sechsundfünfzig

»Manchmal habe ich wirklich das Gefühl gehabt, Stempski und ich, wir würden dich runterziehen«, sagt Frieder, der jetzt, da wir auf dem Weg nach Hause sind, noch mehr redet als vorhin in der Bar.

»Von der Stimmung her?«, frage ich.

»Nee, vom Niveau her. Du warst immer ein bisschen abgehoben.«

Abgehoben. So so. Interessant.

»Ich meine – verstehst du mich? Du warst immer in irgendeiner anderen Sphäre.«

Das bin ich hoffentlich immer noch.

»Vor allem in Bezug auf Frauen.«

Oha.

»Hey – warum sagst du eigentlich nichts mehr?«

»Mir ist schlecht.«

»Ja, mir auch. Komm, wir beeilen uns ein bisschen, dann sind wir schneller daheim. Meine Güte, wenn Stempski nur nicht so schwer wäre.«

Daheim, sagt er. Ein alter Träumer, scheint mir.

Die restlichen Tage verbringen wir in kollektivem Nichtsnutz. Ich meine, wir tun nicht etwa nichts, das der Welt nutzen könnte, vielmehr tun wir nichts, das uns selbst nutzen könnte. Es ist sogar ein klein wenig schön, eine Zeit lang nichts mehr denken zu müssen. Es macht den Kopf frei für die wichtigen Dinge, meine ich.

Heute Nacht ziehen wir erneut um die Häuser.

»Schön ist diese Stadt«, sagt Frieder einmal. Es klingt fast schon so, als wolle er hierbleiben.

Ich stimme ihm trotzdem zu. Stempski meint, ihm sei es eigentlich egal, in welcher Stadt er sich betrinken würde.

Ich lache. Als ob es das Einzige wäre, das im Leben zählt. Das mit dem Betrunkenwerden, meine ich.

»Wenn wir wüssten, wo wir jetzt sind …«, meint Stempski plötzlich.

»Was wäre dann?«, fragen ich und Frieder gleichzeitig.

»Keine Ahnung.«

Wir lachen und gehen weiter. Auf einmal kommt es mir unglaublich vor, wie weit wir schon gelaufen sind, ohne überhaupt zu wissen, wohin wir eigentlich wollen – ich meine, wir haben ein unglaubliches Vertrauen in die Tatsache, dass die Richtung schon stimmen wird. Ich fühle mich riesig. Stempski und Frieder halten sich gegenseitig, um nicht auf die Straße zu fallen. Autos sind aber keine unterwegs, Menschen auch nicht, ich staune, wie früh die Leute hier schlafen gehen. Vielleicht gefällt mir diese Stadt auch deshalb so sehr, weil wir hier die Einzigen sind, die allen anderen mit ihrem Verhalten auf die Nerven gehen. Andererseits kann ich hier so tun, als würde ich zur Oberschicht, zu den Gebildeten gehören.

Zwischen diesen beiden Extremen schwanke ich ohnehin immer.

»Hey Stempski, du fällst noch über den Zaun«, ruft Frieder.

Kurz darauf hören wir Stempski hinfallen. Wir lachen. Dann lacht Stempski. Aus Solidarität fallen auch ich und Frieder um.

Irgendwo hören wir jemanden reden, wie wir da so auf dem Boden liegen. Der jemand spricht Englisch. Ich verstehe kein Wort, Frieder und Stempski ebenso wenig. Entweder liegt das jetzt daran, dass wir betrunken sind, oder daran, dass auch dieser jemand betrunken ist. Keine Ahnung.

Stempski ist plötzlich wieder wach. »Guckt mal«, ruft er, »wir bilden einen Stern. Einen Stern mit drei Zacken.«

Frieder übergibt sich.

Ein paar Leute kommen vorbei, sagen: »Igitt, der kotzt ja!«

Ich rufe: »Fickt euch doch ins Knie.«

Alle lachen. Mir wird klar, dass die anderen auch betrunken sind. Frieder lacht, während er sich übergibt; lustige Geräusche kommen dabei heraus.

»Wir könnten auch einfach so liegenbleiben«, meint Stempski.

»Wir könnten auch einfach weggehen und Frieder hier liegenlassen, oder?« Ich lache.

Die anderen Typen sind immer noch da, man hört sie trinken, anscheinend haben sie sich Bier mitgenommen, einer von ihnen fällt neben mir auf den Boden. Ich sehe, dass es Polizisten sind.

