vierundsechzig

Mittlerweile hat Sitting Bull es tatsächlich geschafft, mir meine Laune zu verderben. Wir sitzen im Foyer eines billigen heruntergekommenen Hotels und ich schlürfe meinen Tee. Sitting Bull schweigt, was mir ganz recht ist, denn ich muss mich sammeln.

»Sie haben kein Gepäck?«, fragt mich ein Angestellter.

Ich schüttele den Kopf. Sehe ich aus wie jemand, der mit Gepäck reist? Morgen werde ich mir neue Klamotten kaufen.

Es ist schon spät, es geht, glaube ich, gegen Mitternacht. Trotzdem habe ich keine Lust, auf mein Zimmer zu gehen. Und draußen in den engen Gassen der Stadt ist es mir zu warm. Im Foyer läuft die Klimaanlage auf Hochtouren; ob ich in meinem Zimmer eine habe, weiß ich nicht.

Ein älterer Mann kommt die Treppe herunter, er scheint betrunken, stützt sich am Geländer ab. Fast fürchte ich, er könnte stürzen. Als er an die Rezeption kommt, stellt sich ihm ein Hotelangestellter entgegen. »Was für ein verdammtes Problem haben Sie eigentlich?!«, schreit er.

Der Ältere weicht zwei schwankende Schritte zurück, hebt wie zur Abwehr die Arme nach oben. Er will etwas erwidern, verhaspelt sich, setzt wieder an. Dem Angestellten wird es zu viel: »Reden Sie schon! Was für ein verdammtes Problem haben Sie eigentlich?!«

Plötzlich holt der Betrunkene aus, will zuschlagen, wankt wieder zurück, wankt nach vorn, auf den Angestellten zu. Der stößt ihn vor die Brust, ein Wanken, Fallen, er schlägt mit dem Kopf auf den Fliesenboden – dann nur noch Blut.

Der Hotelangestellte bleibt einen Moment lang stehen – der Moment selbst bleibt stehen –, dann rennt er panisch los, rutscht in der Blutlache aus, will sich wieder aufrichten, rutscht erneut weg, bleibt am Boden liegen und rudert wie wild mit den Armen, schluchzt, keucht und schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Über und über ist er mit Blut besudelt. Ich gehe zu ihm, helfe ihm auf, er wehrt sich, meine Hände gleiten immer wieder an seinem Jackett ab, endlich schaffe ich es, ihn auf einen Sessel zu setzen. Er wimmert jetzt nur noch leise vor sich hin, ich wende mich dem Toten zu.

Dass er wirklich tot ist, stelle ich nüchtern fest.

Ich packe ihn an den Armen, ziehe ihn zu einer Tür, dann fällt mir auf, dass ich gar keinen Schlüssel dafür habe. Ich gehe zurück zum Angestellten, durchsuche sein Jackett, finde einen Schlüssel, der mir die Abstellkammer öffnet.

Den Toten lege ich hinein. Das Blut wische ich behelfsmäßig mit einem Lappen auf, angetrocknet ist es glücklicherweise noch nicht. Ist das Gehirn? Ich hole noch einen Lappen – endlich sieht es einigermaßen ordentlich aus. Nur den Geruch werde ich nicht beseitigen können.

»Warum tust du das alles?«, fragt Sitting Bull.

»Was sollte ich sonst tun?« Ich zeige auf den Angestellten, er wirkt fast, als würde er schlafen. »Soll ich ihn damit allein lassen?«

»Seit wann so menschenfreundlich?«

Noch nie was von Wandlung gehört? Das gibt es, glaub mir. Menschen können sich ändern.

»Du nicht«, meint Sitting Bull.

Wahrscheinlich nicht. Aber es tut gut, mir das zumindest für heute Nacht vorzumachen. Es gibt Dinge, die einem schwerer fallen.

Ich sehe nochmal nach dem Angestellten, vielleicht wird er in Ermangelung von Blut und Leiche erst mal alles für einen schlechten Traum halten. Bis dann irgendwann die Polizei vor der Tür steht.

