo am Horizont auftauche, vorbeifahre und wieder verschwinde.

Plötzlich wird mir klar, dass andere mich immer so wahrnehmen. Woher sollten sie mich also kennen?

»Wenn du mein Freund wärst, würdest du mich auch nicht kennen«, sagt sie einmal während der Fahrt.

»Stimmt«, sage ich. »Aber ich würde dich kennen wollen.«

»Aber: willst du wissen, wer ich bin?«

»Nein.«

»Nein?«

»Ich bin ja nicht dein Freund.«

»Nein. Nein, das bist du wohl nicht«, meint sie.

Ich lache. Das Leben, denke ich mir, ist doch verrückt: da gibt es tatsächlich noch andere Menschen außer mir. Was man nicht alles lernt, wenn man älter wird. Hätte man mir früher erzählt, dass eigentlich jeder – und nicht nur ich – auf der Suche nach etwas und zugleich auf der Flucht vor genau dem ist, ich hätte ihn ausgelacht. Warum wir dann nicht miteinander reden können, frage ich mich, wo uns doch so viel verbindet.

Hör auf mit dem Quatsch, denke ich mir dann. Du willst doch gar niemanden kennenlernen. – Und auch das stimmt.

achtundsechzig

Außer uns sitzen nur noch ein Pärchen und ein dicker älterer Mann im Wirtshaus, in dem ich übernachten will. Ich beobachte das Pärchen. Sie scheinen nicht wirklich zueinander zu gehören, denke ich mir. Er ist gerade erst angekommen – wie lange sie schon da ist, weiß ich nicht; und jetzt sitzen sie an einem Tisch, ohne etwas zu trinken, obwohl sie, glaube ich, es nötig hätten. Sie reden nicht viel, und meistens sieht sie in die Flamme der Kerze auf ihrem Tisch oder zur Tür hinüber. Er weiß anscheinend auch nicht, was er machen soll. Ihre Haare sind von bläulicher Farbe, aber nicht so schrecklich schwarzblau, wie sich manche Menschen die Haare färben lassen. Als ich vorhin aus meinem Zimmer kam und die Treppe hinunterstieg, stand sie im Türrahmen und schaute in die Stube, als würde sie jemanden suchen oder sich überlegen, ob sie hineingehen soll.

Jetzt steht er auf und geht; man hört noch die Tür hinter ihm ins Schloss fallen, dann ein Auto, das sich entfernt. Gestritten haben sie sich nicht, aber über dieses Stadium, denke ich mir, sind sie schon hinaus. Es gibt ja anscheinend nichts, was ihn noch hier halten wollte.

Eine Weile bleibt sie allein sitzen, regungslos, dann steht sie auf, nimmt ein Glas von der Bar und setzt sich zu mir an den Tisch.

»Hallo«, meint sie.

»Hallo. Sie müssen nicht weiterreden.«

»Nein?«, fragt sie überrascht.

Ich beschließe, das ›Sie‹ aufzugeben. »Nein. Ich weiß, was du vorhast.«

Sie lächelt. »Ach – und was ist das?«

»Dein Freund ist abgehauen – und jetzt fiel dir ein, dass du kein Auto hast und hier festsitzt. Und jetzt wolltest du mir die Schlüssel klauen und dich mit meinem Wagen aus dem Staub machen.«

Sie weicht zurück. »Woher wusstest du das?«

»Ich wusste es einfach.«

»Und jetzt?«, fragt sie zögerlich.

»Ich habe, um ehrlich zu sein, gar keine Schlüssel für den Wagen.«

»Nein?«

»Er ist gestohlen.«

»Von wem?«

»Von mir.«

»Ich meine: von wem hast du ihn gestohlen?«

»Woher soll ich das wissen? Ich mache mir nicht solche Umstände wie du, wenn ich ein Auto klaue.«

»Hm«, sagt sie. »Ich habe eben das Bedürfnis, denjenigen zu kennen, dem ich etwas stehle. Ich fühle mich ihm dann überlegen – oder so.«

»Kennst du mich?«, frage ich.

»Nein.«

»Aber du siehst mich doch.«

»Bist du nicht mehr als das, was man von dir sieht?«, fragt sie.

»Ich glaube nicht.«

»Du musst glücklich sein.«

»Ja.«

»Und du fühlst nie etwas?«

»Ich sehe mein Inneres in anderen. Was die fühlen, fühle ich auch. Deshalb muss ich mir sehr genau aussuchen, mit wem ich mich umgebe.«

»Hm. Und wohin fährst du?«

»Nach Norden«, sage ich. Und das entspricht ja auch der Wahrheit.

»Und willst du mich mitnehmen?«

»Ich weiß nicht. Was hätte ich davon?«

»Keine Ahnung.«

»Meinst du das ernst?«, frage ich.