Ich kann nicht mehr aufhören zu lachen.

Einer von ihnen droht mir, mich zu verhaften, wenn ich noch weiter hier liegenbleibe, dann übergibt er sich auch. Ich erkläre ihm auf französisch, er könne mich mal kreuzweise. Stempski und ich heben Frieder auf und wanken davon.

fünfundfünfzig

Ich nehme aus dem Keller noch etwas zu trinken mit nach oben, dann setze ich mich wieder zu Frieder und Stempski an die Bar. Seltsamerweise werden wir sogar beachtet, es ist nicht so, dass wir still und heimlich in der Ecke sitzen.

Die Bar ist einigermaßen gut gefüllt und die Leute hier geben Acht auf jedes Wort, das einer von uns dreien sagt. Manchmal lachen sie – und wenn sie ganz ganz viel lachen müssen und gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Freude, dann klatschen sie, und Frieder und Stempski und ich bedanken uns und sagen beispielsweise, es würde uns Spaß machen hier oder wir liebten alle und jeden von ihnen. Auf was für verrückte Gedanken man doch kommen kann.

Stempski lacht heute ungewöhnlich viel, ein paarmal verschluckt er sich sogar dabei und muss husten.

Frieder ist ohnehin schon am Rande des Legalen.

Seltsam ist, dass mir, der ich doch der Ruhigste von uns allen bin, ausgerechnet mir bislang die Bühne gehört. Ich meine: man lacht über meine Witze am meisten. Und wenn ich etwas sage, das nicht witzig ist, dann staunen alle und denken sich: So ein kluger Mensch. Der weiß, wovon er redet. Oder sie denken sich: Nein, was für eine Vorstellung – ja ja, ich nehme noch ein Bier.

Es ist seltsam – krank? –, aber ich scheine aufzublühen, so nach und nach, und das, wo ich doch so lange nicht mehr auf der Bühne gestanden habe, seit Mexiko nicht mehr; und die Anwesenheit von Stempski und Frieder, die in ihrem Wahnwitz nun nicht mehr zu bremsen sind, treibt mich noch weiter an.

Nur manchmal blicke ich nach unten in die uns zugewandten Gesichter, denke mir: was sind das für Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als hier zu sitzen und uns zuzuhören; die nur deswegen hierhergekommen sind, anstatt die Welt zu retten oder zumindest sich selbst. Aber so ist das. Man sieht es ihren Gesichtern an, ob sie noch zu retten sind oder nicht.

Frieder kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. »Und der – hahaha – und der – ahaha – der Bär konnte also sprechen?«

»Wenn ich es dir doch sage.«

Gelächter im Raum.

»Und«, prustet Stempski, »was hat er dazu gesagt, dass du ihn umbringen wolltest?«

»Aua.«

Noch mehr Gelächter.

»Und … und dann?!«

»Örks.«

Noch ganz ganz viel mehr Gelächter.

Das ist eine gute Schlusspointe, denke ich mir und stehe demonstrativ auf. Stempski und Frieder folgen meinen Bewegungen, vielleicht, weil sie hier ohne mich verloren wären, und wir verbeugen uns und gehen endlich nach draußen.

»Es war fantastisch«, schwärmt Frieder.

»Es war eher fanatisch«, entgegne ich.

Stempski müssen wir tragen. Was für mich und Frieder nichts Neues ist.

»Wenigstens bist du endlich von dieser Blut-und-Rache-Nummer weg«, meint Frieder.

»Ich? Blut und Rache? Wann denn das?«

»Als ich dich kennenlernte.«

»Das muss schon Jahre her sein«, überlege ich.

»Jahrzehnte. Damals hätte ich nicht gedacht, dass du irgendwann von diesem Trip runterkommst. Du warst zu der Zeit ziemlich verrückt.«

Blut und Rache. Einen schönen Ausdruck hat er da gefunden, der gefällt mir, den muss ich mir merken. Blut und Rache. Schwachsinn.

»Und«, sagt Frieder und stößt mir mit dem Ellbogen in die Seite, »wer hätte gedacht, dass wir drei uns mal so gut verstehen werden.«

Ich bestimmt nicht. Ich kann’s jetzt noch nicht glauben.

vierundfünfzig

Sitting Bull sitzt wieder in meiner Jackentasche.