Dann gehe ich auf mein Zimmer. Von draußen dringt der Lärm der Menschen in den Gassen und im Café auf der anderen Straßenseite. Sie klingen fröhlich, ihre Laune muss ansteckend wirken, auf normale Menschen zumindest. Aber sie stören mich nicht. Sie geben mir ein äußerst beruhigendes Gefühl von Normalität.

»Bist du dankbar für das, was heute Abend passiert ist?«, fragt Sitting Bull.

»Keine Ahnung. Möglicherweise. Ich wüsste aber nicht, wem ich dafür danken sollte.«

dreiundsechzig

Kapitel sieben_»And on top of that, you’ve hit a fork in your novel. You’ve wrapped up the exposition and introduced all the characters. And now something book-like has to happen. Someone needs to fall in love. Or get amnesia. Or go on a road trip. But who? And how?« (aus einer E-mail von NaNoWriMo – und vielleicht haltet ihr sie jetzt auch für kleine Kinder, so wie ich. Liebe? Pah. Doch nicht in einem Roman.)

Immer mehr scheint die Sonne, während ich da auf der Ladefläche des LKWs liege und den Himmel betrachte.

»Du fühlst dich toll, oder?«

»Ja.«

Auch Sitting Bull hört man es an, dass es ihm verdammt gut geht. Anscheinend kann er mir aber nicht glauben. »Und jetzt?«

Zunächst verstehe ich seine Frage nicht, blinzele in den Himmel und drehe mich dann zu ihm: »Wie – und jetzt?«

»Willst du ewig so weitermachen?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

»Ich meine: Willst du ewig durch die Gegend ziehen? Kannst du dir nicht einfach eine Frau suchen und ein Haus bauen und eine richtige Arbeit finden und Kinder kriegen und das alles hier vergessen?«

Ich richte mich auf, schreie fast schon: »Vergiss nicht, dass du derjenige warst, der mich hierzu überredet hat – und du bist mit Sicherheit der Letzte, der es mir jetzt wieder ausreden kann.«

»Ich habe dich nie dazu gezwungen, dich auf die Suche zu begeben – und weißt du was? Das Einzige, was du suchst, ist doch ein Grund zu fliehen, und das einzig Suchenswerte in deinem Leben ist doch das, wovor du fliehst.«

Ich will es nicht mehr hören.

»Aber es ist so.«

»Schluss. Wir sind jetzt unterwegs nach Frankreich, auf diesem blöden LKW – und daran können wir nichts mehr ändern. Aus, vorbei, das war’s – wir haben uns so entschieden. Kneifen hat keinen Sinn mehr. Weißt du noch: damals am Meer, als du behauptet hast, ich wäre wieder daheim – wenn ich dir das geglaubt hätte, dann hätten wir dort bleiben können. Ich war aber nicht daheim, das weißt du so gut wie ich, und deshalb gibt es auch gar nichts, wohin wir zurückgehen könnten.«

Sitting Bull überlegt. »Ja, vielleicht hast du recht.«

»Und wenn dem so wäre?«

»Würde das auch nichts ändern.«

»Siehst du.« Ich betrachte wieder den Himmel, vor allem aber – und ohne, dass ich etwas dagegen tun kann – beginne ich wieder zu denken.

Es ist einerlei.

Am Himmel sieht es immer noch nicht nach Regen aus, und ich frage mich, ob es in Frankreich so etwas wie Regen überhaupt gibt. Um ehrlich zu sein, habe ich nämlich keine Ahnung, wo Frankreich liegt – vielleicht ist es ja eine Art Wüste oder eine einzige große Stadt oder ein undurchdringlicher Dschungel; vielleicht fahren wir auch gar nicht nach Frankreich, ich kann es nicht sagen, vielleicht gibt es Frankreich nicht mehr.

