neunundvierzig

»Ich bin neu hier in der Stadt«, sage ich, »und dachte, vielleicht könnten Sie mir ein wenig helfen, mich hier zurechtzufinden.«

»Oh, leider bin ich auch eher selten in der Stadt. Und wenn, dann eigentlich nur, um hier etwas zu trinken. Danach fahre ich meist wieder raus.«

»Raus?«

»Zum Irrenhaus, etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt.«

»Sind Sie ein Irrer?« Wir lachen.

»Nein, ich bin einer der Pfleger.«

»Wie ungemein interessant. Wie viele Irre betreuen Sie denn so?«

»Hm … können Sie ein Geheimnis für sich behalten?«

»Nichts leichter als das. Ich kenne nämlich gar keinen, dem ich das Geheimnis verraten könnte.«

»Gut, gut. Denn, um ehrlich zu sein: Dort draußen gibt es schon seit Jahren keine Irren mehr.«

»Ich verstehe.«

»Tun Sie das? – Irgendwann im Winter, die gerade angelaufenen Umbauarbeiten wurden wegen der Kälte unterbrochen, da haben sich die Irren aus dem Staub gemacht; einfach weg, vielleicht in die Wälder, vielleicht in die Städte, keine Ahnung.«

»Und natürlich hat man das keinem erzählt, und Sie und Ihre Kollegen sind weiterhin dort beschäftigt, damit es nicht auffällt – richtig?«

»Ja.«

»Das ist verrückt.«

»Finden Sie?«

»Na ja, ich sage nicht, dass es unmoralisch ist.«

»Sie werden es also nicht weitersagen?«

»Niemals.«

»Perfekt. Perfekt. Hören Sie, wenn Sie wollen, können Sie uns heute Abend dort besuchen, ich habe Nachtschicht.«

»Gerne.«

»Soll ich Ihnen den Weg beschreiben?«

»Ich werd’s wohl schon finden.«

achtundvierzig

Es ist noch zu früh, um in die Kneipe zu gehen, und da ich nichts anderes zu tun habe, setze ich mich eben ins Café. Am großen Tisch neben mir sitzen ein paar Schüler, es ist wahrscheinlich kurz vor den Ferien. Obwohl wir fast im gleichen Alter sind, weiß ich sofort, dass es sich bei ihnen um Schüler handelt. So etwas sieht man oder hört es an der Art, wie sie reden: als müsste alles irgendeinen Sinn haben oder als müssten sie alles in irgendeiner Form planen.

Ich amüsiere mich tatsächlich. Ich sitze einfach da mit meinem Kaffee und höre ihnen zu und kann mir nichts vorstellen, das ich lieber täte. Schon komisch, denke ich mir. Mich selbst halte ich zwar für außerordentlich seltsam, aber komisch bin ich nie, denn dazu gehört Humor; und den halte ich für sinnlos, es sei denn, ich bin verliebt oder verzweifelt oder betrunken oder ich rauche wieder oder alles zusammen. Meist hängt es ja auch noch zusammen, ich meine, untereinander, ich meine, wie verzweifelt muss man sein, um sich zu verlieben, noch mehr zu verzweifeln, sich dann zu betrinken und wieder mit dem Rauchen anzufangen? Das ist alles eine ziemlich unheilige Scheiße. Im Moment lache ich darüber, vielleicht hat mich die Sorglosigkeit der Schüler neben mir angesteckt, ich kann es nicht sagen.

Ein hagerer großgewachsener Mann mit dünnem strähnigem Haar lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, weil er schon seit ein paar Minuten mit der Bedienung über seine Bestellung diskutiert. Ich fokussiere mein Gehör auf ihn. Wahrscheinlich, denke ich mir, kann man von einem solchen Mann unglaublich viel Wissenswertes erfahren.

Leider redet er jetzt nicht mehr.

Ich trinke also schnell meinen Kaffee, stehe auf und setze mich zu ihm.

siebenundvierzig

Einen Tag später ist der Abstieg geschafft.