»Ja.«

»Dann: ja, ich nehme dich mit.«

Wir fahren noch in derselben Nacht los, weiter nach Norden, und keiner von uns hat vor, heute noch zu schlafen, dazu ist die Nacht zu kalt und tagsüber verpasst man weniger. Wer nachts schläft, der kann keine Sterne sehen.

siebenundsechzig

Wir sind bereits eine Zeit lang unterwegs; manchmal erscheinen links und rechts der Straße kleine Dörfer oder auch nur einzelne Häuser, in dieser Gegend gibt es viel Obstanbau und kleinere Hügel gibt es, grüne Laubbäume, obwohl es schon auf den Winter zugeht. Berge gibt es keine, das Land ist flach.

Je weiter wir fahren, desto weniger staubig sind die Straßen, über die wir nach Norden wollen.

Endlich kommen wir an einer Tankstelle vorbei, das Benzin ist hier nicht allzu teuer, ich tanke voll. Sitting Bull – anscheinend habe ich nicht alle seine Sorgen vertreiben können – bleibt im Wagen.

Das Geld hier ist bunt – zumindest die Scheine, ich weiß gar nicht, ob es hier so etwas wie Münzgeld gibt.

Mit einer Flasche Mineralwasser kehre ich zum Auto zurück.

»Glaubst du, wir werden im Norden sicher sein?«, fragt Sitting Bull.

»Sicher: vor wem?«

»Hm … ich vergaß, dass du dir ja keine Sorgen machst.«

Ich lache. »Hey, großer Häuptling, seit wann hast du eigentlich Zweifel an dem, was wir hier tun?«

»Keine Ahnung.«

»Na also. Wir haben angefangen – das habe ich dir schon mal gesagt – und jetzt führen wir es auch zu Ende.«

»Ja«, sagt Sitting Bull, »wahrscheinlich hast du recht.«

»Weißt du«, sage ich ihm, »was ich glaube, weshalb du dir Sorgen machst? Es liegt nur daran, dass du nicht weiß, was wir als nächstes machen sollen.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, bisher warst du immer derjenige, der sagte, wo’s langgehen soll – und seit du das nicht mehr kannst, musst du dich auf mich verlassen. Und damit kommst du einfach nicht klar.«

Sitting Bull scheint tatsächlich verwundert. »Wie – ich käme nicht damit klar?«

»Erinnerst du dich noch daran, was du mir einmal gesagt hast? Dass ich zu viel Vertrauen in die Menschen hätte?«

»Ja.«

»Eben. Und jetzt musst du mir vertrauen. Du musst darauf vertrauen, dass ich weiß, was ich tue. Und damit kommst du nicht klar.«

»Weil ich nicht glaube, dass du weißt, was du tust.«

Ich überlege kurz. »Wir tun das doch alles meinetwegen, oder?«

»Ja.«

»Also: wer sollte besser wissen, was zu tun ist, als ich?«

»Und was glaubst du, weshalb ich dir helfen soll? – Weil du es selbst niemals zu Ende führen könntest.«

»Dann«, antworte ich, »hilf mir, statt an allem zu zweifeln.«

»…«

***

Inzwischen ist es bereits später Nachmittag, und ich beschließe, an den Straßenrand zu fahren und mir einen Mittagsschlaf zu gönnen. Das Mineralwasser ist immer noch kühl, obwohl über der Gegend die Sonne brennt. Ich ziehe mir den Hut tief ins Gesicht.

»Du musst bisweilen verzweifelt sein«, meint Sitting Bull nach einiger Zeit.

»Warum?«

»Du bist ein Fremder in einem Land, das dir fremd ist, unterwegs in ein Land, von dem du nicht einmal den Namen kennst – du bist einer, der sein ganzes Leben lang an einem Bahnhof steht und von der Heimfahrt träumt und nicht mal einen Koffer dabei hat.«

»Jetzt wirst du ungerecht.«

»Mir blitzte nur die Erkenntnis.«

»Pass auf, dass sie dich nicht erschlägt.« Lache ich.

»Oder dich. Die Wahrheit kann erbärmlich sein.«

»Dann passt sie ja zu uns.«

»Du hast recht«, sagt Sitting Bull. »Weshalb sonst tragen wir sie die ganze Zeit hinter uns her.«

sechsundsechzig

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe – ob überhaupt –, als ich die Augen öffne, weil es an der Tür klingelt. Dimitri steht auf und verlässt mein Blickfeld, die Wohnungstür kann ich von hier nicht sehen. Einzelne Stimmen höre ich, ein Wort, das vielleicht Polizei heißen könnte, aber wahrscheinlich irre ich mich und mache mir unnötig Sorgen. Nicht dass ich Angst hätte, man könnte mich verhaften – denn erstens könnte ich jederzeit fliehen und zweitens habe ich ja niemanden umgebracht; also was soll’s.