Es existierte nur immer als Vorstellung in meinem Kopf, so wie Altheim – nur größer und mit ganz ganz viel Sonnenschein. Vielleicht ist sogar ein Meer in der Nähe. Man könnte schwimmen gehen.

zweiundsechzig

Ich stelle fest, dass wir immer noch an derselben Stelle stehen, an der wir vorhin ausgestiegen sind – also gehe ich los und suche eine Fabrikhalle oder die Kantine oder vielleicht das Verwaltungsgebäude.

Irgendwann stehe ich inmitten von Maschinen, es ist unglaublich laut und die wenigen Menschen, die man hier sieht, sind entweder sehr beschäftigt oder haben Schnurrbärte. Vielleicht, denke ich mir, schließt das eine das andere aus. Es riecht nach Farben, die in großen Farbtöpfen gemischt werden. Ich beschließe, mir keine Zigarette anzuzünden.

Jemand kommt auf mich zu, er scheint nur aus seinem blauen Overall und einer riesigen Schutzbrille zu bestehen, und drückt mir einen Stapel loser Blätter in die Hand.

»Hier, bring das in die Verwaltung zu Herrn —«, sagt er.

»Kein Problem.«

Ich gehe in eine Richtung, die mir grade gut genug erscheint, laufe durch ein oder zwei Sektionen der Fabrikhalle und erreiche irgendwann eine Treppe, die mich nach oben führt. Hinter einer grasgrünen Tür liegt ein kleines muffiges Büro, ich trete ein, ohne anzuklopfen. Ein Mann sitzt an seinem Computer und betrachtet den Bildschirmschoner: ein bunter Ball oder etwas in der Art. Dann bemerkt er mich. Augenblicklich scheint er sich für irgendetwas zu schämen.

»Ich bringe ihnen das hier«, sage ich und lege die Blätter zu einigen anderen, die sich auf seinem Schreibtisch stapeln.

Er wirkt seltsam erleichtert.

Ich gehe wieder nach draußen, ohne die Tür hinter mir zu schließen, und mit einem Mal drängt es mich nach frischer Luft. Ein Schild am Ausgang der Fabrikhalle weist mich darauf hin, dass auf dem Gelände striktes Rauchverbot herrsche, ein anderes besagt, die Firmenleitung gestehe allen Angestellten am Mittag eine Pause von zehn bis fünfzehn Minuten zu, um die für heute angekündigte Sonnenfinsternis zu beobachten. Von der hatte ich gar nichts mitbekommen.

Umso besser.

***

Ich schlendere ein wenig übers Fabrikgelände. Vorn direkt neben der Einfahrt stehen wir Sitzbänke und ebenso viele Aschenbecher, für die Angestellten wahrscheinlich, es sitzen auch momentan welche da.

Rechts kann ich durch ein Fenster hindurch in einen Pausenraum sehen, in dem einige Menschen – zwei in Overalls und zwei in Zivil, also wahrscheinlich von außerhalb – miteinander streiten. Ich stelle mich in die Türöffnung, sie sind zu sehr miteinander beschäftigt, um mich zu bemerken. Ich glaube, es würde sie auch nicht weiter stören.

Der eine in Zivil hat einen ähnlichen russischen Akzent wie Dimitri. Er sagt gerade, er wisse nichts Genaues, man habe sie eben hierher geschickt, um Farbe zu kaufen.

Das hier sei eine Fabrik und kein Supermarkt, sagen die Angestellten fast gleichzeitig.

Außerdem raucht der vermeintliche Russe.

Ich lache so laut, dass sie mich hören, dann gehe ich wieder.

Kurz darauf begegne ich bei meinem Spaziergang übers Fabrikgelände der ersten Frau. Sie trägt einen Müllbeutel mit Haushaltsmüll bei sich, fragt, ob ich den für sie entsorgen könnte, zeigt auf drei riesige Müllcontainer, die etwa fünfzig Meter entfernt stehen, beschreibt mir genau, welcher von ihnen es ist, bedankt sich und ist verschwunden.