»Aber das Cabrio«, sagt er zu mir, »das war doch eigentlich ein schönes Auto, oder?«

»Ja.«

»Und?«

»Sie wollte eben nach links und ich nach rechts. Das ist alles.«

Ich laufe weiter, die letzte Ortschaft habe ich schon vor einiger Zeit hinter mir gelassen, aber überall gibt es Dinge, die zeigen, dass es hier noch Menschen gibt: ein abgeerntetes Feld neben der Straße, entferntes Glockenschlagen oder ein vereinzeltes Auto, das mir entgegenkommt. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke hoch, die Sonne ist bereits untergegangen, mir wird kalt, dazu weht ein starker Wind von links. Ich wünsche mir mein Bärenfell zurück. Wer weiß, vielleicht funktioniert das auch mit dem Fell eines Wildschweins.

»Nein.«

Hatte ich mir schon gedacht. Endlich höre ich ein Auto hinter mir heranfahren. Auf meiner Höhe hält die Fahrerin an. Obwohl ich weiß, dass es vielen Leuten unangenehm ist, wenn der Anhalter sich auf den Beifahrersitz statt auf die Rückbank setzt, mache ich genau das. Sie scheint nichts dagegen zu haben. Ich frage, wohin sie fährt und was die letzte Ortschaft vor ihrem Ziel ist – da möchte ich gern hin. Sie nickt lediglich.

Das Schöne, wenn man per Anhalter fährt, ist: man kann den Menschen, bei denen man mitfährt, die lustigsten Geschichten über sich selbst erzählen. Sie können nichts nachprüfen und müssen alles glauben. Ich bemühe mich immer, mir besonders schöne Geschichten auszudenken. Meist gewinne ich, obwohl es ja eigentlich gar nichts zu gewinnen gibt.

Was soll’s.

Es stört mich auch nicht, eine ganze Autofahrt lang zu schweigen. Das ist sogar besser. Schließlich stehe ich nicht in der Pflicht, reden zu müssen. Ich habe sie nicht darum gebeten, mich mitzunehmen. Okay, eigentlich schon. Aber sie hat angehalten; es war ihre Entscheidung, und wenn sie es nicht gewollt hätte, hätte sie es nicht tun müssen, oder? Sie hätte weiterfahren können.

Gut, ich wäre vielleicht sauer gewesen. Aber eigentlich nicht. Im Grunde ist es mir egal, wo ich lande, das sagte ich schon, und es ist mir auch egal, wann ich dort ankomme. Ich meine, letztendlich macht es keinen Unterschied, ob ich mit dem Auto eine halbe Stunde oder zu Fuß einen halben Tag brauche. Es kümmert mich nicht, schließlich werde ich nicht zum Abendessen erwartet.

Irgendwie mache ich nie etwas anderes, als Zeit zu stehlen. Ich sammele sie mir zusammen, und wenn ich mal zu wenig davon habe, dann stört das eigentlich auch nicht. So ist das Leben. Andere Menschen haben Terminkalender, die machen genau dasselbe wie ich, nur umgekehrt. Ich will niemandem einen Vorwurf machen, das liegt mir fern.

Ich muss nicht reden.

dreiundfünfzig

Die Hütte beherbergt mehr, als man von außen vermutet. Es gibt eine Küche und einen Gemeinschaftsraum mit Kaminofen. Ich versuche, Feuer zu machen. Erstaunlicherweise gelingt es mir. Auch Licht gibt es.

Wir warten, bis das letzte Holzstück heruntergebrannt ist und versuchen währenddessen, uns in die Augen zu sehen. Dann gehen wir wieder.

Draußen weht ein erstaunlich frischer Wind. Ich kann gar nicht glauben, wie kalt es geworden ist, während wir in der Hütte waren. Es kam mir so kurz vor – und ich weiß schon gar nicht mehr, was wir die ganze Zeit gemacht haben. Ich habe versucht, Feuer zu machen, und irgendwann habe ich es dann geschafft. Und Licht gab es. Und dann war kein Holz mehr da und wir haben die Hütte wieder verlassen. Na also. Ich kann mich noch an jede Einzelheit erinnern.

***

Wie besprochen lenke ich und Nastassja gibt Gas. Es klappt besser, als ich erwartet hatte. Ohnehin sind wir für diese Nacht die einzigen auf der Straße, haben alle drei Fahrbahnen und den Standstreifen für uns. Dort, wohin wir fahren – wobei es eigentlich egal ist, wohin wir fahren – wird es schon wieder hell. Noch sieht es nach Kälte aus, aber wenn sich erst einmal die Sonne zeigen wird, wird sich das ändern. In meinem Gesicht kribbelt es, die ganze Zeit schon, über die Wangen, an der Nase, an den Augen, vor allem aber am Mund.