Eine Zeit lang sprechen die Männer an der Tür noch miteinander, dann endet das Gespräch abrupt und Dimitri kommt zurück. Anscheinend hat er sie abwimmeln können; wenn es denn überhaupt Polizisten waren.

»Zweifelst du daran?«, fragt Sitting Bull, der – wie mir gerade auffällt – schon lange nichts mehr gesagt hat.

»Na ja – eigentlich zweifle ich immer an allem; wieso sollte ich jetzt auf einmal damit aufhören?«

»Ich glaube, es ist nicht der richtige Zeitpunkt für Skepsis und lange Überlegungen«, meint Sitting Bull ernst.

»Fängst du jetzt auch noch damit an?«

»Machst du dir keine Sorgen?«

»Nein.«

»Hm. Na gut.«

»Na gut – was?«, frage ich.

»Ich meine: na gut, wenn du dir keine Sorgen machst, dann mache ich mir auch keine.«

»Wirklich?«

»Natürlich.«

»Schön. Dann können wir ja so schnell wie möglich von hier verschwinden, oder?«

Sitting Bull denkt kurz nach. »Ja, das können wir.«

Ich drehe mich noch mal um und schlafe wenig später ein, ohne noch weiter nachzudenken. Ich träume viel, sehr wilde, intensive, farbenprächtige Träume – aber als ich wieder aufwache, kann ich mich nicht mehr daran erinnern.

***

Ich gehe in die Küche – keiner da? – und nehme mir eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank, packe sie in meinen Rucksack … vielleicht noch was zu essen, wenn ich schon mal hier bin. Einen Korkenzieher – ich habe keinen mehr, seit ich mein Taschenmesser verloren habe. Ich zögere noch.

Als ich schließlich aus der Küche trete, begegne ich Nastassja.

»Du willst gehen?«, fragt sie.

»Ja.«

»Und die Polizei?«

»Keine Ahnung, ob die auch gehen will.«

»Mach doch bitte keine Scherze.«

»Und warum nicht?«, frage ich mit einem Lächeln.

»Ich … keine Ahnung.«

»Na also. Und wieder ein Abschied mehr, hm?«

»Hm.«

Ich überwinde mich und gehe in Richtung Tür. Einmal fühle ich noch kurz Nastassjas Hand auf meiner Schulter, dann stehe ich im Treppenhaus. Noch ist alles still, wahrscheinlich ist es sehr früh am Morgen. Ich fühle mich aber gar nicht mehr müde – kann es sein, überlege ich kurz, dass ich einen ganzen Tag verschlafen habe? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen.

***

Heute ist der Himmel ein wenig bewölkt – endlich mal, denke ich mir, nach vielen Tagen ununterbrochenen Sonnenscheins. Zwar regnet es nicht, aber in den Löchern der Pflastersteine hat sich Wasser gesammelt.

»Und was sollen wir jetzt machen?«, fragt mich Sitting Bull, als ich ein bisschen planlos durch die Stadt laufe – in diesem Stadtteil kenne ich mich nicht aus.

»Keine Ahnung. Im Grunde waren wir jetzt lange genug hier – wir könnten wieder fahren.«

»Ja.«

Ich suche mir erst mal ein Café, trinke einen Tee, esse etwas und betrachte durch die Glasscheibe das Treiben auf einem der größeren Plätze der Stadt. Jetzt haben sich die Straßen schon wieder gefüllt, in dieser Masse von Menschen könnte ich untertauchen. Allerdings will ich mich erst mal auf die Suche nach einem Auto machen.

»Wie wär’s mit einem Motorroller?«, schlägt Sitting Bull vor.

»Nein danke.«

»Dann musst du aber darauf achten, dass du ein Auto mit Klimaanlage aussuchst, sonst wird es verdammt ungemütlich, bis wir wieder weit genug nach Norden gefahren sind.«

»Stimmt. Oder ein Cabrio.«

»Ha.«

Ich bezahle meinen Tee, gehe nach draußen und suche mir einen Parkplatz – dann aber entscheide ich mich anders, laufe in eine der größeren Gassen und sehe mir die Autos an, die dort parken.

fünfundsechzig

Sitting Bulls Rufe wecken mich.