Ich gehe zu den Müllcontainern, suche mir einen aus und klettere die außen angebrachte Leiter nach oben, werfe einen Blick hinein und sehe, dass er Plastikmüll enthält. Ich werfe den Müllbeutel dazu.

Kaum bin ich die Leiter wieder hinabgestiegen, sehe ich einen Lastwagen, der am Tor steht und das Gelände verlassen will. Der Fahrer diskutiert mit dem Pförtner. Ich nähere mich dem Fahrzeug, die Ladefläche ist leer, ich klettere hinauf und warte, dass die Fahrt beginnt.

einundsechzig

Ich laufe eine Weile – zügig, wie es meine Art ist –, bis ich glaube, vom einen Ende der Stadt zum anderen gelaufen zu sein; dann nehme ich den Bus. Der ist leer, ziemlich alt und ich bin gespannt, wohin er mich wohl bringen wird.

Je weiter wir fahren, desto kälter wird es. Meine Haare sind immer noch nass vom Duschen. Nächstes Mal sollte ich sie fönen.

»Du wirst noch krank, wenn du so weitermachst.«

»Ja, aber so ist das im Leben.«

»Was?«

»Dass man immer das Gegenteil von dem tut, was einem der Arzt rät.«

»Und wieso?«

»Ganz einfach: Weil man nicht so werden will wie der Arzt.«

»Bin ich dein Arzt?«

»Nein … na ja, vielleicht doch.«

»Und du willst also nicht so werden wie ich?«

Ich lache. »Willst du etwa so werden wie ich?«

»Nein.«

»Siehst du.«

***

Irgendwann hält der Busfahrer an, dreht sich zu mir um und meint: »Hier ist Endstation.«

»Dann sollte ich wohl aussteigen.«

»Ja, ich denke, das sollten sie tun.«

Ich steige aus, bin freudig überrascht: Ich bin in einer Art Industriegebiet gelandet. Und das an einem Sonntag. Ich freue mich tatsächlich. Es herrscht ein ziemlicher Lärm, man scheint zu arbeiten. Ab und zu fährt ein Lastwagen an mir vorbei, man hupt, ich winke zurück.

Inzwischen ist es schon beinahe Mittag, ich nehme mir also vor, die Kantine zu suchen. Ich habe Hunger, außerdem will ich jemanden kennenlernen.

»Das meinst du nicht ernst.«

Stimmt. Aber was soll’s. Vielleicht sollte ich es wollen, keine Ahnung. Auf jeden Fall aber brauche ich ein Auto, um hier nicht übernachten zu müssen. Ob hier wohl auch Frauen arbeiten? Ich denke an Aleksandra, die mein T-Shirt trug.

»Seit wann interessierst du dich derart für Menschen?«, fragt Sitting Bull.

»Ich interessiere mich für alle Geschöpfe unter dieser Sonne. Ich meine, letztlich sind wir doch alle gleich. Wir haben einen Ursprung und wir haben alle dieselbe Mutter.«

»Du redest völligen Schwachsinn, lass dir das gesagt sein.«

»Stimmt. Aber wenn wir alle gleichzeitig hüpfen, dann wird die Erde leichter«, sage ich.

sechzig

Wenn wir könnten, denke ich mir, wie ich mir Stempski und Frieder und die Mädchen so ansehe, wenn wir könnten, dann würden wir doch am liebsten ewig schlafen. Es geht nicht, unser Körper sträubt sich dagegen und unser Geist sehnt sich danach. Man verpasst einfach zu viel, wenn man nie mehr aufwacht. Glaube ich. Wissen kann ich es nicht.

Löse dich von deinen Fesseln, sage ich mir. Aber was soll dieser Unsinn eigentlich? Ich meine: welche Fesseln denn? Ich bin immer noch frei. Ich könnte jederzeit gehen. Einfach so. Ich müsste mir nur meine Schuhe anziehen und die Tür aufmachen und gehen. Was ich sonst noch brauche, das könnte ich mir unterwegs kaufen.

»Zögerst du?«, fragt Sitting Bull.