Nastassja lacht.

»Ich habe dich noch nie lachen sehen. Zumindest noch nicht so.«

Ich kann mir nicht vorstellen, ihr, seit wir uns kennen, schon einmal so in die Augen gesehen zu haben. Aber momentan kann ich mir ohnehin nichts mehr vorstellen. Ich bin umfangen von einer Realität, die warm ist – nein, heiß; sie brennt in meiner Seele und schließt mich ein. Ich wusste gar nicht, dass etwas, das so einfach ist, zugleich so tröstend sein kann.

»Ich habe das Gefühl, die Straße würde vor uns davonlaufen. Je weiter wir fahren, desto mehr entrinnt sie uns.«

»Ist das schlimm?«

»Wir könnten auch auf der Stelle stehen, es würde nichts schlimmer machen.«

Letztlich gibt es so etwas wie Distanz gar nicht. Distanz ist nur ein Zustand, der darauf wartet, ein erfüllender Zustand zu werden – und am Ende rennt er nur vor sich selbst davon. Distanz, denke ich mir, ist das, was man aus ihr macht – oder auf ihr, ich weiß das nicht mehr so genau.

Momentan ist nichts genau, es ist ganz ganz diffus, so wie das Licht da vorne, dort, wo irgendwann die Sonne aufgehen wird; vielleicht ist sie auch schon aufgegangen, vielleicht ist die Sonne auch schon wieder der Mond, mir scheint alles zugleich präsent und unendlich.

zweiundfünfzig

Eine ganz ganz kleine Raststätte ist es – es sind ja auch weder große Städte noch eine wichtige oder vielbefahrene Autobahn in der Nähe. Eine kleine Hütte gibt es hier, deren Zweck ich nicht kenne, einen Mülleimer, eine defekte Telefonzelle, deren Zustand mir als Beweis dient, dass doch manchmal Menschen hierher kommen, einen großen, vom Regen nassen Holztisch und zwei Bänke. Ich habe meine Jacke auf dem Tisch ausgebreitet, damit wir uns darauf setzen können, und jetzt starre ich in meinen Pappbecher und das Bier darin, das ich aus der Irrenanstalt geklaut habe.

»Wenn ich«, frage ich Nastassja, »ein Fernsehprogramm wäre: würdest du umschalten?«

Sie überlegt kurz, dann sagt sie: »Ja.«

»Hm.«

»Wenn ich nämlich fernsehe, dann will ich mich entspannen; da habe ich keine Lust auf anstrengende Dinge.«

»Du findest mich anstrengend?«

»Noch mehr finde ich dich angestrengt.«

»Hm«, wiederhole ich. »Das scheint irgendwie in meiner Persönlichkeit zu liegen, das mit dem Angestrengtsein. Weißt du, was ich meine?«

»Ich kann’s mir denken.«

»Bestimmt kannst du das. Und dir sind also Menschen lieber, die nicht anstrengen – oder die sich nicht anstrengen?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Eigentlich was es auch gar keine Frage, vielmehr eine Vermutung – weil ich glaube, dass ich dich schon gut genug kenne, um das zu behaupten.«

»Tja, dann kennst du mich vielleicht doch nicht so gut, wenn du es nötig hast, dir Gedanken um mich zu machen.«

»Nein. Nein, wahrscheinlich nicht.«

»Siehst du.«

»Was?«

»Wie dunkel es geworden ist.«

»Willst du fahren?«

»Ich habe getrunken.«

»Ich auch.«

»Dann müssen wir wohl beide fahren.«

Ich lache. »Okay, was willst du machen: Lenken oder bremsen?«

»Gas geben.«

»Das sieht dir ähnlich. Aber vorher will ich noch wissen, was eigentlich in dieser Hütte dort ist. Vielleicht kann man da sogar übernachten.«

»Ja, vielleicht.«

einundfünfzig

Wie ich erwartet hatte, schlafen die anderen noch, als ich meine Sachen packe, mir noch eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank stibitze – hm, nein, doch besser zwei – und Richtung Lagerraum verschwinde. Die Musik ist nicht mehr zu hören, aber ich beschließe, dem nicht weiter nachzugehen. In den Kisten im Lagerraum ist recht uninteressantes Zeug – vielleicht ist das ein oder andere davon sogar wertvoll, aber das ist mir egal.