Auf der anderen Seite sieht es irgendwie genauso aus wie dort, wo wir hinaufgestiegen sind. Einen Moment lang frage ich mich, ob ich dort oben nicht versehentlich umgekehrt bin. Es wäre nicht allzu schlimm. Allerdings ist dem nicht so.

Eine Zeit lang laufe ich in irgendeine Richtung, um zur nächsten Ortschaft zu kommen, dann fällt mir mein Aufzug auf – ich ziehe das Bärenfell aus und werfe es ins nächste Gebüsch. Später denke ich mir, ich hätte es auch gut verkaufen können. Aber glücklicherweise muss mich Geld nicht kümmern. Nun gut: es würde mich auch nicht kümmern, wenn ich arm wäre – aber so habe ich immerhin eine Entschuldigung. Es ist nicht so, dass ich etwas auf Entschuldigungen geben würde. Ich muss mich vor nichts und niemand rechtfertigen, sage ich mir immer, und vor allem muss ich mich für nichts entschuldigen. Das klingt doof und ist es auch.

Tatsächlich kommen wir irgendwann irgendwo an. Nicht dass es mich verwundern könnte. Ich meine, irgendeine Ortschaft lässt sich immer finden, und wenn man kein Ziel hat, ist es auch egal, wohin man kommt. Man erspart sich sogar das Suchen. Man muss keinen bestimmten Bus nehmen oder irgendjemand nach dem Weg fragen. Man kann einfach in irgendeine Richtung laufen oder fahren oder fliegen und kommt zu einem Platz, von dem man sich sagen kann: »Hätte ich gewusst, dass sich hier dieser Platz befindet, dann hätte ich hierher laufen wollen.« So ist das nun mal. Ich fühle mich bisweilen sogar glücklich dabei. Bisweilen.

sechsundvierzig

Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, hier oben sterben zu können. Dazu scheint tagsüber die Sonne zu hell und nachts scheint der Mond zu hell und die Sterne, außerdem habe ich noch zu viel vor und außerdem ist die Aussicht zu schön und ich bin nicht in der Stimmung zu sterben. Denn wenn ich sterbe, dann will ich sicher nicht auf einem blöden Berg mitten im Nirgendwo verrecken. Ich will, dass man um mich trauert, oder so. Ich will auch eine ganz aufwendige Beerdigung, man gönnt sich ja sonst nichts. Und von denen, die mir nahestanden, will ich nie in ihrem Leben den Satz hören: »Bestimmt wollte er nicht, dass wir ewig trauern.« Mit diesem Satz wird meiner Meinung nach zu viel Unfug gerechtfertigt. Natürlich will und erwarte ich von meinen Freunden, dass sie ewig um mich trauern.

»Du denkst zu viel über den Tod nach.«

Na und?

»Man kann so etwas auch herbeireden.«

»So ein Quatsch. Meinst du etwa, ich werde nur deshalb sterben, weil ich vorher davon gesprochen habe, großer Häuptling?«

»Guck dir Kafka an oder Shakespeare oder Camus. Die haben es herbeigeredet.«

»Aber sie wollten doch nicht sterben?«

»Sie hatten zumindest nichts dagegen.«

»Warum erwähnst du eigentlich nur diese drei? Kennst du keine anderen Autoren?«

»…«

Haha.

»Iss lieber was, sonst kommst du keine hundert Meter weit.«

»Es sind ja auch nur noch dreißig oder vierzig.«

»Zum Abhang. Aber den musst du ja auch noch hinabsteigen.«

Nö.

»Was: nö?«

Ich lass mich einfach fallen. Hat doch beim letzten Mal auch geklappt.

»Du bist verrückt.«

»Will ich doch mal hoffen, oder?«

»Warum tue ich mir das eigentlich noch an?«

»Was?«

»Dich.«

Keine Ahnung. Willst du lieber hierbleiben?

»…«

Na also.

fünfundvierzig

Links ist ein Gipfel und rechts ist ein Gipfel. Der linke ist vielleicht höher als der rechte, denke ich mir, aber sehen kann ich sie nicht, weil sie über den Wolken sind. Da aber links ein Gipfel ist und rechts ein Gipfel, beschließe ich, durch die Mitte zu gehen. Auch dort liegt bereits Schnee. Ich erinnere mich an den Bären, den ich töten wollte, und gehe los, um ein paar Fallen zu stellen.