»Würdest du nicht?«

»Nein.«

»Nein?«

»Ich bin immerhin kein Mensch, oder?«

»Du bist viel zu menschlich. Viel zu menschlich, das kann ich dir sagen.«

Ich laufe noch ein paarmal unentschlossen durch die Wohnung, schaue auf die Uhr; die Minuten schleichen nur so dahin. Es ist auch noch viel zu früh. Ich sollte mich einfach noch mal ins Bett legen und schlafen. Wieso ich überhaupt aufgestanden bin. Aleksandra ist auch noch nicht wach, ich sehe, dass sie eins meiner T-Shirts trägt.

»Du willst gar nicht gehen«, sagt Sitting Bull.

Ich sehe nochmals zu Aleksandra. »Doch.«

»Dann lass uns gehen.«

»Wer sagt denn, dass ich dich mitnehme?«

»Du könntest mich nicht hierlassen.«

Stimmt.

Ich richte noch den Frühstückstisch. Brötchen gibt es keine, aber in der Speisekammer finde ich noch ein Glas Marmelade. Ich weiß nicht, ob einer von ihnen Marmelade isst. Ich mag sie nicht, aber normalerweise mögen alle Menschen Marmelade, denke ich mir.

Dann gehe ich.

neunundfünfzig

Der Wecker. Ich will ihn ausschalten, die anderen schlafen noch. War da ein Geräusch?

Ein Luftzug zwischen Kamin und Fenster. Ich erinnere mich nur flüchtig. Wahrscheinlich habe ich nur geträumt. Immer noch der Wecker. Mir fällt ein, dass wir gar keinen Wecker haben. Wir könnten also nicht rechtzeitig aufwachen, selbst wenn es etwas gäbe, das das erfordern würde.

Ich mache Kaffee. Wieder einmal hätte ich mich einfach so aus dem Staub machen können. Wahrscheinlich hätte es niemanden gestört – ich meine, ich bin schon oft von irgendwo verschwunden, und bis jetzt hat es noch keinen gegeben, der darüber traurig war.

Vielleicht bleibe ich gerade aus diesem Grund. Es ist wie mit dem Sterben, denke ich mir. Ich möchte auch nicht sterben, bevor ich mir nicht sicher sein kann, dass es jemanden gibt, der mich vermissen wird. Das ist auch so ein kindischer Gedanke von mir.

Der Kaffee ist inzwischen fertig und die anderen schlafen noch immer. Frisch geduscht gehe ich auf den Balkon hinaus. Es ist einer dieser Momente, in denen man sich authentisch fühlt – und ich meine so grässlich authentisch, wie es momentan jeden Feuilletonisten zu Begeisterungsstürmen hinreißt, Hurra, es ist authentisch. Oder sie sagen, es sei ehrlich. Dabei frage ich mich, was dieses Ehrlichkeitszeug bei Filmen oder Büchern eigentlich soll. Ich meine, erstens ist Ehrlichkeit in Bezug auf Kunst ein Kategorienfehler und zweitens noch lange kein Qualitätsmerkmal. Das verlogenste Buch aller Zeiten kann besser geschrieben sein als das ehrlichste, das authentischste. Es muss einem nur ehrlich sein mit der Lüge. Man muss sagen: »Ich erzähle dir jetzt eine Lüge«, und das kann besser sein als alles andere. Woher soll ich auch wissen, dass ich wahr sprechen kann?

Es ist alles eine große Scheiße.

Vielleicht geht es darum auch gar nicht. Ich denke und denke und denke – und am Ende weiß ich doch schon vorher, dass es nichts ändern wird. In dieser Hinsicht ist denken wie lieben. Man ändert nur sich selbst – und außerdem ist es nichts weiter als Zeitvertreib.

achtundfünfzig

Eigentlich schaue ich auch gar keine Filme mehr, es tut aber gut, mich ein wenig abzulenken und die Frage weiter vor mir her zu schieben – die Frage nämlich, ob es überhaupt lohnenswert ist, was ich hier mache, beziehungsweise ob es denn von irgendeiner Wichtigkeit ist für irgendjemanden, auch für mich. In meinen stillen Momenten bezweifle ich das.