Hinter dem Gebäude, kurz vor dem Tor zur Lagerhalle steht ein Cabrio. Etwas alt vielleicht, aber nichtsdestotrotz ein schöner Anblick. Nachdem ich mir von irgendwoher einen Benzinkanister besorgt habe, stelle ich fest, dass es sogar fahrtüchtig ist. Ich öffne das Tor, bin froh, wieder ein Auto zu haben, und fahre davon.

»Was glaubst du«, frage ich Sitting Bull, nachdem wir ein paar Kilometer zurückgelegt haben, »ist aus dem Typen geworden, der nicht mehr zurückkam?«

»Er ist tot.«

»Weißt du das?«

»Ja.«

»Soso.«

»Das scheint dich nicht weiter zu berühren.«

»Ich hab ihn ja auch nicht getötet.«

»Stimmt auch wieder.«

Während der nächsten Stunden – eigentlich den ganzen Tag über – kommen wir an keiner Ortschaft vorbei. Ein paarmal überhole ich andere Autos, einmal werde ich überholt, einige kommen mir entgegen. Mit anderen Worten: Ich wüsste nichts, was ich von diesem Tag berichten könnte. Leider heißt das nicht, dass der Tag nur so kurz war wie die paar Zeilen, die mir jetzt dazu einfallen. Ob man viel erlebt oder wenig: die Stunden sind weder kürzer noch länger, denke ich mir. Das ist Irrglaube, und wenn man sich das lang genug einredet, stimmt es auch. Von wegen: manchmal erlebt man die Zeit intensiv und manchmal nicht – eine Stunde ist eine Stunde und eine Minute eine Minute, sechzig Minuten sind eine Stunde, und das war’s. Irgendwo habe ich mal die Definition einer Sekunde gelesen. Wie war das denn noch mal?

Die Sekunde ist definiert durch das 9 192 631 770fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustands von 133Cs-Atomen entsprechenden Strahlung.

Und wenn diese Atome die Zeit mal intensiv und mal weniger intensiv wahrnehmen? Unser Weltbild wäre zerstört. Wir werden langsamer mit der Zeit, die langsamer wird, und wir werden schneller mit der Zeit, die schneller wird. Es hat einen Grund, dass niemand es wagt, die Geschwindigkeit der Uhren zu verstellen. Man picke sich willkürlich zwei Leute heraus, frage sie, wie intensiv sie gerade die Zeit erleben – und wenn sie unterschiedliche Antworten geben, dann können sie nicht mehr auf derselben Ebene miteinander kommunizieren. Und ich weiß natürlich, dass ich mir gerade selbst widerspreche.

»Ich glaube«, meint Sitting Bull, »das einzige Problem, das du mit der Zeit hast, besteht darin, zu viel von ihr zu besitzen.«

Mag sein. Wer genug Zeit hat, sich solche Gedanken zu machen, der sollte sich wohl überlegen, ob er sich nicht doch eine Arbeit suchen soll, um sich endlich mit sinnloseren Dingen beschäftigen zu können.

»Willst du denn eine Arbeit?«

»So wie die drei im Irrenhaus?«

»Zumindest werden sie dafür bezahlt.«

»Stimmt. Aber sie brauchen Zigaretten und Alkohol, um sich zu amüsieren.«

»Das sind nur Requisiten.«

»Ich brauche keine Requisiten – ich lebe schon teuer genug.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine«, sage ich, »mein Leben kommt die Welt schon teuer genug zu stehen. Ich frage mich immer noch, wie sie mich überhaupt bezahlen will.«

»Wenn ich mich recht erinnere, waren es amerikanische Soldaten.«

»Keiner hat diese Geschichte geglaubt.«

»Außer dir.«

Ich musste. Ich musste schon immer Dinge glauben, an die andere nicht glaubten, sonst hätte ich nie an mich glauben können; so einfach ist das.

»Glaubst du denn an dich?«, fragt Sitting Bull.