Irgendwann treffe ich einen Bären. Nicht mit dem Gewehr oder so, nein, im Sinne von: wir laufen uns über den Weg.

»Was tust du hier?«, fragt er mich.

»Ich will einen Bären töten«, antworte ich.

»Also willst du mich töten.«

»Keine Ahnung. Vielleicht.«

»Ich bin nämlich der einzige Bär hier in der Gegend.«

»Ach so. Dann, schätze ich … ja, will ich dich töten.«

»Hm.«

»Was meinst du?«

»Leicht werde ich es dir nicht machen.«

»Tja.«

»Es könnte auch sein, dass ich dich töte – immerhin bin ich ein Bär.«

»Hm … ich glaube, das Risiko muss ich eingehen.«

»Ja. Haha.«

Das Bärenfell schützt vor der Kälte, einigermaßen; ich friere zwar trotzdem, aber immerhin: tot bin ich noch nicht.

Ich esse noch weniger als vor dem Aufstieg, aber ich fühle mich okay. Meine Streichhölzer gehen alle für die Zigaretten drauf, scheiß Raucherei, Feuer kann ich mir hier oben also keines machen. Der nächste Sturm würde es ohnehin auspusten. Einmal lache ich: Die Aussicht hier, denke ich, ist wirklich grandios – man kann fast so weit sehen wie beim Blick in Nastassjas Augen.

Wenn ich sie wiedersehe, muss ich ihr das unbedingt erzählen.

vierundvierzig

Inzwischen ist es wieder einmal Nacht geworden. Ich weiß nicht, wie oft ich mir das in meinem Leben schon gedacht habe: Es ist ja schon wieder Nacht geworden. – Oder: Ist es etwa schon wieder Morgen? – Was verbirgt sich dahinter? Die Furcht, man habe noch einen Tag vergeudet, oder die Furcht, ein neuer Tag könne kommen?

Letztlich, sage ich mir immer, ist alles egal. Es gibt ohnehin nichts, denke ich, das ich nicht schon gedacht habe. Oft denke ich schon über einen Gedanken nach, während ich ihn zu Ende denke. Ich türme Gedanken über Gedanken über Gedanken über Gedanken, so hoch es geht, bis mir irgendwann schwindlig und mein Kopf leer wird. Es tut gut, diese kleine Hirnreinigung. Macht man sich zu viele Gedanken – das ist auch eine meiner Thesen –, dann weiß man irgendwann gar nicht mehr, was Gedanken sind. Ich meine, man weiß nicht mehr, dass Gedanken gemacht werden. Man fühlt dann die eigenen Gedanken, wie man Gefühle fühlt; man wird passiv im Denken. Man gewöhnt sich an irgendetwas, trägt es mit sich herum, meint, es sei schon immer dagewesen. So ist das mit den Gedanken. Das Schlimme an ihnen ist, dass sie beständig bleiben wollen. Aus irgendeinem Grund erheben sie diesen Anspruch an den, der sie denkt; der sich gar nicht mehr fühlt, als würde er denken.

So genau verstehe ich es auch nicht, auf diesem Gebiet war ich noch nie besonders geschickt; das mit dem Denken, meine ich.

Trotzdem gibt es diesen Kreis, in dem sich alles bewegt. Ich meine dem Umstand, dass sich mein Leben stets anfühlt wie schon einmal gelebt. Das seien die Erinnerungen, sagt man mir. Aber wenn ich hier im Auto sitze und mir denke: Ich fahre – und zwischendurch halte ich an, und das, was ich dann tue oder was mir passiert, bevor ich weiterfahre, das war alles schon einmal da – wenn ich mir das denke, noch während ich das tue, worüber ich nachdenke … ich meine: wenn ich vor diesen Bergen stehe und mir sage, dass dahinter nur Dinge liegen können, die ich bereits kenne – sind das dann Erinnerungen? Ich frage erstens, weil ich es nicht glauben, und zweitens, weil ich es nicht wissen kann.