Ich blinzele ihm entgegen. »Was ist los?«

»Die Polizei ist da.«

»Schon?«

»Und du bist doch der einzige Gast im Hotel.«

Ich weiß, was er meint. Ich ziehe mir Hose und Schuhe an, gehe auf den Balkon hinaus und mache mich daran, die Außenmauer hinunterzuklettern. Anscheinend sind alle Polizisten im Hotel, zumindest bemerkt mich niemand, als ich unten ankomme und in die nächste Gasse laufe. Von überall weht mir Schweißgeruch entgegen, es herrscht eine unglaubliche Hitze. Ich frage mich, während ich in irgendeine Richtung renne, wie spät es wohl sein mag. Weit nach Mitternacht, denke ich, auch wenn von einem Morgengrauen noch keine Spur zu sehen ist.

***

Die großen Plätze sind bereits trostlos und leer, jetzt drängen sich die Menschen in Kellerkneipen und vor allem in den Gassen, die regelrecht aufgeladen sind vom Stimmengewirr, aus dem nur selten einzelne Schreie herausstechen, wenn es irgendwo eine Schlägerei gibt. Ich wanke schlaftrunken weiter, die ganze Stadt macht mich schwindeln, die Hitze, der Lärm, die Menschen und vor allem dieser unerträgliche Geruch nach Schweiß und Qualm. Aus manchen Ecken dampft es regelrecht. Ich weiß nicht einmal, wohin ich laufe, selbst tagsüber fahren hier nur selten Busse, jetzt liegen die Straßen brach. Menschen strecken die Köpfe aus den Fenstern oder rufen von Balkonen herunter, ich verstehe ihre Sprache nicht, sehr energisch ist sie, man kann nie sagen, ob sie miteinander reden oder miteinander streiten.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht, sie kleben an meiner Stirn, mein Kopf schmerzt. Alles scheint zu eng, selbst die Luft.

Plötzlich packt mich jemand am Arm, zieht mich in eine Türöffnung, wir stolpern eine Treppe hinunter. Es ist dunkel.

»Hier dürftest du vorerst sicher sein.« Es ist Nastassja.

»Sicher wovor?«

»Vor allen.« Ihre Stimme klingt schwach.

»Meinst du die Polizei?«

»Ich habe gehört, dass du einen Mann umgebracht hast.«

Ich lache. »Oha – wie schnell aus einer Mücke ein Elefant wird.«

»Du hast ihn nicht umgebracht?«

»Niemand hat ihn umgebracht. Es war ein Unfall.«

»Aber die Polizei sucht nach dir.«

»Ich weiß.«

»Gehen wir«, sagt Nastassja und knipst eine Lampe an, die die Dunkelheit aber nicht wirklich vertreiben kann. Wir stehen, wie ich feststelle, tatsächlich in einem Kellerraum. Es gibt einen riesigen Holztisch hier, aber keine Stühle. Mir fällt auf, wie schmal und steil die Treppe ist, die wir heruntergekommen sind – ein Wunder, dass sich keiner das Genick gebrochen hat.

Weiter hinten kann ich eine Tür ausmachen, die zwar nicht geschlossen ist, aber lediglich einen Blick auf die dahinterliegende Dunkelheit gewährt. Eine weitere Tür, geschlossen, befindet sich in der Wand zur Linken. Zu ihr winkt mich Nastassja. Sie öffnet sich zu einer weiteren Treppe, diesmal steigen wir nach oben, stehen dann in einer richtigen Wohnung; einer Wohnung, wie sie typisch für diese Stadt ist: man versucht selbst auf kleinstem Raum und mit wenig Geld noch, stilvoll zu wirken. Zwei gefüllte Aschenbecher stehen auf dem Tisch. Ich mutmaße etwas … und tatsächlich kommt mir gleich darauf Dimitri entgegen, umarmt mich, blickt mir lange ins Gesicht, scheint zufrieden mit dem, was er sieht, redet und redet und redet, lacht, lacht ohne Unterlass. Als ihm einfällt, dass ich noch völlig durcheinander sein muss, setzen wir uns; und müde müsse ich sein, und überhaupt.

Nastassja ist verschwunden. Vielleicht ist sie vor die Tür gegangen oder in die Küche.

Dimitri holt eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank. Gläser hat er keine mitgebracht, er geht noch einmal in die Küche. Zurück kommt er aber nur mit einem Glas. Das ist eine klare Ansage.

»Du solltest erst einmal schlafen«, meint er.

Ich nicke.

Hier drin ist es noch stickiger als draußen. Glücklicherweise hat auch diese Wohnung eine Art Balkon – mit einer etwa einen Meter hohen Mauer. Dimitri bringt mir eine Matratze und Decken, und ich lege mich draußen auf den Balkon. Irgendwo schlägt eine Kirchenuhr dreimal.

Ich drehe mich so, dass ich, wenn ich wach bin, in die Wohnung sehen kann. Dimitri sitzt auf der Couch, vor sich die Flasche und ein gefülltes Glas, er scheint aber bereits zu schlafen oder hat einfach nur die Augen geschlossen. Nastassja bleibt verschwunden.