»Dann zweifelst du lediglich an dir und an nichts sonst«, meint Sitting Bull, der plötzlich auf der Fensterbank neben mir sitzt.

»Na und? Warum sollte ich nicht an mir zweifeln. Ich kann mir schließlich nichts Zweifelhafteres vorstellen als mich selbst.«

»Aber du fühlst dich doch.«

»Bitte?«

»Ich meine, du weißt doch, dass du bist.«

Das hast du schon einmal gesagt und schon damals hat es mich irgendwie nicht überzeugen können.

»Du weißt, dass ich recht habe.«

Vielleicht. Vielleicht macht es ja auch überhaupt keinen Unterschied, ob ich etwas weiß oder nicht.

»Ja«, antwortet Sitting Bull.

»Und …?«

»Was: und …?«

»Willst du mich nicht aufmuntern?«

»Wozu?«

Keine Ahnung. War nur so ein Gedanke. Obwohl sich der Gedanke verdammt noch mal wie ein Wunsch angefühlt hat. Ich schüttele den Kopf.

»Dabei ist noch nie was Gutes rausgekommen«, meint Sitting Bull.

»Wobei?«

»Wenn du den Kopf schüttelst. So etwas bringt nur deine Gedanken durcheinander.«

»Dass ihr alle immer so viel auf die Gedanken gebt. Mir wären meine Gedanken keinen Pfifferling wert.«

»Und warum machst du sie dir dann?«

Hm. Keine Ahnung. Ich wollte eigentlich schon lange damit aufhören.

Das Telefon klingelt. Ich hebe ab und lege erschrocken wieder auf: es war Marias Stimme.

Es klingelt erneut. Ich zögere.

»Geh ans Telefon«, sagt Sitting Bull energisch.

Ich hebe abermals ab, sage: »Hallo …?«

Sie sagt: »Bist du es?«

»Ja.«

»Ich habe deine Nummer herausgefunden.«

»Hm.«

»Ich stehe gerade auf der Straße zu dir. Ich kann noch ein paar Stunden warten – und wenn du mich heute nicht abholen kannst, bin ich morgen ab sieben wieder hier.«

»Wo genau bist du auf der Straße?«

»Auf dem Mittelstreifen, weil ich mich für keine Seite entscheiden konnte.«

»Und wo genau wirst du übernachten?«

Sie legt auf, ohne mir zu antworten.

»Soll ich mich mit ihr treffen?«, frage ich Sitting Bull.

»Nein.«

»Nein?«

»Du bist noch nicht so weit.«

»Hm.«

»Es ärgert dich, oder?«

Nicht wirklich. Es erlöst mich eher. Ich wäre ohnehin nicht zu ihr gefahren, selbst wenn Sitting Bull es mir gesagt hätte. Tatsächlich: Ich hätte mich zum ersten Mal einer Anweisung von ihm widersetzen müssen.

»Außerdem telefonierst du auch nicht gern.«

»Nein.«

»Du magst nichts sagen am Telefon.«

»Nein.«

»Magst du nichts sagen am Telefon?«

»Nein.«

»Und wenn du etwas sagen musst am Telefon?«

Keine Ahnung. Ich denke für gewöhnlich nicht über so etwas nach. Ich versuche einfach, diese Situationen zu vermeiden. Hast du gewusst, dass ich eine Zeit lang in einem Callcenter gearbeitet habe?

»Wirklich?«

Natürlich nicht. Ich habe mein ganzes Leben noch nichts gearbeitet – und darüber kannst du froh sein, denn wenn ich arbeiten würde, hätte ich gar keine Zeit für diesen Unsinn.

»Stimmt«, sagt Sitting Bull. »Du solltest aber nicht vergessen, dass du das hier nicht meinetwegen, sondern deinetwegen machst.«

»Davon habe ich bislang noch nicht viel mitbekommen.«

»Ich sagte doch schon: Du wirst am Ende alles neu bewerten.«

Hilfe.