»Mit jedem Tag mehr.«

fünfzig

Am Abend, ich laufe irgendeinen Waldweg entlang, der laut Auskunft zum Irrenhaus führt, fragt Sitting Bull aus der Jackentasche heraus: »Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee war?«

»Wieso nicht?«

»Vielleicht hat der Typ ja gelogen und ist doch ein Irrer.«

»Kann kann es ja nur umso lustiger werden.«

»Und wenn man uns im Wald überfällt?«

»Nicht heute Nacht.«

»Du scheinst dir sehr sicher zu sein.«

»Na, hör mal: Da oben, da leuchten die Sterne, und unten, da leuchten wir.«

»Manchmal bist du wirklich verrückt.«

»Dann bin ich ja auf dem richtigen Weg.«

Wir lachen. Sitting Bull scheint seine Sorgen vergessen zu haben. Allerdings, denke ich mir, ist er wohl recht froh, in einer Jackentasche sitzen zu können. Obwohl: Ängstlich habe ich ihn noch nie erlebt.

Plötzlich bin ich da. Das blockförmige graue Gebäude taucht so schnell hinter der letzten Biegung auf, dass ich für einen Moment überrascht stehenbleibe. Das Ding liegt ja wirklich mitten im Wald.

Ich schaue noch einmal nach der Flasche Sekt in meinem Rucksack – alles klar, nicht kaputt –, dann gehe ich weiter.

Im Dunkeln muss ich einige Zeit nach dem Eingang suchen, und wenn ich ehrlich bin, muss ich hinzufügen, dass ich ihn gar nicht finde. Schließlich klettere ich über den Zaun und steige eine klapperige Außentreppe hoch, betrete das Gebäude durch eine Tür – besser: ein Loch in der Wand – und befinde mich in einer Art Lagerraum. Ich beschließe, mir am nächsten Morgen die Kisten genauer anzusehen, dann gehe ich weiter.

In einem langen schmalen weißen Korridor denke ich mir noch: Ha, genau, wie man es sich vorstellt – und bin auf der Station. Der Typ von heute Mittag spielt Karten mit zwei anderen, alle sind sie weißgekleidet und tragen Brillen im Gesicht. Sie begrüßen mich mit überschwänglicher Freude. Noch größer wird die, als ich den Sekt und ein paar Flaschen Bier aus meinem Rucksack ziehe. Es wird geöffnet und eingeschenkt, ich nehme einen ersten Schluck, setze mich an den Tisch und ab jetzt wird nicht mehr gedacht, sondern nur noch geredet, getrunken und Karten gespielt. Hemmungslos, wie nur ich es mir erlauben darf, setze ich mein Geld ein – und, ob man’s glaubt oder nicht, ich scheine sogar eine Glückssträhne zu haben.

Einmal fällt mir auf, dass von irgendwoher Musik kommt, ich glaube sogar jemanden singen zu hören. Allerdings denke ich nicht weiter drüber nach.

Bis plötzlich hinter dem Mann aus dem Café ein Licht an der Wand aufblinkt, wieder verlischt, wieder aufblinkt, und so weiter, es hört gar nicht mehr auf damit. Rot ist es nicht, aber orange. Dunkelorange, würde ich sagen. Irgendwann steht einer der beiden anderen auf, sagt, er gehe mal nachsehen. Seinen Kollegen scheint es nichts auszumachen, ihre Gesichter sagen mir: Alles ganz normal, Routine, du weißt schon.

Nicht, dass ich beunruhigt wäre. Es gibt wenig, das mir so egal ist wie das Wohlergehen von anderen, außer vielleicht mein eigenes Wohlergehen. Außerdem sind sie diejenigen, die hier arbeiten, also ist es ihr Problem.

Wir Verbliebenen schauen als erstes in seine Karten: kein gutes Blatt, also brauchen wir auch nicht zu warten, bis er wiederkommt, und spielen stattdessen weiter. Ich amüsiere mich immer noch prächtig; ich hätte nicht gedacht, dass man in einem Irrenhaus so viel Spaß haben kann. Allerdings wächst bei den anderen allmählich die Unruhe: eine geschlagene Stunde ist ihr Kollege mittlerweile verschwunden.

»Vielleicht sollten wir doch einmal nach ihm sehen«, sagt der aus dem Café.

»Der wird sich verdrückt haben«, sagt der andere.

Ich schlage vor, einfach schlafen zu gehen, schließlich ist es schon weit nach Mitternacht, dann packe ich meinen Schlafsack aus und lege mich auf die Küchenablage. Die anderen tun es mir gleich: einer legt sich unter den Tisch, der andere hinter der Tür auf den Boden. Mir fällt erneut die Musik auf und die Tatsache, dass man bei dieser Musik herrlich einschlafen kann.