»Ist es das, was dir Angst macht?«, fragt Sitting Bull.

»Was?«

»Dass auf allen Straßen, die du jetzt noch entlanggehen kannst, bereits dein Name steht.«

»Nein.«

»Was dann?«

»Dass ich sie noch nicht kenne, obwohl auf ihnen mein Name steht.«

siebenundfünfzig

Kapitel 6_Nein, nein und nochmals nein, ihr könnt euch all eure blöden Tipps sonstwohin stecken; wenn ich sage, ich schreibe ein Buch, dann schreibe ich ein Buch, kapiert?! Noch sind mir die dummen Ideen nicht ausgegangen und ich liege verdammt gut in der Zeit. Wenn nur die Rückenschmerzen nicht wären.

Vielleicht, denke ich mir, während ich allein auf dem Balkon sitze und in die Nacht hinausgucke, wie ich es schon so oft getan habe und gar nicht oft genug tun kann, vielleicht, denke ich mir, sollte ich noch mal ganz von vorn anfangen. Ich sollte mir ganz ganz viel Zeit damit lassen, mit mir und meinem Leben, und dann kommt irgendwann die große Erleuchtung, es macht: Peng – und plötzlich weiß ich einfach, was zu tun ist. Es ist nicht das Schlechteste, ein neues Leben mit einer Erleuchtung zu beginnen. Man hat dann zumindest schon mal eine gehabt, falls keine mehr dazukommen – und das ist wahrscheinlich.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, das alles hinter mir zu lassen. Stempski und Frieder sind nicht da, Sitting Bull sitzt in der Küche. Keiner würde es bemerken, wenn ich mich aus dem Staub machte. Erst Tage später, und dann wäre ich schon längst über der Grenze, auch wenn ich gar nicht weiß, welche Grenze ich meine.

Aber an diesem Punkt war ich ohnehin schon. Es gibt ihn, kurz nachdem man etwas begonnen hat, und dann noch einmal, sobald man merkt, was und wieviel man da begonnen hat, und dann gibt es ihn nach einer kurzen Phase der Euphorie, wenn man tatsächlich glaubt, es schaffen zu können und dann erst den richtigen Schlag ins Gesicht bekommt, es gibt ihn danach, wenn man meint, schon alle Höhen und Tiefen durchlebt zu haben und man sich nur noch ausgebrannt fühlt. In diesem Sinne redet man diese Tiefpunkte ohnehin meist selbst herbei. Es gibt da nicht viele Weisheiten, die ich parat hätte, ich bin mir aber sicher, das wird alles schon so weitergehen – erstens, weil ich gar nichts anderes tun kann als weiterzumachen wie bisher, zweitens, weil ich auch gar nichts anderes tun will.

In Filmen, vor allem in amerikanischen Sportfilmen oder Komödien, die irgendetwas mit Sport zu tun haben, gibt es exakt diesen Verlauf der Höhen und Tiefen. Und im letzten Drittel kommt dann der absolute Tiefpunkt, und der ist so tief, dass der Zuschauer schon denkt, jetzt geht gar nichts mehr – aber natürlich geht es danach wieder aufwärts und am Ende gewinnen die Guten.

Trotzdem schalte ich an diesen absoluten Tiefpunkten meist um, sie interessieren mich nicht und ich ertrage sie auch nicht. Ich meine, bei jedem dieser Filme weiß ich, es wird schon gutgehen – wozu soll also kurz vor Schluss die ganze Welt in Hoffnungslosigkeit versinken?

Nein danke, das kenne ich aus meinem eigenen Leben zu gut.

Wahrscheinlich liegt die Wichtigkeit dieser Szenen darin, dass wir dem absoluten Sieger absolut misstrauen, egal, ob es jetzt der Kotzbrocken aus der Schulzeit ist oder ein niedlicher kleiner Hund, der Basketball spielen kann.